Fauna Arctica. Eine Zusammenstellung der arktischen Tierformen, mit besonderer Berücksichtio-ung des Spitzbergen-Gebietes auf Grund der Ergebnisse der Deutschen Expedition in das Nördliclie Eismeer im Jahre 1898. Unter Mit-wirkung zahlreicher Fachgenossen herausgegeben von Dr. Fritz Römer und Dr. Fritz Sehaudinn in Frankfurt a. M. in Berlin. Erster Band. Mit 10 Tafeln, 2 geograph. Karten und 50 ^ Abbildungen im Text. \ Jena, Verlag von Gustav Fischer. 1900. Uebersetzungsrecht vorbehalten. Inhaltsverzeichnis. I. Lieferung, ausgegeben im Januar 1900. Seite Römer, Fritz, und Schaudinn, Fritz, Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Mit 2 Karten und 12 Abbildungen im Text 1—84 Schulze, Franz Eilhard, Die Hexactinelliden. Mit Tafel I-IV , 85—108 Thiele, J., Proneomenia thulensis nov. spec. Mit Tafel V 109 — 116 Linstow, O. von. Die Nematoden. Mit Tafel VI und VII 117-132 Ludwig, Hubert, Arktische und subarktische Holothurien 133 — 178 II. Lieferung, ausgegeben im August 1900. Kükenthal, W., Die Wale der Arktis. Mit 12 Abbildungen im Text 179—234 Schäffer, Caesar, Die arktischen und subarktischen Collembola 235—258 Grieg, James A., Die Ophiuriden der Arktis. Mit 5 Textfiguren 259—286 Weltner, W., Die Cirripedien der Arktis. Mit Tafel VIII und 1 Textfigur 287-312 Doflein, F., Die dekapoden Krebse der arktischen Meere. Mit 1 Kartenskizze im Text 313—362 III. Lieferung, ausgegeben im Dezember 1900. Lohmann, Hans, Die Appendicularien. Mit 5 Textfiguren 363 — 378 May, Walter, Die arktische, subarktische und subantarktische Alcyonaceenfauna. Mit 5 Textfiguren 379 — 408 Zimmer, Carl, Die arktischen Cumaceen. Mit 9 Textfiguren 409—444 Ludwig, Hubert, Arktische Seesterne 445—502 Bidenkap, Olaf, Die Bryozoen. I. Teil : Die Br3'ozoen von Spitzbergen und König-Karls-Land. Mit Tafel IX und X 503-540 ^y^ 73 Fauna Arctica Eine Zusammenstellung der arktischen Tierformen. mit besonderer Berücksichtigung- des Spitzbergen-Gebietes auf Grund der Ergebnisse der Deutschen Expedition in das Nördliche Eismeer im Jahre 1898. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen herausgegeben von Dr. Fritz Römer und Dr. Fritz Sehaudinn in Breslau in Berlin. Erster Band. Erste Lieferung. - c Mit 7 Tafeln, 2 geograph. Karten 'i und 12 Abbildungen im Text. I. Fritz Römer und Fritz Sehaudinn, Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Mit 2 Karten und I2 Abbildungen im Text. II. Franz Eilhard Schulze, Die Hexactinelliden. Mit 4 Tafeln. III. Johannes Thiele, Proneomenia thulensis nov. spec. Mit 1 Tafel. IV. Otto von Linstow, Die Nematoden. Mit 2 Tafeln. V. Hubert Ludwig, Arktische und subarktische Holotlnirien. Jena, Verlag von Gustav Fischer. 1900. Ausgegeben im Januar 1900. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Von Dr. Fritz Römer in Breslau und Dr. Fritz Schaudinn in Berlin. Mit 2 Karten und 12 Abbildungen im Text. Fauna Arctica. I. Einleitung. Die deutsche Expedition in das Nördliche Eismeer im Jahre 1898, welche die Veranlassung zur Herausgabe des vorliegenden Werkes gegeben hat, war ein Privatunternehmen, das ursprünglich nurjagd- und Sportzwecken dienen sollte, aber durch die namhaften Beiträge opferwilliger Teilnehmer die Ausführung zoologischer Arbeiten ermöglichte und daher vorwiegend den Charakter einer zoologischen Forschungs- reise erhielt. Der Unternehmer der Expedition, welcher auch die erste Anregung zu derselben gab, war Herr Theodor Lerner, der schon vorher als Tourist und Geschäftsmann Spitzbergen wiederholt bereist hatte und auf Grund seiner dort gesammelten Erfahrungen auf den Gedanken kam, eine Gesellschaftsreise in die Eisgefilde des Nordmeeres zu veranstalten, welche eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern weiter in die Schönheiten und Geheimnisse der arktischen Welt einführen sollte, als die bekannten Touristenfahrten des Kapitän Bade und der Hamburg-Amerikanischen Paket fahrtgesellschaft. Die beiden Herausgeber dieses Buches haben auf das dankenswerte Anerbieten des Herrn Theodor Lerner, im Auftrage ihrer vorgesetzten Behörden, die Vertretung der Zoologie während der Expedition übernommen, nachdem ihnen von der Leitung derselben die Gewähr erfolgreichen Arbeitens durch Ver- fügung über das nötige Schiffsgerät und die Arbeitskräfte, sowie durch Einfluß auf die Kursrichtung des Schiffes gegeben war. Unsere Beteiligung wurde durch die gütige Gewährung eines längeren Urlaubes seitens des König- lichen Ministeriums und durch die liberale Bewilligung einer vollständigen Ausrüstung seitens der Direktionen des Königlichen Museums für Naturkunde und des Königlichen Zoologischen Institutes zu Berlin ermöglicht. Hierfür, sowie für die vielseitigen Ratschläge bei den Reisevorbereitungen sind wir den beiden Direktoren, Herrn Geheimrat Professor Möbius und Herrn Geheimrat Professor F. E. Schulze, zu großem Danke verpflichtet. Nicht minder gebührt unser Dank Herrn Professor Haeckel in Jena für die Gewährung eines namhaften Beitrages aus der Paul von Ritter- Stiftung. Große Verdienste um das Zustandekommen unserer Reise und um die Festlegung der zoologischen Aufgaben erwarb sich Herr Professor Kükenthal in Breslau, der mit dem reichen Schatz seiner arktischen Erfahrungen uns mit Rat und That zur Seite stand. Während der Reise hat sich die Leitung der Expedition, insbesondere der nautische Führer unseres Dampfers „Helgoland", Herr Korvettenkapitän a. D. Rüdiger, den durch die zoologische Forschung bedingten technischen Arbeiten, welche nicht geringe Anforderungen an das Kommando des Dampfers und die Kräfte der Besatzung stellten, mit Umsicht und Interesse bereitwilligst unterzogen. Auch verdient die freudige und thatkräftige Hilfe, mit der Steuerleute, Maschinisten und Mannschaften unsere Arbeiten unterstützten, mit Dank hervorgehoben zu werden. 4 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Dem liebenswürdigen Entgegenkommen aller unserer Reisegefährten, namentlich der jagdkundigen Herren, verdanken wir manche Bereicherung unserer Sammlungen. Da es nicht möglich ist, alle Förderer unseres Unternehmens einzeln aufzuführen, so müssen wir mit der Versicherung schließen, daß Sie alle unseres aufrichtigsten Dankes gewiß sein dürfen. II. Plan des Werkes. Die Erforschung der arktischen Fauna ist in den letzten Jahrzehnten durch mehrere zoologische Expeditionen gefördert worden. Die Verarbeitung des gesammelten Materiales ist aber in Reisewerken und Zeitschriften so zerstreut, daß eine Benutzung der Resultate, besonders für tiergeographische Zwecke, sehr erschwert ist. Dieser Mangel macht sich gerade jetzt bemerkbar, wo die Frage nach den Beziehungen der arktischen zur antarktischen Fauna im Tagesinteresse steht. Es dürfte daher durchaus zeitgemäß sein, das im arktischen Gebiet bisher Geleistete zusammenzufassen, um so eine Basis für den Vergleich mit dem in nächster Zeit zu erforschenden antarktischen Gebiet zu gewinnen. Als sich nach unserer Heimkehr bei der ruhigen Winterarbeit des Auspackens und Sortierens ein Ueberblick über den Umfang und den Wert des gesammelten Materiales gewinnen ließ, reifte in uns der Entschluß, der Bearbeitung der Reiseresultate einen erweiterten Rahmen zu geben und sie, wenn möglich, zur Grundlage für die Aufstellung dieser fehlenden Uebersicht der arktischen Fauna zu machen. In diesem Gedanken wurden wir von verschiedenen Specialkennern arktischer Tiergruppen, welche unsere Sammlungen durchsahen, bestärkt. Da die Bearbeiter für die specielle Untersuchung den größten Teil der arktischen Litteratur heran- ziehen müssen, so dürfte diese Zusammenstellung keine wesentliche Mehrarbeit erfordern, während der Wert der Abhandlungen bedeutend erhöht wird. Wir richteten daher an alle Fachgenossen, welche an der Bearbeitung unserer Reiseausbeute teilnehmen wollten, die Aufforderung, an ihre Abhandlungen anzuschließen : i) eine Aufzählung aller bisher aus den arktischen Gebieten bekannten Tierformen der von ihnen übernommenen Gruppe, mit Litteraturnachweis ; 2) eine Vergleichung der Formen innerhalb der verschiedenen arktischen Gebiete (für die Frage der Cirkumpolarität) ; 3) einen Vergleich der arktischen Formen mit den antarktischen. Alle Mitarbeiter erklärten sich hierzu bereit, wofür ihnen unser verbindlichster Dank gebührt. Wir hoffen, daß hierdurch die Brauchbarkeit des Buches erheblich erhöht werden wird, zumal auch für manche Tiergruppen eine Ergänzung unseres Materiales aus den noch nicht bearbeiteten Beständen anderer Expeditionen und Museen von den Herren Bearbeitern beabsichtigt ist. Der Ausführung unseres Planes konnten wir um so eher näher treten, als wir bei Herrn Dr. Gustav Fischer, Jena, welcher den Verlag des Werkes bereitwilligst übernahm, lebhaftes Interesse und allseitige Förderung unserer Pläne fanden. Von einer Anordnung der Arbeiten in systematischer Reihenfolge mußte im Interesse der schnelleren Veröffentlichung abgesehen werden. Die Drucklegung erfolgt deshalb in der Reihenfolge des Einganges der Manuskripte in Form von Lieferungen. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. III. Reisebericht. Das Expeditionsschiff, der von der Oldenburgischen Hochseefischerei -Gesellschaft in Geestemünde gecharterte Fischdampfer ,,Helgoland", war trotz seiner Kleinheit ein durchaus seetüchtiges Fahrzeug. Es bewährte sich sowohl auf hoher See, als auch im Eise. Gerade seine geringen Dimensionen und die dadurch bedingte Manövrierfähigkeit erleichterten das Vordringen in schmale Lücken und Rinnen des Fest- eises, sowie die Bewegungen zwischen den Schollen des Treibeises. Von der Wahl eines sonst für Polarfahrten empfohlenen hölzernen Schiftes, das dem Eisdruck zwar besseren W^iderstand bietet, dafür aber schwerer beweglich ist, konnte abgesehen werden, weil eine Forcierung des Eises und eine Uebervvinterung nicht beabsichtigt wurde. Ueberdies hat sich unser kleiner Stahldampfer in den allerdings geringeren Pressungen des sommerlichen Treibeises ausgezeichnet bewährt und war auch imstande, nicht zu schwere Eisbarrikaden zu durchbrechen, eine Arbeit, welche die Fisch- dampfer ja in jedem Winter auf der Elbe- und Weserniündung zu leisten haben. Für zoologisches Arbeiten kann man sich keinen besseren Dampfer wünschen, weil die Technik der Hochseefischerei einen ähnlichen Apparat verlangt, wie die zoologischen Meeresuntersuchungen. Für die Schleppnetzarbeiten fällt die erwähnte leichte Manövrierfähigkeit sehr ins Gewicht. Der geringe Tiefgang, welcher eine Annäherung an die Küsten bis auf 5 m Tiefe zuließ, ermöglichte eine bequeme Erforschung der flachen Buchten und Sunde des durchfahrenen Gebietes. Für den Fang und die Beobachtung der pelagischen Organismen ist die geringe Bordhöhe besonders vorteilhaft. Eine Dampfwinde mit dem nötigen Zubehör und Nebenapparaten war bereits auf der „Helgoland" vorhanden, und so bedurfte es nur der Anschaffung eines stärkeren Drahtseiles, wovon die Fischdampfer, die ihre Schleppnetze selten über 100 Faden Tiefe herablassen, keinen größeren Vorrat haben. Es wurde daher eine Stahldraht-Trosse mit Hanfseele von 2500 m Länge gekauft. Für die Untersuchung der Boden- fauna wurden folgende Netze mitgenommen: i) Dredgen; ein gröfSerer viereckiger Trawl, mehrere schwere dreieckige Dredgen von 75 cm Seitenlänge, diverse kleinere Handdredgen verschiedener Größe, Hanf- quasten, sog. Schwabber, etc. ; 2) Fischnetze ; eine kleine Kurre, Buttnetz, Heringsnetz, diverse Handnetze, Reusen, Angelgeräte u. s. w. Für die Plankton-Forschungen: zwei große Helgoländer Brutnetze, ApsTEiN'sche Eimernetze und mehrere kleinere Gazenetze von verschiedener Form und Größe. Für die Planktonfänge in geringer Tiefe war noch eine Handwinde eingerichtet, welche auf der Reeling aufgeschraubt war. Die Lotungen wurden mit der SiGSBEE'schen Patentlotmaschine vorgenommen. Als Laboratorium hatten wir den im Vorderschiff gelegenen sogen. Fischraum, sonst der Auf- bewahrungsort der Fisch- und Eisvorräte, eingerichtet, der mit Schiebladen, Tischchen und Borden reichlich versehen worden war. Die Teilnehmer an der Expedition waren, außer dem Unternehmer Herrn Theodor Lerner und dem Schiffskommandanten, Herrn Korvettenkapitän a. D. Rüdiger, die Herren Königl. Forstassessoren BRtJNiNG und v. Krosigk, der Großherzogl.-mecklenburgische Jagdjunker v. Strahlendorf, der Tiermaler Professor Richard Friese, der Schriftsteller Reinhold Cronheim und der Schiffsarzt Dr. med. L. Brühl, Assistent am Physiologischen Institut der Universität Berlin, mit dem wir das Laboratorium teilten, und dessen wissenschaftliche Thätigkeit auf bakteriologischem, physiologischem und hygienischem Gebiete sich mit unseren Aufgaben vielfach berührte. D FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Die Besatzung des Schiffes bestand aus 2 Steuerleuten, 3 Maschinisten, i Heizer, 4 Matrosen, i Hand- werker, I norwegischen Eislotsen und i norwegischen Harpunier. Bei der Fahrt von Geeste münde nach Tromsö mußte gleich am Anfange der Reise unser Dampfer eine Probe seiner Seetüchtigkeit ablegen. Die Wogen der Nordsee warfen ihn arg umher und unterzogen auch unsere Laboratoriumseinrichtung einer harten Prüfung auf Festigkeit und richtige Ver- stauung der Gerätschaften. Wenn dies Examen auch gut bestanden wurde, so war doch ein mehrtägiger Aufenthalt in Bergen notwendig geworden, um kleineren Schäden abzuhelfen und Unvollkommenheiten in der Bepackung auszugleichen. In Tromsö, dem Ausgangspunkt aller Eismeerfahrten, erhielt die „Helgoland" ihre letzte arktische Ausrüstung. Hier kamen der Eislotse Sören Johannesen, einer der bekanntesten Eismeer- fahrer, und der Harpunier Claus Thue an Bord, die Eistonne oder das sog. Krähennest, ein weithin sichtbares Erkennungszeichen aller Eismeerschitfe, wurde an der Spitze des Vormastes befestigt, die schweren Fangboote an Deck gebracht und die Kohlenvorräte für eine möglichst lange Ausdehnung der Fahrt in so reicher Menge aufgenommen, daß nicht nur alle Bunker gefüllt waren, sondern auch das ganze Deck mit Kohlensäcken beladen war, so daß der ohnehin schon enge Raum noch mehr beschränkt wurde. Während wir die ruhige Fahrt zwischen den schützenden Schären der norwegischen Küste und über den glatten Spiegel des West-Fjordes dazu benutzen konnten, alles für die zoologische Fischerei vorzubereiten, Konservierungsflüssigkeit zu mischen, Journale einzurichten, Netze und andere Fanggeräte zu probieren, war uns der Aufenthalt in Bergen und Tromsö sehr gelegen, um in den reichen Sammlungen arktischer Tiere, welche sich in den dortigen Museen befinden, unsere Kenntnisse zu erweitern und die Zwecke und Ziele unserer Reise mit den dortigen Kollegen zu besprechen, die uns noch mancherlei guten Rat mit auf den Weg geben konnten. In Bergen erregten die Sammlungen der Norske-Nordhavs-Expedition unser besonderes Interesse, deren Publikationen uns für die Dauer der Reise von den Herren Kollegen Appelöff, Brunchorst und Grieg gütigst überlassen wurden; in Tromsö machten uns die Herren Kollegen Sparre Schneider und Bidenkap auf mancherlei wichtige Einzelfragen aus der arktischen Fauna aufmerksam. Wir sind allen diesen Herren für die uns entgegengebrachte Kollegialität und Freundschaft zu vielem Dank verpflichtet. Am 8. Juni wurde Tromsö bei herrlichem Sonnenschein verlassen, und es begann die eigentliche Eismeerfahrt. Bevor wir die hohe See erreichten, brachte ein Aufenthalt in der Walstation des Kapitäns Morton Ingebrigtsen, der durch die erste Expedition Kükenthal's im Jahre 1886 auch in wissenschaftlichen Kreisen bekannt geworden ist, ein anatomisches Intermezzo. Die Thranfabrik liegt auf der Insel Rolf so im Trold-Fjord, und es kündete schon bei der Einfahrt in die allseitig von steilen Bergen eingeschlossene Bucht ein schauderhafter Thrangeruch die kommenden Genüsse an. Fast vollständige Skelette und faulende Kadaver lagen im flachen Wasser des Strandes, und ganze Berge gebleichter Walgebeine verliehen dem öden, steinigen Gestade ein gespensterhaftes Aussehen. Bei Besichtigung der Fabrikanlage hörten wir, daß der Besitzer mit einem seiner Waldampfer auf dem Meere sei und wahrscheinlich schon in der Nacht mit einem Fang zurückkommen würde. Am anderen Morgen wurden auch richtig kurz nacheinander 3 große Finwale, Balaenoptera musculus, eingeschleppt. Bei einem 22 m langen Weibchen konnten wir den ganzen Vorgang der Bearbeitung mitmachen, und diese anatomische Riesensektion lieferte für unsere Sammlungen allerhand wertvolles histologisches und morpho- logisches Untersuchungsmaterial von äußeren und inneren Körperteilen. Der ganze Kadaver wurde bei hohem Wasserstand möglichst weit auf das Land gesetzt, so daß er bei eintretender Ebbe trocken lag. Dann begann die Arbeit des Abspeckens. Mehrere Abspecker, „Flenser" genannt, kletterten in langen Stiefeln und thrandurchtränkten Anzügen auf dem Körper des Wales umher Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. und schnitten mit meterlangen Messern große Speckseiten aus, die mit Handwinden und Ketten auf einer schrägen Holzbahn in die im Fabrikgebäude befindlichen Thrankessel befördert wurden. Hier wird der Thran langsam ausgekocht und aus den Ueberresten, sowie den zerkleinerten Knochen Guano fabriziert, während das Fleisch gedörrt und zu Futtermehl verarbeitet wird. Nachdem die eine Seite des Riesentieres von der Haut und der darunter liegenden, mehr als hand- breiten Speckschicht befreit war, wurde der Bauch aufgeschnitten, wobei jeder Schnitt von einem Fauchen und Zischen der aus dem Inneren entweichenden, nicht besonders wohlriechenden Gase begleitet wurde. Unsere Seeleute, die sonst nicht gerade empfindliche Naturen sind, litten bei dem Anblick und den unbe- schreiblichen Gerüchen an permanenter Seekrankheit. Es war dies einer der wenigen Fälle, wo die Zoologie als tertia gaudens triumphieren konnte. Als der Brustkasten geöffnet war, konnten wir mit langen Gummistiefeln einsteigen und unser Laboratorium darin aufschlagen ; mit Spirituslampe, Pincetten und kleinen Deckgläschen versehen, wateten wir bis über das Knie in dem dort ange- sammelten Blute und fertigten Ausstrich- präparate desselben an ! Besonders erwähnenswert ist noch die Untersuchung des Mageninhaltes, der aus ca. 2 cbm kleiner Planktonkrebse be- stand (2 — 3 cm lange Reste von roten, nicht mehr bestimmbaren Decapoden). In der Litteratur finden wir nur, daß die Nah- rung der Finwale fast ausschließlich aus Fischen besteht. Das Fleisch des Finwales wird von den Walarbeitern gern gegessen ; auch auf der „Helgoland" gab es abends „Deut- sches Beefsteak vom Wal", das aber bei dem hohen Seegang der nächsten Nacht von den meisten Herren bald wieder dem Meere zurückgegeben wurde. Es schmeckt übrigens ähnlich wie Rindfleisch und durchaus nicht thranig. Die Ueberfahrt zur Bären-Insel war bei bewegter See und starkem Nordwest wenig angenehm. Unser kleiner Fischdampfer schlingerte und stampfte gewaltig und konnte nur mit halber Kraft fahren, damit nicht die hoch über das Deck gehenden Wellen den dort lagernden Kohlen und Kisten gefährlich würden. Meist waren wir in unsere Kojen verbannt, nur alle 4 Stunden wurde die eintönige Fahrt durch Planktonfänge unterbrochen, wozu der Dampfer jedesmal stoppen mußte. Die Ausführung der regelmäßigen Fänge und die Konservierung kostete nicht geringe Ueberwindung. Der Seegang erlaubte nur die Anwendung der kleinen ApsTEiN'schen Netze. Eine oberflächliche Untersuchung lehrte, daß wir uns bald nach der Entfernung von der Küste im kalten Wasser des östlichen Polarstromes befanden , was schon die grüne Farbe des Meeres vermuten ließ. Die Hauptmasse der pelagischen Organismen bestand aus Diatomeen und Algen, welche als grüner Schleim die Maschen des Netzes verstopften. Nur wenige größere Tiere waren darin enthalten. Die Temperatur des Wassers und der Luft, welche in der Nähe der norwegischen Küste noch 6 resp. 7" C betragen hatte, nahm allmählich immer mehr ab und erreichte vor der Bären-Insel den Nullpunkt, was uns veranlaßte, auch allmählich unsere Kleidung dem arktischen Klima anzupassen. Fig. I. VValstation auf Rolfsö im Trold-Fjord. Im Vorder- grunde ein Finwal, der gerade abgespeckt wird. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.) 8 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Der Wind flaute langsam ab; nur hin und wieder gingen noch kurze Schneeböen nieder, und die See wurde ruhiger. Dafür hüllte uns aber bald ein dichter Nebel ein, der in der Nähe der Bären-Insel fast zu den regelmäßigen Begleitern der Polarfahrer gehört und wohl seine Ursache in dem Zusammentreffen des von Süden nach Norden sich ausbreitenden warmen Golfstromwassers mit dem von Nordosten kommenden kalten Polarstrom hat. So war unsere Hoffnung, dem Bären-Eiland, das schon so mancher Expedition in Eis und Nebel verborgen geblieben ist, einen Besuch abstatten zu können, gering, obwohl schon immer zahlreichere Vorboten der ersten Station des Eismeeres bei unserem Schiff auftauchten. Zu- nächst waren es nur wenige Sturmvögel, Fulmarus glacialis, die, mit ihrem geräuschlosen Fluge im Nebel wie große dunkle Eulen aussehend, unsere Masten umkreisten. Diese ersten echten Bürger der Arctis treiben sich am weitesten auf dem offenen Meere umher, um ihre Nahrung zu suchen. Bald gesellte sich zu ihnen die Bürgermeistermöve, Larus glaucus, die größte Möve des Nordens, und die Stummelmöve, Rissa tridactyla, welche mit ihrem wenig melodischen Geschrei schon etwas Leben in das Nebelmeer brachte. Je mehr wir uns der Bären-Insel näherten, um so zahlreicher wurden die Ansammlungen ihrer Bewohner, die hier weit draußen die Nahrung für ihre Brut herbeiholten. Die anfangs nur kleinen Trupps der Alken und Lummen, die zu beiden Seiten des Schiffes auf den Wellen schaukelten, wurden immer größer; kleine Krabbentaucher, Mergulus alle, verschwanden, blitzschnell untertauchend, vor dem Bug des Schiffes oder schwirrten wie die Bienen dicht über der Wasserfläche davon. Aus der Ferne tönte das Gekrächze und Geschrei der Felsenbewohner zu uns herüber. Am Morgen des 12. Juni wurden wir für die Leiden der Ueberfahrt reichlich belohnt, da die Luft klarer wurde und schließlich die Sonne durchbrach. Sie beleuchtete rosig die vor uns liegenden Zacken und Spitzen des Felseneilandes und die Schneekuppe des 500 m hohen Elendberges. Die Insel lag gänzlich eisfrei vor uns, und wir konnten wirklich, nachdem ein Boot zur Ablotung der Tiefen voraus- geschickt war, bis auf 800 m an dieselbe herankommen und in einer Tiefe von 8 m vor Anker gehen ! Die Bären-Insel oder „Björnö" der Norweger — von ihrem Entdecker Barents nach einem bei seinem ersten Besuch im Jahre 1596 dort erlegten, 12 Fuß langen Eisbären „het Beyren Eilandt" benannt — führt heute ihren Namen nicht mehr mit vollem Recht, weil nur noch im Winter ein Bär über das Eis von Spitzbergen sich gelegentlich hierher verirrt. Man kann sich kaum einen öderen und trostloseren Flecken Erde vorstellen, als dieses unwirtliche, von Stürmen umtobte, meist mit dichten Nebeln bedeckte Felseneiland. Fast ringsumher fallen seine Küsten steil zum Ocean ab, und ihre bizarren Formen zeigen die Spuren der rastlosen Thätigkeit des Meeres und Eises. Die ganze Insel stellt ein zusammenhängendes, tafelförmiges Plateau dar, welches von Süden nach Norden sich allmählich abflacht. Der Südrand, mit 100—200 m hohen, senkrechten Abhängen aus dem Meere aufsteigend, wird von zwei größeren Kuppen überragt, dem westlichen, etwa 400 m hohen Vogelberg und dem östlichen, pyramidenförmigen, in mehreren Etagen bis über 500 m sich erhebenden Elendberg (Mt. Misery der englischen Karten). Im Norden ragt der Rand der Insel hingegen nur 40—50 m über den Meeresspiegel hervor. Die Geologie dieses schon zum Spitzbergen-Gebiet gerechneten Plateaus (es ist mit demselben submarin durch die flache Spitzbergen-Bank verbunden) ist bereits vor langer Zeit der Gegenstand der bekannten Untersuchungen von Keilhau und Leopold von Buch gewesen. In neuerer Zeit haben be- sonders die schwedischen Expeditionen die Kenntnis derselben gefördert, deren jüngste unter der Führung von Nathorst, eines ausgezeichneten Geologen, gleichzeitig mit uns die Insel besuchte und, wie verlautet, reiches und wichtiges geologisches Material sammelte. — Unser Ankerplatz lag in dem gegen Nord- und Westwinde geschützten kleinen Südhafen, dessen Eingang von einem portalartig durchbrochenen, malerischen Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Felsen, ,,dem Bürgermeisterthor" — so genannt nach den zahlreichen auf demselben brütenden Bürgermeister- möwen (Larus gJaucus) — eingeengt wird. Hier an der Südseite zeigt die Küste die phantastischste Kon- figuration, hier hat das Meer seine nagende Thätigkeit am gründlichsten vollführt und zahlreiche Höhlen, grottenartige Hallen und Gewölbe in die senkrechten Wände gewaschen; Schutthalden und Trümmerhaufen zeugen von den gewaltigen Einstürzen der unterspülten, überhängenden Vorsprünge; abgesprengte, hoch- ragende Felsnadeln, wie der „Stappen" im Süden und der „Sylen" im Westen, stehen wie riesige einsame Wächter vor der Küste und erinnern an unser heimatliches Helgoland. Diese wilde Scenerie ist das Paradies der Vögel, welche schon bei unserer Anfahrt die Nähe der Insel verkündeten. Hier erblicken sie zu Tausenden zuerst das Licht der Welt, hier genießen sie ihre Liebes- und Elternfreuden, erziehen ihre Jungen und finden, wenn sie den Tod herannahen fühlen, ihre letzte Ruhestätte. Nicht Tausende, nein Millionen suchen alljährlich, wenn die Sonne die kalte Polarnacht ver- scheucht, durch Eis, Sturm und Nebel, von unwiderstehlichem Drang getrieben, diese unwirtliche Stätte ihrer Geburt wieder auf, zu der schon viele Generationen ihrer Vor- fahren gewandert sind. Die Süd- und Westabhänge des Vogelberges auf der Bären-Insel sind wohl die reichsten Brutstätten arktischer Vögel, die überhaupt im Spitzbergengebiet ge- funden werden ; die unermeßlichen Massen derselben lassen hier auch nicht im ent- ferntesten eine Schätzung ihrer Zahl zu. Der Vergleich mit Bienen- und Mücken- schwärmen, welchen die Schilderer arkti- scher Vogelberge gebrauchen, um eine Vor- stellung von der Menge zu geben, genügt nicht. Hier müssen nicht Beispiele aus dem Tierleben, sondern aus der anorganischen Welt herbeigezogen werden. Schnee und Hagelfälle, Sturmessausen und Lawinenstürze sind bessere Vergleichsobjekte. Am besten haben uns die einfachen kurzen Worte Faber's, des größten Meisters unter den ark- tischen Vogelbiologen, gefallen, die keine Uebertreibung enthalten, wenn er sagt: „Sie (die Vögel) ver- bergen die Sonne, wenn sie auffliegen, sie bedecken die Felsen, wenn sie sitzen, sie übertönen das Donnern der Brandung, wenn sie schreien, sie färben die Felsen weiß, wenn sie brüten." Schier unerschöpflich erschienen uns die Gründe des Vogelberges. Wir fuhren mit dem Boot unter seinen steilen Abhängen dahin und feuerten einen Schreckschuß nach dem anderen ab, aber immer wieder löste sich eine Vogel- lawine vom Berg und stürzte sausend ins Meer ; die Felsen schienen trotzdem schließlich ebenso bevölkert wie zuvor, weil immer neue Scharen aus den Löchern, Spalten und Ritzen hervorkrochen. — Von ihrem Instinkt oder ihrer Klugheit sicher geleitet, haben die Vögel sich zu ihren Wohnplätzen die klimatisch günstigste Stelle der ganzen Insel ausgesucht. Hier an den Südwestabhängen sind sie gegen die kalten Nord- und Ostwinde geschützt, außerdem trifft der von Süden kommende warme Golfstrom hier zuerst das Gestade und macht den Vögeln ihr Nahrungsgebiet, das Meer, vom Eise frei, während im Osten und Norden unter der Einwirkung des kalten Polarstromes häufig noch im Hochsommer die Küste vom Eise blockiert werden soll. Fauna Arctica. 2 Fig. 2. Südküste der Bären -In sei. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.) lO FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Während die meisten Vogelberge in Spitzbergen eine mehr homogene Bevölkerung aufweisen, indem nur wenige nahe verwandte Arten auf ihnen brüten, sind die Bewohner der Bären-Insel eine recht gemischte Gesellschaft. Während unseres dreitägigen Aufenthaltes lag unser Schiff gerade inmitten dieses Vogel- eldorados; wir hatten daher reichlich Gelegenheit, das Leben und Treiben der einzelnen Arten kennen zu lernen. Unsere biologischen Notizen hierüber werden weiter unten im Zusammenhang mit den späteren Beobachtungen in Spitzbergen mitgeteilt werden. Hier wollen wir nur die einzelnen Rangklassen des unge- heuren Vogelstaates kurz Revue passieren lassen. Die Proletarier, welche das Hauptkontingent der Felsenbewohner stellen, mit den kleinsten und engsten Wohnungen, den schmälsten Vorsprüngen, Ritzen und Spalten zufrieden sein müssen und nicht einmal die Mittel zu einem einfachen Nest für ihr einziges, unbeholfenes Junge haben, sondern ihr Ei auf den kahlen Felsen legen, sind die Lummen und Alke {Uria grylle, TJria brünnichü, Älca torda). Nähert man sich aus der Ferne mit dem Boot einem der prachtvollen, vorn offenen, gewölbten Felsendome, so erinnert das ganze Bild, welches sich uns darbietet, an eine Riesenapotheke. Wie dort die weißen Salbentöpfe in Reih und Glied dicht gedrängt alle Regale und Borde bedecken, so sitzen hier die Lummen und Alke auf allen Vorsprüngen, Rändern, Gesimsen und Erkern, von den untersten von der Brandung umtosten Klippen bis hinauf zum überhängenden Felsendach in „drangvoll fürchterhcher Enge", und alle wenden, hoch auf- gerichtet, ihre volle leuchtend-weiße Unterseite dem Meere zu, jederzeit bereit, sich, wenn Gefahr droht, in dasselbe zu stürzen. An der Art, wie die Vögel sich auf das Wasser werfen, kann man schon aus der Ferne die Alke von den Lummen unterscheiden ; während die letzteren sich mit dem Bauch auf die Wasserfläche werfen, stürzen sich die Alke direkt vom Fluge auf dem Kopf ins Meer und beginnen das Schwimmen mit einem Untertauchen. Die Tordalke und die „dummen Lummen" {Uria troile v. brünnichü) halten gern auf den Felsen Siesta, sie sitzen hier stundenlang und unterhalten sich lebhaft miteinander, spielen und schnäbeln sich, nur selten wird ein kleiner Streit ausgefochten. Die Rotges {Uria troile) hingegen, die von unserer Mannschaft wegen der roten Beine „Franzosen" genannt wurden, sind fleißiger. Unaufhörlich schwirren sie in schnur- geradem Fluge zwischen dem Meere und ihren hoch im Felsen gelegenen Brutstätten auf und nieder; ihr Flug hat uns am meisten an das Burren eines Käfers erinnert. Mehr vielleicht paßt dieser Vergleich auf die noch kürzer beflügelten kleinen Krabbentaucher, die „Alkekonge" der Norweger {Mergulus alle), die zierlichsten und behendesten Taucher des Vogelberges. Dieselben haben ihre Nistplätze in den engsten, unzugänglichsten Felsenspalten und sind viel spärlicher als die bisher genannten vertreten. Bei unserem Besuch der Bären-Insel wurden sie nur selten zu Hause angetroffen. Sie brüteten augenscheinlich noch nicht in großer Zahl, sondern trieben sich in kleinen Trupps auf dem Meere umher, wo sie zierlich nickend umherschwammen, nach Krebsen tauchten und ihre Liebesspiele trieben. Nur abends kehrten sie zum Felsen zurück, um zu ruhen. Etwas abseits von diesen gewöhnlichen Mitbürgern des Vogelstaates hält sich der philiströse, ewig mit den wichtigsten Problemen beschäftigte Papageientaucher {Mormon arcticus) auf, der als Vertreter des weniger zahlreichen Mittelstandes gelten kann. Er brütet im Grunde der feuchten Felsenhöhlen und Grotten, auf Gesimsen und Vorsprüngen und ist der Komiker unter den arktischen Vögeln, nicht allein wegen seines schnurrigen Aussehens, sondern auch wegen seines lächerlichen Gebahrens. Das geschäftige Nicken, Drehen und Wenden des abenteuerlichen Kopfes macht thatsächlich den Eindruck, als wenn er fortwährend mit seinem „Bruder Innerlich" lebhaft debattierte. Er karrikiert den zerstreuten Gelehrten. — Zu diesen 5 Tauchern gesellen sich nun noch einige Möwen, als Aristokraten des Vogelberges. Die Stummelmöwe {Bissa iridactyla), welche auf den schönsten und breitesten Gesimsen ihre hochgetürmten, weichen Moosnester Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. II baut und der Tyrann der Felsenhöhle, der Bürgermeister (Larus glaucus), der hier im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit die niedrigen vom Meere bespülten Schutthalden und den flachen Sandstrand bevor- zugt und sich mit seinen großen Tangnestern recht breit macht. Die zahlreichen Vogelknochen in den ausgewürgten Gewöllen, welche an seinen Nistplätzen umherlagen, lehrten uns, daß er unter den jüngeren und schwächeren Mitbürgern arg gewütet hatte. — Etwas abseits als Einsiedler, meist auf dem Gipfel abge- stürzter Trümmerhaufen saßen die Sturmvögel (Fulmarus glacialis), die treuesten Brüter unter den nordischen Vögeln, auf ihren Nistplätzen. Wenn man das einzige große weiße Ei derselben haben wollte, mußte man die sich heftig zur Wehr setzende Mutter mit Gewalt herunterdrängen. Auch die Dunenjungen, die sehr lange im Nest verbleiben und von den Alten gefüttert werden, sind schon verteidigungsfähig, indem sie dem frechen Eindringling mit Eleganz im hohen Bogen den übelriechenden, thranigen, grünen Kropfinhalt entgegenspucken, und sie trafen meist gut. Außer diesen 8 Vogelarten haben wir keine weiteren Bewohner des Vogelfelsens gefunden ; die meisten von ihnen waren mitten im Brutgeschäft begriffen, nur wenige bereiteten sich erst dazu vor oder waren, wie einzelne Möwen, schon damit fertig. Für unsere Sammlungen konnten wir ein reiches Material an Eiern, Serien von Embryonen, Dunenjungen und biologischen Objekten, wie Nestmaterial, Gewölle etc. sammeln. — Am ersten Tage unseres Aufenthaltes waren wir zunächst ganz von dem reichen Vogelleben gefesselt und vermochten uns nicht von dem Felsen zu trennen. Der zweite Tag war aber einer größeren Exkursion zur Untersuchung des Innern der Insel gewidmet. Dort hatten wir das sprühende Leben gesehen, hier trat uns der öde, eisige Tod entgegen! Die steile Beschaffenheit der Küste macht eine Besteigung des Inselplateaus nur an wenigen Stellen möglich ; wir mußten daher lange ratlos in unserem Boote umherfahren, bis wir endlich im Osten unseres Hafens in einer zweiten Bucht einen flachen Strand fanden, zu dem sich ein Bach eine schmale Thalrinne durch die Uferfelsen gefressen hatte. Hier war der Aufstieg möglich. Die Mündung des Flüßchens, welches zur Zeit der ersten Schneeschmelze wohl ein recht stürmischer Geselle sein muß, bildet ein kleines Delta und war jetzt schon arm an Wasser. Aus dem Schwemmland ragten überall die vermoderten Skelette zahlreicher Walrosse, als stumme Zeugen der Metzeleien, welche vor langen Jahren an diesem öden Gestade sich abgespielt hatten. Noch i8l8 erlegte Buchan's Expedition hier binnen 7 Stunden über 900 Walrosse, und Keilh.^u berichtet, daß im Winter 1824—25 gegen 700 derselben der Habgier des Menschen zum Opfer fielen. Seitdem haben diese Riesen des Nordens, welche im 9. Jahrhundert noch die norwegischen Küsten bevölkerten, dieses Gebiet ganz verlassen und sich in die nördlichsten unzugänglichen Buchten und Fjorde Spitzbergens zurückgezogen. Das Ziel unserer Wanderung war zunächst der Gipfel des Vogelberges, welchem wir seines zoologischen Interesses wegen dem geologisch wichtigeren Mt. Misery den Vorzug gaben. (Letzterer wurde von unseren Jägern erstiegen, während ein dritter Teil der Reisegenossen das an der Ostseite gelegene Grab eines Russen und die traurigen Ueberreste einer Hütte, welche er bewohnt hatte, aufsuchten.) Der Hauptzweck unserer Exkursion war die Untersuchung der Süßwasserteiche, welche in großer Zahl das Plateau der Insel bedecken. Fünf größere Gewässer wurden aufgenommen, geraessen und abgefischt ; das größte derselben, welches in einem Querthal, etwa in der Mitte zwischen Mt. Misery und dem Vogelberg gelegen ist und von einem starken Schmelzwasserbach gespeist wird, war ungefähr looo m lang, 500 m breit und 2 — 3 m tief; es dürfte auch im kältesten Winter nicht bis zum Boden ausfrieren. Die Fauna dieser Seen ist recht ärmlich, von größeren Organismen wurden außer Mückenlarven nur Copepoden und Daphniden erbeutet ; die reichere mikroskopische Tierwelt (Rotatorien, Tardigraden, Nematoden etc.), über die später im Zusammenhang mit unseren Resultaten in Spitzbergen berichtet werden soll, zeigte schon bei 12 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, flüchtiger Durchmusterung große Uebereinstimmung mit unserer einheimischen, namentlich unter den genauer untersuchten Protozoen wurde kein einziger FremdUng angetroffen, ein Ergebnis, welches nicht wunderbar erscheint, wenn man bedenkt, daß alle die zahlreichen Wasservögel, welche als Hauptverbreiter der Urtiere gelten müssen, bei ihrem Frühjahrszuge eine regelmäßige Verbindung mit den Gewässern des Festlandes herstellen. Manche Süßwasserteiche waren dicht bedeckt mit Scharen von Möwen (meist Bissa tridadyla). Es blieb uns unklar, was diese großen Meeresvögel hier suchen (Nahrung enthalten die Tümpel nicht). Sie schienen nur zu spielen, zu baden und ihre Toilette zu machen, worauf zahlreiche Federn am Rande hinwiesen. Von den wenigen Mückenlarven und kleinen Krebschen, welche die Seen bewohnen, können kaum einige Strandläufer ihren Hunger stillen. Insektenfressende Vögel können hier nicht leben. So fanden wir auch einen Brachvogel (Numeiiius pJiaeopus), der sich wohl hierher verirrt hatte, in der Nähe eines Baches verendet vor, er war noch ganz frisch, aber so stark abgemagert, daß er fast nur aus Haut und Knochen bestand. Die Strandläufer {Tringa striata), welche hier recht häufig sind und nach den Angaben der Autoren sonst auch nur animalische Kost genießen, haben sich hier wie in Spitzbergen an vegetabilische Nahrung gewöhnt. Wir können die Angaben A. Walter's, welcher auf Spitzbergen nur kleine Algen im Magen dieser Vögel fand, bestätigen, auch auf der Bären-Insel besteht die Hauptnahrung der Tringen in den langen, grünen Fadenalgen, welche den Boden aller Teiche bedecken und in den Bächen alle Steine überziehen. Die einzigen Insekten, welche auf der Bären-Insel in größerer Anzahl zu beobachten sind, finden sich auf der Oberfläche der Schneewasser und kleinen Rinnsale, es sind die Gletscherflöhe (Poduriden) oder Springschwänze, doch scheinen dieselben von den Strandläufern als Nahrung verschmäht zu werden. Wir fanden diese Vögel paarweise fast an jedem Tümpel und man konnte an den Zärtlichkeitsbeweisen des Männchens erkennen, daß sie sich in der Vorbereitung zum Brüten befanden. Auf einigen Teichen schwammen große Eistaucher (Colymhus septentrionalis), die aber sehr scheu erschienen und schon lange, ehe wir auf Schußweite herankamen, sich hoch in die Lüfte erhoben. Ganz abseits von den Bewohnern des Vogelberges hat die Raubmöwe (Lestris parasitica) ihre Nistplätze. Sie bevorzugt das Innere der Insel und die Nähe des Süßwassers, und wir konnten mehrere Pärchen in ihren Liebesspielen beobachten ; das Männchen führt einen schönen Balztanz aus, kollert sich dabei auf und schleift die herab- hängenden Flügel auf dem Boden, ähnlich wie die Truthähne. Ein Vogel, dessen Weibchen wir geschossen hatten, war nicht von der Leiche fortzutreiben, er balzte fortwährend um sie herum, stieß sie mit dem Schnabel und wußte offenbar nicht, was die starre Ruhe seiner Gattin zu bedeuten hatte. Hier in den Schluchten des Vogelberges lernten wir außer der Raubmöwe noch einen zweiten gefähr- licheren Feind seiner Bewohner kennen, den Eisfuchs {Canis lagopus), das einzige Säugetier, welches mit Sicherheit als Bürger dieses Eilandes angesprochen werden kann. In den Felsen wurde ein Bau desselben gefunden, die Mutter, welche ganz abgemagert vom Säugen war, fiel uns zur Beute, außer ihr wurden noch 3 weitere Füchse gesehen, so daß dieser ruppige freche Geselle, bei dessen komischem Anblick man sich eines lauten Lachens nicht erwehren kann, hier keine Seltenheit ist. Der Mageninhalt der erlegten Füchsin, die schon ihr dunkles Sommerkleid angelegt hatte, lehrte, daß sie erfolgreiche Vogeljagd gehalten hatte. — Renntiere fehlen auf der Bären-Insel vollständig, und es weisen auch keinerlei Spuren auf ein früheres Vor- kommen hin. Der Eisbär hingegen besucht die Insel von Spitzbergen aus, so noch im Winter 1897/98, denn wir fanden Spuren und frische Losung desselben auf dem Plateau. Im Gegensatz zu dem Wasserreichtum ist der Pflanzenwuchs der Insel recht spärlich, nur wenige Blütenpflanzen, Moose und Gräser geben den öden, gelben und grauen Schutthalden und kahlen Felsplatten hier und da ein farbiges Gewand. Nur in der Nähe der Teiche ist eine etwas üppigere Moos- und Grasvegetation. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. I3 Während unserer Wanderung brannte die Sonne recht kräftig, so daß es uns in der dicken Polar- kleidung viel zu warm wurde ; der Himmel war klar blau, wie wir überhaupt während unseres ganzen Auf- enthaltes an dieser so verrufenen Insel keine Spur von Nebel bemerkten. Dieses Glück ließ uns auch vom Gipfel des Vogelberges einen umfassenden Rundblick genießen. Die ganze Insel mit ihrem aus der Vogel- perspektive geradezu labyrinthischen Netz von Süßwasserteichen und Bächen (über 50 größere Teiche wurden gezählt) schwamm in einer blauen Krystallschale, weil der Ocean sich ringsum zu dem Horizont zu erheben schien. Natürlich waren unsere Ferngläser zumeist nach Norden gerichtet, nach dem Ziel unserer Fahrt. Die klare Luft ließ, soweit das bewaffnete Auge reichte, nirgends eine Spur von Eis erkennen, und wir konnten hoffen, eine gute Strecke ungehindert vordringen zu können. Bei unserer weiteren Wanderung erreichten wir etwa die Mitte der Insel und kehrten dann auf einem beschwerlichen Wege in einem steilen Flußthal, über zahlreiche Thäler und Abhänge, durch Wasser und Schnee, zum Strande zurück. Der nächste Tag wurde zur Beobachtung und Konservierung des gesammelten Materials benutzt und vor allem auch etwas mehr Aufmerksamkeit der marinen Fauna zugewendet. Wir fischten öfter Plankton zu ver- schiedenen Tageszeiten, dredgten auch unseren ganzen, etwa 1300 m langen und 800 m breiten Hafen ab und untersuchten die Litoralfauna der Südküste. Sie erwies sich als nicht sehr reich, nur Crustaceen . (Krabben und viele Amphipoden) wurden in größerer Menge gefunden. Am Mittwoch, den 15. Juni, wurde die Weiterfahrt nach Spitzbergen angetreten, und zum ersten Male rasselte auf der Höhe des Nordkaps der Bären-Insel die Dampfwinde, als ein Zug mit der großen Dredge in 29 m Tiefe unternommen wurde. Derselbe machte uns mit einigen typischen Vertretern der arktischen Bodenfauna bekannt, und wir hatten gleichzeitig Gelegenheit, die Schwierigkeiten, mit welchen die Schlepp- netz-Arbeiten auf dem felsigen Boden des Spitzbergengebietes verbunden sind, kennen zu lernen. Die Dredge kam total verbogen an Deck und war bis zum Rande mit großen Steinen und Balanidenschalen angefüllt. Alles war neugierig um uns versammelt, als wir begannen, aus dem unscheinbaren Geröll und Schmutz die farbenprächtigsten Organismen mit Hilfe der Dampfspritze herauszuspülen. Die prachtvoll orangefarbene Synascidie {Synoecum turcjens), welche schon der alte Nordpolfahrer Phipps im Jahre 1773 entdeckt hatte, dann aber erst KtJKENTHAL 1889 im Spitzbergengebiet wiederfand, war in großen Klumpen vertreten. Auf dem felsigen Untergrund überwogen überhaupt die festsitzenden Organismen ; Hydroiden, Bryozoen , Kalkschwämme und Balaniden bilden da unten üppige Rasen. Auf ihnen bewegen bunte Schlangensterne ihre langen Arme in mäandrischen Windungen, träge Pantopoden stolzieren dort umher und tragen auf ihren langen Beinen ganze Museen von kleineren Organismen mit sich herum. Auf den zierlichen Polypenstöcken weiden schön gefärbte und abenteuerlich gestaltete Mollusken, behende Würmer, mit schillernden Elytren geschmückt, suchen in dem dichten Bryozoenwalde geschäftig ihre Nahrung, und gepanzerte, stachelige Krebse lauern mit gestielten Augen auf Beute. Die Farbe, welche sich als Grundton in verschiedenen Abstufungen bei diesen mannigfachen Tierformen wiederholt und der ganzen Lebens- gemeinschaft ein charakteristisches Gepräge giebt, ist das Orangegelb. Wurstförmige Konglomerate, die sich bei näherer Untersuchung als mit kleinen Steinchen und Schalentrümmern inkrustierte Synascidien ergaben, fanden sich zahlreich in dem Geröll. Die Beobachtung und die Bergung dieser Schätze beschäftigte uns bis in die Nacht hinein. Das große Ereignis des nächsten Tages, von allen gefürchtet, aber doch sehnsüchtig erwartet, war die erste Begegnung mit dem Eise. Das Südkap Spitzbergens und die hochragenden weißen Gipfel des Schneegebirges waren schon lange sichtbar, als die ersten kleinen Schollen am Schiff vorbeitrieben. Wir steuerten auf den Stör- Fjord, dicht am Südkap vorbei; als wir uns auf der Höhe desselben befanden, 14 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, schoben sich die Eisflarden dichter zusammen, und in wenigen Stunden befanden wir uns mitten in der arktischen Welt. Die ersten hochnordischen Tiere, die Elfenbeinmöwen (Gavia alba), umkreisten erwartungs- voll unsere Masten ; die Bewohner des Eises, die Robben, erhoben neugierig aus den Spalten und Rissen desselben ihre großen dunklen Augen. Noch hatten wir uns nicht satt gesehen an dem ewig wechselnden Spiel der tanzenden, drängenden und berstenden Schollen, an den leuchtenden Farben des weiß und blau schimmernden Eises, als auch schon der Herrscher dieser Gefilde, der „Lensmann (d. h. der Amtmann) von Spitzbergen", uns seine Aufwartung machte. Ganz unvermutet tauchten vor uns 2 kräftige Eisbären auf, die eine Eisscholle erkletterten, das Wasser aus ihrem elfenbeinfarbenen Pelz schüttelten und uns neugierig beäugten. Nach kurzer Zeit lagen beide, von den Kugeln unserer Jäger gestreckt, auf der Scholle und färbten mit ihrem dunklen Blute den glitzernden Schnee. Auch einige Robben, Phoca harhata, die auf dem Eise Siesta hielten, fielen uns zur Beute, und es konnte bei herrlichem Sonnenschein das erste Schlachtfest gefeiert werden, dessen Eindrücke trotz seiner späteren häufigen Wiederkehr ihren Reiz nicht verloren, jetzt waren die norwegischen Harpuniere in ihrem Element. Mit großen Messern, die jeder Fangsmann an der Seite trägt, wird kunstgerecht der Bauchschnitt ausgeführt, und nach kurzer Zeit sind die Eisbären wie die Robben aus der Decke geschlagen. Dann traten die Zoologen als Nachrichter in ihre Rechte. Mit Säge, Scheren, Meißeln und Pincetten wurden die Kadaver zerlegt und ihrer edelsten Teile beraubt, die in das Laboratorium wanderten, während Schinken und Rücken der Eisbären für die Küche in den Schiffswanten aufgehängt wurden. Kein Winkel der Bauch- und Brust- höhle entging den kritischen Blicken der Zoologen ; die tiefsten Gründe des Verdauungskanales wurden entleert zum Entsetzen der umstehenden Menge, zur Freude der gierigen Eismöwen, welche rings um die Richtstätte auf den Eisblöcken lauerten und sich schon um die Beute zankten, die sie noch gar nicht besaßen. Selbst die idyllische Ruhe der Parasiten im Darme der Robben wurde rücksichtslos gestört! Nachdem wir dieses erste arktische Ereignis bei frohem Becherklang, im Schnee sitzend, gebührend gefeiert hatten, nahm der Eislotse seinen hohen, luftigen Sitz in der Beobachtungstonne am Mast wieder ein und weiter ging es nach seinem Kommando durch schmale Spalten und Rinnen des Eises in den Stor- Fjord. Dieses erfolgreiche erste Debüt erwies sich als ein gutes Omen für die ganze Fahrt in diesem Gewässer. Tag und Nacht brannte die Sonne, und die Temperatur stieg mittags im Schatten bis auf +6" C. In Zickzacklinie, bald hier eine große Scholle umfahrend, bald dort Treibeismassen durchbrechend, dringt das Schiff immer weiter nach Norden vor. Größere Eisberge, Kinder von den gewaltigen Gletschern an der Westküste des Stor-Fjordes, treiben am Schiff vorüber, und die Passage wird manchmal unheimlich eng. Oft muß auch für kurze Zeit an einem gestrandeten Eisberge festgemacht werden. Die Treibeismassen prallen dann an diesen natürlichen Eisbrecher und fließen ohne Gefahr für das dahinter liegende Schiff rechts und links vorbei. Das Treibeis ist lose und nur zusammengeschoben, und nach einigem Lawieren an der Eisbarriere entlang gelingt es immer wieder, einen Ausweg zu finden. Es wehen andauernd nördliche Winde, welche das Eis aus dem Fjord heraus nach Süden auseinandertreiben und so die Gefahr aus- schließen, daß sich hinter dem Schiff eine undurchdringliche Eisbarrikade bildet. Wir gelangen nach verschiedenen Kreuz- und Querfahrten glücklich bis zum nördlichsten Punkte des Stor-Fjordes, an den Eingang in die Ginevra-Bay. Diese Bucht selbst ist ebenso wie die W. Thymen- Straße, durch welche beiden Meerengen der Stör- Fjord mit der Olga-Straße in Verbindung steht, noch von dichtem Festeise bedeckt. Ueberall, wo es die Eisverhältnisse gestatteten, wurde gedredgt und vertikal wie horizontal Plankton gefischt. An 6 größeren Stationen konnten wir einen guten Ueberblick über die Fauna dieses Meeres- Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 15 abschnittes gewinnen , in dem bisher noch wenig zoologisch gearbeitet worden war , weil die meisten Expeditionen wegen der ungünstigen Eisverhältnisse hier nicht vordringen konnten. Die Angaben Heuglin's, daß die mittlere Tiefe des Stör -Fjordes 70 — 80 Fuß nicht übersteigt, bestätigten unsere Lotungen nicht. Wir fischten an der Disco-Bai auf 65 m und am Eingange in die Ginevra-Bucht sogar auf iio m Tiefe. Der Meeresboden bestand meist aus feinem blauen oder gelben Schlick mit wenig abgerollten Steinen ; in der Litoralzone wurde felsiger Boden mit Laminarien getroffen. Der weiche Grund ließ uns auch einen Schleppzug mit der Fischkurre angebracht erscheinen; wir fingen dabei zwar keine Fische, gelangten aber dafür in den Besitz tadellos erhaltener, schön gefärbter Alcyonaceen-Stöcke und riesiger Euryaliden (Schlangensterne). Die Charaktertiere der Grundfauna des Stor-Fjordes sind außer verschiedenartigen Alcyonaceen die schönen großen Comatuliden (Äntedon), welche dichte Rasen auf dem weichen Mud bilden. Die Planktonfänge waren im ganzen Gebiet besonders reich an gelbbraunen Appendicularien (OiJcopleura) mit breiten, rotgesäumten Ruderschwänzen, deren Größe (mehrere Centimeter) uns auffiel. So verlief die fast lo-tägige Fahrt durch die Eisfelder des Stor-Fjordes äußerst ergebnisreich und befriedigend, zumal auch die verschiedenen zoologischen Arbeiten durch Seegang nicht beeinträchtigt wurden, denn die schweren Treibeis- massen ließen keine Bewegung des Meeres aufkommen. Im Laboratorium standen überall Schalen und Töpfe mit allerhand Material gefüllt, und die ersten reifen Früchte konnten bald schon inTuben und Blechkästen verpackt werden. Die Landschaftsbilder , welche wir in diesen ereignisreichen arktischen Sommertagen genossen, sind unvergeß- lich ! Die Luft war wunderbar klar — nur einmal ist in dieser Zeit Nebel zu verzeichnen gewesen — so daß sich die scharfen Konturen der Bergspitzen und Felswände in dem rotgelben Farbenton, der namentlich in den Abendstunden, wenn jene eigentümliche Ruhe über den arktischen Gefilden lagerte, den lebhaftesten und doch zartesten Glanz annahm, weithin scharf abhoben. Jede Schätzung der Entfernungen war bei der Klarheit und dem Glänze der Luft unmöglich. Der Charakter der Küsten des Stor-Fjordes ist sehr verschieden. Im Westen, auf dem Ostufer von Groß-Spitzbergen, erhebt sich das schier endlose Gewirr der scharf ansteigenden Gipfel und Zacken des spitzbergischen Schneegebirges mit echt alpinem Charakter. Ueber allen Bergen thront gleich links am Eingang in den Stor-Fjord in feierlicher Majestät der gewaltige Stock des 1500 m hohen Horn-Sund-Piks. Zwischen den einzelnen Bergen liegen weite Schneefelder, die sich nach oben zu dem das ganze Innere des Landes überziehenden Inlandseise vereinigen, nach unten aber als gewaltige Gletscher zum Meere hinabfließen. Berge und Thäler sind in ewigem Eis und Schnee vergraben, und nirgends erfreut ein Fleckchen dunkler Erde das Auge. Die Ostseite des Stor-Fjordes sieht dagegen ganz anders aus; die Küste von Barents-Land und noch mehr von Edge-Land stellt ein fast vollkommen ebenes Hochplateau von auffallender Gleich- mäßigkeit dar, in welches die im Sommer herabstürzenden Schmelzwasser zahlreiche Erosionsfurchen und Fig. 3. Gletscher im Stor-Fjord (Mohn-Bai), vom Meere aus gesehen. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.) l6 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Einschnitte ijegraben haben. In großer Regelmäßigkeit, fast völh'g gleich geformte Grate zwischen sich fassend, ziehen diese Rinnsale und Thäler bis zum Meere herab. Auf diesen nach Süden und Westen gelegenen Hängen hat die Tag und Nacht gleichmäßig wirkende Frühlingssonne bereits allen Schnee weg- getaut; nur in den tiefen Furchen liegt noch schmutziger Schnee, wodurch die Berge regelmäßig gestreift aussehen. Den obersten steilen Rand des Bergplateaus krönt ein mehrere Meter mächtiges Band von dunklem Hyperit, das eine gleichmäßige senkrechte Säulenbildung zeigt und zahllosen Vögeln als Brutplatz dient. Der Fuß der Berge ist von Gesteinstrümmern überlagert, die Schuttkegel der Verwitterungsmassen, welche von oben herunterkamen, und nur hier und da ragt aus ihnen noch anstehendes Gestein hervor. Diesen Schottermassen ist dann an der Westküste von Edge-Land, namentlich in der ganzen Disco-Bai, ein 1—2 Meilen breites, niedriges Schwemmland vorgelagert, welches um diese Zeit schon mit einer dichten Pflanzendecke überzogen war. Kleine Moose, manche Gräser, Ranunculaceen, auch ein niedriger Mohn, Papaver nudicaulc, und verschiedene Saxifraga-Arten blühten hier schon in zartgefärbten Rasen. Unzählige Schneebäche durchfurchen dieses flache Land entweder in tiefen, stellenweise noch mit Schnee überbrückten Rinnen, welche dem ahnungslosen Wanderer zuweilen ein kühles Bad bereiten, oder in allgemeinen Ver- sumpfungen und teichartigen Ansammlungen von großer Ausdehnung, welche Wassermassen alle dem Vorland große Mengen von Schlamm und Geröll zuführen. Zahlreiche Renntiere weideten auf diesen grünen Flächen. Eine Jagd auf dieselben war in dem sumpfigen Boden, in dem jeder Schritt große Anstrengung erforderte und allerhand Ueberraschungen brachte, nicht gerade einfach, wenn auch die Renntiere selbst ohne alle Scheu sind und ohne jegliche Jagd- kunst erlegt werden können. Dieses Waidwerk ist daher nicht weiter rühmlich, denn die Tiere sind geradezu neugierig naiv und entbehren jedes Jagdreizes. So war es denn keine besondere Leistung, daß an der Disco-Bai und am Cap Lee auf zwei Streifzügen mehrere Dutzend erlegt wurden, welche die Vorratskammer in den Wanten neben den Eisbärenschinken aufnahm. Das Fleisch wurde bei seiner Zartheit und seinem Wohlgeschmack äußerst gern gegessen, während wir dem grobfaserigen und thranigen Eisbärenbraten keinen besonderen Geschmack abgewinnen konnten. Bei unseren Kreuz- und Querfahrten im Stor-Fjord und bei der schnellen Fahrt unseres Rückzuges war das Dredgen und Planktonfischen, besonders aber die Verwertung des Materials oft recht anstrengend. Wegen des Eises konnte nie lange gestoppt werden, und es mußte oft die ganze Nacht mit fieberhafter Hast gearbeitet werden, um gleich morgens für die Beute der nächsten Station das Laboratorium wieder frei zu haben. Uns war es daher immer ein freudiger Augenblick, wenn die Ankerkette rasselte und wir einige Zeit der Ruhe an Land genießen konnten. Diese Pausen der Laboratoriumsarbeit wurden stets durch Beob- achtungen der Landfauna und durch Jagden verschönert. Solche „biologischen Feiertage" hatten wir an der Bären-Insel, der Walter-Thymen-Straße und in der Disco-Bai genossen und wir waren auch nach den Arbeits- tagen des Stor-Fjordes froh, uns wieder einmal einen ganzen Tag lang an dem Leben und Treiben der Vogel- welt zu erfrischen. Am 23. Juni gelangten wir in die Deevie-Bai, deren Bodenfauna schon von Kijkenthal als besonders reich geschildert wird, was wir bestätigen konnten. Hier steuerten wir zwischen zahllosen kleinen Schären und Inseln dahin, welche als Archipel der „Tausend-Inseln" dieser Bucht vorgelagert sind. Die Fülle des Vogellebens auf diesen Eilanden bildet ein würdiges Seitenstück zu dem Felsenleben auf der Bären-Insel. Im ganzen arktischen Gebiet findet man nur zwei Sorten großer Vogelkolonien, die Vogelberge und Vogelholme, die ersteren steile Felsen mit Lummen und Möwen als Charaktertieren, letztere kleine flache Inseln mit Enten und Gänsen als Hauptbewohnern. Diese beiden Arten von Brutplätzen stehen in einem gewissen Gegensatz, insofern als die Bewohner der einen nicht auf den anderen zu finden sind, und umge- Einleituna;, Plan des Werkes und Reisebericht. ly kehrt. Man kann daher fast alle arktischen Vögel in die Gruppen der Felsen- und Inselbrüter einteilen. Wir gingen am Abend an der Berentine-Insel, die zwischen Whales-Point und den König-Ludwigs-Inseln liegt, vor Anker. Die Veranlassung, gerade dieses 'Eiland aufzusuchen, war eine hohe Steinvarde, welche sich auf dem Gipfel derselben erhob, oder vielmehr die Geschichte derselben. Sie rührte nämlich von unserem verehrten Freunde Prof. Kükenthal her, der sie hier im Jahre 1889 als Erinnerung an die Stunden der Not mit seiner Mannschaft errichtet hatte. Hier war sein Schiff „Berent ine" gestrandet, und er hätte mit seinem Reisegenossen Walter wohl lange auf diesem öden Felsen sitzen können, wenn nicht ein zufällig vorbeifahrendes Fangschiff sie aufgenommen hätte. Neben der Varde fanden wir noch eine kleine Hütte, in welcher 1894 drei Norweger überwintert hatten. Sie erlegten hierbei 36 Eisbären und viele Füchse, deren Skelette überall auf der Insel umherlagen. Die Berentine-Insel (von den norwegischen Fangschiffern früher „Lucia"-Insel benannt) ist ebenso wie die meisten der „Tausend-Inseln", von denen wir noch einige zum Vergleich besuchten, nur wenige Meter über der Flutgrenze erhaben und mißt nur einige hundert Meter im Durchmesser. Auf fast allen diesen Inseln finden sich kleine Süßwassertümpel, die von der Schneeschmelze herrühren und am Ende des Sommers oft schon ausgetrocknet sind. Meist sind die abgewaschenen glatten Felsen kahl oder an einzelnen Stellen mit scharfzackigen Gesteinstrümmern übersät, nur in der Nähe der Süßwasserlachen, findet sich eine dünne Humusschicht mit spärlicher Moosvegetation. Solange diese Inseln noch mit Eis umgeben und durch das- selbe mit dem Festland verbunden sind, findet man keine brütenden Vögel auf ihnen, die Norweger sagen, weil sie den Fuchs fürchten, der über das Eis zu ihren Brutplätzen gelangen könnte. Auch wir fanden während der ganzen Reise keine Ausnahme von dieser Regel. Vielleicht ist es aber nicht der Fuchs allein, sondern auch die durch das Eis erschwerte Nahrungszufuhr, welche die Vögel von den vereisten Inseln abhält. Die Bewohner aller der zahlreichen Vogelholme, welche in ebenso reicher Menge hier in horizontaler Ebene die Felsen bevölkern, wie die Lummen die Vogelberge in vertikaler, sind die Eiderenten {Somateria molUssima und spectaUUs) als Hauptmasse, Bernikelgänse (Beniicla hrenta), Strandläufer {Tringa striata), Schwimmschnepfen {Phalaropus fulicarius) und Seeschwalben {Sterna arctica). Alle diese Vögel wohnen hier einträchtig bei einander und suchen in den flachen Sunden und Buchten der Inseln ihre Nahrung. Wegen der kostbaren Eiderdunen werden die Vogelinseln von den Fangschiffern besucht, und sie können auf einer Insel oft mehrere Säcke voll sammeln. Die Nester sind an manchen Stellen so dicht gedrängt, daß man sich beim Gehen vorsehen muß. Auf der Berentine-Insel lernten wir auch einen Konkurrenten der Fang- schiffer im Eiersammeln kennen, nämlich den Eisbären, welchen wir beim Eierschlecken ertappten. Er hatte schon arge Verwüstungen auf den Brutplätzen angerichtet; für das viele gestörte Familienglück erreichte ihn nun bald die Strafe. Das kolossale Rührei, das wir in seinem Magen fanden, bewies, daß er auch an diesem Tage gut gefrühstückt hatte. Am interessantesten von den hier lebenden Vögeln waren uns die kleinen, zierlichen Schwimm- schnepfen {Phalaropus fulicarius), von denen nur die Männchen brüten, während die Weibchen in kleinen Trupps auf den Eisschollen in der Brandung des Sundes oder auf den Süßwasserteichen ihre Freiheit genießen. Auch über das Leben der anderen Inselbewohner sammelten wir Notizen, und zahlreiche Eier und Embryonen wanderten in unsere unersättlichen Gläser und Kisten. Hiermit war die Untersuchung des Stor-Fjords abgeschlossen; wir konnten mit den Resultaten, be- sonders aber mit den Eisverhältnissen recht zufrieden sein; im Jahre 1889 z. B. konnte Ktjkenthal in diesen Fjord überhaupt nicht hineingelangen, und 1893 wurden 3 Fangschiffe im Eingang desselben im Juni vom Eise eingeschlossen und kamen erst im September wieder los. Fauna Arctica. 3 l8 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Nunmehr sollte der Kurs auf Ostspitzbergen und König-Karls-Land, das Hauptziel unserer Reise, gerichtet werden, aber schon am nächsten Morgen finden wir vor der Halbmond-Insel einen Gürtel dichten Packeises, dem wir weit südlich um die Menke-Inseln herum ausweichen müssen. Von Fangschiffen, die wir hier trafen, erfuhren wir, daß der Weg nach Osten noch nicht eisfrei sei. Der Walroßfänger „Anna" aus Tromsö lavierte bereits 3 Wochen an dieser Eiskante, ohne weiter östlich zu gelangen. Auch unser Dampfer sieht nirgends die Möglichkeit durchzukommen, wir steuern südöstlich auf die Hope-Insel zu immer am Eise entlang, finden aber auch hier alles verbarrikadiert und müssen unsere Absicht, schon jetzt, Ostspitzbergen zu erreichen, vorläufig aufgeben. Der schon seit mehreren Tagen wehende Südwind, welcher uns zu schleuniger Flucht aus dem Stor-Fjord veranlaßt hatte, hielt hier alles Eis an der Küste fest. Es ließ sich zwar erwarten, daß ein kräftiger Nord-Ostwind in kurzer Zeit die Bahn frei machen würde, wir wollten aber nicht die Zeit unthätig zubringen und beschlossen daher, zunächst West-Spitzbergen zu be- suchen und hier im Bereich des Golfstroms möglichst weit nach Norden vorzudringen. Das Schiff wendet sich nach Westen, muß aber sehr weit südlich ausholen, denn der Eingang des Stor-Fjords, in den wir noch vor II Tagen flott hineindampfen konnten, war jetzt durch dichtes Treibeis verschlossen; nun freuten wir uns , der Gefahr des Eingeschlossenwerdens rechtzeitig entgangen zu sein , und dankten unserem vor- sichtigen Kapitän, während wir uns vorher nur ungern von diesem schönen Fjord getrennt hatten. Wie anders waren die Eisverhältnisse hier um dieselbe Zeit im Jahre 1889, wo Kükenthal schon Mitte Juni in die Olgastraße eindrang! Ueber die Fahrt um das Südkap und an der Westküste von Spitzbergen entlang, die in stetem Sturm und Nebel erfolgte, bei den schlechten Tiefenangaben der Seekarten nicht ungefährlich war und der Schiftsführung und Mannschaft große Anstrengungen brachte, können wir nicht viel berichten. Zoologische Untersuchungen waren draußen auf offener See wegen des hohen Wellenganges sehr erschwert und schienen uns hier auch nicht so notwendig, weil auf den größeren Tiefen dieses Gebietes die Nord- havsexpedition schon gedredgt hatte. Wir wandten daher unser Hauptinteresse den Buchten und Fjorden zu, in welchen bisher weniger zoologisch gearbeitet war. Am 27. Juni mußten wir vor dem Sturm zunächst in den Bel-Sund (Van Keulen-Bai) einlaufen und hatten hier Gelegenheit, das Vogelleben dieser an Gletschern und Schneebergen reichen Bucht kennen zu lernen; auf den üppigen sumpfigen Graswiesen, welche am Fuße des Gebirges den flachen, breiten- Strand bedecken, fanden wir die ersten Graugänse {Änser irachyrhynchus) brütend, während die Strandfelsen von Möven, Lummen und Papageientauchern wimmelten. Bei der Ausfahrt aus dieser Bucht war kaum ein größerer Dredgezug auf 150 m beendet, als ein schwerer Südsturm unser kleines Fahrzeug ergriff. Alles flüchtete in die Kojen, und es begann eine Fahrt, wie wir sie bisher noch nicht erlebt hatten. Die Tonnen und Kisten führten auf Deck einen wüsten Tanz auf, der Sturm heulte in der Takelage, und eine Sturzsee nach der anderen ging über den Dampfer weg und füllte sogar das Krähennest am Vormast mit Wasser. An Schlaf war nicht zu denken, in der Koje mußte man sich feststemmen, um nicht heraus- geworfen zu werden. Im Laboratorium riß sich alle Augenblicke ein Gegenstand los und sauste mit fürchterlichem Spektakel durch den Raum. Wir waren froh, als der Dampfer um Prinz-Karls-Vorland herum war und in der Kings-Bai in ruhigem Wasser vor Anker gehen konnte. Dieser unfreiwillige Aufenthalt war uns Zoologen höchst willkommen, wir konnten die Netze und Reusen, die auf dem felsigen Boden schon arg mitgenommen waren, ausbessern und erneuern und, als der heftige Regen aufhörte, auch wieder der Landfauna nachspüren. Wir fanden nach 2-stündiger Bootsfahrt durch die tanzenden Gletschereisblöcke, die in langem Zuge aus der Bai ins Meer hinaustrieben, am Grunde des Fjords einige kleine Vogelinseln, sehr malerisch vor einem mächtigen Gletschermassiv gelegen, welches Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. IQ mit 6 Armen ins Meer herabfiel. Hier konnten wir uns überzeugen, daß das Vogelleben dasselbe war wie auf den Tausend-Inseln, welches typisch für das ganze Spitzbergengebiet zu sein scheint. In dem gemeinsamen Ausgang der Kings- und Cross-Bai ist auf den Seekarten eine Tiefe von 250 Faden angegeben, die in dem sonst sehr flachen Wasser dieser Küste (einige Seemeilen draußen sind nur 25 — 27 Faden verzeichnet) uns sehr merkwürdig erschien. Hier wollten wir die Netze herablassen, da wir aber nur bei ruhigem Wetter erwarten konnten, die Stelle zu finden, blieben wir vor Anker, bis der Sturm abflaute, was am nächsten Morgen eintrat (30. Juni). Wir loteten in Kreuz- und Querfahrten den ganzen Eingang ab, mußten aber lange vergeblich suchen, so daß schon Zweifel an der Richtigkeit der Kartenangabe auftauchten. Immer betrug die Tiefe nur 60—80 m. Endlich zeigte der Zeiger der Lotmaschine 250 m an, was sofort das Signal zum Auswerfen der Dredge war, aber kaum hatte das Netz Boden gefaßt und die Schraube des Dampfers ein paar Schläge vorwärts gemacht, als das Drahtseil plötzlich einen Ruck erhielt und die nur lose angestellte Dampfwinde rapid zu laufen begann. Der Trawl war plötzlich einen steilen Abhang herab- gesaust und schleppte jetzt auf 395 m Tiefe. Die weiteren Lotungen ergaben, daß hier ein rundes, enges Loch steil in den flachen Meeresboden eingesenkt ist. Sehr überraschend war das Resultat, die Dredge enthielt viel blauen Schlick mit abgerollten vulkanischen Steinen bis zu Kopfgröße, von Tieren aber nur ganz wenige Formen, meist ausgestorbene Wurmröhren und vereinzelte Echinodermen. Besonders auffallend war aber der intensive Schwefelwasserstoffgeruch, den der Schlamm verbreitete. Unser Eislotse Johannesen, ein durchaus einwandsfreier Beobachter, dem die arktische Geographie manche Aufklärung verdankt, erzählte nun, ohne unsere Dredgeresultate zu kennen, daß er vor längeren Jahren als Fangschiffer an dieser Stelle bei ganz ruhiger See, als er gerade mit seinen Gefährten beim Mittagsmahle in der Kajüte saß, in großen Schrecken versetzt sei, weil das Meer plötzlich hoch aufbrauste, Strudel bildete, und sein Schiff furchtbar umherwarf. Wir können diese Erscheinung nur als Seebeben deuten, und ist die Annahme, daß dieses tiefe Loch einen submarinen erloschenen Krater darstellt, namentlich im Hinblick auf die Dredgeergebnisse sehr naheliegend. Unseres Wissens sind vulkanische Erscheinungen bisher nicht im Spitzbergengebiet bekannt geworden. Bei der Weiterfahrt tauchten rechts an der Küste die „sieben Eisfelder" auf, breite, gewaltige Gletscher, welche aus dem ewigen Hochlandseis mit senkrechten Wänden zum Meer herabziehen und durch braune Felspartien in fast gleichmäßigen Abständen voneinander getrennt werden. Weiter ging es an der von Expeditionen und Touristenschiffen häufig besuchten Magdalenen-Bai vorüber, durch das Süd- gat in die Smerenburg-Bai, deren Küsten mit ihrer wilden Hochgebirgsnatur zu den schönsten Land- schaften Spitzbergens gehören. Bei unserem Besuch reichte der Schnee noch bis zum Meere herab, zackige Berge wechseln mit breiten Gletschern ab, deren blauschimmernde Spalten, Eisgrotten und Kaskaden vom glatten Meere wiedergespiegelt werden. Am Südostende dieser Bucht, dicht vor einem Gletscher, dessen „Kälber" unter Donnern und Krachen das Meer aufwühlten, erbeuteten wir eine reiche Fülle von Boden- und Planktontieren. Die Dredge war gefüllt mit vielen Braunalgen und Kalkalgen, an deren leuchtende rote Farbe die meisten auf ihnen lebenden Organismen gut angepaßt waren, so daß die ganze Fauna, in allen Nuancen von Rot und Braun, ein prächtiges Farbenbild lieferte. Ein kürzerer Aufenthalt im Virgo-Hafen galt dem Besuch des Ueberwinterungshauses des Herrn Pike auf der Dänen-Insel, von wo aus Andree 1897 seine kühne Ballonfahrt antrat. Das Ballon- haus hatte den Stürmen des zweiten Winters nicht Stand gehalten und lag als wüster Trümmerhaufen am Strande. Da hier von den schwedischen Begleitern Andree's auch zoologische Untersuchungen angestellt waren, brauchten wir uns nicht lange aufzuhalten und konnten weiterdampfen. 3* 20 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Immer noch befanden wir uns im Bereich des warmen Golfstromwassers, wie nicht nur die Temperatur des Wassers (+ 3,4"), sondern auch die Zusammensetzung der Planktonfauna lehrte. Das Meer war, soweit man blicken konnte, eisfrei, und wir erreichten am l. Juli ohne Schwierigkeit die abenteuerlich gestaltete Mof fen- In sei bei schönstem Sonnenschein. Dieses kleine Eiland, dessen Gestalt auf den Karten nicht richtig angegeben ist, stellt einen flachen (kaum 2 m hohen), fast kreisförmigen Steinwall dar, welcher nur nach Nord-Nord-West einen schmalen Eingang hat. Die Insel hat die größte Aehnlichkeit mit einem Atoll. Die Lagune, welche der an den meisten Stellen kaum 60 — 100 Schritt breite Landring umschließt, ist so flach, daß sie eben noch mit einem Boot befahren werden kann. Walroßknochen und zwei Bärenskelette zeugten von dem Besuch der Fang- schiffer, die auch in diesem Jahre hier schon gehaust hatten, denn die zahlreichen Eiderentennester waren fast sämtlich ihrer Dunen und Eier beraubt, und die trauernden Mütter saßen einsam auf den kahlen Trümmern des Strandes. Am Ufer lag viel Treibholz, über dessen Herkunft wir durch 3 dazwischen gefundene hohle Glaskugeln, wie sie die Lofotenfischer als Schwimmer an ihre Netze befestigen, Auskunft erhielten. Der Golfstrom hatte sie von der norwegischen Küste hier in den höchsten Norden Spitzbergens geführt. Sie boten eine willkommene Bestätigung der Anschauungen, welche wir uns über die Herkunft der hier beobachteten Planktonorganismen gebildet hatten. Mit der Moflfen-Insel war der 80. Grad N. Br. überschritten. Mit Voll- dampf ging es weiter zu den nördlichsten Inseln des ganzen Spitzbergen-Archipels, der Ross- und Kleinen Tafel-Insel, wo dichtes Packeis uns das schon früher erwartete gebieterische Halt! zurief; hier- zu kam noch dichter Nebel, welcher die Fahrt in unbekannten Gewässern nicht gerade behaglich machte. Die beiden Inseln sind hohe, aus porphyrischem Granit aufgetürmte Felsen, nur durch einen schmalen und flachen Sund getrennt; das Gestein ist dicht mit Granaten erfüllt. Auf der nördlicheren Ross-Insel zeigt der kahle, vom Eise geglättete Fels nur in einzelnen Spalten eine dünne Humusschicht, während die Tafel-Insel an der Südseite einige grüne Thäler besitzt, in denen unser Eislotse Johannesen noch vor wenigen Jahren Renntiere geschossen hatte. Mit dem Dampfer konnten wir des dichten Eises wegen nicht an die Inseln herankommen und mußten mit dem Boot noch einige Kilometer uns zwischen den Schollen im Zickzack hindurchzwängen. Auch der Aufstieg auf die stark mit Schnee verwehte Ross-Insel war nicht ganz leicht. Wir teilten uns die Arbeit, indem einer die Insel erkletterte, um die Vogelfauna festzustellen, während der andere die Lebewelt der Meerenge zwischen den Inseln und der Litoralzone mit Handdredgen untersuchte, soweit es zwischen den drängenden Eisschollen möglich war. Unsere Jäger stellten inzwischen den zahlreichen Robben nach, welche das Eis bevölkerten. Auch auf diesen kahlen Felseninseln haben noch eine Anzahl Vögel ihren Wohnsitz. Es wurden folgende Arten beobachtet: l) Plectrophanes nivalis, 2) üria gryUe v. mandti, 3) Uria hrünnichii, 4) Mergulus alle, 5) Larus glaucus, 6) Rissa tridactyla, 7) Gavia alba (in der Mauser), 8) Fulmarus glacialis, 9) Somateria niollissima, 10) Bernicla hrenta, li) Harelda glacialis. Fig. 4. Ross-Insel und Kleine Tafel-Insel, die beiden nörd- lichsten Inseln des Spitzbergen- Archipels. (Nach einer Photographie von Professor Richard Friese.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 21 Lange durfte unsere Exkursion nicht ausgedehnt werden, denn von Norden her schoben sich immer schwerere Eismassen um die Inseln zusammen und drohten uns den Rückweg abzuschneiden. Schon das Einbooten war schwierig gewesen, noch mehr aber war es die Rückkehr zum Dampfer. Dieser hatte bei dem Druck des Eises seine Position nicht hahen können und war westlich ausgewichen. Bei dem dichten Nebel konnten wir unsere Fahrtrichtung nur nach den fortwährend ertönenden Signalen der Dampfpfeife wählen und uns erst nach langen Kreuz- und Querfahrten durch die Schollen hindurcharbeiten. Am Nachmittage versuchte Kapitän Rüdiger noch einen Vorstoß nach Norden bis auf 80° 48' N. Br. ; hier wurde das Eis immer fester und dichter und zwang energisch zur Umkehr. Ein Schleppzug mit dem viereckigen Trawl auf 85 m Tiefe machte uns noch mit einer reichen Bodenfauna bekannt. Der Untergrund war felsig und besonders reich an Echinodermen, die durch zahlreiche Seesterne, Seeigel und Holothurien vertreten waren. Trotz der hohen Breite und der Fülle des Eises lag die Wasserwärme noch über dem Gefrierpunkt, allerdings nur noch wenige Zehntel Grade. Die Lufttemperatur maß zwischen 3 und 4" C. Das Plankton zeigte dieselbe Zusammensetzung wie an der Westküste von Spitzbergen. Bevor wir den Versuch, nach Osten vorzudringen, ausführten, genossen wir am Eingange der noch mit Treibeis bedeckten Riips-Bai einen herrlichen Ruhetag (Sonntag den 3. Juli) bei schönstem Sommer- wetter, das uns die hohe Breite, in der wir uns hier befanden (801/2° N. Br. !), fast vergessen ließ. Am Mittage zeigte das Thermometer im Schatten 11,5" C, eine der höchsten Temperaturen, welche in Nord- Spitzbergen je beobachtet worden ist. Der Dampfer lag am Eise befestigt, über dessen weißer, weit ausgedehnter Fläche die Luft unter den heißen Strahlen der Sonne zu flimmern schien. Hinter uns lag das blaue Meer, dessen glänzender Spiegel auch nicht von der kleinsten Welle gekräuselt wurde. Die fernen Gletscher und Firne der Küste waren in ein rosiges Licht getaucht, und eine Ruhe lag über der ganzen Natur, so feierlich, wie sie nur die nicht vom Menschen entweihte Einsamkeit der Arctis zu bieten vermag. Nur die Möwen unterbrachen hier und da mit einem heiseren Schrei diese Stille. Und wenn der Mitternachtssonne rosige Strahlen die ganze Landschaft mit zartestem Purpur übergießen, dann verstummen auch die Tiere. Selbst der hastende Mensch, der mit seinen realen Wünschen und Gefühlen in diese Zauberwelt der Natur eingedrungen ist, wird von ihrer Allmacht zum Schweigen gezwungen, und die Märchenbilder der Jugend von den Gefilden der Seligen tauchen wieder auf. Die Sonntagsfeier der Zoologen war eine stille Bootsfahrt über die klaren Tiefen des Fjordes. Stundenlang konnten wir, über den Rand des Bootes gebeugt, dem geheimnisvollen Treiben der pelagischen Tierwelt zuschauen. Orangefarbene Flossenschnecken (Clio borealis) tummeln sich als Schmetterlinge des Meeres zwischen glockenförmigen Medusen. Langsam ziehen flimmernde Ctenophoren ihre schillernden Bahnen und schleppen rotleuchtende Fäden in eleganten Windungen nach sich. Dazwischen huschen korallenrote Krebschen hin und her, und pfeilschnell schießen glashelle Sagitten durch das Getümmel. Wie weißliche Flocken steigen die Appendicularien in ihren großen Gallertgehäusen auf und nieder, und irisierende Würmer schlängeln sich behende zwischen ihnen durch. Ungern nur stört der Mensch dieses mannigfaltige Leben, denn schnell ist der Zauber entschwunden, wenn die rohe Hand des Konservators mit ihren Giften dazwischengreift. Bis lange nach Mitternacht waren wir mit dem Betäuben und Fixieren, Zeichnen und Registrieren dieser Planktonfülle beschäftigt. Die Mannschaft belustigte sich damit, auf den Eishügeln Speck zu braten, um durch den Duft die lüsternen Eisbären anzulocken. Eine Mutter mit zwei großen Jungen ging auch richtig in diese Falle und wurde dicht beim Schiff erlegt. Die Reisegefährten kehrten von einem Jagdausflug mit robbenbeladenem 22 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Boot zurück, ein reiches Material für unseren allverehrten Professor Friese, und die steigende Sonne sah ihn noch auf einem kleinen Feldstühlchen sitzend die auf einer Eisscholle lagernde Jagdbeute malen. Wenige Meilen hinter Cap Platen verhinderte das Eis ein weiteres Vordringen nach Osten. Die Dove-Bai war noch blockiert, und Karl Xll-Inseln lagen unerreichbar vor uns. Die Bodenfauna zeigte eine interessante Uebereinstimmung mit derjenigen der Smerenburg-Bai; dieselben roten Kalkalgen, die den ihren Farben angepaßten Tieren als Zufluchtsstätte dienen, füllten den Netzsack. Zum ersten Male wurde auch ein schön gefärbter Tintenfisch, eine Rossia-Ait, erbeutet. Fangschiffe, mit denen hier am Nordcap Spitzbergens Besuche ausgetauscht waren, hatten berichtet, daß die Hinlopen-S traße bis zu ihrem südlichen Eingang vollständig passierbar sei, und da uns daran lag, die zoologisch wenig erforschte Meerenge, welche die Faunengebiete von Nord- und Ost-Spitzbergen verbindet, kennen zu lernen, so ging es mit Volldampf um die große Stern-Insel herum an der Murchison- Bai vorbei in die Hinlopen-Straße hinein, die wirklich bis Cap Tor eil eisfrei war. Hier waren wir in Gebieten, deren Tierreichtum durch Kükenthal 1889 festgestellt war. Von unserem Ankerplatz hinter der kleinen Be hm -In sei unternahmen wir noch an demselben Abend Boots- fahrten an der den südlichen Zugang zur Hinlopen-Straße versperrenden Eiskante entlang und fischten mit Planktonnetzen und Dredgen aus der reichen Fauna dieser Gegend viele interessante Stücke. Zum ersten Male machten wir auch die Bekanntschaft von Walrossen und Weißwalen {Beluga leucas), von welch' letzteren eine Herde von über 100 Stück sich hier herumtummelte. Aber unseres Bleibens war hier nicht lange! Die starke Gezeitenströmung, welche die Straße entlang geht, trieb die Eisschollen hin und her; immer dichter wurden sie um unseren kleinen Dampfer zusammengeschoben und drohten ihn auf die Felsen des Eilandes zu pressen. Eintretender Nordwind machte die Situation noch kritischer, und wir konnten froh sein, als wir am anderen Nachmittag in der Lomme-Bai hinter der Foot- Insel, vor Sturm und Eis geschützt, einen sicheren Ankerplatz gefunden hatten. Die Meeresfauna dieser Bucht, welche von den hier eingeschlossenen Gletschern mit Schlamm und Geröll überschüttet wird, erwies sich als arm. Nur selten enthielt die Dredge Lebewesen. Bei der Ausfahrt aus der Lomme-Bai, die landschaftlich einen hochalpinen Charakter trägt, Schnee- felder und Gletscher wechseln mit Felszacken und Schutthalden, hatten wir zur Linken den mächtigen Gletscherstock des ca. 20 Meilen langen Ice-Cap, das auf seiner ganzen Länge mit steilen blauen Wänden jäh in das Meer abfällt, vor uns lag die flache Küste von Nord-Ost-Land, die sich nur wenig über das Niveau des Meeres erhebt. Dieser nördliche Teil der Hinlopen-Straße ist zoologisch gänzlich unbekannt; auch die Tiefenangaben der Seekarten erwiesen sich als falsch. Vor dem Ice-Cap, wo die englische Seekarte 22 Faden verzeichnet, loteten wir 450 m, eine Tiefe, die nach Norden noch zunahm und am Cap Verleegen Hook sogar 480 m erreichte. Zwei Dredgezüge auf dieser tiefen Rinne förderten einen fabelhaften Tier- reichtum zu Tage, dessen Charakter, wie im ganzen Norden Spitzbergens, von den Echinodermen bestimmt wird. Namentlich ein Seestern (Ctenodisciis) war in Hunderten von Exemplaren vertreten; die Astrophyten erreichten enorme Größen. Zu unserer besonderen Freude fanden wir hier auch in dem feinen blauen Schlicke, einen kleinen Alcyonaceenstock fest umklammernd, ein Exemplar des seltenen Urmollusken, Pro- neomeiiia, von dem bisher überhaupt erst 5 Individuen in arktischen Meeren gesammelt worden sind. Es schien uns wegen seiner von Proneomenia sluiteri abweichenden Form einer neuen Art anzugehören. Stufen- fänge mit dem großen Planktonnetz ergaben das interessante Resultat, daß sich am Grunde dieser Rinne ein schmaler Ast des kalten Polarstromes (gekennzeichnet durch den Diatomeenreichtura) nach Süden erstreckt, während in den oberen Wasserschichten nur die für das wärmere Golfstromwasser charakteristischen Tiere gefunden wurden. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 23 Nach einem kurzen erfolgreichen Jagdaufenthalt in der Wiide-Bai, die als guter Renntier- platz von allen Besuchern gerühmt wird, mußten wir zur Advent-Bai im Eis-Fjord eilen, weil wir hier einer Verabredung gemäß mit dem Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt -Aktiengesellschaft, der „Auguste Viktoria", am 12. Juli zusammentreffen sollten, um unsere Kohlenvorräte zur Weiterreise nach Ost-Spitzbergen zu ergänzen, wodurch uns ein zeitraubender Abstecher nach Tromsö erspart blieb. Von dieser Fahrt ist außer Sturm, der uns noch einen ganzen Tag an der Amsterdam-Insel festhielt und jede Arbeit unmöglich machte, nichts zu berichten. Wie anders nahm sich die Advent -Bai jetzt aus als in den Beschreibungen Kükenthal's von 1886, der hier mit dem Besitzer des Fangschiffes „H vidfisken", Morton Ingebrigtsen, innerhalb einiger Tage über 50 Weißwale erlegte ! In den wenigen Jahren hatte diese Bucht ein ganz civilisiertes Gewand angelegt ! Am Strande des Hafens auf einer langen, niedrigen Landzunge erhebt sich ein Hotel, ein Holzhaus in freundlichem Stil, welches eine norwegische Dampfer-Gesellschaft, die während des kurzen Sommers jede Woche Scharen von Touristen hierher führt, eingerichtet hat. Seit 2 Jahren befindet sich in dem Hotel auch eine sommerliche Poststation, und im Jahre 1897 erschien sogar eine Zeitung in drei verschiedenen Sprachen, deutsch, norwegisch und englisch, die nördlichste Zeitung der Welt ! Außer der „Auguste Viktoria", deren Gastfreundschaft uns schöne Tage bereitete, lag hier bei unserer Ankunft ein deutsches Kriegsschiff in voller Besatzung, S. M. S. „Olga", mit der Expedition des Deutschen Seefischerei-Vereins an Bord, welche die Erforschung der Fischgründe im westspitzbergischen Meere und bei der Bären-Insel zur Aufgabe hatte. Eine englische Yacht, mehrere kleine norwegische Touristenschifife und Galeassen vervollständigten dieses internationale Hafenbild. In kameradschaftlichem Verkehr mit den Herren der „Olga" und in gemeinsamer Arbeit mit dem Kollegen Hartlaub aus Helgoland, dem Zoologen der Fischerei-Expedition, verliefen die wenigen Tage der Erholung schnell und angenehm, bis am 15. Juli die „Helgoland" die Anker lichtete zur Fahrt in die ostspitzbergischen Gewässer, für die wir unser Laboratorium neu in Stand gesetzt hatten. Doch nicht so schnell, wie gehofft, sollten wir dieses Hauptziel unserer Reise erreichen. Um das Südcap Spitzbergens tobte ein orkanartiger Süd-Ost, vor dem sich das Schiff nur mit Mühe in den Horn- Sund retten konnte. Hier lagen wir zwar vor der brausenden See geschützt, dafür drohte aber dem Schifft und seiner Ankerkette eine beständige Gefahr durch die kurzen Sturzböen, die von den hohen Berten niedersausten, und durch die schweren Eisblöcke, welche die gewaltigen Gletscher aus dem Hintergrunde der Bucht in endloser Folge in das Meer hinaussandten. Für unsere Planktonsammlung war der dreitägige Aufenthalt im Horn-Sund durchaus nicht ungünstig. Der Golfstrom hatte eine Fülle pelagischer Organismen in diese Sackgasse hineingetrieben, die trotz des von den Gletschern verunreinigten Wassers und trotz des geringen Salzgehaltes gut erhalten blieben. Gerade die zartesten Medusen, Catablema campanula, Codonium princeps, Hippocrene supercüiaris, waren in schönen und großen Exemplaren vertreten. Die Fahrt um das Südcap herum über den Eingang des Stor-Fjordes erfolgte noch bei starker Dünung, an dem Archipel der Tausend-Inseln umhüllte uns dichter Nebel, das Meer blieb aber vorläufig noch voll- kommen eisfrei. An der Küste von Edgeland tauchten die hohen Abstürze des riesigen St. Johns-Gletschers, welcher den ganzen südöstlichen Rand dieser Insel bedeckt, hin und wieder aus dem Nebelmeer auf, und auch die kleinen Ryk-Ys-Inseln wurden gesehen. Der Kurs war nach Nord-Ost auf Gap Hammerfest, die Südspitze von Schwedisch-Vorland gerichtet, und wir durchquerten die Olgastraße in ihrer ganzen Breite (in ihrer Mitte wurde mit geringem Erfolg auf 290 m Tiefe gedredgt). 24 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Am 23. Juli morg^ens sahen wir endlich Land vor uns; es wurde zunächst eine kleine Insel bestiegen, um über die Lage Klarheit zu gewinnen. Nach dem Besteck hätten wir schon viel früher Cap Hammerfest erreichen müssen, und die Konfiguration des vor uns liegenden Landes stimmte auch gar nicht mit den Be- schreibungen dieses Vorgebirges überein. Die Ortsbestimmung des Kapitäns Rüdiger bewies nun, daß wir, wenn die Karte richtig wäre, quer durch den südlichen Teil von Schwedisch-Vorland durchgefahren sein müßten. Die Lösung dieses Rätsels ergab die spätere Untersuchung, die feststellte, daß Cap Hammerfest ca. 15 Meilen nördlicher liegt und Schwedisch-Vorland um die Hälfte zu lang auf den Karten gezeichnet ist. Wir befanden uns, wie bald erkannt wurde, im Süden der Jena-Insel, welche hier eine große halbkreisförmige Bucht umschließt. In der Mitte derselben liegen außer vielen kleinen Schären zwei größere Felseninseln. Die zuerst gesehene, etwa i Seemeile im Durchmesser, erhielt den Namen „Helgo- land" -In sei, es war die, auf welcher wir, wie oben erwähnt, landeten. In geringer Entfernung, südlich von ihr, liegt das zweite schmale, dafür aber längere (ca. 2 Seemeilen), flache Felseneiland, welches „T irpi tz"-In sei genannt wurde. Für unseren Kapitän Rijdiger begann nun die geographische Aufgabe. Er hat das Verdienst, als erster die Zahl, Lage und den Umfang der Inseln des König Karl-Archipels definitiv festgestellt zu haben. Wie KtJKENTHAL schon 1889 richtig vermutete, sind nur drei größere Inseln vorhanden, von Westen nach Osten gezählt, Schwedisch-Vorland, Jena- Insel, Abel-Insel. Die beiden öst- lichen Inseln der Karte, welche die Kapitäne Andreasen und Johannesen gesehen haben wollen, existieren nicht. Bei unseren Kreuz- und Querfahrten in diesem Gebiet haben wir alle drei Inseln langsam umfahren, und Kapitän Rüdiger hat eine fliegende Aufnahme derselben gemacht und über seine Resultate schon einen vorläufigen Bericht verötfent- licht. Die geographische Forschung war nicht unsere Aufgabe, und wir wollen auch nicht hierüber berichten, weil Herr Kapitän Rüdiger eine ausführliche Bearbeitung seiner Ergebnisse plant. Er war als Schiffsführer zu sehr in Anspruch genommen, verfügte außerdem nur über wenig Instrumente und Hilfs- kräfte und konnte daher nicht alle Details der Geographie dieses Gebietes feststellen. Die schwedische Expedition unter Nathorst, welche nach uns König Karls-Land besuchte, verfügte über reichere Arbeits- kräfte und Mittel und war daher in der Lage, auch den Einzelheiten ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ihre Resultate sind von Nathorst bereits veröffentlicht; die der Publikation beigegebene Specialkarte giebt eine gute Uebersicht über die Topographie dieses Gebietes. Mit der Erforschung der König Karls-Inseln ist das letzte größere Rätsel der Geographie des Spitzbergengebietes gelöst. Nachdem wir unseren ersten Beobachtungspunkt, die Helgoland -Insel, verlassen hatten, fuhren wir am Nachmittag des 23. Juli an der Südküste der Jena-Insel entlang. Während die Olga-Straße fast ganz eisfrei gewesen war, fanden wir die breite Südbucht dieser Insel noch ganz mit Treibeismassen vollgestopft, die uns viel zu schaften machten. Ein starker östlicher Wind setzte ein und schob die Schollen in der Fig. 5. Der Dampfer „Helgoland-' im Treibeis in der Süd- bucht d er J ena-Insel. (Nach einer Photographie von Forstassessor BrüNING.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 25 Bucht dichter zusammen; wir mußten bald die weitere Fahrt aufgeben und hinter einem hohen, auf dem Meeresgrunde in einer Tiefe von 50 m feststehenden Eisberge unseren Dampfer vermittelst Eisanker fest- legen ; hinter diesem natürlichen Eisbrecher waren wir sicher geborgen. Er war uns auch noch in anderer Hinsicht von Vorteil, als er uns ausgezeichnetes frisches Wasser zur Auffüllung unserer Tanks lieferte. In den Thälern dieser schwimmenden Eisgebirge sammeln sich nämlich kleine Schmelzwasserteiche an, deren oberflächliche Schichten aus dem schönsten, bakterienfreien Süßwasser bestehen, indem das schwerere Salz- # wasser zu Boden sinkt. Der westliche Teil der Jena-Insel stellt ein Hochplateau dar, aus dessen Fläche mehrere höhere Berge als Kuppen hervorragen, die östliche Seite ist flacher und zum größten Teil vereist, nur ganz im Osten ragt ein höherer Berg (Johnsen's Berg der schwedischen Karte) als brauner Felsenkegel aus der weißen Schneefläche hervor. Diese beiden so verschiedenartig aussehenden Teile sind durch ein ganz flaches Schwemmland verbunden, welches sich von Süden nach Norden in 2-3 Seemeilen Breite quer durch die Insel erstreckt. Dieser Teil ist so niedrig, daß er vom Schiff" aus einen Sund vortäuschen konnte, und es schien uns zunächst wichtig, an Land zu kommen, um diese Frage zu entscheiden. Der umsetzende Gezeitenstrom lockerte das Eis in der Nacht etwas, so daß wir um 2 Uhr unser Boot fertig machen konnten, um zu landen. Gleich beim ersten Be- treten der Insel wurden wir von 3 Bären empfangen, einer Mutter mit 2 Jungen , erstere und ein Junges wurden erlegt und das zweite gefangen. Dasselbe hat, in einer Kiste auf Deck untergebracht, noch so manche Nacht unseren Schlaf durch sein klägliches Geheul gestört (es blieb leider nicht allein , sondern wurde noch hier in König -Karls -Land durch 3 weitere Genossen zu einem Heulquartett ver- stärkt). Es war ein kläglicher Anblick, wie das kleine Vieh nicht von der ge- fallenen Mutter zu trennen war und ihr warmes Blut leckte, als wenn es dasselbe stillen wollte. Daß die Annahme derartiger Gefühlsregungen verfrüht war, mußten wir mit Schaudern wahrnehmen, denn bald darauf verschlang das kleine Ungeheuer das Fleisch seiner Mutter mit größtem Appetit. Nachdem wir unser Boot auf das Land gezogen hatten, begaben wir uns auf die Wanderung, deren Ziel zunächst der vermeintliche Sund war. Der Strand der Südbucht ist ein schmales Flachland, aus dem sich das Hochplateau der Insel fast senkrecht erhebt. Es wird von flach ausgebreiteten Decken basaltischer Eruptiv-Gesteine gebildet, welche auf horizontal gelagerten Sedimentärschichten von mergeligen Kalken und Sandsteinen liegen. Wir erkannten bald, daß sich diese Strandebene nach Nordosten in das niedrige, oben erwähnte Alluvialland fortsetzte, welches sich nur wenige Fuß über dem Meeresspiegel erhebt und wohl früher vom Meere bespült war, wie einzelne subfossile Muscheln und viele Treibholzstücke vermuten lassen. Es ist ein sumpfiger und lehmiger Schwemmboden, zum Teil mit üppiger Grasvegetation, in dem wir oft bis über die Kniee einsanken. In zahlreichen Bächen, Tümpeln und Teichen, die labyrinthisch die Fauna Arctica. 4 Fig. 6. Auf dem Plateau der Jena-Insel. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.) 26 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, ganze Ebene durchziehen, hat sich das Schmelzwasser, das von den steilen, zum Teil noch mit Schnee bedeckten Abhängen des westlichen Gebirgsstockes herabströmt, angesammelt. Hier waren die Brutplätze der Strandläufer, die schon flügge Junge hatten. Die senkrechten Abstürze des von schönen Diabassäulen gekrönten Felsenplateaus dagegen wurden von zahlreichen Möwen und Lummen bevölkert. Nachdem wir die Insel fast bis zur Nordküste durchquert hatten, wurde der Aufstieg auf das Hoch- land versucht; nach beschwerlichem Marsche über scharfkantiges basaltisches Geröll, entdeckten wir eine sanft ansteigende Schneehalde, welche bequem hinaufführte. Zahlreiche frische Bärenspuren zeigten, daß diese Tiere ihren Wechsel auch über das Hochplateau hatten. Auf der Höhe des Schneefeldes fanden wir sogar das Skelett einer Robbe, die von den Bären (vielleicht zur Fütterung ihrer Jungen) hinaufgeschleppt war. Vom Bergeshang genossen wir bei herrlichem Sonnenschein einen prachtvollen Blick über die ganze Ost- seite der Insel : Vor uns in der Tiefe die braune Ebene mit ihren zahlreichen Teichen und Bächen, in denen sich der blaue Himmel widerspiegelte, dahinter die sanft ansteigende glitzernde Schneedecke, welche den mittleren Teil der Insel überzieht und in der Ferne von der braunen Pyramide des Johnsen -Berges überragt wird, deren Spitze eine Nebelhaube krönt; rechts und links das blaue Meer mit seinen Eisbergen und Schollen. Schon hier konnten wir feststellen, daß weit nach Norden keine großen Eismassen vorhanden waren, und daß eine Umfahrung der Insel möglich sein würde. Nur die beiden Buchten im Süden und Norden der flachen Landenge waren noch mit Festeis bedeckt. Das Hochplateau, aus dem sich hinter uns ein steiler Kegel (der Haarfagreh äugen) erhob, war ein ödes, fast ganz vegetationsloses Trümmermeer, dessen Einförmigkeit nur durch einige Süßwasserbecken unterbrochen wurde. Von unserer hohen Warte machten wir die erfreuliche Entdeckung, daß die Inhaber der Tatzen, deren Abdrücke wir in reicher Zahl im Schnee gesehen hatten, nicht fern waren. In beträchtlicher Anzahl bevölkerten die Bären das Eis, welches die Südbucht bedeckte, und bei unserer Rückkehr war eine Jagd auf dieselben mit Erfolg gekrönt. Mit 3 kräftigen Bären im Schlepptau kehrten wir zum Dampfer zurück. Hierbei ist es uns auch zum ersten und einzigen Male passiert, daß ein Bär einen Angriff wagte, während sie sich sonst stets recht feige zeigten und meist schon auf weite Entfernung flüchteten. Das Motiv war die Mutterliebe. Einer von uns hatte einer Bärenmutter das einzige Junge weggeschossen und dabei diese selbst verwundet, was sie veranlaßte, gegen den Schützen Front zu machen. Diesem wäre es beinahe schlecht gegangen, er brach dicht vor der Bärin durch das Eis und versank, wobei er das Gewehr verlor; als er sich wieder herausgearbeitet hatte, mußte er mit dem Jagdmesser als einziger Wafte auf das wütende Tier losgehen, das zum Glück durch den Blutverlust infolge der Wunde schon stark geschwächt war. Er erhielt aber doch noch einen kleinen Prankenschlag, den er eine Zeitlang nicht vergessen konnte, und zog es daher vor, Fersengeld zu geben. Die Bärin bheb bei ihrem toten Jungen; erst später wurde ihr von den herbei- eilenden Gefährten der Garaus gemacht. — Während der nächsten Tage blieb der Dampfer noch hier liegen, weil dichter Nebel eingetreten war, und es wurden zur Erforschung der Insel verschiedene ähn- liche Landtouren unternommen wie die eben geschilderte. Für unsere Jäger waren die Exkursionen auf dem Eise fast stets mit Erfolg gekrönt, weil die Bären hier beinahe herdenweise vorkamen ; so wurden auf einer Bucht (Victoria- Bai) im Osten unseres Ankerplatzes nicht weniger als 14 Stück an einem Nachmittage gesehen. Die thranigen Tatzen der Bären und der reiche Mageninhalt bewiesen, daß sie hier keinen Hunger zu leiden hatten ; wir sahen auch zahlreiche Robben (meist Phoca annellata, weniger P. harbatn) überall an ihren Löchern im Eise liegen. Am 28. Juli dampften wir nach Osten weiter, mußten aber schon am Südost-Cap (Tömmernäs) wieder wegen dichten Nebels Halt machen. Dredgen und Planktonnetze waren in diesen ganz unerforschten Ge- wässern fortwährend in Thätigkeit. Nicht nur während der Fahrt des Dampfers wurde gefischt, sondern auch bei Exkursionen vom Boot aus. Bei den Ankerplätzen benutzten wir mit Vorliebe die Zugkraft treibender Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 27 Eisschollen, an denen das Netzseil befestigt wurde. Der ganze Meeresboden im Gebiet der König-Karls- Inseln ist aber so mit Felszacken und großen Steinen besät, und die Tiefen wechseln so rapid, daß das Arbeiten mit Grundnetzen hierdurch viel schwieriger ist als im übrigen Spitzbergengebiet und die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit erfordert. Trotzdem kamen die Dredgen meist ganz verbogen und zerbrochen herauf, so daß unsere Maschinisten stark mit den Reparaturen in Anspruch genommen wurden. Die Kurre für Fischfang konnte hier gar nicht in Anwendung kommen. Als es aufklarte, wurde ein Versuch gemacht, die östliche Eisgrenze durch einen Vorstoß nach Nord- osten auf Franz-Josephs-Land zu festzustellen. Die Lotungen ergaben, daß hier die Tiefe rapid zunimmt, was uns auf die Vermutung brachte, daß zwischen Spitzbergen und Franz-Josephs-Land eine tiefe Rinne verläuft, die von der großen NANSEN'schen Tiefe sich nach Süden abzweigt und allmählich in die flache Barents-See verstreicht. Leider kamen wir nicht weit genug, um diese Ansicht zu bestätigen ; ein heftiger Nordsturm und Nebel zwangen uns zur Umkehr. In den nächsten Tagen wurde die Jena-Insel von Norden her langsam umfahren und hierbei wieder- holt Station an Land gemacht. Eine der schönsten Nächte dieser Fahrt haben wir in der Nordbucht verlebt. Unser Ankerplatz lag neben einer langen, flachen Landzunge, die sich an dem Nordostrande der Bucht ins Meer erstreckt. Bei herrlichem Mitternachtssonnenschein wurde eine Wanderung quer über die Insel nach Süden unternommen, wobei wir mancherlei Vögel beobachten konnten, auch eine Eisbären -Mutter mit 2 Jungen wurde in ihrem Nachtlager überrascht. Sie hatte sich an einer steilen Schneehalde, die von der wärmenden Sonne gerade beschienen wurde, ein weiches Bett gescharrt. Wir haben in König-Karls-Land häufig die Beobachtung gemacht, daß die Bären nur am Tage die Küste und das Baieneis besuchen, zur Nacht aber auf das Gebirge gehen, um zu schlafen. Nachdem der völlig eisfreie Bremer -Sund passiert war, wurde am Cap Altmann, welches einen schmalen, niedrigen Landzipfel darstellt und sich nach Süden in eine Reihe kleiner Felseneilande auflöst. Halt gemacht und zur Erinnerung an die erste Umfahrung der Jena-Insel in einer Steinvarde eine Urkunde niedergelegt. Auf unserem alten Ankerplatz in der Südbucht trafen wir 2 Fangschiffe an, die, seitdem wir ihn verlassen, hier angekommen waren und auch bereits noch 9 Bären erlegt hatten, nachdem uns selbst die Jena-Insel schon 27 Stück geliefert hatte, ein Beweis für den fast unerschöpflichen Reichtum dieses Gebietes an Eisbären. Hier führte uns die Mannschaft das interessante Schauspiel einer Walroßjagd vor. Die beiden Kapitäne der Fangschiffe waren gerade bei uns (es war Sonntag Nachmittag) zur Kaffeevisite an Bord, da meldete der wachthabende Mann eines der Schifte ein Walroß. Sofort war ein Boot bemannt, vorn kniet auf einer kleinen Plattform der Harpunier mit Gewehr und Harpune bewaffnet, lautlos rudert die aus 3 Matrosen bestehende Mannschaft, seinen Winken gehorchend, zu der Stelle, wo das Walroß zuerst gesehen war. Plötzlich taucht der abenteuerliche Kopf des Ungeheuers vor dem Boote auf, ein Schuß aus der alten Donnerbüchse des Harpuniers hat getroffen, hoch springt das blutende Tier unter furchtbarem Gebrüll aus dem Wasser empor, um sofort wieder unterzutauchen. Das Boot folgt seiner roten Spur, und sobald der Riesenleib emporkommt, um Atem zu schöpfen, fährt ihm die Harpune in das Fleisch ; die Leine derselben wird schnell vorn am Bootsknopf befestigt, und das gequälte Tier saust mit dem Boot im Schlepptau fort, bis seine Kräfte erlahmen und ihm mit der Lanze der Garaus gemacht wird. Nicht selten greifen die Walrosse das Boot an und können dann recht gefährlich werden ; so hatte bei einem anderen Fangsmann, dessen Schiff wir besuchten, ein solcher wütend gewordener Riese mit seinen Hauern die Seitenwand eines Bootes glatt durchschlagen. Zwei kreisrunde Löcher in den dicken Brettern zeugten von der gewaltigen Kraft, mit der der Schlag geführt war. Am 2. August wurde die östlichste der drei Inseln, die Abel-Insel, welche wahrscheinlich noch keines Menschen Fuß betreten hat, besucht und umfahren. Sie stellt das ödeste Eiland dar, welches wir bisher 4* 28 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, gesehen haben, eigentlich ist sie nur ein großer, flacher Steinhaufen, lauter Geröll, nur an wenigen Stellen treten ein paar niedrige anstehende Diabassäulen zu Tage. Wenige Moose und Flechten (keine Phanerogamen wurden gefunden) bildeten den einzigen Schmuck der braunen Felsentrümmer, die an anderen Stellen noch mit Schneefeldern bedeckt waren. Hier und da unterbrach ein Schmelzwassertümpel die Einöde. Von uns wurde aber diese kahle Steinwüste gleich, nachdem wir sie betreten, mit Jubel begrüßt, denn wir entdeckten auf ihr einen ausgedehnten Brutplatz der Elfenbeinmöwe {Gavia alba), von der bisher trotz ihrer Häufigkeit nur wenige Brutplätze bekannt geworden sind. Sie brütete hier auf dem flachen Boden mit zahlreichen Meer- schwalben und Eiderenten zusammen, was um so merkwürdiger ist, als sie seither nur als Felsenbrüter in Gesellschaft anderer Möwen {Rissa tridactyla, Larus glaucus) beobachtet war. Von den Eiern, die bisher nur selten nach Europa gekommen waren, wurde noch eine beträchtliche Anzahl gefunden, meist waren aber schon Dunenjunge vorhanden, von denen die verschiedensten Altersstadien gesammelt werden konnten. Nun galt es noch, die dritte Insel zu untersuchen; wir fuhren zurück, an der Nordküste der Jena- Insel zum zweiten Male entlang, durch den Bremer-Sund nach Cap Weißenfels, dessen Name uns wieder an Kükenthal's Arbeiten in diesem Gebiete erinnerte. Wir konnten auch seine Beobachtungen über diesen Teil von König -Karls -Land bestätigen. — Die ganze östliche Seite der Insel ist ein mooriges, von Schneewasserbächen durchzogenes Flachland, aus dem als isolierte Inseln hier und da niedrige Sand- dünen hervorragen. In einer der letzteren fanden wir, im Triebsand fast ganz verschüttet, das schön gebleichte vollständige Skelett eines riesigen Bären ; es muß ein alter Bursche gewesen sein, denn die Zähne waren zum Teil schon stark ab- gekaut. Der sehr gut erhaltene Schädel war noch um mehrere Centimeter länger als der des größten von uns erlegten Bären. — An den Süßwassertümpeln, welche sich in reicher Menge fanden, hatte sich ein buntes Vogelleben entwickelt: Eisenten (Harelda glacialis), Taucher {Colynibus septeHirionalis), Eidergänse {Somafcria molUssima), Bernickelgänse {Bernicla brenta), Graugänse (Anser brachy- rhynchus) wurden in ihrer Umgebung beobachtet. — Aus dieser breiten Strandebene erhebt sich ziemlich steil ein zusammenhängender Gebirgsstock bis zur Höhe von 150 — 230 m, der in Gestalt eines schmalen Hoch- plateaus die ganze Insel von Süden nach Norden durchzieht und außerordentlich an die Sargdeckel-ähnlichen Küstengebirge von Edge- und Barents-Land erinnert, mit denen er auch geologisch große Uebereinstimmung zeigt. Im Nordwesten findet sich wieder eine ähnlich flache Strandebene dem Gebirge vorgelagert wie im Osten, während im Süden, Südwesten und Norden das Plateau verbreitert ist und meist steil zum Meere abfällt. In den Spalten und Klüften und auf den Basaltsäulen dieser Abhänge brüten zahlreiche Lummen und Möwen (unter ihnen auch vereinzelt die Elfenbeinmöwe, Gavia alba). Nachdem wir die Insel rings umfahren und auch einen Abstecher nach der Mitte des Bremer-Sundes gemacht hatten, um hier zu dredgen, waren unsere Arbeiten im Gebiete der König-Karls-Inseln beendet. Dieselben waren für uns Zoologen recht erfolgreich gewesen. Mit einem Ring von 9 größeren Dredge- stationen und vielen kleineren Schleppnetzzügen hatten wir die Inselgruppe umzogen und eine reiche Fauna gefunden, deren Zusammensetzung im wesentlichen mit der Fauna der Küste Ost- Spitzbergens und der Olga-Straße übereinstimmte. Neu hinzugekommen waren nur reiche Mengen von Kieselschwämmen Fig. 7. Diabasgeröll auf der Abel-Insel. Dazwischen brütende Elfenbeinmöwen. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 29 (Tetraxonia), die in jenen Gebieten nur spärlich vertreten waren. Die Planktonfauna war ebenso wie im ganzen übrigen Osten eine Mischung von Golf- und Polarstromtieren. Was endlich die Landtiere anbetriift, so hatten wir auch keinen wichtigen Vertreter der übrigen Spitzbergen-Fa^na vermißt. Im ganzen können wir die Ansicht Kükenthal's, „daß die König-Karls-Inseln in jeder Hinsicht als zur Spitzbergengruppe gehörig anzusehen sind", nur vollständig bestätigen. Am 5. August wurde König-Karls-Land verlassen und der Kurs nach Nord-Ost-Land, auf Cap Mohn, gerichtet. In flotter Fahrt ging es jetzt einem neuen, selbstgewählten Ziel entgegen: der Festlegung der Eisgrenze im Nordosten von Spitzbergen. Unterwegs schon konnten wir einige Erkundigungen darüber einziehen, denn unweit Cap Mohn kreuzte mit seiner Galeasse der Tromsöer Fangschiffer Andreasen, dessen Name mit der Geschichte von König-Karls-Land innig verknüpft ist. An diesem im Eismeer ergrauten Kapitän, der mehr als 30 Sommer seines Lebens in den unwirtlichen Gefilden des Nordens zugebracht hat, bewunderten wir nicht nur den gewissenhaften Geographen, sondern auch den scharfsinnigen Beobachter und Biologen, der uns manch Interessantes aus dem reichen Schatz seiner Tierkenntnisse mitteilen konnte. Ueber die Ostküste von Nord-Ost-Land, von Cap Mohn bis Cap Smyth, erstreckt sich ein einziger großer Gletscher, während der fast zweitägigen Fahrt sah das Auge nichts als Eis und Schnee und immer wieder Eis und Schnee. Ununterbrochen zieht zur Linken die blinkende Gletscherwand, die, vielfach zer- klüftet und zerrissen, Schluchten- und spaltenreich, mit 50 — 60 m hohen Wänden jäh in das Meer hinabstürzt. Ueber dem Gletscher erhebt sich ein einziges weißes Schneefeld, das nach dem Inneren des Landes zu, soweit das Auge schweift, in derselben schaurigen Oede und melancholischen Einsamkeit weiterzieht. Nirgends ein Berg, nirgends ein Stückchen dunkles Land oder ein Streifen Küste; überall derselbe schreckliche Riese, der jeden Eindringling weit von sich fernhält. Ein ewiges Knistern und Knacken, Donnern und Dröhnen begleitet unsere Fahrt, denn fortwährend stößt das Gletschergebirge, dem aus dem Inlandseise immer neue Nahrung zuströmt, Eismassen ab, die mit Gepolter und Krachen in das Meer stürzen. Das Wasser spritzt hoch auf, und alles in nächster Nähe gerät in Bewegung und ins Schaukeln. Ueberall treiben sich unter dem Gletscher dessen Kinder als Eisberge umher, von dem Dampfer in respektvoller Entfernung gemieden. Manche phantastischen Formen giebt es darunter. Die Sonne und die See nagen Tag und Nacht an diesen Blöcken und arbeiten langsam, aber ständig an ihrer Zerstörung. Riesigen Pilzen gleich, von der steten Bewegung der See unterwaschen und zerfressen, schwimmen sie dahin, eine große Gefahr für die Fahrzeuge. Durch das Auftauen oder das Bersten wird der Schwerpunkt einer solchen Eismasse, die oft Tausende von Kubikmetern mächtig sein kann (wir sahen Eisberge von 20 — 30 m Höhe und 700—800 m Seitenlänge), verändert. Der Block stürzt plötzlich mit ungeheurer Gewalt um, taucht auf und nieder, dreht und wendet sich und wühlt das Meer weithin auf. Schon manches Schiff, das einem Eisberge zu nahe gekommen, ist bei einer solchen Katastrophe mit Mann und Maus untergegangen. Auch für unseren kleinen Dampfer verlief diese Fahrt an der Eisküste entlang nicht ohne Gefahr, da mehrfach starker Nebel einfiel und die Aussicht verhinderte. So war der Dampfer einmal der Gletscher- wand sehr nahe gekommen, die plötzlich hoch über dem Schiff in erschreckender Mächtigkeit und Nähe aus dem Nebel auftauchte. Doch gelang es noch im letzten Moment das Steuer zu wenden und mit Voll- dampf rückwärts zu gehen, so daß wir mit dem bloßen Schrecken davonkamen. Ohne auf eine größere Eisbarriere zu stoßen, wurde am 7. August an der Ostseite der großen Insel, Stor-oe oder Great-Insel, Anker geworfen, deren Lage Kapitän Rüdiger etwa 20 Seemeilen nördlicher konstatierte, als auf der englischen Seekarte verzeichnet ist. Die südwestliche Hälfte dieses einsamen 30 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Ländchens erscheint als ein einheitliches Bergmassiv, dessen abgerundete Gipfel gleichmäßig mit einer Eis- kalotte bedeckt waren. Nach dem Meere zu endet sie in Gletscherabbrüchen, nach dem Inneren der Insel fällt sie als Schneefeld sanft ab. Die kleinere nordöstliche Hälfte ist ein niedriges Flachland, meist mit Geröll und Steinwällen bedeckt, aus denen nur selten ein Stückchen anstehendes Gestein, säulenförmiger Diabas, herausragt. Fast gänzlich kahl und vegetationsarm ist die schneefreie Steinwüste; die niedrigen, flachen Mulden und Einsenkungen sind mit Schmelzwasser gefüllt, welches in Gestalt von Bächen, Tümpeln und selbst größeren Seen etwas Abwechselung in dieses Trümmerfeld bringt. Die ungünstige Lage dieser Insel, an der Eiswüste des Nord-Ost-Landes, die wohl nur selten so eisfrei sein dürfte wie in diesem Jahre, ließ nicht eine besonders reiche Fauna erwarten. Um so mehr waren wir überrascht, hier die stark besetzten Nistplätze fast aller arktischen Inselbrüter vorzufinden. Die Seen waren bevölkert mit zahlreichen Eistauchern, Cdlymbus septentrionalis, die schon ihre Jungen in der Taucherkunst anleiteten ; ungeheure Scharen von Seeschwalben, Sterna arctica, brüteten um diese Zeit noch auf den mit niedrigem Moos bewachsenen Strandwällen. Zwischen diese Seeschwalben, die sonst keine fremden Vögel unter sich dulden , mischte sich eine kleine, zierliche Möwe mit blaugrauem Rücken, schwarzen Flügelspitzen und schwarzem Kopf, die ganz das Ge- bahren und die Flugweise der See- schwalben angenommen hatte. Es ge- lang uns, 3 Exemplare derselben zu er- legen, die sich als die seltene See- schwalbenmöwe , Xema sabinei (Sab.), herausstellten, die bis dahin noch nicht mit Sicherheit als Bewohnerin des Spitz- bergengebietes nachgewiesen war. Sie gehört nebst der noch selteneren Rosen- möwe zu den nördlichsten Erdbewohnern. Die übrigen Vögel der Great- Insel waren die allbekannten Vertreter, die uns schon allenthalben auf der Reise begegnet waren. Von Säugetieren wurden hier Walrosse, Robben, Eisbären und Füchse beobachtet, dagegen keine Renntiere oder deren Spuren. Am Strande und selbst noch weiter einwärts einige Meter über der Strand- linie lagen mächtige Walknochen, Rippen und Wirbel, die wir überhaupt fast an keiner Insel des Spitz- bergischen Archipels vermißt haben. Während des kurzen Aufenthaltes an der Great-Insel fiel bei der Schiffsführung die Entscheidung, von Süden aus eine Umschiffung des Nord-Ost-Landes zu versuchen, ein Wagnis, dessen Schwierigkeiten und Gefahren Herr Kapitän Rüdiger in seinem in der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin gehaltenen Vortrag ausführlich geschildert hat (Verhandlungen dieser Gesellschaft, 1898, No. 8 und 9). Es gelang über Erwarten glücklich! Die ganze Nacht hindurch mußten wir uns durch breite Packeisstreifen durch- arbeiten. Die Eisschollen kratzen, ritzen und sägen unaufhörlich an dem eisernen Schiffsrand. In den Kojen dröhnt und kracht es, als sollte das ganze Schiff zerdrückt werden. An Schlaf ist nicht zu denken. Alles ist auf der Kommandobrücke versammelt, um dem aufregenden Schauspiel beizuwohnen. Als wir noch mitten im Eise waren, verspürten wir plötzlich etwas Dünung, welche gegen alle Gewohnheit mit Freuden begrüßt wurde, weil sie bewies, daß vor uns eisfreies Wasser sein mußte. Fig. 8. Südost-Küste der Great-Insel. Strand mit Treibholz und Walknochen; im Hintergrunde die Eiskalotte mit Gletscherabbruch. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 31 Gegen Mittag des 8. August kamen Karl XII. Inseln in Sicht, die wir am 4. Juli schon einmal vom Cap Platen aus von der anderen Seite gesehen hatten. Wir sind also um ganz Spitz- bergen herumgekommen, die erste Umsegelung dieser Inselgruppe durch ein deutsches Schiff! An demselben Abend noch wurde der 81. Grad überschritten, dessen Erreichung durch eine Dredge- station auf 195 m Tiefe gefeiert wurde. Unser Bestreben war jetzt, soweit es die Eisverhältnisse zuließen, nach Norden vorzudringen, um die große Tiefe aufzusuchen, welche, wie Nansen's Expedition festgestellt hat, nördlich von Spitzbergen und Franz-Josephs-Land nach dem Atlantischen Ocean hinzieht. Da aber das inzwischen eingetretene schlechte Wetter ein erfolgreiches Ar- beiten an der Festeiskante nicht erwarten ließ, so mußte erst zu einer kleinen Bucht an der Nordseite der M arten s- Insel, die zur Gruppe der Sieben-Inseln gehört, zurückgefahren werden. Zwei Tage dauerte dieser Auf- enthalt, von dem als einziges wichtiges Ereignis die Erlegung eines Renntieres berichtet werden kann, das nördlichste Renntier, welches wir überhaupt antrafen. Am 10. August ging die Fahrt aus diesem Hafen in gerader Richtung nach Norden. Wiederum waren wir in der Nähe der Roß-Insel; wo uns noch vor einem Monat das Festeis zur Umkehr zwang , war jetzt dank der Sonne und des zehrenden Golfstrom- wassers keine Spur von Eis zu sehen. Noch fehlte der Eisblink, der Wieder- schein des Treibeises am Horizont, der bei klarem Wetter schon viele Meilen vorher die Lage des Eises verrät. So überschritten wir abends zum dritten Male den 81. Grad n. Br. ohne jedes Hindernis. Noch betrug die Wasser- temperatur + 3,6° C. Der Charakter des Planktons war noch dieselbe Mischfauna von Warm- und Kalt- wassertieren, welche wir im ganzen Osten Spitzbergens getroffen hatten. Genau auf 81 " n. Br. und auf 21 " ö. L. wurde wiederum bei 140 m Tiefe gedregt und auch der Charakter der Bodenfauna stimmte mit dem der übrigen Stationen aus dem nordspitzbergischen Gebiet überein. Allmählich aber näherten wir uns größerer Tiefe; stündliche Lotungen zeigten eine langsame Zunahme von 150 — 650 m. Hier wurde die Dredge wieder heruntergelassen, und in der kurzen Schleppzeit von 25 Minuten steigerte sich die Tiefe bis auf looo m. Als auf Si " 32' die Festeiskante erreicht war, konnten wir mit dem noch vorhandenen Lotdraht (der Vorrat war durch öfteren Verlust von mehreren Fig. 9. Trei bende Eisschollen (Meereis). (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.) Fig. IG. Stran debene der Martens-Ins el. Im Vordergrund Treib- holz und Waltischknochen. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.) 32 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, hundert Metern arg verringert worden) keinen Grund mehr erreichen. Erst etwas weiter südwesthch fanden wir mit 1130 m den Rand der Tiefe wieder, die sich bis auf 19" ö. L. immer noch über looo m hielt. Die Station 43 auf 81" 14' n. Br. und 18" 50' ö. L. war erst wieder flacher (680 m). Die 4 Dredge-Stationen am Abhang dieser steil nach Norden abfallenden Tiefe sind die Glanz- nummern unserer gesamten marinen Forschung. Sie führten zu der Entdeckung einer Fauna, welche von der des ganzen übrigen Spitzbergengebietes gänzlich abweicht. Nur ganz vereinzelte Vertreter der Flach- wasserfauna Spitzbergens kehrten hier wieder, die meisten Formen waren uns neu. Die Charaktertiere dieser typischen Tiefseefauna waren die Spongien, besonders Tetraxmiier und Hexactinelliden. Der Boden bestand aus einem dichten Filz von allerhand Schwammnadeln, der von riesigen Foraminiferen bevölkert wurde. Dichter feiner Schlick erfüllte die Lücken dieses Maschenwerkes. Zierliche Pennatuliden und bunte ÄlcyonidenStöckchen trugen an den Stielen kolbige Anschwellungen, wodurch sie vor dem Einsinken in den lockeren Schlamm geschützt sind. Auch das Plankton zeigte plötzlich eine ganz andere Zusammensetzung. Es überwogen in diesen Stationen an der Festeiskante nördlich des 81. Grades alle diejenigen Tiere, welche als typische Leitformen arktischer Gewässer angesehen werden, Diphyes arctica, eine hochnordische Siphonophore, welche wir bisher nur wenige Male bei König-Karls-Land erbeutet hatten, Krohnia hamata, ein Pfeilwurm der arktischen Hochsee, den wir nur in wenigen schlecht erhaltenen Exemplaren an der Westküste von Spitzbergen zu Gesicht bekommen hatten, hauptsächlich aber die Diatomeen, welche für kaltes Wasser ja besonders charakteristisch sind. Die Wassertemperatur war auch allmählich unter den Gefrierpunkt gesunken, das specifische Gewicht des Meerwassers betrug 1,0275, was bewies, daß wir die letzten Ausläufer des Golfstromes überholt hatten und im Bereich der kalten Polarströmung uns befanden. Die nördlichste Planktonstation, No. 71 am II. August um 4 Uhr morgens, lag auf 81" 32' n. ßr. und 20" 53' ö. L. bei — 0,8" C Oberflächentemperatur und — 1,2" C Luftwärme. Es war ein Tiefenfang aus 1150 m, den wir dadurch bewerkstelligten, daß ein kleines ApsTEiN'sches Eimernetz an der Lotleine befestigt wurde. Für einen Dredgezug war auf dem nördlichsten Punkte, der erreicht wurde, nicht genug freies Wasser. Die nördlichste Dredge-Station lag auf 81 '^ 22' n. Br. und 21** 21' ö. L. Ueber der großen Tiefe waren Stufenfänge geplant, um einen Einblick in die vertikale Verbreitung der Plankton-Organismen in den verschiedenen Meerestiefen zu erhalten. Ein großes Helgoländer Brutnetz wurde dazu, mit den nötigen Gewichten beschwert, an die Drahttrosse befestigt und zunächst über einer geloteten Tiefe von iioom 1050 m tief hinuntergelassen. Das Aufwinden geschah recht langsam und vorsichtig in möglichst gleichmäßigem Tempo. Die letzten 50 m des Drahtseiles waren aber schon mit gelbem Schlamm bedeckt, der nichts Gutes bedeutete. Der Dampfer mußte mit der großen Eisscholle, an welcher er mittels eines kleinen Ankers festgemacht war, auf geringere Tiefe getrieben sein. Das Netz war auf Grund geraten und konnte nach unserer Meinung nur total zerrissen an die Oberfläche kommen. Doch die Sache lief glücklicher ab, als wir erwartet hatten. Das Planktonnetz war mitsamt dem in sein unteres Ende eingebundenen Glashafen völlig intakt und bis zum Rande mit einem gelben Schlamm gefüllt. In diesem weichen Schlick saß eine Menge der schönsten Schwämme, kindskopfgroße Geodien, becherförmige Hexactinelliden und viele andere kleinere Spongien. Da es gefährlich war, das schwer belastete Netz an Bord zu heben, so wurde ein Boot flott gemacht, Schalen und Wannen mit verschiedenen Flüssigkeiten hineingesetzt, und dann die Schwämme, die in dem weichen Schlamm wohl erhalten waren, direkt aus dem Meerwasser in die Konser- vierungsmittel gebracht. So war aus dem geplanten Planktonfang ein Dredgezug geworden, welch glück- lichem Zufall wir eine Fülle gut erhaltener Tiefseeschwämme verdanken. Die ganze Nacht hatten wir mit Einleitung. Plan des Werkes und Reisebericht. -i-s dem reichhaltigen Material zu thun, und erst am anderen Morgen konnten die eigentlichen Planktonstufen- fänge gemacht werden. Inzwischen förderte eine Dredge aus looo m Tiefe weitere Tiefseetiere zu Tage! Während dieser dreitägigen, ergebnisreichen Arbeit bewegten wir uns an der Festeiskante entlang zwischen 21'' 21' ö. L. und 18« 50' ö. L. Hier waren wir in einer ganz neuen Welt, an dem „ewigen Eise"! Obschon wir bei der jena-Insel und am Nordost-Land Eisflächen von gewaltiger Ausdehnung kennen gelernt hatten, so war der Anblick, der sich uns hier bot, doch überwältigend. Soweit das Auge reichte, breitete sich vor uns ein einziges, unabsehbares Packeisfeld aus, unendlich und undurchdringbar in zauberischer Stille und Feierlichkeit. Das waren keine einförmigen, schneebedeckten Flächen mehr, das waren wild übereinander und durcheinander geschobene, zerbrochene oder hoch aufgetürmte Schollen. Dazwischen einzelne bergartige Eismassen, die einen großen Särgen nicht unähnlich, die anderen Berg- zacken vergleichbar, durch ihre riesigen Dimensionen ebenso imponierend wie durch die Mannigfaltigkeit und Abwechselung in ihren Formen. Ihre krystallblaue Farbe, die von dem weißen Meereise lebhaft absticht, kennzeichnet schon ihre Herkunft von den Gletschern des Festlandes. Andere wiederum sind von schmutziger Farbe, mit Moränenschutt und Schlamm untermischt, der oft in regelmäßigen Schichten abgelagert ist, so daß man Inseln vor sich zu haben glaubt. Eisiger Nordwind weht über die endlose Eisfläche, alles mit seiner schneidenden Kälte durch- dringend. Das Netz, das aus dem Wasser heraufgezogen wird, ist alsbald mit Eiskrystallen überzogen; jedes Gefäß gefriert unter den Händen, und alles Wasser, was auf Deck kommt, wird zu einer Eiskruste. Der kalte Schlamm in der Dredge, aus dem die einzelnen Tiere in stundenlanger Arbeit vorsichtig ausge- sucht werden müssen, erstarrt beständig. Aber alle diese Mühseligkeiten werden reichlich gelohnt durch den fesselnden Anblick der zauberischen arktischen Pracht und durch die Fülle neuer Eindrücke, welche uns die unentweihte Natur hier bietet. Es wäre eine schwierige Aufgabe, die Herrlichkeit dieser Bilder in Worten auch nur annähernd getreu wieder- zugeben ! Am 12. August bogen wir langsam wieder nach Süden um. Die. Abnahme der Kohlenvorräte mahnte zur Rückkehr. Zuvor wollten wir aber noch die Lücke, welche wir bei der Untersuchung der Olga-Straße an der Westküste gelassen hatten, ausfüllen und die verschiedenen Sunde und Buchten dieses Gebietes abfischen. Die vollständige Eisfreiheit der Hinlopen-Straße, in der wir bei der Durchfahrt noch unsere früheren Sammlungen ergänzten, lockte zu Seitensprüngen, und es wurde versucht, die Wilhelm-Insel, die im Süden dieser Straße gelegen ist, westlich durch die enge Bismarck-Straße zu umfahren, was vorher, soweit bekannt, noch nicht geschehen sein dürfte. Hier befanden wir uns mitten in dem Forschungs- gebiet der ersten deutschen Polarexpedition vom Jahre 1868, wie die zahlreichen deutschen Namen der Inseln, Berge und Gletscher auf der Karte bewiesen. Bei der Durchfahrt durch die Bismarck-Straße, die ohne Hindernisse gelang, erlebten wir in jähem Wechsel einen der schönsten und einen der häßlichsten Tage unserer ganzen Reise. Bei der Einfahrt lachte herrlicher Sonnenschein und vergoldete die prachtvolle hochalpine Landschaft mit ihren Schneegipfeln und Gletschern mit beinahe südlicher Glut, bei der Ausfahrt verhüllte dichtes Schneegestöber all diese Schön- heit, und ein eisiger Wind pfiff die schmale Straße entlang und mahnte daran, daß der arktische Sommer zu Ende ging. Dick beschneit standen wir auf Deck an der Dredge und bemühten uns vergeblich, die ungeheure Fülle von Tieren, welche dieselbe hier heraufgebracht hatte, zu bergen. Wir hatten nirgends im ganzen Spitzbergengebiet eine solche Mannigfaltigkeit und dabei einen so fabelhaften Individuen- Fauna Arctica. 5 34 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Fig. II. Gletscher in der Bismarck-Straße. Aus der Vogel- perspektive. (Nach einer Photographie von Forstassessor Brüning.) Reichtum gefunden, wie gerade in den Straßen Ost-Spitzbergens (Hinlopen-Straße, Bismarck-Straße, Helis- Sund und Walter-Thymen-Straße). Wir erklären uns diese Thatsache folgendermaßen: Der wechselnde Gezeitenstrom, welcher in reißender Schnelligkeit diese Straße durchzieht, ist ein guter Futtermeister der Bodenfauna, denn er führt in seinem flachen und engen Bett eine unglaubliche Menge von pelagischen Lebewesen über den Boden hin und her, so daß die dort lebenden Tiere Ueberfluß an Nahrung haben. Bei der starken Strömung können sich aber nur festsitzende Organismen gut halten und herrschen daher auch vor. Dicht gedrängt sitzen die Actinien auf jedem Felsvorsprung und Stein ; die ganze Dredge ist mit Hydroiden und Bryozoen bis zum Rande vollgefüllt, die dort unten einen undurchdringlichen Wald bilden müssen, denn der schwere Trawl war nicht bis zum Boden durchgedrungen, er enthielt keine Grundprobe. Die weitere Fahrt durch das vor dem Ausgang der Straße gelegene Insel- gewirr und zwischen den vielen von dem majestätischen Hochstetter-Gletscher ent- sendeten Eisbergen, von denen manche in dem flachen Sunde gestrandet waren, war nicht gerade angenehm, zumal an- fangs das Schneegestöber und nach seinem Aufhören dichte Nebel die Er- kennung des Fahrwassers erschwerten. Als schließlich bei sinkendem Barometer Sturm in Aussicht stand, war es ratsam, schleunigst die freie Olga-Straße aufzu- suchen. Unser nächster Ankerplatz lag recht geschützt an der Ostseite der Insel, welche den Helis-Sund in der Mitte ein- engt und in zwei Arme teilt. Dieselbe war noch nicht benannt und erhielt von Kapitän Rüdiger den Namen ,,Küken- thal- Insel". Es ist ein nach Osten mit senkrechten Basaltsäulen ins Meer abfallendes, ziemlich langgestrecktes Felseneiland, das sich nach Westen, nach der Ginevra-Bai zu, sanft abflacht und hier zahlreiche flache Buchten aufweist; einige Süßwasserteiche bedecken das Plateau. Die Felsen fanden wir von zahlreichen Vögeln, Möwen und Lummen, bevölkert, die hier ihre Brutplätze hatten. Am Eingang des nördlichen Armes des Helis-Sundes liegt eine zweite, kleinere Felseninsel, welche denselben wieder in zwei Straßen spaltet. Der Helis-Sund wird wegen seiner reißenden Strömung von den Fangschiftern gefürchtet. Auch unser Eislotse Johannesen, der ihn einmal befahren hatte, schilderte uns seine Strudel mit schrecklichen Farben und wäre nicht zu bewegen gewesen, noch einmal das Wagnis zu unternehmen. Unsere zwei jungen Matrosen waren wagehalsiger und begleiteten uns beide auf der Fahrt durch den nördlichen Arm des Sundes. Unser kleines Ruderboot fing zwar in der Mitte des Stromes arg zu tanzen an, doch Fig. 12. Helis-Sund mit Kükenthal- Insel. Im Hintergrunde die Ginevra-Bai. (Nach einer Photographie von Forstassessor Brüning.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 35 war die Sache lange nicht so schlimm, wie uns berichtet war, so daß wir ohne Schaden hin- und zurück- kamen. Wir überzeugten uns, daß der Strom, welcher in der That mit rapider Schnelligkeit durch die beiden Meerengen saust, nur ein Gezeitenstrom ist, der alle 6 Stunden umsetzt. Bei der Rückfahrt benutzten wir das stille Wasser bei seiner Kenterung, und es machte da gar keine Schwierigkeit, den Sund zu durch- kreuzen. Der Nordstrand desselben, der zu Groß-Spitzbergen gehört, war von zahlreichen Renntieren be- völkert, von denen wir einige erlegten. Die Fauna dieser Meeresstraße war wieder ebenso reich wie die der Bismarck-Straße. Die W.- Thymen- Straße, deren Eisdecke am 17. Juni noch die Durchfahrt aus dem Stor-Fjord verwehrt hatte, bot jetzt kein Hindernis mehr. Wir dampften bis zum Cap Lee, dredgten in der Mitte der Straße, kehrten aber wieder um, weil der Rückweg nicht durch den uns schon bekannten Stor-Fjord, sondern östlich um Edge-Land herum an den Rj^k-Ys-Inseln vorbei genommen werden sollte. Doch hätte beinahe noch die Thymen - Straße als Rückzugslinie gewählt werden müssen, weil nördlich der Ryk- Ys-Inseln große Treibeisfelder lagen, welche die Passage sehr beengten. Nachdem wir lange Zeit am Durch- kommen gezweifelt hatten, gelang es schließlich durch einen gewaltsamen Durchbruch. Auch hier ging der arktische Sommer schon zu Ende, denn die Temperatur des Meeres und der Luft sank bereits unter den Gefrierpunkt, und zwischen den Eisschollen bildete sich überall neues Eis. Die zoologischen Arbeiten an den Ryk-Ys-Inseln mußten deshalb beschleunigt werden. Ueber den Habitus der ganzen Ostküste von Barents- Land und Edge-Land, sowie über die erwähnten kleinen Inseln vor dem mächtigen König-Karls-Gletscher brauchen wir hier nichts zu berichten, da Kükenthal dieses ganze Gebiet eingehend geschildert hat. Am 19. August sahen wir an Cap Stone-Vorland zum letzten Male die Mitternachtssonne, die nur noch wenige Minuten über dem Horizont stand. Die kahle, steile Hoffnungs-Insel, deren Ost- und Südseite von hellem Sonnenschein beleuchtet war, während an der Nordseite dichter Nebel lagerte, blieb rechts liegen, wir steuerten auf die Spitz- bergen-Bank, deren Fischreichtum von den norwegischen Fangschiffern gerühmt wird. Der auf der Seekarte verzeichnete Sand- und Shell -Grund und die geringe Meerestiefe, die stellenweise mit nur 30 und 20 Faden angegeben ist, schien ein für die Kurrenfischerei günstiges Terrain zu sein, daher wurde, sobald eine Tiefe von 65 m mit geeignetem Grund getroifen war, die Kurre in die Tiefe gelassen. Nach einer Stunde Schleppzeit war der Netzsack schon bis zum Rande voll. Die ganze Schiffsmannschaft mußte zum Ueberholen des Netzes aufgeboten werden, doch bestand der Fang nicht aus Fischen, sondern aus vielen Centnern von Seegurken, Cucumaria frondosa. Nur wenige größere Dorsche und einige Balaniden- kolonien waren dazwischen. Weitere Kurrenzüge konnten nicht gemacht werden, denn das Barometer war in starkem Sinken, und vor uns stand eine Nebelbank, die nichts Gutes ahnen ließ. Noch waren die See- gurken nicht über Bord geschaufelt, da begannen auch schon die Stampfbewegungen des Schiffes. Bald brach der Sturm los, die Seen gingen über Deck und zum Ueberfluß kam auch noch Nebel auf. Jede Arbeit, ja jeder Aufenthalt an Deck, war unmöglich geworden. Als endlich am Morgen des 22. August die norwegische Küste in Sicht kam, da befanden wir uns östlich vom Nordcap. Sturm und Strom hatten das Schiff 66 Meilen nach Osten versetzt, so daß wir ca. 10 Stunden später in Tromsö eintrafen, als berechnet war. Ein zehntägiger Aufenthalt in Tromsö war notwendig zur Reinigung der Maschine und des ganzen Dampfers, sowie zur Ergänzung der Kohlenvorräte und des Proviants. Auch wir hatten genug mit dem Ver- packen der gesammelten Tiere, Zulöten der Blechkisten, Reparaturen der Netze etc. zu thun. Am 2. September wurde der zweite Teil der Reise angetreten. Ursprünglich war beabsichtigt, in die Barents-See zu gehen, möglichst weit nördlich vorzudringen und östlich die Gewässer um Nowaja- 5* 36 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Semlja zu besuchen. Die günstigen Eisverhältnisse in Ost - Spitzbergen hatten uns aber zu längerem Auf- enthalt in diesen wenig erforschten Gebieten veranlaßt und daher die erste Reise weit über die vorgesehene Dauer verlängert. Bei der vorgeschrittenen Jahreszeit und der zunehmenden Dunkelheit mußte die zweite Reise nach Osten sehr gekürzt werden, um so mehr, als wir auch unsere Gläser und Kisten ziemlich gefüllt hatten und nicht mehr viel unterbringen konnten. Schon die Fahrt um das Norde ap und namentlich an der Murmanküste gab uns hinreichend Gelegenheit, die Gewalt der hier tobenden Herbststürme kennen zu lernen. An zoologisches Arbeiten war hier gar nicht zu denken, und wir sahen daher bald ein, daß selbst eine Erreichung von Nowaja- Semlja um diese Jahreszeit für uns ganz zwecklos gewesen wäre. Wir konnten an der ganzen Nordküste Norwegens bei dem anhaltenden Unwetter nur wenige Stichproben der Fauna erhalten. Als Ziel der Reise wurde Archangel gewählt; es sind von der ganzen Fahrt bis dahin aber nur 2 wichtigere Stationen hervorzuheben, der Besuch von J e r e d i k e (Port Wladimir) und Katharinen- Hafen an der Murmanküste. Port Wladimir ist ein kleiner Fischereihafen, sehr geschützt in einer von hohen Felsen umrahmten Bucht hinter einer Insel gelegen. Hier befand sich vor einigen Jahren eine große Walstation, auf der Klikenthal 1889 noch reiches Material gesammelt hat. Die Gesellschaft, der sie gehörte, hat aber Bankerott gemacht, weil ihre Dampfer keine Wale mehr fanden. Aus den Fang- journalen der Station konnten wir ersehen, daß seit 1890 von Jahr zu Jahr die Wale mehr von der Küste verschwunden sind und sich nach Norden zurückgezogen haben, jetzt läßt sich nur höchst selten einer sehen, während sie früher oft unmittelbar vor der Station im Fjord erbeutet wurden. In den geschützten Buchten und Sunden der Umgebung dieser Station konnten wir dredgen und Plankton fischen und fanden ebenso wie Kükenthal eine mannigfaltige litorale Fauna ; pelagische Organismen waren hingegen nur sehr spärlich vertreten. Auch während der ganzen Fahrt längs der lapp- ländischen Küste fiel uns die Armut des Planktons auf; hiermit mag vielleicht das Ausbleiben der Heringe in diesem Jahre in Zusammenhang stehen Ein Fischereiunternehmer, Herr Göbel, welcher die Walfabrik in Jeredike in eine Heringsstation umgewandelt hatte, wartete schon seit 4 Wochen vergeblich auf das Erscheinen der Heringszüge, die in sonstigen Jahren schon Ende August ihren Einzug in die Buchten und Sunde Lapplands halten. Auch wir hatten unser Heringsnetz fleißig im Gebrauch, fingen aber auch nur wenige Exemplare. Wenige Meilen östlich von Jeredike liegt der Kola -Fjord. Eine kleine Seitenbucht desselben wird von der russischen Regierung zu einem Kriegshafen ausgebaut, der den Namen „Katharinen-Hafen" führen soll. Derselbe liegt sehr geschützt zwischen Felsen und besitzt große Tiefe, so daß selbst die größten Kriegsschiffe hier sicher ankern können ; auch bei unserer Ankunft war hier schon ein russischer Kreuzer stationiert, dem die Vermessungen der Murmanküste, die Instandhaltung der Seezeichen und die Fischereipolizei obliegen. Im Katharinen-Hafen vollzog sich im vorigen Sommer ein selten zu beobachtendes Schauspiel, nämlich die Entstehung einer Stadt auf höheren Befehl. In nur zwei Sommern waren schon die riesigen Hafenmolen erbaut worden und eine breite Chaussee, die in mehreren Windungen in die Granitfelsen des steilen Strandes eingesprengt ist und zu der landeinwärts gelegenen Stadt führt. Eine Süßwasserleitung war bereits fertig. Das erste, was man von der hinter Bergen versteckten Stadt sah, war die freundliche, in russischem Blockhausstil erbaute Holzkirche, welche die Spitze eines Felsens recht maleriscl: mit ihren Kuppeln und Thürmchen krönt. Mitten in einem Torfmoor, auf ganz sumpfigem Terrain, wurden meist auf Pfählen oder auf Betonkästen über Steinfundamenten die schmucken Wohnhäuser, ebenfalls aus Holz, erbaut, die mit ihren bunten Dächern und mannigfaltigen Schnitzereien einen recht freundlichen Eindruck machten und auch im Inneren zweckmäßig und geräumig eingerichtet waren. Da an dieser kahlen Felsen- Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 37 küste natürlich kein Baumaterial vorhanden ist und auch die Unterhaltung vieler Arbeitskräfte hier oben teurer ist als in Archangel, so werden die Häuser in allen ihren Teilen fix und fertig mit Dampfern hierher gebracht, so daß sie nur zusammengesetzt und in einer Reihe nebeneinander gestellt zu werden brauchen, um eine Straße zu bilden. Der Ausbau der letzteren hatte mit dem Häuserbau nicht Schritt halten können, meist waren die Straßen nur durch Bretter, die über das sumpfige Moor die Kommunikation zwischen den einzelnen Häusern ermöglichten, markiert. Das originelle Verfahren, eine Stadt zu bauen, ehe die Ein- wohner da sind, ist echt russisch. Zunächst wird die Kirche errichtet, und einige Beamte werden hinkommandiert als Grundstock der Bevölkerung, dann die Stadt gebaut und nun erst Kolonisten angezogen, die man durch Steuererlaß, Ge- währung freier Wohnung und womöglich noch durch Verabreichung von Lebensmitteln zu fesseln sucht. Auch durch Verbannte, die wegen leichter politischer Verbrechen in diese Vorstation Sibiriens deportiert werden, wird die Bevölkerung vermehrt. Für uns hatte diese Stadt noch einen besonderen Anziehungspunkt. Hier war nämlich in diesem Jahre unter Leitung von Professor Knipowitsch aus Petersburg eine biologische Station entstanden, welcher außer der zoologischen Erforschung der benachbarten Teile des Eismeeres die Aufgabe zufällt, die arg darniederliegenden Fischereiverhältnisse an der Murmanküste zu organisieren. Wir fanden zu unserer großen Freude als stellvertretenden Direktor der Anstalt einen Schüler des Berliner zoologischen Institutes, Herrn Dr. L. L. Breitfuss, vor, der uns nicht nur gastlich aufnahm und mit den Einrichtungen und Sammlungen des Institutes bekannt machte, sondern auch bei unseren Meeresuntersuchungen in der Umgegend als liebens- würdiger Führer diente. In dem reichen Material, welches schon während dieses einen Sommers von den Fang- schiffen der Station zusammengebracht war, fanden wir meist alte Bekannte aus Spitzbergen wieder. Die mit reichen Mitteln und guten Arbeitskräften versehene Anstalt besitzt seit diesem Sommer auch einen großen, für die biologische Meeresforschung auf das modernste ausgerüsteten Dampfer und beabsichtigt in den nächsten Jahren auf demselben Forschungsreisen in die ferner liegenden arktischen Gebiete zu unternehmen. Von Katharinen-Hafen aus wurde zusammen mit Kollegen Breitfuss eine zweitägige Exkursion nach der östlich von der Kola-Bucht gelegenen Insel Kildin gemacht. Auf derselben befindet sich der durch Knipowitsch bekannt gewordene Reliktensee „Mogilnoje", dessen Fauna wir untersuchen wollten. — Der südöstliche Teil der sonst sehr steilen kleinen Insel, der von dem Festland durch einen ca. 2 Seemeilen breiten Sund getrennt ist, stellt ein flaches Vorland dar, das terrassenförmig zum Meere abfällt. Der hier gelegene Reliktensee war ursprünglich eine Bucht der Meerenge, durch eine Hebung des Strandes ist er später durch einen breiten Damm vom Meere abgetrennt worden. Allerhand dunkle Gerüchte über ihn waren uns schon während der Reise zu Ohren gekommen. Er sollte eine unterirdische Verbindung mit dem Meere haben, Ebbe und Flut zeigen und von abenteuerlichen Tieren bevölkert sein. Wir ankerten in einer kleinen Bucht vor dem Hause des norwegischen Besitzers der Insel, Herrn Eriksen, der hier Fischerei und Viehzucht betreibt. Wenige Minuten hinter seiner Besitzung fanden wir den See. Hinter demselben erhebt sich allmählich das Plateau der Insel, an dem wir schon aus der Ferne regelmäßige, parallele alte Strandlinien bemerkten, welche die periodische Hebung dieses Teiles der Insel beweisen. Vom Meere ist der See durch einen etwa loo m breiten Steinwall getrennt, der an seiner niedrigsten Stelle etwa lo m über den Meeresspiegel sich erhebt. Eine Kommunikation mit dem Meere ist nicht vorhanden. Ausgestellte Flutmarken ergaben, daß von Ebbe und Flut keine Rede sein kann, was uns auch schon deswegen unmöglich erschien, weil der Spiegel des Sees über dem des Meeres gelegen ist. Zur erfolgreichen Untersuchung des Sees war ein starkes Boot notwendig. Wir mußten daher zunächst mit großer Anstrengung eines unserer schweren Walroßboote über den Strandwall schleppen. Ein zweites 28 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, leichteres Boot wurde uns von Herrn Eriksen freundlichst geliehen. Eine genaue hydrographische Unter- suchung machte uns mit den Tiefen, Temperaturen und dem Salzgehalt bekannt. Das ca. 400 m lange und 200 m breite Becken des Sees flacht sich nach der dem Inneren der Insel zu gelegenen Längsseite langsam ab, während die nach dem Sund zu gelegene Hälfte steiler abfällt und ihre größte Tiefe mit 16 m erreicht. Der Salzgehalt stimmt auf dem Boden mit dem des Meeres überein (ca. 3,5 Proz.), die Oberfläche hingegen ist bis zur Tiefe von 5 m beinahe süß (ca. 0,5 Proz.). Hinsichtlich der Temperaturen fanden wir die merkwürdige Erscheinung, daß die höchste Wärmestufe auf 6V2 m mit 12,2" C lag. Die Temperatur der Ober- fläche maß nur 9,1" und steigerte sich nur ganz allmählich bis auf 9,7" in 6 m Tiefe. Innerhalb eines halben Meters fand sich also ein Sprung von 9,7—12,2". Diese Temperatur erhielt sich bis auf 8 m, nahm dann aber allmählich bis zur Sohle ab, so daß an der tiefsten Stelle (16 m) nur 7,6» beobachtet wurden. Die Erklärung für diese eigentümliche Abstufung der Temperatur erblicken wir darin, daß die sommerliche Sonnenwärme die oberflächlichen Wasserschichten stark erwärmt hatte (bis auf 12" in 8 m Tiefe) und nun die allmähliche Abkühlung infolge des kühleren, regnerischen Herbstwetters von der Oberfläche her begann. Zur Untersuchung der Fauna wurden 22 Dredgezüge und sehr zahlreiche horizontale, sowie vertikale Planktonzüge, sowie Stufenfänge an den verschiedensten Stellen und in allen Tiefen gemacht und schließlich in 5 Schleppzügen mit einem großen PETTERSEN'schen Trawl der ganze Boden abgefischt. Das über- raschendste Ergebnis fanden wir bei den Planktonzügen, nämlich daß die oberflächlichsten, fast süßen Wasserschichten von Scharen kleiner und großer Medusen (winzige Tiariden, große Cyaneen u. a.) bevölkert waren, daneben fanden sich Süßwasser-Crustaceen, Daphniden und Copepoden. Die Bodenfauna war viel ärmlicher, von Fischen wurden nur zahlreiche kleine Dorsche, deren Gestalt gegenüber den Meeresformen etwas verändert war, sowie Centronoivs guneUus erbeutet, außerdem Polychäten und Ascidien ; die meisten marinen Tiere, welche Knipowitsch noch vor 10 Jahren hier lebend fand, waren inzwischen ausgestorben und wurden nur in Resten der Hartgebilde, also subfossil in den Bodenproben beobachtet. Von eingewanderten Süßwassertieren bemerkten wir außer einigen Protozoen CÄ/rowo»JMS-Larven in großer Menge, die ja auch in unserem größten Reliktensee, der Ostsee, gefunden werden. Die nähere Untersuchung und Verarbeitung des gesammelten Materiales wird zum Gegenstand einer besonderen kleinen biologischen Studie der „Fauna arctica" gemacht werden. Nachdem wir Kollegen Breitfuss wieder nach Katharinen-Hafen zurückgebracht hatten, ging die Fahrt weiter an der Küste der Halbinsel Kola entlang in das Weiße Meer, dessen gefürchtete Stürme wir gründlich kennen lernen sollten. Dieses flache Meer ist besonders berüchtigt wegen seiner Grundseen, die uns, nachdem wir kaum in dasselbe eingebogen waren, den schwersten Schiffstanz unserer ganzen Reise erleben ließen. Die von hinten hereinbrechenden, haushohen Sturzseen drohten unser Schiftchen zu zer- schmettern ; wir mußten beidrehen und uns einfach als Spielball der Wellen umherwerfen lassen. Nach diesen Strapazen waren die Tage der Erholung in Archangel um so angenehmer. Hier ver- lebten wir in dem gastlichen Hause eines Landsmannes, des Pastors der dortigen deutschen Gemeinde, Herrn F. Bock, schöne Stunden deutscher Gemütlichkeit und wurden von ihm und anderen Landsleuten in das bunte Leben dieses größten Handelsplatzes des arktischen Rußland eingeführt. Nachdem wir bei der Rückfahrt das Weiße Meer auch von seiner freundlicheren Seite kennen gelernt hatten — es wurden bei herrlichem Sonnenschein einige Dredgezüge ausgeführt — kehrten wir längs der norwegischen Küste über Vadsö, Hammerfest, Tromsö in die Heimat zurück. Die Nordsee, die uns bei der Ausfahrt auf eine harte Probe gestellt, wollte sehen, ob wir etwas zugelernt hätten, und trieb es noch ärger als damals. — So endete die Reise, wie sie begonnen, mit Sturm! Einleitung. Plan des Werkes und Reisebericht. 39 Biologisches und Tiergeographisehes aus dem Spitzbergen-Gebiet. I. Die Meerestiere. A. Die Bodenfauna. Eine eingehende zusammenfassende Charakteristik der Bodenfauna der von uns untersuchten arktischen Gebiete sowie eine Feststellung ihrer physikalischen und biocönotischen Lebensbedingungen wird erst möglich sein, wenn unsere in vielen Gruppen recht umfangreichen Sammlungen ihre specielle systematische Durcharbeitung erfahren haben werden. Wir haben daher die Absicht, diese Zusammen- fassung der Untersuchungsresultate, sowohl für das Plankton, wie für das Benthos in einem Schlußkapitel der „Fauna arctica" ausführlich zu behandeln. Im folgenden sollen nur einige Notizen, Beobachtungen und Ideen, die wir während der Reise und beim Sortieren des Materials gewonnen haben, ganz in Kürze mitgeteilt werden. Vielleicht sind einzelne dieser aphoristischen Bemerkungen schon jetzt diesem oder jenem Benutzer und Bearbeiter der „Fauna arctica' willkommen. Im Spitzbergengebiet wurden 51 Dredgestationen angelegt, an der Murmanküste 8. An vielen der- selben haben wir mehr als einen, oft 5 bis 6 Schleppnetzzüge gemacht. Meist wurde vom Dampfer aus gearbeitet und die große viereckige Dredge (Trawl) nebst Drahtseil und Dampfwinde benutzt; nur in flachen Buchten und an klippenreichen Gestaden, wo der Dampfer nicht hingelangen konnte, ließen wir die kleineren Dredgen vom Boot aus herab und schleppten mit der Hand. Wo es möglich war, nutzten wir die Zugkraft treibender Eisschollen aus, eine zuerst von Kükenthal empfohlene ausgezeichnete Methode der Schleppnetzfischerei. Außer den Dredgen wurden regelmäßig (meist in Verbindung mit ihnen) mehrere (gewöhnlich 4) Schwabber verwendet, die sich ausgezeichnet bewährten und namentlich Echinodermen in reichen Mengen fingen. Auch mit der großen Fischkurre haben wir einige Male wahre Riesenexemplare verschiedener Organismen so schön erhalten heraufbekommen, wie es mit der schweren Dredge nicht der Fall war. Leider kann dieses Fanginstrument nur auf gleichmäßig ebenem Boden mit Erfolg angewendet werden ; da es einen solchen im Spitzbergengebiet nur selten giebt, ist seine Benutzbarkeit sehr beschränkt. Sobald wir vor Anker lagen, wurde die Reuse (Monaco - System) mit Köder (Fleisch oder Speck) herab- gelassen, in der wir namentlich Crustaceen und Gastropoden fingen. Es dürfte wenige Gebiete geben, in denen der Bodenuntersuchung so viele Hindernisse begegnen, wie in der Spitzbergen-See. Fortwährend wechselnde Tiefe, riesige Felsen und ein mit großen Steinen übersäter Meeresboden stellen große Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Dredgenden, wenn er nicht fortwährend seine Netze verlieren will. Eine der ersten Vorbedingungen zu diesen Arbeiten ist ein auf den leisesten Wink gehorchendes Schilf, das sofort bei jedem Hindernis rückwärts gehen kann. Unser Dampfer „Helgo- land" erfüllte diese Bedingung in hohem Maße. Ferner fanden sich, namentlich im Osten, an vielen Stellen so starke Strömungen, daß die Dredge gar nicht den Boden erreicht, wenn sie nicht sehr beschwert ist. Thut man das aber, so sinkt sie wieder zu tief in den Schlamm und bringt nur diesen, aber keine Tiere herauf. Um das Netz auf den Boden zu bringen, es aber doch so leicht zu machen, daß es nur über die Oberfläche des Meeresboden hingleitet, muß man das beschwerende Gewicht einige Meter vor der Dredge an dem Seil befestigen. Wir benutzten hierzu die langen Maschinenroste, von denen je nach der Tiefe 2 -6 angebunden wurden. Sie bildeten zusammen ein langes, keilförmiges Gewicht, 40 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, welches den Meeresboden durchfurchte und schon, ehe die Dredge Gefahr lief zerstört zu werden, jedes Hindernis anzeigte. An demselben hatten wir auch Schwabber befestigt, welche die beim Aufwühlen des Bodens aufgestörten, tief im Schlamm sitzenden Tiere fingen. — Ueber die Lage der Dredgestationen, ihre Verteilung in der Spitzbergensee, die Meerestiefe und Bodenbeschaffenheit giebt die folgende Liste, welche durch die Karte No. I ergänzt wird, Auskunft. Verzeichnis der Dredge-Stationen im Nördlichen Eismeer. Geographische Datum Tiefe des No. Ortsangabe des Bodenbeschaftenheit Meeres Länge Breite Fanges in Metern , Bären-Insel. Südhafen 19° 18' 74" 21' 14. Juni 15 Grober Kies, große Laminarien 2 Bären-Insel, Westseite 18° 14' 74" 36' 15- ?i 29 Grober Kies und einzelne größere Steine, viele Balanidenschalen 3 Stor-Fjord, 13 Seemeilen WSW. von Whales Point 20" 3' ^^0 / / 19' I / . 5> 52 Gelber Mud mit abgerollten Steinen 4 Stor-Fjord, Cap Lee am Eingang in die W.-Thyinen-Straße 20» 3' 78" 6,5' 18. )J 45 Kleine Steine bis Faustgröße ; Lammarien auf abgerollten Steinen 5 Stor-Fjord, am Cap Blanck 20« 3' ^^0 49' 18. ') 65 Keine Grundprobe 6 Stor-Fjord, Nähe des Changing Point am Eingang in die Ginevra-Bai 20" 0' 78» 15' 20. »? 105 — 110 Blauer, zäher Lehm mit einzelnen kleinen abgerollten .Steinen 7 Stor-Fiord, Nähe der Hassenstein- Bucht 20" 52' 77° 35' 23. )1 litoral bis 10 Feiner, blauer Mud, fast ohne Steine. Am Ufer viel Schwemmland 8 Eingang in die Deevie-Bai, zwischen Wliales Point und den Konig- Ludwigs-Inseln 2,0 2' 77" 23' 23. )) 28 Abgerollte Schiefer, mit Laminarien be- wachsen 9 Halbmond-Insel, 3 Seemeilen südlich in der Nähe der Menke-Insel 230 23' 12' 25- )J 90 Blauer, zäher Lehm mit einzelnen größeren und zahlreichen kleineren abgerollten Steinen 10 Bei -Sund, in der Mitte des Ein- ganges 14° 5' 1 i 37' 27. ») 150 Blauer, zäher Lehm mit vielen größeren und kleineren abgerollten Steinen II Kings- und Cross-Bai, in der Mitte II" 37' 79" 2' 30. )» 250—395 Blauer, feiner SchHck mit abgerollten vul- des Einganges kanischen Steinen bis Kopfgröße 12 Smerenburg-Bai, hinteres Ende 11" 2g' 79° 39' 30. )) 50 Kleine, scharfkantige Steine (Granit), dicht bedeckt mit Wurmröhren aus Sand. Rot- algen und feine Fadenalgen 13 Ross-Insel, ca. l Seemeile NW. 20° 23' 80» 48' -* Juli 85 Blauer Mud und roter Lehm mit vielen kleinen und großen Steinen (Dredge stark verbogen) 14 Cap Platen, ca. 5 Seemeilen NO. 23» 30' 80° 35' 4- )> 40 Wenig Mud. Mit roten Kalkalgen und Florideen bewachsene Steine bis Kopf- größe mid einzelne große Kalkalgenstöcke 15 Hinlopen-Straße, Südmündung bei der Behm-Insel 20» 55' 79" 20' 5- )) 80 Wenig Mud, kleine Steine bis Faustgröße 16 Hinlopen-Straße, in der Lomme-Bai, westlich der Foot-Insel 18° 5' 79° 33' / • )) 40 — Feiner, blauer Mud; kleine Steine bis Faust- größe 17 Hinlopen-Straße, vor dem Eis-Cap 18° 24' 79" 44' 7- J) 430—450 Feiner, blauer Mud mit wenig kleinen Steinen, viele Wurmröhren (vor einem großen Gletscher) 18 Hinlopen-Straße, am nördlichen Ein- gang 16° 55' 80" 8' 7. '» 480 Feiner, blauer Mud mit wenig kleinen Steinen (vor einem großen Gletscher) 19 Wiide-Bai, Mitte 15° 55' 79" 34' 8. )' 112 Blauer Mud mit abgerollten Steinen bis Faustgröße 20 Eis-Fjord, Advent-Bai 15« 40' 78» 12' 14. 5) 40 — Blauer Mud mit wenig kleinen Steinen 21 Eis-Fjord, Mitte 15» 0' 78° 12' 16. )) 210 — 240 Blauer Mud mit wenig kleinen Steinen 22 Eis-Fjord, in der Mitte des Einganges 13° 40' 78» 9' 17. » 365 Schmutziger Schlick, welcher stark nach Schwefelwasserstoff roch, wenig Steine 23 Horn-Sund 16° 0' 3,5' 20. )) 35—45 Feiner Schlamm und kleine Steine (in der Nähe große Gletscher) 24 Süd-Cap, ca. 12 Seemeilen westlich 15° 40' -6» 23' 21. )J 135 Feiner, blauer Mud mit Sand gemischt, viele große Steine, abgerollt und scharfkantig 25 Halbmond -Insel, ca. 20 Seemeilen nordöstlich 24° 7' --0 23,5' 22. )) 75 Graublauer Schlick mit vielen Steinen bis Kopfgröße, teils abgerollt, teils schiefrig. Viele Muschelschalen und Wurmröhren 26 Olga-Straße, etwa in der Mitte zwi- schen König-Karls-Land und den Ryk-Ys-Inseln 26» 40' 78° 5' 22. Jl 290 Brauner und blauer Schlick, wenig kleine Steine 27 König-Karls-Land, Südseite, zwischen Helgoland- und Jena-Insel 29" 3o'(?) 78" 46'(?) 23. J) 65 Grobkörniger, blauer Schlick mit vielen großen und kleinen .Steinen. Viele Muschel- schalen Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 41 No. Ortsangabe Geographische Länge Breite Datum des Fanges Tiefe des Meeres in Metern Bodenbeschaffenheit 28 31 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 König- Karls- Land, Jena -Insel, Süd- bucht König-Karls-Land, Jena-Insel, Südost- spitze, ca. I Seemeile vom Lande König- Karls -Land, Jena -Insel, Ost- seite, ca. 1 7, Seemeilen vom Lande, vor einem großen Gletscher König- Karls- Land, Jena-Insel, am Nordost-Cap, ca. '/s Seemeile vom Lande, vor einem großen Gletscher König-Karls-Land, in der Mitte zwi- schen Jena- und Abel-Insel König - Karls - Land , Bremer - Sund, ca. 3'/., Seemeilen SSW. 74 W. vom Cap Weißenfels König- Karls - Land, Schwedisch-Vor- land, ca. 2 Seemeilen westlich von Cap Anlesen König-Karls-Land, ca. II Seemeilen nordwestlich von Haarfagrehaugen auf Schwedisch-Vorland Nord-Ost-Land, Ostseite, ca. 4 See- meilen vor dem Gletscher Great- Insel, ca. 6 Seemeilen nord- östlich Karl Xll.-Insel, ca. 12 Seemeilen nörd- lich Eismeer, nördlich Spitzbergen Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante Hinlopen-Straße, Mitte der Südmün- dung Bismarck - Straße, Südosteingang, an der engsten Stelle Einhorn-Bai, vor dem östlichen Ein- gang in den Helis-Sund W. Thymen-Straße, in der Mitte, öst- lich der engsten Stelle Olga-Straße, östlich Haeckel-Insel Ryk-Ys-Inseln, zwischen den Inseln Hoffnungs-Insel, 11 Seemeilen südlich Spitzbergen-Bank, nordöstlich der Bären-Insel Norwegen, Rolfsö Nordcap, 2 Seemeilen östlich Kjelvik Murmanküste, Port Wladimir (lere- dike), östl. Eingang in den Hafen Mogilnoje-See, ein Reliktensee auf der Insel Kildin an der Murmanküste Weißes Meer, am Eingang Murmanküste , nordösthch Harloff- Insel Murmanküste, Kildin-Sund, gegenüber dem Reliktensee Murmanküste, Kildin-Sund, westlicher Eingang Fauna Arctica. 25" 55' 30 -0 10 -3 21" 21 21" 21 20° 30 19° O iS° 50' 21" 45 25» 10' 25° 12 24" 5' 21" S '25° 5 26° lO' 33" 'o' 34° 13 41° 23 38° II 79° o' 80" 15' " ■ o' " 20' ° 20' ,5- 79° 13' 78° 58,5' 78» 40' 78» 14' 77° 55' / / 49 76» 12' 75° 12' 71" 3' 70" 58' 69° 25' 69° 20' 66° 36.5' 69° 3&' 69° 20' 69" 21' 28 Juli 28. 5) 29- ■)> 1. Aug. 2. 5) 4- » 4- ?> 5- » 6. 11 8. )» 8. )5 10. JJ 10. n 1 1. n 12. j) 12. )5 '3- n 14. )) 16. •' 17. n 18. )i 19. iJ 20. )) 21. )i 4- Sept. 5- 1» 9- •) 12.— 1 3. Sept. 26. Sept. 2~ 1) 27- ■)■) 28. )) 8—12 Felsig, große Steine mit Laminarien ( Dredge mehrmch gebrochen) Felsig, große Steine, mit roten Kalkalgen bewachsen 75 Grobkörniger, blauer Schlick mit vielen Steinen bis zu Kopfgröße. Viele Bala- niden- und Muschelschalen 36 Grobkörniger, blauer Schlick mit wenig kleinen Steinen 40 Kleinere und größere Steine bis zu Kopf- größe, mit roten Kalkalgen überzogen. Viele Rotalgen Blauer Schlick mit wenigen kleinen, abge- rollten Steinen, Viele Muschelschalen 85 Gelber Schlick ohne Steine, zahlreiche Wurmröhren 195 Gelber Lehm mit wenigen kleinen Steinen 66 Wenig blauer Mud , kleine und größere Steine bis Kopfgröße, abgerollt und scharfkantig 95 Wenig gelber Schlick, viele Steine bis Faust- größe 195 Schwere Steine von mehr als Kopfgröße, kein Schlick 140 Gelber Schlick mit schweren Steinen von mehr als Kopfgrüße 650 — 1000 Zäher, blauer Lehm mit wenigen kleinen Steinen ; viele Schwammnadeln Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis Nußgröße 1000 Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis Nußgröße; viele Schwammnadeln 680 Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis Nußgröße; viele Schwammnadeln 80 Wenig blauer und gelber Schlick, viele kleine und größere Steine, abgerollt und scharfkantig 35 Steine mit Laminarien und Rotalgen. Kein Schlick 60 Wenige Steine bis doppelte Faustgröße, reich mit Actinien und Ascidien besetzt Gelber Schlick, viele Steine bis Faustgröße 61 Zäher, blauer Lehm, wenige Steine bis Faustgröße 60 — 80 Wenig kleine Steine, viele Muschelschalen und Bryozoenreste 60 Gelber Schlamm mit Steinen bis Faustgröße. Viele Balaniden- und Muschelschalen 62 Wenig kleine Steine, viele Balaniden- und Muschelschalen 26 Sandboden, Steine mit Laminarien 118 Steine, mit Schwämmen bewachsen o — 45 Felsig mit roten Kalkalgen. Sand und Muschelschalen 0—16 Sand, Steine und Schlamm 65 Große Steine von mehr als Kopfgröße, viele Balanidenschalen 128 Wenig Steine, viele Algen und Laminarien 25 Wenig Steine, viele Algen und Laminarien 86 Wenig Steine, Muschelschalen und viele rote und grüne Algen 42 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Betrachtet man die Karte des Spitzbergen-Archipels, so fällt sofort ein Unterschied der westlichen Hälfte o^egenüber der östlichen auf. Die erstere wird von einer massiven Landmasse gebildet, die letztere von größeren und kleineren Inseln. Auch das umgebende Meer erhält hierdurch einen verschiedenen topo- graphischen Charakter. In die West- und Nordküste Groß-Spitzbergens, die ziemlich steil ins Meer herab- fällt, schneiden zahlreiche Buchten und Fjorde tief ein (von Süden nach Norden gezählt, der Horn-Sund, Bel-Sund mit Van Keulen-Bai und Van Mijens-Bai, Eis-Fjord, Kings- und Cross-Bai, Magdalenen-Bai, Smerenburg, Liefde-Bai und Wiide-Bai), von denen die meisten sich wieder in sekundäre Buchten und Arme gabeln. Man kann daher sagen, daß die Küsten West-Spitzbergens, ähnlich wie diejenigen Norwegens, Fjordcharakter zeigten. Doch ist gleich auf einen wichtigen Unterschied dieser Meeresbuchten gegenüber denen Norwegens hinzuweisen, der für das Tierleben von Wichtigkeit ist. Letztere zeigen die merkwürdige Eigentümlichkeit, daß sie gegen das Landinnere tiefer werden und meist eine ganz bedeutend größere Tiefe erreichen als das Meer vor der Küste. In Spitzbergen ist dies nicht der Fall, sondern die Buchten sind meist flach, die größten Tiefen überschreiten nicht 400 m (Eis-Fjord, Station 21, 22, 240 — 365 m). Ein eigentümliches tiefes, schmales Loch von 395 m befindet sich in der Mitte des sonst ganz flachen Einganges in die Kings- und Cross-Bai (Station 11). Wir haben schon in der Reisebeschreibung (p. iq) die Ver- mutung ausgesprochen, daß wir es hier mit einem submarinen Krater zu thun haben, wofür nicht nur das fast gänzliche Fehlen des Tierlebens an dieser Stelle, sondern auch die Beobachtung eines Seebebens in früherer Zeit durch Kapt. Sören Johannesen spricht. Ebenso flach wie die Fjorde ist auch die ganze Küste an der West- und Nordwestseite. Erst in 20—40 Meilen Entfernung vom Lande fällt diese flache Terrasse ziemlich steil in die Tiefe der Grönland-See ab, welche einen nördlichen Ausläufer des großen atlantischen Tiefes darstellt. Auch die Nordküste ist flach und fällt etwa auf 81 " 30 ebenso plötz- lich zu einer großen Tiefe herab; sie stellt den Südabhang des Polarbeckens dar, welches durch die Expedition Nansen's und die Drift der Fram so berühmt geworden ist und welches als tiefe (bis fast 4000 m) Rinne wahrscheinlich über den Pol hinweg den Stillen Ocean mit dem Atlantischen verbindet. Ob dieses tiefe Polarmeer ein abgeschlossenes Becken darstellt (Nansen meint, daß es durch eine flache Barre von dem atlantischen Tief getrennt ist), oder ob nicht doch eine schmale Rinne eine Verbindung mit der Grönland-See herstellt, muß erst die weitere Untersuchung lehren. Unsere Stationen 40—43 liegen am steilen Abhänge dieses von Nansen entdeckten Tiefes, für das wir zur Erinnerung an die Fahrt dieses kühnen Forschers den Namen „Nansen-Rinne" vorschlagen. Im Gegensatz zu dem Fjordcharakter der Westseite, kann man bei der östlichen Spitzbergen-See von einem „Straßencharakter" sprechen. Die großen Inseln dieses Gebietes (Nord-Ost-Land, Barents-Land, Edge-Land, König-Karls-Land) sind von einem Kranz zahlloser kleiner Felsen-Eilande und Schären umgeben ; dieses ganze Inselgewirr wird nun von einem Labyrinth schmaler und breiter Straßen und Sunde durch- zogen, deren größte und wichtigste der Stor-Fjord, die Olga- und Hinlopen-Straße sind. Nur in der Mitte der beiden letzteren findet man etwas größere Tiefe. Im übrigen ist das ganze Gebiet noch flacher als die Westküste. Die ganze Ostseite von der Bären-Insel ab, die durch die Spitzbergen-Bank mit dem Archipel in Verbindung steht, stellt ein flaches submarines Plateau dar, aus der die einzelnen Inseln als Spitzen hervor- ragen und welches durch die tiefere Rinne der Hinlopen-Straße und ihrer Verlängerung, der Olga-Straße, in zwei Hälften getrennt wird. Die Mitte der Olga-Straße erreicht eine Tiefe von 200—300 m. Besonders interessant war aber die Entdeckung eines noch tieferen Spaltes in der nördlichen Hälfte der Hinlopen- Straße. Vom Eiscap bis Verleegen Hook maßen wir hier 460 — 480 m, und die Vermutung, daß dieser schmale Spalt einen südlichen Ausläufer der Nansen-Rinne darstellt, ist deswegen nicht unwahrscheinlich, weil wir hier einige Organismen erblickten, die wir sonst nur in jener Tiefe gefunden haben. Auch an den Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. at. Planktonfängen erkannten wir, daß hier eine schmale Ader reinen Polarwassers unter dem wärmeren Mischwasser des Golf- und Polarstroms südwärts zieht. — Zwischen Spitzbergen und Franz-Josefs-Land scheint ebenfalls eine tiefere Abzweigung der Nansen-Rinne nach Süden zu verlaufen und in der flachen Barents-See zu verstreichen. Bei unserem leider zu früh abgebrochenen Vorstoß von der Abel-Insel nach Nordosten erhielten wir bei den Lotungen stetig zunehmende Tiefen bis über 300 m. Im Zusammenhang mit diesen Vermutungen erhalten die Fundortangaben eines sehr seltenen Tieres einiges Interesse. Die Proneomenia sluiieri, jenes primitive Urmollusk, ist bisher nur in diesem Gebiet gefunden worden. Sluiter fand 2 Exemplare im nördlichen Teil der Barents-See, Ktjkenthal 2 in der Olga-Straße, wir eine wahr- scheinlich neue Art in der Tiefe der Hinlopen-Straße. Also alle bisher gefundenen Individuen in den mut- maßlichen Ausläufern der Nansen- Rinne ! Das äußerst seltene Vorkommen dieses Organismus deutet vielleicht darauf hin, daß es ein Charaktertier des tiefen Polarbeckens ist und dort seine Hauptverbreitung hat, während es in diesen flachen Ausläufern nur versprengt ist. Es lebt stets auf Alcyoniden-Stöcken, die es langsam abweidet, und ist nur zu sehr geringen Ortsveränderungen befähigt. In der Hinlopen-Straße fanden wir es nun auf einer Alcyonide, die wir auch in der Tiefe der Nansen-Rinne erbeuteten. Nach dieser Abschweifung über die Tiefenverhältnisse kehren wir zu den Unterschieden der westlichen und östlichen Spitzbergen-See zurück; außer den erwähnten topographischen Differenzen finden sich noch andere für das Tierleben wichtigere Unterschiede, von denen wir besonders die hydrographischen erwähnen wollen; dieselben sind bedingt durch die Meeresströmungen, welche Spitzbergen umspülen. Es ist bekannt, daß in diesen Meeresteilen zwei entgegengesetzte Ströme aufeinander stoßen, der von Süden und Südwesten heraufsteigende warme Golfstrom und der von Norden und Nordosten herabsteigende kalte Polarstrom. Schon die Bären-Insel liegt gerade auf der Grenze dieser beiden Ströme, weshalb, wie schon in der Reise- beschreibung erwähnt, die Westseite früher eisfrei wird und milderes Klima hat als die Ostseite. Dasselbe Verhältnis findet sich auch in Spitzbergen, welches sich als gewaltiges Bollwerk zwischen die beiden feind- lichen Strömungen schiebt. Groß-Spitzbergen verdankt sein mildes Klima an der Westseite und die regel- mäßig schon im Frühjahr eintretende Eisfreiheit seiner West- und Nordküste dem Golfstrom, der hier nach Norden zieht und die ganze Küste bespült. Er biegt auch, wie Kijkenthal und Walter zuerst nach- gewiesen haben, in die Hinlopen-Straße ein und verstreicht dann über der in der Tiefe von uns entdeckten schmalen Polarstromrinne in die Olga-Straße. Nach Norden zu bespült er die nördlichsten Inseln (Ross- und Tafel-Insel) und senkt sich dann, wie Nansen bewiesen hat, in die Tiefe des Polarbeckens ein. Die West- und Nordküste ist also ausgezeichnet durch ihren Golfstromcharakter. Ganz anders die Ostküste, welche das eigentliche Mischgebiet der beiden Ströme ist. In den meisten Jahren trifft der kalte Strom, noch wenig mit warmem Wasser vermischt, die Küste von Nord-Ostland, wodurch es bedingt ist, daß dieses Gebiet in ewigem Schnee und Eis starrt. In dem Sommer unserer Reise, einem abnorm günstigen Eis- jahr, flutete der Golfstrom so weit nach Norden und Osten, daß er schon nordöstlich von Spitzbergen mit dem Polarstrom zusammentraf und das Eis zum Schmelzen brachte. Hier im Osten ist das Meer so flach, daß die beiden nicht nur verschieden temperierten, sondern auch durch das specifische Gewicht ihres Wassers (der Polarstrom ist weniger salzhaltig als der Golfstrom) unterschiedenen Ströme sich nicht vertikal sondern können, sondern sich mischen müssen. Beide steigen aus bedeutender Tiefe in entgegengesetzter Richtung auf das Plateau der Spitzbergen-See und prallen hier aufeinander, während sie im tiefen Polar- becken sich sondern, indem das schwerere Golfstromwasser zu Boden sinkt und das weniger salzige Polar- stromwasser die Oberfläche einnimmt (Nansen). Die Grenzen dieses Mischgebietes in Ost-Spitzbergen sind in den einzelnen Jahren verschieden, weil der Golfstrom nicht immer in gleicher Stärke nach Norden zieht und daher den Polarstrom in verschiedener Breite trifl"t. Dieselben dürften aber den 73*' im Süden und den 81 " nach Norden in Spitzbergen nur selten überschreiten. 44 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Diese mannigfaltigen und im einzelnen recht verwickelten Strömungsverhältnisse bedingen in Ost- Spitzbergen einen größeren Wechsel und mannigfaltigere Schwankungen der Temperatur und des Salz- gehaltes des Meeres als an der Westküste ; hierauf werden wir später in unserer ausführlichen Abhandlung genauer eingehen. Von diesen Strömungen hängt nun in erster Linie die Zusammensetzung der Plankton- fauna ab, worüber im nächsten Kapitel einiges mitgeteilt wird. Da aber die Bodentiere zum größten Teil ihre Nahrung durch die im Meere treibenden Organismen erhalten, so ist eine Verschiedenheit der Plankton- fauna auch auf die Zusammensetzung der Bodenfauna von Einfluß. Beide Ströme führen eine Menge für sie charakteristischer Organismen mit sich. Bei der allmählichen Abkühlung des Golfstromes während seines Vordringens nach Norden sterben allmählich seine stenothermen Bewohner ab. Wenn derselbe in Spitz- bergen ankommt, ist er schon sehr arm an Organismen geworden, es sind nur wenige stenotherme und die in dem Strom spärlichen eur3'thermen Formen übrig geblieben. Bei seinem Aufsteigen längs der West- küste wird er allmählich immer mehr abgekühlt und er verliert hier ebenso allmählich den Rest der steno- thermen Tiere, die absterben und als Nahrung der Bodenfauna niedersinken. Unsere Planktonuntersuchungen haben bewiesen, daß die Zahl dieser absterbenden Organismen hier nicht sehr groß ist, und wir müssen daher die Bodenfauna der West- und Nordküste, soweit die Nahrung vom Plankton geliefert wird, als nahrungs- arm bezeichnen. Das Gegenteil findet sich im Osten. Der Polarstrom ist reich an Mikroorganismen, besonders herrschen von den pflanzlichen die Diatomeen vor, die ihre enorme Vegetation der Aussüßung des Polarmeeres durch die riesigen sibirischen Ströme und durch das Abschmelzen des Eises verdanken. Der Salzgehalt, an den die Polarstromtiere angepaßt sind, ist geringer als der des Golfstromes. Wo nun die beiden Ströme zusammenstoßen, werden nicht nur die stenothermen, sondern auch die stenohalinen Planktonorganismen beider Ströme zum Absterben gebracht, und zwar ganz plötzlich und nur in dem Misch- gebiet. Dieses liegt, wie vorhin auseinandergesetzt wurde, auf der Ostseite Spitzbergens, und unsere Plankton- untersuchungen haben in der That bewiesen, daß hier fortwährend ein dichter Regen von Tierleichen zu Boden sinkt und damit den dort lebenden Organismen einen Ueberfluß von Nahrung zuführt. — Diese Ver- schiedenheit der Lebensbedingungen, die, wie hier nur kurz angedeutet werden konnte, durch ein Zusammen- wirken der verschiedenen geologischen , hydrographischen und biologischen Verhältnisse entstanden ist, dürfte es bewirkt haben, daß die Gesamtfauna des Meeresbodens an der Ostseite Spitzbergens einen anderen Charakter angenommen hat als im Westen. Bei der Sortierung unseres Dredge-Materiales fiel uns zunächst auf, daß alle Fänge an der West- küste nicht nur ärmer an Arten, sondern auch an Individuen sind als im Osten, was ja leicht durch die eben auseinandergesetzte Verschiedenheit der Nahrungsverhältnisse erklärt wird. Besonders auffallend ist ferner das Ueberwiegen der festsitzenden Organismen im Osten, während im Westen die frei beweglichen Tiere vorherrschen. Die Charaktertiere der westlichen Meeresteile sind ohne Zweifel die Echinodermen. Auf allen Stationen dieses Gebietes war dieser Tierstamm mit allen seinen Klassen in so überwiegender Masse vertreten, daß alle anderen Organismen dagegen in den Hintergrund traten. Besonders aber waren es die Ophiuriden unter den Angehörigen dieses Stammes, welche in fabelhaft reicher Entwickelung gefunden wurden. Nach Norden zu scheinen sie durch die Asteriden abgelöst zu werden. Nächst den Echinodermen fiel uns der Pantopoden-Reichtum dieses Gebietes auf. Die Coelenteraten hingegen sind nur in sehr geringer Arten- und Individuenzahl vorhanden. Selbst die Welt der kleinsten Organismen, der Foraminiferen, ist hier von einer seltenen Armut, ein direkter Beweis für den Mangel an organischem Nährmaterial, insbesondere für den Diatomeen-Mangel. — Gerade das Gegenteil fanden wir auf den Stationen der Ostseite. Hier treten die Echinodermen ganz in den Hintergrund, obwohl sie natürlich ebensowenig ganz fehlen, wie die hier häufigeren Organismen auf der Westseite. Die festsitzenden Organismen herrschen, wie erwähnt, vor; die Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 45 meisten Felsen und größeren Steine werden von Balaniden besiedelt, Monascidien und Synascidien in reicher Fülle bilden große Kolonien auf dem Boden, Spongien, die auf der Westseite nur spärlich auftraten, wurden in zahlreichen Arten gefunden, Alcyoniden bevorzugen die tieferen Rinnen, während die flacheren felsigen Stellen von großen Actinien-Gesellschaften bevölkert werden. Die Charaktertiere aber, welche der ganzen Fauna den Stempel aufdrücken und in geradezu fabelhafter Entwickelung gefunden werden, sind die Hydroiden und Bryozoen. So dicht sind die Wiesen, welche von diesen Organismen an manchen Stellen gebildet werden, daß die schwere Dredge sich nicht bis zum Boden hindurcharbeiten kann und nur Tiere, aber keine Grundprobe mit heraufbringt. Eine Erklärung für das Ueberwiegen der festsitzenden Tierformen dürfte in den mannigfaltigen, meist starken Strömungen, welche dieses Gebiet der Straßen durchziehen, gesucht werden. Die festsitzenden Formen sind in stark bewegtem Wasser im Kampf um die Nahrung besser ausgerüstet und widerstandsfähiger als die frei beweglichen, die stets Gefahr laufen, von der Strömung fortgeführt zu werden, sie müssen sich daher unter den Schutz der ersteren stellen und sich ihnen anpassen, wenn sie überhaupt hier leben wollen ; da aber die festsitzenden Tiere den Regen von Tierleichen zuerst empfangen, indem sie der Strömung zum Trotz sich hoch über dem Boden erheben und mit ihren meist reich verästelten Kolonien der Nahrung entgegenwachsen, so können sie nie von den freilebenden Tieren überwuchert werden, weil diese in der Tiefe zwischen ihnen leben müssen, um nicht vom Strome fort- gerissen zu werden und nur gewissermaßen als Kommensalen der ersteren die von diesen übrig gelassene Nahrung erhalten. Wie reich die letztere aber, obwohl sie von den Hydroiden und Bryozoen stark durch- gesiebt wird, dennoch ist, beweist die große Mannigfaltigkeit und die Farbenpracht der zwischen ihnen lebenden Fülle von Würmern, Crustaceen und Mollusken. — Daß die Strömungen in der That für das Vor- herrschen der festsitzenden Tiere verantwortlich zu machen sind, wird dadurch bewiesen, daß die größten Anhäufungen derselben sich an den Stellen finden, wo die stärkste Strömung herrscht. Dies ist in den engsten Straßen der Fall, in der Bismarck-Straße, Helis-Sund, W.-Thymen-Straße. In diesen flachen Sunden saust ein rapider Gezeitenstrom, alle 6 Stunden umsetzend, hin und her und führt nicht nur immer frisches Wasser (Sauerstoffzufuhr), sondern auch neue Nahrung über den Boden. An diesen Stellen haben wir daher unsere reichsten Fänge zu verzeichnen (Station 45—47). Die Dredge war meist bis zum Rande mit Hydroiden und Bryozoen gefüllt, die hier in so üppigen Stöcken und in so großen Individuen vertreten waren, wie nirgends anders. Alle Steine waren dicht mit Actinien besetzt, von denen wir z. B. in der schmalen Meerenge zwischen den Ryk-Ys-Inseln (Station 49) aus einer Dredge eine ganze große Wanne voll sammeln konnten. Unter den Hydroiden wurden ganz riesige Exemplare hier im Osten gefunden, so besonders Vertreter der Gattung Monocauhis, deren Kelche Durchmesser wie die Actinien erreichten. Daß die Foraminiferen-Fauna sich hier viel reicher entfaltet als im Westen, ist leicht verständlich, weil der Polarstrom eine große Fülle von Diatomeen, der Hauptnahrung dieser Organismen, mit sich führt, die bei der Mischung mit dem Golfstrom in diesem Gebiet absterben und zu Boden sinken. In dieser Gruppe sind nur wenige festsitzende Arten bekannt. Es ist aber von besonderem Interesse, daß die Vor- herrschaft der festsitzenden Formen in diesen Meeresteilen sich sogar auf die Foraminiferen erstreckt; wir fanden große Kolonien der festsitzenden Benärophrya und Astrorhiza arhorescens geradezu rasenbildend in den Straßen dieses Gebietes. Die übrigen, hier noch nicht besprochenen Bewohner des Meeresbodens, insbesondere die Würmer, Crustaceen und Mollusken, zeigen nicht so durchgreifende Unterschiede in Bezug auf ihre Verbreitung im Osten und Westen. Sie sind mehr gleichmäßig verteilt. Am reichsten von diesen 3 Klassen sind, wie in allen arktischen Meeren, auch hier die Crustaceen vertreten, unter diesen besonders die Gruppen der Amphipoden und Isopoden. Sehr arm ist das ganze Spitzbergengebiet an Fischen, was schon alle früheren 46 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Besucher desselben übereinstimmend betont haben. Wir haben im ganzen von allen Stationen nicht viel mehr als 150 Fische erbeutet. Nur die flache tierreiche Spitzbergen-Bank, nordöstlich der Bären-Insel gelegen, scheint ziemlich reich an Nutzfischen, besonders Dorschen, zu sein. Die Bodenfauna des bisher unerforschten König-Karls-Landes zeigt keine bedeutenden Abweichungen von der des übrigen Ostens ; nur in Bezug auf eine Tierklasse, auf die Spongien, ist uns eine charakteristische Eigentümlichkeit aufgefallen. An der Westseite der Olga-Straße überwiegen die Kalkschwämme, je weiter man aber nach Norden und Osten kommt, um so mehr treten sie gegen die Kieselschwämme zurück. Von diesen sind die Monaxonier in dem ganzen Gebiet, welches nördlich der Hinlopen- und Olga -Straße gelegen ist, die Charakterformen, nur um König -Karls -Land treten schon Tetraxonier, die sonst sehr spärlich vorkommen und erst hier im Norden auf 81" ihre Hauptentwickelung haben, in größerer Menge auf. — Auch für den Stör -Fjord, die westlichste der Meeresstraßen des Ostens, müssen wir noch einige Eigentümlichkeiten erwähnen. Er ist sehr reich an Tieren, in Bezug auf den Habitus der Fauna nimmt er aber eine Mittelstellung zwischen der West- und Ostseite ein, indem nämlich 2 Tiergruppen sich hier um den Vorrang als Charaktertiere streiten, von denen die eine im Westen, die andere im Osten vorherrscht. Es sind von den Echinodermen die Crinoiden, vertreten durch Antedoii, und von Coelenteraten die Alcyo- niden. Beide treten an manchen Stellen in solchen Mengen wie nirgends im ganzen übrigen Spitzbergen auf, und der große Antedon eschrichti bildet hier ganze Rasen auf dem Meeresboden. Es ist interessant, daß auch die Echinodermen dem Charakterzug des Ostens, der in der Vorherrschaft der festsitzenden Tierformen besteht, Reclinung tragen müssen, indem die frei beweglichen Gruppen gegenüber den wenig beweglichen, fast stets festsitzenden Comatuliden in den Hintergrund treten. Bisher haben wir uns nur mit der horizontalen Gliederung der Bodenfauna beschäftigt, wir wenden uns nun zur vertikalen. Bei der vertikalen Verbreitung und zonalen Gliederung spielt die Tiefe, die Boden- beschaffenheit und vor allem das Licht die Hauptrolle. Die Lichtwirkung ist besonders deshalb wichtig, weil von ihr die Pflanzenvegetation des Meeresbodens in erster Linie abhängt, welche ihrerseits wieder vielen tierischen Organismen als Wohnort und Nahrungsgebiet dient. Stuxberg, der Zoologe der Vega-Expedition i), hat für das Sibirische Eismeer drei verschiedene vertikale Regionen angenommen, indem er sich dem Botaniker Kjellmann anschloß, welcher in seinem Werk ,,Ueber die Algenvegetation des Murmanischen Meeres an der Westküste von Nowaja-Semlja und Waijatsch" 2) die verschiedenen Regionen der arktischen Algenvegetation zuerst in vertikale Bezirke ein- teilte. Nach seinen Untersuchungen sind dies folgende: „i) die litorale Region, welche das umfaßt, was man in Norwegen „fjären" (Düne) zu benennen pflegt, d. h. den Teil des Meeresbodens, der bei der Ebbe bloßgelegt wird, während der Flut aber mit Wasser bedeckt ist; 2) die sublitorale Region, welche dieser zunächst kommt und in Bezug auf die Algen sich bis in eine Tiefe von 20 Faden erstreckt; 3) die elitorale Region, welche alle unterhalb 20 Faden befindlichen Tiefen umfaßt." Diese Einteilung hat auch im Spitz- bergengebiet ihre Giltigkeit, nur dürfte die Bezeichnung der drei Regionen auf Widerspruch bei den meisten Zoologen stoßen, weil in der Tiergeographie das „Litoral" ein viel umfassenderer Begriff ist und seinen Gegensatz in dem „Abyssal" hat, aber nicht bloß die Gezeitenzone bezeichnet. Besser scheint uns daher die von Schimper (Pflanzengeographie) gegebene Einteilung des litoralen Benthos nach der stärkeren und geringeren Einwirkung des Lichtes in photische und d3-sphotische Region zu sein. Die erstere gliedert sich wieder, entsprechend der litoralen und elitoralen Zone Kjellberg's, in zwei Gürtel, den auftauchenden und den untergetauchten. 1) Cf. Wiss. Ergebn. der Vega-Expedition, Leipzig 1S83, Bd. I, p. 529. 2) in: Nova Acta Reg. Soc. Scient. Upsala, Ser. III, 1877, p. 57—67. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. aj a) Die p hotische Region. 1) Der auftauchende Gürtel (oder das Litoral im engeren Sinne) besitzt in Spitzbergen keine Vegetation oder nur sehr spärliche, weil im Sommer die Eismassen der treibenden Schollen und die Blöcke der zahlreichen Gletscher, welche Brandung und Gezeitenströmung fortwährend an dem Ufer hin und her schieben, durch Abreil^en des Bodens jeden Pflanzenwuchs verhindern, während im langen Winter, welcher den größeren Teil des Jahres hier einnimmt, die ganze Küste von einer zusammenhängenden Eis- decke umgeben ist, die während dieser Zeit infolge ihrer bedeutenden Dicke alle litorale Vegetation und alles Tierleben unmöglich macht. Nach Stuxberg sind „zwölf Fuß oder zwei Faden (3,66 m) unterhalb des natürlichen Niveaus des Wassers das Minimum, bis zu welchem das Wintereis seine zerstörenden Wirkungen ausdehnt; als Mittel könnte man sehr wohl drei Faden (5,49 m) annehmen". Unsere Unter- suchungen können dies nur bestätigen. Bis zur Tiefe von 6 — 8 m fanden wir nur ganz spärliches Tier- leben, nur vereinzelte, schnell bewegliche Tiere, wie Crustaceen und Würmer, wagen sich noch in diese Zone. Im Osten Spitzbergens trägt diese Region meist steinigen Charakter, der kahle, glatt geriebene Fels oder Steingeröll bilden die Oberfläche des Bodens. Im Westen führen infolge des wärmeren Klimas zahl- lose Schmelzwasser feinere Fels- und Erdpartikel von den Abhängen des Gebirges ins Meer und füllen die Buchten mit Schwemmboden aus, welcher als lockerer Schlamm oder zäher Lehm die seichten Stellen der Küste bedeckt. 2) Der untergetauchte Gürtel (das „Sublitoral" Kjellberg's) der photischen Region umfaßt den größten Teil der spitzbergischen Flachsee und besitzt die üppigste Algenvegetation. Es ist die Zone der Macrophyten, die sich trotz der starken Eisdecke, der langen Winternacht und der niederen Temperatur sehr reich und in kräftigen Individuen entwickelt haben. Nur die Grünalgen treten ganz zurück, wohl weil sie gegen Assimilationsstörungen am empfindlichsten sind und sich nicht an die schwache Beleuchtung anpassen können. (Die Chlorophyceen lieben das Licht am meisten von allen Algen.) Sie finden sich nur spärlich und in verkümmerten Exemplaren und werden ganz überwuchert von den Phaeophyceen und Florideen, von denen die Laminarien und Corallinen die Charakterpflanzen der Spitzbergen-See sind. Die ersteren bevorzugen die geringeren Tiefen bis 20 m, wo sie oft ausgedehnte Wälder bilden, die letzteren gehen in größere Tiefen (bis 30 m) hinab und bilden große Bänke. Besonders die prachtvollen roten Litho- thamnion (glaciale) und LWiophyllum- Axi&r\ stellen die Hauptbildner der Corallinenbänke dar (Station 14, 29, 32, 45). Da alle diese Algen auf Sand- und Schlammboden nicht wachsen, sondern Steine oder Felsen brauchen, um sich festzuheften, sind sie im Westen viel spärlicher vertreten als im Osten, weil dort, wie oben erwähnt, der Schlamm und Lehmgrund vorherrscht. Ihre reichste Entfaltung haben sie in den Straßen Ost-Spitzbergens, wo die reißenden Strömungen die Felsen von allem Sand und Schlamm reinfegen. In dieser pflanzenreichen Zone ist naturgemäß auch das Tierleben am reichsten entwickelt, weil die Tiere in den Algenwäldern nicht nur Schutz, sondern auch Nahrung finden. Viele derselben haben sich ganz dem Leben auf diesen Pflanzen angepaßt, in besonders hohem Grade die Ascidien, welche fast nur in dieser Zone gefunden werden. Auf den roten Corallinen findet sich eine ganze Reihe von Tieren, die so ausgezeichnet an die Farbe derselben angepaßt sind, daß sie kaum erkannt werden können ; das Voll- kommenste bieten in dieser Hinsicht die Mollusken (insbesondere Chitonen) und Ophiuriden. Die untere Grenze der photischen Region befindet sich zwischen 40 und 50 m Tiefe. ^8 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, b) Die dysphotische Region. Diese Region (das ,, Elitoral" Kjellberg's) ist ausgezeichnet durch den Mangel der Makrophyten, von denen nur noch einige Rotalgen gefunden werden. Die Hauptmasse der pflanzlichen Organismen wird von Mikrophyten gebildet, unter denen die Diatomeen die erste Stelle einnehmen. Diese Zone nimmt die tieferen Teile des Spitzbergen-Meeres ein, im Osten hauptsächlich die mittleren Partien der Straßen, im Westen die Mitten der Buchten. Der Boden dieser Zone ist im Gegensatz zur vorigen nur selten felsig; meist wiegt der blaue und gelbe Mud vor, in den größere und kleinere Steine eingebettet sind, welche hauptsächlich die Eis- berge, die Kinder der Gletscher, vom Gebirge herabbringen und bei ihrem Schmelzen hier deponieren. Die Tierwelt dieser Zone ist ärmer, als die der vorigen, es herrschen die frei beweglichen Organismen vor, besonders die Echinodermen und Mollusken, von Coelenteraten werden nur die Alcyoniden häufiger gefunden. Allmählich geht diese Region in das eigentliche Abyssal, in die Tiefsee über, die sich durch den gänzlichen Mangel des Pfianzenlebens auszeichnet und deren Tierwelt daher ausschließlich auf die Ernährung durch das Plankton angewiesen ist. Bevor wir auf die Besprechung der Tiefseefauna unseres Gebietes eingehen, wollen wir aber noch einige andere Eigentümlichkeiten der Fauna der spitzbergischen Flachsee erwähnen. Eine auffallende Thatsache ist es, daß wir unmittelbar vor den Abbruchen riesiger Gletscher einen enormen Reichtum von Bodentieren fanden (Station 12, 35), obwohl fortwährend die kalbenden Eisblöcke das Meer aufwühlen und den Boden mit Schlamm und Steinen überschütten. Der Grund für den Reichtum dürfte in der üppigen Diatomeenvegetation zu suchen sein, welche sich hier in der Schmelzzone des Eises, unter dem Einfluß des Süßwassers entwickelt. — Eine außerordentlich charakteristische Eigentümlichkeit der Spitzbergenfauna ist ferner die Nester- oder Schwarmbildung. Die meisten Bodentiere findet man an einzelnen Stellen in großen Haufen vereinigt, ganze Kolonien und Individuen derselben Art treten plötzlich auf eng begrenztem Bezirk auf, während sie in nicht weiter Entfernung gar nicht oder nur vereinzelt gefunden werden. Diese Er- scheinung dürfte durch die Brutpflege erklärt werden, welche sich bei den meisten arktischen Bodentieren zum Zwecke der Arterhaltung unter den sehr wechselnden Lebensbedingungen am Boden und an der Oberfläche des Meeres ausgebildet hat. Viele Tiere, die in südlichen Meeren freischwimmende Larven produzieren, die das Plankton bevölkern und durch ihre Wanderungen mit den Strömungen eine weite und gleichmäßige Verteilung der Arten bewirken, behalten hier ihre Jungen bei sich. (Wie später erwähnt wird, haben wir z. B. Echinodermenlarven , die im Atlantischen Ocean noch zu den häufigsten Planktontieren gehören, nur ganz vereinzelt gefunden.) Die jungen Tiere bleiben bei der Mutter, bis sie selbst ganz ent- wickelt und ernährungsfähig sind, und können sich dann , bei dem geringen Lokomotionsvermögen der meisten Bodentiere , auch nicht weit entfernen , infolgedessen bleiben die näheren Blutsverwandten in Gesellschaften zusammen und stellen die großen Kolonien dar, die überall in diesem Gebiet gefunden werden. Brutpflege ist bekannt bei Echinodermen, Actinien, vielen Crustaceen und Würmern, Ascidien, und es sind auch gerade diese Tiergruppen, die besonders zur Nesterbildung neigen. Schon in der Reisebeschreibung wurde erwähnt, daß die Schleppnetzzüge am Abhang der tiefen „Nansen-Rinne" auf 81" 32' N. Br. eine von dem übrigen Spitzbergengebiet ganz abweichende Fauna ergaben. Es lebt hier eine echte Tiefsee-Tierwelt, wie sie bisher aus der Arctis noch nicht bekannt war, und nur ganz wenige Formen der spitzbergenschen Flachwasser-Fauna scheinen in diese Tiefe hinabzusteigen (z. B. die früher erwähnten Alcyoniden aus der Tiefe der Hinlopen- Straße). Die Charakterformen dieser Tierwelt sind die Spongien , die aber nur durch typische Tiefwasserformen vertreten sind. Hexactinelliden und Tetraxonier sind hier in solchen Mengen vorhanden, daß sie an der Bildung des Meeresbodens in erheb- Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ^q Hcher Weise teilnehmen. An allen 4 Stationen (40 — 43) zeigten die Grundproben dieselbe Zusammensetzung, was die Vermutung rechtfertigt, daß weitere Strecken dieses Gebietes dieselbe BodenbeschaiTenheit auf- weisen. Der feine blaue Schlick, aus dem die Grundproben bestanden, war arm an Steinen und zeigte eine sehr homogene Zusammensetzung. Er war dicht erfüllt mit Spongiennadeln (die meistens von abge- storbenen Hexactinelliden und Tetraxoniern, weniger Monaxoniern herrührten). Diese Kieselnadeln bildeten ein feines dichtes Filzwerk, in dessen Maschen der feine Schlamm suspendiert war ; beide Materialien zusammen bildeten eine federnde elastische Unterlage. Wenn inan den Schlamm auf dem Sieb ausspülte, so blieb etwa als ein Drittel des Gesamtvolumens der Grundprobe eine weißglänzende Schicht der schönsten Glas- wolle übrig, die nur aus Spongiennadeln bestand. Alle festsitzenden Organismen zeigten auf diesen Stationen die Eigentümlichkeit, daß sie in ähnlicher Weise an diesen Boden angepaßt waren. Spongien, die ganz verschiedenen Gattungen angehören, erhielten dadurch ein konformes Aussehen (cf. F. E. Schulze, Die Hexactinelliden). Diese Anpassung bestand in der Bildung dicker, kolbiger, meist verästelter Ausläufer an der Basis, mit denen die Schlickbewohner in dem Glasgerüst von Spongiennadeln verankert waren, sie schwammen gewissermaßen mit diesen aufgeblähten Bojen auf dem feinen Mud. Solche blasige Wurzel- ausläufer fanden sich außer bei den Spongien auch bei den Alcyoniden und Pennatuliden. Außer den Spongien waren die Foraminiferen besonders reich vertreten, von denen die großen sandschaligen Formen, die in der Spitzbergen-See gar nicht gefunden werden, vorherrschten. Namentlich die Familie der Astrorhiziden ist hier beinahe noch üppiger entwickelt als im Atlantischen Ocean. Uns fielen eine ganze Anzahl neuer abenteuerlich aussehender Formen auf. Die genaue Durchforschung dieser Fauna wird es erst möglich machen, Vergleiche mit anderen Faunen- gebieten zu ziehen. Nansen ist, wie bekannt, der Ansicht, daß das tiefe Polarbecken ein abgeschlossenes Binnenmeer ist, und diese Auffassung würde eine Stütze erhalten, wenn der specifische Charakter dieser Fauna nachgewiesen werden könnte. Die Hexactinelliden, die alle neuen Gattungen angehören, scheinen dafür zu sprechen (cf. F. E. Schulze, Die HexactinellidenJ. Die Foraminiferen- Fauna hingegen, die wir allerdings bisher nur flüchtig durchmustern konnten, scheint starke Uebereinstimmung m.it der Tiefseefauna des Atlantischen Oceans zu zeigen, was mehr für eine Kommunikation der beiden Tiefen sprechen würde. Wie dem auch sei, so viel dürfte gewiß sein, daß allgemeinere tiergeographische Fragen der Arctis, ins- besondere die nach den Beziehungen zur antarktischen Fauna, nicht entschieden werden können, bevor wir die Fauna der arktischen Tiefsee, des N.A.NSEN'schen Polarbeckens, erst genauer kennen. Wir hoffen, daß unsere Beobachtungen und Befunde am Rande der Nansen-Rinne neue Anregung hierzu geben werden. B. Die Planktonfauna. Die genauere Bearbeitung des umfangreichen Planktonmateriales muß den Specialkennern dieses Gebietes überlassen werden, so daß alle näheren Angaben über die an der Zusammensetzung des arktischen Planktons beteiligten Tierarten und darauf gegründete tiergeographische Schlüsse noch verfrüht sind. Immerhin dürfte aber ein allgemeines Bild von der Planktonfauna des Nördlichen Eismeeres im Jahre 1898, wie es sich aus der ersten Sortierung der einzelnen Fänge ergiebt, und kurze Mitteilungen über die Arbeits- methoden und die Fragen, welche für unsere Planktonarbeiten maßgebend waren, von Interesse sein. Im Jahre 1889 haben Kükenthal und Walter i) auf ihrer Bremer Expedition nach Ostspitzbergen zum ersten Male zusammenhängende Planktonbeobachtungen im Nördlichen Eismeer angestellt. Der kleine. I) W. Kükenthal, Forschungsreise in das europäische Eismeer. Bericht an die Geographische Gesellschaft in Bremen. Nebst einer tiergeographischen Skizze von Dr. Alfred Walter: „Die Quallen als Strömungsweiser'. Bremen 1890. Deutsche geogr. Blätter, Bd. XIII. 7 Fauna Arctica. 50 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, aber inhaltsreiche Aufsatz des verstorbenen Alfred Walter, „Die Quallen als Ström ungs weiser", hat auf die Bedeutung gewisser pelagisch lebender Tierformen für die Erkennung der Strömungsverhältnisse hingewiesen. Zur Beurteilung der wirklichen Natur eines Stromes und seiner Herkunft reichen die Temperatur- messungen in einem Meeresbecken , dessen Oberflächentemperaturen durch die beständig wechselnden Treibeismassen steten Schwankungen unterworfen sind, allein nicht aus. Walter glaubte nun unter den pelagischen Tieren, namentlich unter den Quallen, sichere Kontrollobjekte für die Feststellung des Strom- bildes gefunden zu haben. Solche Beziehungen zwischen dem Plankton und den Strömungen erkannte er am- deutlichsten in den Grenzgebieten, wo die nördlichsten Ausläufer des Golfstromes in den Polarstrom sich einschieben. Diese Fragen hat dann später Vanhöffen^) noch weiter ausgeführt und mit speciellen Beispielen (namentlich Diatomeen) belegt. Das hohe tiergeographische Interesse für die arktische Planktonforschung, welches Alfred Walter durch seine anregende Schrift erweckt hatte, erfuhr noch eine erhebliche Erweiterung, als Chun^) im Jahre 1897 auf die Beziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton hinwies und den Versuch machte, die Konvergenzerscheinungen zwischen beiden Faunengebieten als den Ausdruck eines heute noch in tieferen Wasserschichten bestehenden Zusammenhanges aufzufassen, den Pfeffer bekanntlich in eine frühere Erdperiode verlegt. Es wurde damit die Frage nach der sog. ,,Bi polar ität", welche für die Bodenfauna von Pfeffer, Murray und Ortmann bereits in mehreren Schriften diskutiert worden war, von Chun auch auf die Planktonfauna ausgedehnt. Diesen erwähnten Arbeiten von Walter und Chun verdanken wir die Anregung zu unseren Planktonuntersuchungen ; sie ließen uns die Wichtigkeit möglichst vieler und zusammenhängender Plankton- fänge erkennen und zeitigten den Entschluß, auf den größeren Fahrten von Norwegen nach Spitzbergen und um Spitzbergen möglichst alle 4 Stunden einen Vertikal- und Horizontalzug zu machen. Nach diesem Bestreben, in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit geringen Kräften möglichst viel zu leisten, mußte sich die Auswahl der Netze richten. Wir sahen daher, zumal auch die kurze Zeit für die Ausrüstung und die geringen Mittel in Betracht zu ziehen waren, von der Mitnahme von Schließnetzen ab und erwarben auf gütigen Vorschlag von Herrn Professor Brandt in Kiel ein kleineres ApsTEiN'sches Eimernetz und ein größeres Helgoländer Brutnetz nebst den nötigen Reservenetzen und Stücken. Beide Netze wurden neben- einander zu Horizontal- und Vertikalfängen verwandt. Mit dem Helgoländer Brutnetz haben wir gute Resultate erzielt. In das untere Netzende wird ein Glaseimer (ein großes Einmacheglas) eingebunden, welcher nicht filtriert In diesem sammeln sich während des Fanges die erbeuteten Organismen an und gelangen so lebend und in tadelloser Erhaltung an die Oberfläche. Mit einiger Uebung und Vorsicht beim Herausheben des Netzes kann man den Verlust, welcher durch Haftenbleiben der Tiere an der Netzwand entsteht, auf ein Minimum reduzieren. Die Gläser lassen sich leicht und ohne Verlust ihres Inhaltes aus dem Netz herausnehmen und durch einen unter ihrem Rande befestigten Bindfaden als Aquarien an der Decke des Schiffslaboratoriums aufhängen und ermög- lichen so nicht nur ein bequemes Studium der lebenden Tiere, sondern auch eine leichte und schnelle Konservierung. Auf eine gute und mannigfache Konservierung haben wir großen Wert gelegt. Größere Tiere, wie Medusen, Ctenophoren, Sagitten und Appendicularien, wurden den Fängen mit Glasröhren oder Schälchen entnommen, nach 6 — 8 verschiedenen Methoden konserviert und möglichst einzeln in kleine Tuben verpackt, so daß auch die weitgehendsten Anforderungen an die histologische Ausnützung des Materiales befriedigt 1) E. Vanhöffen, Die Fauna und Flora Grönlands, in v. Drvgalski, Grönland-Expedition, Bd. II, Berlin, 1897. 2) E. CmjN, Die Beziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton. Stutta,art, Erwin Nägele, 1897. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 51 sein dürften. Die ganzen Fänge behandelten wir dann meist zu gleichen Teilen mit Formol, reinem Alkohol, Osmiumsäure oder Sublimat. Mit Formol haben wir durchaus gute Erfahrungen gemacht. Es erwies sich bei den kleinen Raumverhältnissen und dem schwankenden Schiff, womit wir ja stark zu rechnen hatten, nicht nur als die bequemste und sparsamste Konservierungsflüssigkeit, weil der bei anderen Flüssigkeiten durch das Auswaschen und Wechseln bedingte Materialverlusl vermieden wird, sondern wir wollten auch unseren Mitarbeitern aus- giebige Gelegenheit geben, sich über die Brauchbarkeit des Formols für die von ihnen bearbeitete Tier- gruppe zu äußern, wozu ja die stets vorhandenen Kontrolltiere verschiedener anderer Konservierung ein genügendes Vergleichsmaterial abgeben. So erhalten wir hoffentlich für die verschiedenen Tiergruppen ein maßgebendes Urteil über die Brauchbarkeit des Formols. Unsere Arbeiten erlitten nun durch schlechtes Wetter, Nebel und Eis, Sturm und Seegang, manche unliebsame Unterbrechung. Schon auf der Fahrt nach der Bären-Insel vereitelte ein Nordweststurm mit schweren Seen die beabsichtigten Vertikalfänge. Da der Dampfer an einer Stelle liegen bleiben muß, wenn das große Vertikalnetz herabgelassen werden soll, so können solche Arbeiten nur bei einigermaßen ruhiger See vorgenommen werden. Immerhin haben wir aber noch auf dieser fast zweitägigen Ueberfahrt mit Unterbrechung während einer Nacht, in welcher der Dampfer nicht viel Fahrt machte, alle 4 Stunden Horizontalzüge mit dem ApsTEiN-Netz machen können. An der Westküste Spitzbergens weisen unsere Planktonstationen manche Lücken auf, weil auf dieser Reisestrecke beide Male schweres Wetter jedes Arbeiten, ja jeden Aufenthalt auf Deck unmöglich machte. Hier konnte nur in den Buchten mit Erfolg gearbeitet werden. Auf der Rückreise waren wir von der Spitzbergen-Bank bis Hammerfest zu gänzlicher Unthätigkeit verurteilt, so daß leider den Juni -Fängen der Hinfahrt keine August -Fänge der Rückfahrt gegenüberstehen. Andererseits haben wir auch wählend der Reise durch die immer mehr hervortretende Eintönigkeit und zeitweise Armut des Planktons unsere ursprünglichen Planktoninteressen zu Gunsten der ergiebigeren Arbeiten mit der Dredge etwas zurücktreten lassen. Alfred Walter hat schon darauf hingewiesen, daß am Tage die meisten Planktontiere, namentlich die Medusen, von der Oberfläche verschwunden sind und erst gegen Abend wieder in die höheren Wasser- schichten aufsteigen. Bekanntlich kommen in den südlicheren Meeren, wo ein regelmäßiger Wechsel zwischen Tag und Nacht existiert, die meisten pelagischen Organismen mit dem Eintritt der Dunkelheit aus den dunkleren Tiefen an die nun gleichfalls dunkle Oberfläche. Walter beobachtete, daß im Polargebiet, wo während der Sommermonate die Dunkelheit fortfällt, gerade die Golfstromtiere, die mit der wärmeren Strömung in das arktische Gebiet eingeführt worden sind, mit ofroßer Zähiekeit an dieser in den südlicheren Meeren üblichen Gewohnheit festhalten, obschon sie in den neuen Heimstätten gänzlich zwecklos erscheint. Auch wir haben am Tage manchen vergeblichen Planktonzug gemacht, welcher außer Resten von Appendicularien-Gehäusen, Cydippen und abgestorbenen Sagitten kein Material lieferte, so daß wir ihn nicht konservierten und auch gar nicht in das Journal aufnahmen. Daher konnten wir unsere Planktonfänge im allgemeinen immer mehr auf den Abend beschränken. Nach 10 Uhr abends waren die meisten und die schönsten Medusen zu fangen. In geringer Tiefe, die man um Spitzbergen selbst einige Seemeilen von der Küste noch trifft, waren auch Vertikalzüge am Tage nicht lohnend. Im ganzen haben wir auf der ersten Fahrt um Spitzbergen und die Bären-Insel einen Ring von 82 Planktonstationen gezogen, welche mehrere hundert Netzzüge erforderten. Ueber die Lage dieser Stationen giebt die nachstehende Karte und Liste näheren Aufschluß. Bei der schon erwähnten geringen r Verzeichnis der Planicton- Stationen im Nördlichen Eismeer. Ortsangabe Tromsö-Sund Karlsö Sorü-Sund, Einfahrt Sorö-Sund, an Holmen- Leuchtfeuer Trold-Fjord, an der Wal- Station Trold- Fjord , Ausfahrt beim Leuchtfeuer Nördliches Eismeer Bären-Lisel in Sicht 14 Bären-Insel, Südhafen 15 Bären-Insel, Westseite 16 Bären-Insel, nördlich Spitzbergen, Südcap in Sicht Spitzbergen, westlich Südcap Stor-Fjord. 13 Seemeilen WSW. von Whales Point Stor-Fjord, Cap Lee am Eingang 1. d. W.-Th ymeiv Straße Stör - Fjord , Changing Point, Eingang in die Ginevra-Bai Stor-Fjurd. Nähe des Changing-Points Stor-Fjord, Nähe dei Hassenstein-Bucht Eingang in d. Deevie-Bai, zwischen Whales Point u.König.Ludwiüs-Inseln Deevie-Bai, in der Nähe der Berentine-Insel Halbmond -Insel, 3 See- meilen südlich in der Nähe der Menke-Inseln ZwischenHoffnungs-Insel und dem Südcap von Spitzbergen Bei -Sund, Van Keulen-! Bai Kings-Bai Geographische Saturn ; t^,^,, des i Tages- Temperatur Länge 38 19' o' 20» 25' 22' 56' 24» i" .«30' 1 22» S' J 21" 56' : 20' o' ■9' 30' 19° 18' 17° 50' 18» 9' 18» 5' 17» 58' 20» 3' 20» 3' Breite i''^"g"| 69» 45' 70° o' ;o« 25' 70° 3', 5' ,-2» 0' 72" 20' ?2' 21' ( II 72» 35' 73° 30' 73» 56' 74° 21' 74° 17' 75° 4' 8. Juni 8. „ 9- « 9- „ Kings- und Cross-Bai, in der Mitte des Einganges Süd-Gat, Eingang Ross-Insel, ca. l Seemeile NW. RiipsBai, nahe Cap Platen Cap Platen, ca. 5 See meilen NO. Hinlopen-Straße. zwisch. CapTorell u. Behm-Insel Hinlopen-Straße, Ein- gang in die Lomme-Bai, vor dem Eis-Cap Hinlopen-Straße, nflrd. lieber Eingang Wiide-Bai am Cap Peter- mann Wiide-Bai, Mitte Eis-Fjord, Mitte Eis-Fjord, Green Harbour Eis- Fjord, in der Mitte des Einganges Horn-Sund 75° 32' 76° 5' 76" 35,5' 77° 19' 78» 6,5' 78" 28' 20" o' I 78» 15' 20" 52' j 77» 35' 21° 3' 1 77° 23' 33" 23' 23° o- 14° 52' II« 35' II» 37' 11» 12' 20" 23' 22» 7' 23» 30' 20° 35' iS» 24' 16» 55' 16» 10' ■5° 55' 15" o' 14» 2o' 14° 20' ■3° 40' 16» o' 16° o' 16» 0' 76» 27' 77° 37' 78° 58' 79° 2' 80» 48' 80» 18' 8o» 35' 79° 20' 79° 44' 80° 8' 79° 12' 79° 34' 78° 12' 78° 3,5' 78° 3,5' 78° 9' 77° 3,5' 77° 3,5' 77° 3,5' .Juli 4 p.m. 10 p. m. 5 a. m. 8 a. m. 4 p.m. 11 p. m. 4 a. m. 8 a. m. 12 m. 4 p.m. 8 p. m. 8 a. m. 12 m. 8 p. m. 7 p. m. 11 p. m. 4 a. m. 8 a. m. 12 m. 12 m. 4 p.m. 6 p. m. 7 a. m. 12 m 6 P- m. 2 P- m. 4 a. m. p. m. 6 p. m. I p.m. 8 a. m. 3 p.m. 4 p.m. I a. m. 4 P-m. 8 p. m. 8 p. m. 12 p. m. ■6 p. m. 11 p. m. 12'/, p. m 8 p. m. n p. m. 1 p. m. 4 p.m. 10 p. m. 12 m. 5,1 4,6 5,3 5,5 5,7 4,8 5,0 5,4 5,2 5,2 4,8 4; 0,4 0,0 0,6 5,9 5,4 5,3 3,2 1,6 3,2 3,0 8,5 6,0 3,4 5,3 6,7 4,0 2.4 4,6 3,9 3,8 4,2 4,4 3,8 5,2 0,6 0,5 -0,6 0,4 3,4 0,2 2,5 Des Meeres blau grün blau schmutzig- grau blau schmutzig, grau schmutsig- brauQ 1,025 ■ 1,025 1,026 1,0255 1,026 ? 1,026 ? ? 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026 1,027 1,027 1,026 1,026 1,027 1^0265 1,0255 1,026 1,025 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026 1,027 1,027 1,027 1,026 1,026 1,0235 1,023 1,023 1,0265 1,0263 1,0263 1,0253 Wind (2-B sw. NNW. N. N. NW. WNW. NWN. NWN. NWN. NW. NW. NW. NW. NW. ONO. NO. ONO. ONO. N. N. SW. NNO. SSW. NW. S. SSW. WSW. SW. WNW. SSW. WSW. NW. WSW. WindsüUe ONO. SO. WSW. WSW. S. S. W. NNW. WS. NNO. Meeres- strömung NO.— SW. 4 4-6 5-6 4-6 3 3—4 3 2—3 Tiefe V V in Metern Wetter und Seegang II NW. .« SO, NW.— SO NW. — SO, NW. — SO, Nordöstlich S.— NO. S.— NO. SW." SW.« •NO. ■NO, stoßweise SW., drau- Hen schwe- rer OSO, 51 47 U. O 3 1—6 — 10 8—10 — NO. SO.. NW.. •NW. -SO, NW. — SO. Westlich igo 40 80 450 240 100 365 45 ca. 80 ca. 30 80 130 6 ca. 50 60 100 u.o o 30 43 feiner Regen bedeckt {bedeckt, | mäßiger [ Seegang | bedeckt, See ruhig Schneeböen, See bewegt Schneeböen, stark. Seegg, wenigSeegg. See ruhig bedeckt, ruh. Schneeböen, S. zieml. ruh. bedeckt, See] ruhig Bemerkungen An der engsten Stelle des S?nd« klar, ruhig schön, ruhig etwas See- gang schön, etwas Dünuni bedeckt, See bewegt bedeckt, we- nig Dünung bedeclit, Nebei schön, ruhig bedeckt, ruhig bedeckt bedeckt, Dünung schön Einzelne Eisschol- len treiben vorbei Wenig Treibeis An d. Festeiskante do. Viel Treibeis do. Wenig Treibeis do. do. In der Nähe eines Gletschers Dichtes Treibeis do. do. do. Dünung böig böig. Regen In der Nähe des olfenen Meeres do. Viele Medusen, »velcb« auch einzeln vom BJ«» aus geschöpft wuides Wegen des Seeganp' konnte nicht liefer ge- fischt werden Vor großen Gletschera, welche bestiindlgBSi, ber entsenden. Schmutz do. do. •viel 6 Z Ortsangabe Geographische Länge Breite Datum des Fanges Tages- zeit Tempcratu °c °c Des Meeres Rich- tung g Stärke 1 1 Meeres- strömung ! Tiefe iß 1 S 1 Wetter 4, Ö 1 1,^1 imd ■°l ! '1 Seegang in Metern Bemerkungen 48 Horn-Sund 16'' 0' 77° 3,5 20. Juli 12 m. 3,0 7,4 sctunutzig braun I,02S3 stoßweise ' '^ISW., drau 8-10 — 45 ,10— 40 böig. Regen 4 Stufenfänge in 10. uen schwe I { 20, 30 imd 40 m 40 " 16" 0' 77° 3,5 20. „ 8 p. m. 2,4 7,4 rer usu. 1,0265 ., etwas 8—10 — 45 43 ,, Tiefe ^ 50 Halbmond -Insel, ca. 2024» 7' Seemeilen nordöstlich 77° 23,5 22. „ u a. m. 2,0 3,6 blau 1,027 schw&cher '■ NO. 3 75 75 nebelie 51 Olga-Straße, etu'a in de Jlitte zwischen König 26° 40' 78° 5' 22. „ 9 p.m. 1,4 1,6 „ 1,0265 NNO. 3 290 150 nebelig, See Karls-Land und denRyk ruhig Ys-Inseln 52 53 do. König- Karls -Land, Süd 27° 25' 78» 18' 22. „ 29°3i'(?)78»46'(?i2,. :: 11 p. m. II a. m. 1,0 0,8 0,6 „ 1,026 NON. 3 _ 315 ■50 Seite, zwischen Helgo ij-i „ 1,026 NNO. I — 65 ca. 50 schön, ruhiglDichtes Treibeis land- und Jena-Insel 54 55 do. do. 29° 35'(f) 78° 46'(?) 23. „ 29° 30'{?) 78° 46'(?) 26. ,; 12 m. i'/.p.m 2,6 — 0,2 1,0 1,5 „ 1,026 NNO. 1,0265 NzO. I 4—5 — NÖ. 65 8 63 7 u. c nebelig, do. Viel Treibeis 5t' 57 do. König-Karls-Land, Jena Insel, Südostspitze, ca 29° 30'(?) 78° 46' 26. „ 28. „ 2 p.m. 4 p. m. — 0,2 0,1 1,5 1,0 „ 1,0265 NzO. 1,027 WzN. 4—5 I — 2 — NO. 8 12 7 II Dünung nebelig do. do. Sog m vom Lande 5» Künig-Karls-Land, Jena Insel, Ostseite, ca. I'/« ? ? 29. „ 10 a. m. 0,6 0,8 » 1,0263 N. I — 2 — 50 49 schön, ruhig Seemeile v. Lande, voi einem großen Gletscher König-Karls-Land, Jena- Insel, am Süd-Ost-Cap ca. Y, Seemeile v. Lande 50 7 ? I. Aug 12 m. 2,0 6,5 „ 1,026 Windstille — — 165 50 „ do. 60 61 62 do.' do. König-Karls-Land, Jena- InseT, an Nord-Ost-Cap ? ? ? ? 3 1- „ 12 m. 2,0 6.5 „ I,026_ „ 165 150 do. r ? 1- „ 1. „ 12 m. 12 p. m. 2,0 0,0 6,5 -0,6 " l,026_ 1,026 NÖ'. I ~ 165 36 150 35 Nebel do. do. ca. V^ Seemeile v. Lande vor einem groß.Gletscher 63 König- Karls -Land, Bre- mer-Sund, ca. I Seemeile NW. V. Cap Weißenfels ? ? 3- ., 7 p. m. 0,8 2,8 " 1,026 SW. I NW. — SO 8 ' bedeckt Wenig Treibeis 64 König -Karls -Land, Bre- mer-Sund, ca. 3'/„ See- ? ? 4- „ 7 a. m. 1,4 2,4 „ 1,026 NNO. 2 NW. — SO 105 100 bedeckt, ruhig do. meilen SSW. V. W. von Cap Weißenfels K. -Karls-Land. Schwe- disch-Vorland, ca. 3 See- 65 ? ? 4- „ 4 p.m. 1,0 2,4 " 1,0255 N. 0— I N. — S. 19 ca. 15 Nebel, ruhig do. meilen SW. V. Cap Malm- 66 gren König-Karls-Land, ca. 11 Seemeilen NW. v. Schwe- disch- Vorland 25" 55' 79° 0' 5^ „ 1 p. m. 4,4 5,0 " 1,026 SW. 1 - '95 150 " 67 Nord-Ost-Land, Ostseite, ca. 4 Seemeilen vor dem großen Gletscher 28" 0' 79° 35' 6- „ 7 p.m. 0,4 0,2 " 1,027 NO. 2 66 50 " 68 Dasselbe, ca. S— 9 See- 28« 47' 79° 45' 6. „ 1 1 '/, p. m. 0,2 — 0,4 „ 1,026 N. 2 — 156 100 Nebel Viel Treibeis <") meilen vor dem großen Gletscher Great-Insel, Ostseite, ca. I Seemeile vom Lande 29° 10' 80» 6' 7- „ 8 p. m. 1,0 0,6 " 1,0265 NNW. 1-2 SO.»-. NW. 10 9 u. " /Viele Medusen, welche auch ein- zeln vom Boot aus geschöpft wurden 70 Karl -Xn, -Inseln, ca. 12 Seemeilen nördlich 25" 10' 81" 0' 8- „ 4 p. m. 1.3 2,6 " 1,026 W. 2—3 — 195 50 bedeckt, et- was Dünung 7' Martens-Insel, Ostseite 21» 36' 80» 42' 10. „ 4 p. m. 3,8 4,2 It 1,026 NW. 2 — 14 13 ^T . ." 72 Eismeer, nördlich Spitz- bergen 21" 21' 81° 0' 10. „ 8 p. m. i,6 2,3 1,0272 Nördlich 1 — 2 — 140 100 Nebel,wenig Dünung 73 do 21" 21' 81° 22' 10. „ 12 p. m. 4 a. m. — 1,0 ^ 1,0272 N. 2 — 655 653 heiter 74 Eismeer, nördlich Spitz- 20» 53' 81» 32' II. „ — 0,8 — 1,2 grün 1,0275 NO. 2 — 1 150 1150 „ An der Festeis- bergen, a.d. Festeiskante kein Grund! kante 75 do. 20» 30' 20» 30' 2l" 0' 81» 20' II. „ 4 p. m. 0,9 — 1,5 ii 1,027 NO. I — 1000 200 bedeckt do. 76 do. ll" 20' 12 p. m. 4 p. m. — 0,2 — 1,6 1,027 NNO. 1—2 — 1000 850 „ do. 77 Hinlopen-Straße, Mitte der Sudmündung W. Thvmen- Straße, in der Mitte, östlich der 79° 13' 13^ „ 3,0 5,8 „ 1,026 SW. r SO.— NW. 80 60 heiter 78 21° 45' 78° 14' "7- „ 4 p.m. 3,7 4.2 blau 1,026s W. 2 Sülles Wasser, vorher Flut- 38 30 j schön, ruhig strom aus dem 79 engsten Stelle Olga -Straße, ösüich 25" 10' '7° 55' 8. „ 10 p. m. 1,0 grün 1,025 S. I Stor-Fjord 61 55 1 „ Dichtes Treibeis 80 Haeckel- Insel KVk- Ys-Inseln, zwischen den Inseln !5° 12' ?7° 49' 9. ,. 10 p. m. 1,4 0,2 „ 1,025 W. zwlECben deo 27 25 „ IdgcIo «I 82 84 ^i°"'"ungs-Insel, ca. II 24» 5' 76» 12' 20. „ 5>eemeilen südlich Spitzbergen-Bank, nord-21» 8' 75° 12' 21. „ östlich der Bären-Insel VyeißesMeer,amEingang4i» 23' 66° 36,5' 26. Sept. Murmanküste, nordöst- 38» 11' 69» 36' 27. „ 4 p.m. 3 a. m. 8 a. m. 8 a. m. 3,4 3,0 8,4 8,2 4,9 4,3 8,8 7,2 blau grün blau 1,027 1,027 1,0222 1,026 SSW. SW. 0. ONO. 2 —3 3 - 60 62 65 128 55 schfln, wenig Dünung 55 Nebel, See- i gang,. 55 schön, ruhig 50 Nebel, ruhig 85 lieh Harloff- Insel Murmanküste, Kildin- 34° 13' 69» 20' : |""d' gegenüber dem Kehktensee Murmanküste, Kildin- 34° 5' 69° 20' 2 7. „ 5 p.m. 8,0 8,0 " 1,0262 NO. 7 —8 — 25 Regen, star- ker Seegang 86 8. „ 8 a. m. 8,2 8,0 „ ,0262 NO. 2 W»^0. 86 starker See- eane »und, -ivestl. Eingang 1 1 1 N 54 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Mannigfaltigkeit in der Zusammensetzung des arktischen Planktons dürfte diese Zahl wohl genügen, um ein gutes Bild von der Planktonfauna des vorigen Sommers zu erhalten. Die meisten Fänge sind Vertikalfänge in der geloteten Tiefe, wobei beide Netzarten in Anwendung kamen. Oefters haben wir auch bei dem Aufenthalt in Buchten dem Plankton mehrere Tage hindurch an einer Stelle fortlaufende Beobachtung gewidmet. Dort wurden auch neben den Netzfängen noch die Medusen, Ctenophoren und andere größere Organismen vom Boot aus einzeln mit Glasschalen geschöpft. Merkwürdiger- weise erhielten wir in den Sunden West-Spitzbergens, namentlich im Horn-Sund, wo uns ein orkanartiger Süd-Ost mehrere Tage festhielt, dicht vor gewaltigen Gletschern, deren zahllose Kälber in ununterbrochener Folge am Schiff vorbeizogen, trotz des geringen Salzgehaltes und des vom Gletscherschlamm stark getrübten Wassers, die schönsten Medusen ! Die Glanznummern unter den Planktonstationen sind entschieden die Stufenfänge auf 81^2'^ N. Br. bis auf 1150 m Tiefe, wie sich weiter unten noch herausstellen wird. Alle Planktonfänge zeigen nun eine gewisse Aehnlichkeit ; Medusen, Ctenophoren, Sagitten, Calaniden und Appendicularien prävalieren abwechselnd in den einzelnen Stationen. Nur wenige Fänge sind von allen anderen grundverschieden : die Stationen zwischen der norwegischen Küste und der Bären-Insel und zwei Stationen aus der Südmündung der Hinlopen-Straße aus den ersten Tagen des Juni, wo wir bei unserem ersten Besuch den Südausgang in die Olga-Straße und diese selbst noch von schwerem Packeis blockiert fanden. Diese Fänge tragen schon äußerlich einen vorwiegend pflanzlichen Charakter und bestehen hauptsächlich aus Algen, Diatomeen, weniger Ceratien und Peridineen — sie sind zweifellos als echtes Kaltwasser-Plankton zu bezeichnen! Nicht so leicht ist diese Entscheidung für die übrige, größere Anzahl der Fänge. Die ganzen Strömungsverhältnisse des vorigen Sommers waren entschieden eigenartige. Der Golf- strom sandte seine Verzweigungen um ganz Spitzbergen. Seine äußersten Aeste trafen wir noch nördlich des 81. Grades, womit natürlich die außergewöhnliche Eisfreiheit des ostspitzbergischen Meeres in Wechsel- beziehung stand. Nördlich von König-Karls-Land betrug die Oberflächentemperatur des Meeres + 5 " C (bei Station 66 + 4,4 "), nördlich von Nord-Ost-Land über 4 " und auf dem 81 " am 10. August um 8 Uhr abends sogar noch + 3,6". Nur wenige Planktonfänge sind in einer Oberflächentemperatur unter o" gemacht worden, und selbst an der Festeiskante auf 81 " 32' maßen wir nur — 0,8°! Eine solche abnorme Ausbreitung des warmen Stromes muß natürlich auch in der Zusammensetzung des Planktons zu spüren sein. Es ist nun aber einstweilen noch nicht leicht, für manche Tierarten ihre Zugehörigkeit zur arktischen resp. zur Warmwasser-Fauna zu präcisieren. Die Ansichten von Walter und Chun über die Heimats- berechtigung der arktischen Medusen gehen sehr weit auseinander, daher muß die Schlußfolgerung, welche auf den Medusen-Arten fußt, eine äußerst vorsichtige sein, zumal auch einige Stücke aus den wichtigen nördlichen Gebieten neu zu sein scheinen. Wir neigen aber trotzdem schon heute zu der Ansicht, daß die Mehrzahl der Planktonfänge mehr Golfstrom-Charakter, jedenfalls keinen echten Polarstrom-Charakter trägt. Es spricht dafür erstens die geringe Beteiligung der Diatomeen an der Zusammensetzung des Planktons. Außer in den ersterwähnten Fängen vor der Bären-Insel und in der Hinlopen-Straße, welche vorwiegend aus Diatomeen bestehen, finden sich Diatomeen erst wieder in weit geringerer Zahl in einigen Fängen aus der Umgebung von König-Karls-Land, wo ein schwerer Nord-Ost große Mengen Eis nach Süden transportierte, und in den Tiefenfängen an der Festeiskante auf 81 Vj«. Die Diatomeen gehören aber der arktischen Strömung an; sie fehlen dem klaren Wasser des Golfstromes! (Vanhöffen.) Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ce Diatomeenreiches Wasser charakterisiert daher kalte, nördliche Strömungen, diatomeenarmes Wasser wärmere, südliche Strömungen. Es spricht dafür ferner die geringe Masse des Planktons. Größere Tierschwärme, von denen Kükenthal und Walter berichten und denen die deutsche Plankton-Expedition und die Grönland- Expedition im Bereiche der arktischen Strömungen begegnete, haben wir niemals gesehen. Selbst die wegen ihrer Schwarmbildung so oft gerühmten arktischen Pteropoden, Clio und Limacina, haben wir immer nur vereinzelt angetroffen. Calanus finmarchieus, der, obschon er bereits als Kosmopolit auch in den wärmeren Meeren auftritt, doch in den kalten Regionen die günstigsten Existenzbedingungen findet, war auch nicht in jenen „gewaltigen Schwärmen" bemerkbar, von denen in der Litteratur die Rede ist. Wir haben es über- haupt nicht ein einziges Mal erlebt, daß unsere Netze von einem „dicken Tierbrei" erfüllt waren. An der ganzen Murmanküste fanden wir Anfangs September, soweit das stürmische Wetter über- haupt ein Auswerfen der Netze zuließ, eine solche Armut an pelagischen Organismen, daß die meisten Fänge gar nichts Konservierbares enthielten. Hierfür sind zweifellos die abnorm hohen Temperaturen des Meerwassers, welche im Sommer 1898 bis zu 14" C betragen hatten, verantwortlich zu machen. Das damit in Zusammenhang stehende Ausbleiben der Häringe ist schon im allgemeinen Teil des Reiseberichtes be- sprochen worden. Es sind das fraglos alles Formen (Diatomeen, Clio, Limacina, Calanus finmarchieus), welche das wärmere Wasser des Golfstromes wohl noch ertragen können, aber doch in demselben nicht mehr zur vollen Blüte gelangen. Z. B. fingen wir große, geschlechtsreife Exemplare von Calanus finmarchieus und hyper- boreus erst auf 81 '/i " an der Festeiskante. Es spricht drittens für eine weitgehende Ausbreitung des Golfstromes im vorigen Sommer das unerkennbare Zurücktreten jener Plankton-Organismen, die als typische Leitformen der kalten Gewässer ange- sehen werden. Biphyes arctica, die von Chun beschriebene hocharktische Siphonophore, fand sich nur wenige Male bei König-Karls-Land, und zwar in der ersten Zeit, als noch viel Eis in der Umgebung dieser Inselgruppe lagerte ; dann aber erschien sie erst wieder in den Tiefenfängen über dem 81 ". Die von Moebius beschriebene Sagitta oder Krohnia hamata, nach Strodtmann ') und Steinhaus -) eine typische Leitform der arktischen Hochsee, auf deren gleichzeitigem Auftreten in arktischen und antarktischen Gewässern Chun bekanntlich seine Ansicht über den Austausch beider Faunengebiete durch Tiefenströme gründete, erbeuteten wir nur in geringer Anzahl an der Westküste Spitzbergens und bei der Jena-Insel aus geringer Tiefe. Es waren aber abgestorbene und teilweise macerierte Exemplare. Auf 81 "2 " erscheint sie dagegen in den Tiefenfängen aus I150 m zahlreich und in allen Entwickelungsstadien ! Sie ist nebst Biphyes und den Diatomeen jener Gruppe von Planktontieren zuzurechnen, welche die warme Strömung nicht vertragen und sich vor derselben nach Norden und in die kälteren Gewässer der Tiefe zurückgezogen haben. So treten uns also pelagische Organismen aus den verschiedensten Tiergruppen als treffliche Strö- mungsweiser entgegen, welche alle für ein abnormes Aufsteigen des Golfstromes und ein ungewöhnliches Zurücktreten des Polarstromes im vorigen Sommer sprechen. Es erübrigt nun noch , die an der Zusammensetzung des vorjährigen Planktons beteiligten Tier- gruppen etwas specieller aufzuführen. 1 1 S. Strodtmann, Die Systematik der Chaetognathen und die geographische Verbreitung der einzelnen Arten im nord- atlantischen Ocean, in: Arch. Naturgesch., Vol. 57 1, 1892. 2) O. Steinhaus, Die Verbreitung der Chaetognathen im Süd-Atlantischen und Indischen Ocean, Kiel 1896. 56 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Kolonie bildende Radiolarien, welche Walter für Golfstromformen hält, während sie nach Chun auch den kalten Strömungen nicht gänzlich fehlen, wurden an verschiedenen Stellen getroffen, sogar noch auf 8l " 32' N. Br. mit Diphyes arctica in demselben Netzzug. Sonst sind von Radiolarien nur noch eine Acanthometra und einige Challengena-Arten in mehreren Exemplaren erbeutet worden, ebenfalls an den nörd- lichsten Stationen. Die Medusen sind mit 10 — 11 Arten vertreten, unter denen Codonium princeps (H.), Hippocrene superciliaris Ag. und Catablema campanida F. die häufigsten sind. Die Ctenophoren haben wahrscheinlich 4 Vertreter, 2 Beroiden und 2 Cydippen, darunter eine von 6 cm Länge mit 25 cm langen roten Tentakeln ; sie waren, wie die meisten Medusen, überall zu treffen. Von Sagitten ist Sagitta hexaptera Orb., nach Strodtmann eine echte Warm wasserform, an allen Fängen beteiligt. Sie fehlt jedoch vollständig in den Tiefenfängen an der Festeiskante, wo die Kaltwasser- form Krohnia hamata (Mob.) an ihre Stelle tritt. Unter den Anneliden können nur wenige kleine Tomopteriden angeführt werden. Der Zahl nach die bei weitem häufigsten Beutetiere sind die Calaniden, Calanus finmarcJiicus GuNN. und Calanus hyperhoreus Kroger. Die anderen Crustaceen , wenige Decapoden und Amphipoden, Krebslarven u. s. w. verschwinden dagegen vollkommen. Die sonst im arktischen Gebiet so gemeinen Pteropoden, CUo und Limacina, waren, wie schon erwähnt, im vorigen Jahre sehr spärlich. Man hätte sie fast zählen können ! Die Appendicularien waren hauptsächlich mit 3 Arten vertreten, Oikopleura vanhöff'eni Lohm., 0. lahradoriensis Lohm. und Fritillaria horealis Lohm., von denen die erste das Hauptkontingent stellt. Leider gelang es uns nicht, die großen Gehäuse der Oikopleura vanhöff'eni zu konservieren ; sie zerfallen schon bei dem vorsichtigsten Versuch, sie vom Boot aus mit einer Glasschale zu schöpfen. Eine ganz besondere Eigentümlichkeit des arktischen Planktons, die hier noch erwähnt werden muß, ist die Armut an Larven von auf dem Meeresboden lebenden Tieren. Es kommt dies daher, daß die meisten arktischen Tiere durch Brutpflege ausgezeichnet sind. Diese ist schon mehrfach nachgewiesen worden, von LuDW^iG bei Echinodermen, von Carlgren und Kwietniewski bei Actinien und neuerdings auch von Hartmeyer bei Monascidien. Es wird dadurch das von den Eisschollen des arktischen Meeres in hohem Maße gefährdete Planktonleben der zarten Larvenformen vermieden. In den Fjorden der norwegischen Küste, bei Tromsö und Hammerfest, waren Echinodermenlarven noch zahlreich anzutreffen. Die gesamten Planktonfänge um Spitzbergen enthalten aber nur wenige Pluteus-Larven aus der Umgebung von König-Karls-Land und aus dem hohen Norden. Die genaue Bearbeitung der einzelnen Plankton-Stationen wird noch manche interessante Ab- weichung von früheren Befunden ergeben und unsere Kenntnisse über die Verbreitung arktischer Plankton- organismen erweitern. Eine nicht unwichtige Ergänzung unseres Materiales werden die Plankton-Unter- suchungen der anderen Expeditionen ergeben, welche in demselben Jahre in Teilen des von uns bereisten Gebietes gemacht worden sind, so von Herrn Dr. Hartlaub auf der Expedition des Deutschen Seefischerei-Vereines an Bord des Kriegsschiffes „Olga" an der Westküste von Spitzbergen, von Herrn Professor Brandt auf der Yacht des Fürsten von Monaco im Stor-Fjord und von der schwedischen Polar-Expedition auf der „Antarctic", welche ungefähr dieselben Gebiete durchfuhr wie die „Helgoland". Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ey II. Die Landtiere und die Eistiere. Die ausgedehnten Wanderungen über die weiten Eisflächen, die Streifzüge unserer jagdkundigen Reisegefährten, die zahlreichen Bootsfahrten und die Landexkursionen boten uns reichlich Gelegenheit, auch der Säugetierwelt und der Vogelfauna des bereisten Gebietes unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn schon aus jagdlichem Interesse das Auftauchen jedes größeren Tieres ein allgemeines Ereignis war, so war dies für uns noch um so wichtiger, als es nicht nur galt, die einzelnen Arten aus eigener Anschauung kennen zu lernen und ihre geographische Verbreitung zu konstatieren, sondern wir wollten auch die Jagd- beute, soweit die marine Fischerei Zeit dazu ließ, zu allerhand biologischen Studien und Beobachtungen ausnützen. So wurden die Ernährungsverhältnisse jeder Tierart aus dem Magen- und Darminhalt festgestellt und die in ihrer Gemeinschaft lebenden Parasiten konserviert. Die Sektionen der Säugetiere und Vögel, besonders lehrreich bei den durch die physiologische Abänderung und Anpassung ihrer Organe merk- würdigen Wassersäugern, wurden nicht bloß behufs anatomischer und morphologischer Studien gemacht, sie lieferten auch reiches Material in die histologische und anatomische Sammlung. Ein wichtiger Teil unserer zoologischen Aufgaben war ferner noch die Erforschung der Süßwasser- seen des ganzen bereisten Gebietes, über die später berichtet werden soll. A. Die Säugetiere. 1. Der Eisbär, Ursus maritimus L. Von den Teilnehmern der Expedition wurden im ganzen 40 Eisbären erlegt und 4 lebend gefangen. Von diesen 44 Eisbären stammen allein 32 aus König -Karls -Land. Die Erreichung dieser Inselgruppe, welche, wenn man von Pike's Fahrt durch den Bremer-Sund im Jahre 1897 absieht, wahrscheinlich seit 1872 nicht betreten und auf Eisbären abgejagt worden war, ließ uns eine so reiche Beute an Bären zufallen. Doch war der Bärenreichtum dieser Gegend damit noch lange nicht erschöpft ; zwei Fangschiffe aus Tromsö, welche wir bei der zweiten Fahrt um die Jena-Insel trafen, hatten auch noch 9 Bären an dieser Insel geschossen. Hier lebten die Eisbären förmlich in Rudeln ; denn wir zählten auf den großen Eisflächen abends bis zu 14 Bären von einer Stelle aus. Hier fand auch ein vollständiger Wechsel der Bären über die ganze Insel statt, wovon die zahlreichen Fährten auf den Schneefeldern, selbst in Höhen von 200—300 m, zeugten. Mehrfach wurden auch Bären schwimmend angetroffen ; einmal sogar ein Weibchen mit einem wenige Monate alten Jungen im offenen Wasser mehr als 1000 m von der nächsten Küste und den nächsten Eisschollen entfernt. Die Bären schwimmen nicht schnell ; ein Boot mit 2 kräftigen Ruderern kann sie leicht einholen. Sie versuchen sich ihren Verfolgern durch Tauchen zu entziehen, das aber nur von kurzer Dauer ist. Die Bären von König-Karls-Land waren stattliche Exemplare und zeichneten sich weniger durch ihre Länge als durch ihre Plumpheit und Schwere aus. Ein altes Männchen maß von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 2,40 m, wovon 20 cm auf den Schwanz kamen. Nach der Schätzung unserer norwegischen Harpuniere sollte es 9 Centner wiegen und mindestens 25 Jahre alt sein ! Wir fanden später an der Ost- küste von Schwedisch -Vorland im Sande das fast vollständige Skelett eines verendeten Eisbären, dessen Schädel noch länger und stärker war als der Schädel unseres größten Bären. Fauna Arctica. o 58 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Das reiche Eisbärenmaterial wurde zu bioloo;ischen Beobachtungen nach Kräften verwertet. So suchten wir festzustellen, wie viel Junge die Eisbärin wirft, worüber genaue Beobachtungen nicht angestellt sind. Unter den vielen Eisbären, welche uns zu Gesicht kamen, zählten wir 1 1 mal Weibchen mit Jungen, und zwar im ganzen l8 Stück, wovon 9 Weibchen mit 13 Jungen unsere Beute wurden. Von diesen II Weibchen hatten acht je 2 Junge, drei dagegen nur je i Junges, womit also erwiesen ist, daß die Eisbärin in der Regel 2 Junge wirft. Die Jungen standen bei 6 Weibchen im 2. Lebensjahre, bei 5 dagegen im i. Lebens- jahre. Sie bleiben bis gegen Ende des zweiten Sommers bei der Mutter, welche dann erst wieder zur Paarung schreitet. Die Anhänglichkeit der jungen Bären ist im 2. Lebensjahre schon erheblich geringer, was man daraus ersieht, daß solche Jungen nach dem Fallen der Mutter stets das Weite suchen, während die kleinen Jungen die Leiche der Mutter nicht verlassen. Die Sektionen ergaben zumeist als Magen- und Darminhalt Robbenteile, im Magen vorwiegend faust- große Hautstücke mit Haaren, im Darm Haarballen, vereinzelt auch kleine Knochen, Nägel und sogar Zähne. Doch fanden wir auch Eisbären mit vorwiegend oder rein vegetabilischer Nahrung. Im Stor-Fjord hatte ein altes Männchen nur wenig Robbenhaare im Darm, im Magen dagegen viele Laminarienstengel. Von einem Nahrungsmangel konnte hier nicht die Rede sein, da im Stor-Fjord in dieser Zeit noch große Eisflächen mit Hunderten von Robben vorhanden waren. Dagegen war es einem Eisbärenweibchen mit 2 Jungen im 2. Lebensjahre, welche in der Bismarck-Straße unseren Reisegefährten zur Beute fielen, recht schlecht ergangen. Die Küsten der Bismarck-Straße waren fast gänzlich vom Eise befreit und die Robben daher recht spärlich geworden. Und so fanden wir die 3 Bären entfernt von der Küste, wo sie einen Hang absuchten. Alle drei hatten nur Vegetabilien im Magen wie im Darm, kleine Blättchen und Stengel der dort üppigen Flora. Einen anderen Eisbären, der auf der Berentine-Insel am Eingange des Stor-Fjordes herum- spazierte, entdeckten wir dabei, wie er die Nester der zahlreich auf dieser Insel brütenden Eiderenten und Gänse ausplünderte. Der Magen enthielt einen gelben Brei und Reste von Eierschalen. Wie eine Besich- tigung der Entennester ergab, schluckte der Bär die Eier nicht ganz herunter, sondern zerdrückte sie erst mit der Schnauze im Nest und leckte dann das Nest aus. Bei II erwachsenen Bären wurde ferner eine genaueste Untersuchung des gesamten Verdauungs- tractus und aller inneren Organe auf Parasiten vorgenommen, doch war das Resultat ein negatives. Es scheint sich somit zu bestätigen, daß der Eisbär in der Freiheit wenig oder gar keine Parasiten beherbergt, denn für den Ascaris transfuga geht aus den Beschreibungen von Dujardin und Rudolphi nicht mit Sicher- heit hervor, daß diese Exemplare aus freilebenden Eisbären stammen. Wahrscheinlich sind sie aus in der Gefangenschaft lebenden Eisbären gesammelt worden, welche sich von den meist in ihrer Nachbarschaft gehaltenen braunen Bären infiziert haben könnten. Unsere Beobachtungen über das Vorkommen der Eisbären an den spitzbergischen Küsten dürften nicht ohne Interesse sein. „Der König der arktischen Küste" oder der „Lensmann (d. h. der Amtmann) von Spitzbergen", wie die norwegischen Fangschiffer den Eisbären zu nennen pflegen, ist über das ganze nördliche Polargebiet verbreitet. Eine Nordgrenze läßt sich nicht ziehen, und er findet sich, nachdem Nansen ^j ihn noch auf dem 86" N. Br. angetroffen hat, sicherlich auch am Nordpol selbst, wie A. Brauer 2) (p. 233) schon vermutete. Der Eisbär lebt an der Eiskante und auf dem Treibeise und nährt sich hauptsächlich von Robben ; und überall, wo Eis und Robben vorhanden sind, sind auch die Existenzbedingungen für den Eisbären 1) F. Nansen, In Nacht und Eis. 2 Bde. Leipzig, F. Brockhaus, 1897. 2) A. Brauer, Die arktische Subregion. Ein Beitrag zur geographischen Verbreitung der Tiere. Zool. Jahrbücher, Abt. f. Systematik, Bd. III, 1887. Einleitung;, Plan des Werkes und Reisebericht. 59 gegeben. Eine Südgrenze läßt sich daher nicht mit Bestimmtheit aufstellen ; sie fällt mit der in jedem Winter wechselnden südlichen Grenze des Eises zusammen. A. Brauer hat daher mit Unrecht die Südwestküste und einen Teil der Westküste von Spitzbergen aus dem Verbreitungsgebiet des Eisbären ausgeschlossen ; denn diese Küste ist jeden Winter vom Eise blockiert und bietet daher auch dem Eisbären die nötigen Lebens- bedingungen. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß sich die Eisbären infolge des häufigen Besuches der Westküste von Spitzbergen durch die Fangschiffe und Touristen mehr nach Osten zurückgezogen haben, so sind doch andererseits häufig genug Bären an der Westküste angetroffen worden. TrautschI) hat schon in seiner erwähnten Arbeit der BRAUER'schen Südgrenze widersprochen und daran erinnert, daß Küken- thal-) noch im Jahre l886 frische Bärenspuren an mehreren Stellen im Eis-Fjord nachgewiesen und auch einen Bären dort erlegt hat. Wir vermögen diesen Widerspruch von Trautsch und die Angaben von Kükenthal erheblich zu stützen, denn die beiden ersten Bären, 2 stattliche Männchen, wurden schon am Südcap von Spitzbergen, also außerhalb der BRAUER'schen Grenze erlegt. Zwei weitere Fundstellen, an der Westseite des Stör- Fjordes und in der Bismarck - Straße auf der Ostküste von Groß -Spitzbergen, liegen, wenn auch nicht direkt außerhalb, so doch hart an der BRAUER'schen Südgrenze. Und endlich ist im Jahre 1898 auf Prinz -Karls -Vorland eine Eisbärin mit 2 Jungen von einem Tromsöer Fangschiff erlegt worden ! Auf der Bären-Insel setzte uns die frische Fährte und Losung eines Bären bereits in Aufregung. Wenn wir den Bären selbst auch nicht aufspüren konnten, — sei es daß er in den tiefen Schluchten der Insel sich verborgen hielt, oder daß ein Fangschift' ihm schon kurz vor uns den Garaus gemacht hatte — zweifellos ist aus der frischen Losung zu konstatieren, daß die Bären-Insel noch im Juni 1898 von einem Eisbären heimgesucht worden ist. Solche Besuche können sich jeden Winter wiederholen, sobald durch das Eis die Verbindung mit Spitzbergen hergestellt ist, daher ist das Bären-Eiland dauernd zu dem Wohn- bezirk des Eisbären zu rechnen. 2. Der Eisfuchs, Canis layoinis L. Der Polarfuchs ist ebenso wie der Eisbär über das ganze nördliche Polargebiet verbreitet; er geht nur erheblich weiter südlich als der Eisbär und ist in Skandinavien und Finnland ebenso heimisch wie auf Island. Nansen konstatierte Füchse auf dem Treibeise weit vom Festlande bis auf 85" N. Br. und hatte in seiner Winterhütte auf 81 " N. Br. viel von diesen Gesellen, welche sich an seinem Material zu schaffen machten, zu leiden. Wir trafen die Polarfüchse auf unserer ganzen Reise an, auf der Bären-Insel, an den Küsten Spitz- bergens, auf König-Karls-Land, auf der Great-Insel östlich von Nord-Ost-Land, und auf den Inseln nördlich von Spitzbergen. Wir hatten das Glück, 3 von diesen Räubern zu erlegen und deren Bälge zu kon- servieren. Der erste wurde auf der Bären-Insel von einem unserer Reisegefährten erlegt, ein säugendes Weibchen, welches bereits Anfang Juni seinen Winterpelz abgelegt hatte und völlig dunkel war. Leider gelang es nicht, die Jungen auszuheben, die unter schweren Felsblöcken verborgen waren. Schon tags zuvor hatten wir 2 , ebenfalls dunkle Füchse zu Gesicht bekommen , darunter einen aus nächster Nähe, doch entwischte er, ehe wir uns an dem drolligen Anblick dieses neugierigen Strolches satt gelacht hatten und zu Schuß kamen. 1) H. Tkautsch, Die geographische Verbreitung der Wirbeltiere in der Grönland- und Spitzbergen -See, mit Berück- sichtigung der Beobachtimgen Nansen's. Biol. Centralblatt, Bd. XVIII, 1898. 2) W. Kükenthal, Bericht über eine Reise in das Nördliche Eismeer und nach Spitzbergen im Jahre 1886. Deutsche geogr. Blätter, Bd. XI, Bremen 18SS. 8* 60 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Dieser Fund auf der Bären-Insel verdient ebenfalls besonders hervorgehoben zu werden gegenüber den Angaben, daß die Füchse sich von diesem Eiland ebenso wie die Bären mehr und mehr zurückgezogen haben und dort nur noch im Winter und auch dann nur sehr selten erscheinen. Die beiden anderen Füchse wurden im Stor-Fjord geschossen, am Eingange in die W.-Thymen- Straße und in der Disco-Bai. Beide Bälge sind interessant, weil sie sich in verschiedenen Stadien des Ueberganges befinden. Während bei dem ersteren der dunkle Pelz vorherrscht und nur noch die Ohren und der Schwanz mit weißen Haaren untermischt sind, ist der andere auf der ganzen vorderen Körper- hälfte noch mit langen weißen Haaren bedeckt und nur in der hinteren Partie dunkel. Es stimmt diese Färbung zu Kükenthal's Beobachtung, welcher l88g von einem Fuchs berichtet, der „vorn weiß, in der hinteren Körperhälfte dagegen schwarz gefärbt war". Diese Uebergangskleider sind insofern von Wichtig- keit, als sie allen Versuchen, die Weiß- und Blaufüchse als zwei verschiedene Arten aufzufassen und ihr Vorkommen getrennt anzugeben, widersprechen. Es ist nunmehr als sicher anzunehmen, daß der blaue und der weiße Fuchs nur Farben-Varietäten sind und beständige Spielarten bilden. Beide paaren sich mit- einander, und in dem Wurf eines rein weißen Paares kommen blaue Junge vor und umgekehrt. Nicht alle Polarfüchse legen jedoch im Winter ein weißes Kleid an, sondern manche behalten auch in der kalten Jahreszeit ihre schieferfarbene Färbung bei ; es sind die Blaufüchse des Pelzhandels, welche am höchsten im Preise stehen. Der Mageninhalt zweier Füchse bestand aus Vogelschnäbeln und Federn, während der dritte weder im Magen noch im Darm einen erkennbaren Inhalt aufzuweisen hatte. Parasiten wurden bei allen dreien nicht gefunden. 3. Das Rentier, Bangifer taranäus L. Unsere Jagdausbeute an Rentieren ist recht beträchtlich gewesen. Mehr als 50 Stück wanderten in die Küche, wo sie ihres schmackhaften Fleisches wegen als willkommene Abwechselung der Konserven- kost gern gesehen wurden. Doch hätte diese Zahl leicht verdoppelt oder verdreifacht werden können, denn im Osten Spitzbergens sind die Tiere wenig scheu, so daß man ohne weitere weidmännische Künste an die Herden herankam, die manchmal selbst dann noch neugierig auf den Jäger zuliefen, wenn schon einige Tiere gefallen waren. Nachdem wir aber einmal das Reizlose und Unrühmliche dieser Jagd kennen gelernt hatten, konnte nur noch das Verlangen nach frischem Fleisch solche Rentierjagden veranlassen. In West - Spitzbergen sind die Rentiere infolge der häufigen Jagden sehr viel scheuer und schwerer zu erlegen. Im Eis-Fjord, wohin sich nunmehr alljährlich ein größerer Touristenstrom ergießt, werden sie wahrscheinlich sehr bald gänzlich ausgerottet oder vertrieben sein. Im Jahre 1886 erlegte Kükenthal allein in der Advent- und Sassen-Bai 32 Stück ! Unsere besten Jagdplätze im Osten waren die W.-Th3'men-Straße und die Disco-Bai, der Helis-Sund und die Wijde-Bai. Auf König-Karls-Land fanden wir 2 Paar noch gut erhaltener Rentierstangen, wodurch die Beobachtungen der norwegischen Fangsleute von 1872 bestätigt sind. Rentiere selbst sind uns auf den König-Karls-Inseln ebensowenig zu Gesicht bekommen wie auf den Ryk-Ys-Inseln. Daß auf allen den kleinen Inseln nördlich von Spitzbergen das Rentier noch nicht aus- gerottet ist, ergiebt sich aus den Angaben des Tromsöer Fangschiffers Johannesen, welcher noch vor wenigen Jahren Rentiere auf der nördlichsten der In.seln, der Ross-Insel, erlegt hat. Wir .selbst fanden auf der benachbarten Märten s-Insel Rentierstangen und erlegten in der Nähe dieser Insel ein schwimmendes Rentier. Ein junger Bock war vor seinen Verfolgern ins Meer geflüchtet, wo er von einem Ruderboot eingeholt und schwimmend geschossen wurde. Das Tier schwamm sehr gewandt und schnell. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 6l jedenfalls schneller als der Eisbär, denn zwei kräftige Ruderer vermochten es nur mit äußerster Kraft- anstrengung einzuholen. Das Rentier ragt beim Schwimmen weit aus dem Wasser heraus; der ganze Rücken und Hals ist bis zur Mitte der Weichen sichtbar. Es wird diese Erscheinung auf den großen Luft- gehalt der Haare zurückzuführen sein, welche ja neuerdings wegen dieser Eigenschaft zur Füllung von Rettungsgürteln und Ruderbooten aus Segeltuch benutzt werden. Die ausgezeichnete Schwimmkunst des Rentieres verdient noch deshalb besondere Beachtung, weil sie geeignet ist, die Verbreitungsmöglichkeit der Rentiere, worauf wir später noch zu sprechen kommen, erheblich zu erhöhen. Leider waren die Bälge und die Geweihe der Rentiere fast noch gänzlich unbrauchbar und nicht zu konservieren. Die Geweihe waren anfangs Juli noch nicht ausgewachsen und weich, daher meist schon durch den Fall des Tieres verdorben. Die Tiere hatten den Winterpelz noch nicht abgelegt und waren stellenweise noch mit langen weißen Haaren bedeckt, welche schon bei der leisesten Berührung ausfielen, so daß es nicht lohnte, solche Felle zu präparieren, zumal auch die Erhaltung des weichen Geweihes nicht möglich war. Erst Mitte August trafen wir am Helis-Sund Rentiere mit festen Geweihen, deren Köpfe konserviert wurden. Das Rentier, welches am lo. August bei der Martens - Insel im Wasser schwimmend erlegt wurde, hatte bereits wieder ein dichtes, schönes Winterfell, das mitsamt dem ausgebildeten Geweih konserviert werden konnte. Im August waren die Rentiere auch schon mit einer ansehnlichen Speck- schicht bedeckt, welche stellenweise schon 4 — ^5 cm Dicke erreicht hatte, während die Juni -Exemplare aus dem Stör- Fjord noch ziemlich mager waren. Bei den Sektionen fielen uns die ungeheueren Nahrungs- mengen auf, mit welchen Magen und Darm bei allen Tieren gleichmäßig angefüllt waren. Parasiten wurden in den Rentieren nicht gefunden. Es sei hier gestattet, noch einige Bemerkungen über die Verbreitung und die Herkunft der Ren- tiere im nördlichen Polargebiet einzufügen. Außer auf dem amerikanischen und dem europäisch-asiatischen Festlande ist das Rentier auf Grönland nebst den amerikanischen Polarinseln ebenso zu treffen, wie auf Spitzbergen und Nowaja-Semlja. Alle Reisenden, welche in ihren Werken über Rentiere berichten, sind darin einig, daß die Rentiere dieser drei Gebiete — Grönland, Spitzbergen und Nowaja-Semlja — von- einander abweichen und als verschiedene Formen oder lokale Varietäten aufgefaßt werden müssen. Das spitzbergische Ren soll von dem Ren Grönlands mehr verschieden sein als von demjenigen Nowaja- Semljas. In Grönland und Nowaja-Semlja sind die Rentiere zweifellos vom Festlande her eingewandert, wie ja auch heute noch von den amerikanischen Nord-Polarinseln berichtet wird, daß die Rentiere im Herbst die Inseln verlassen und im Frühjahre nach ihnen zurückkehren, Wanderungen, welche A. Brauer treffend mit dem Aufsteigen der Gemse im Sommer nach hohen grasigen Matten und dem Absteigen im Winter in den schützenden Wald vergleicht. Die neusibirischen Inseln werden im Sommer von den Rentieren des Festlandes besucht, im Winter ziehen sie sich meistens auf letzteres zurück. Auf einem kleinen Eiland an der Taimyr- Halbinsel schoß Nansen am 20. August Rentiere, welche zweifellos vom asiatischen Festlande stammten. Mit weniger Sicherheit läßt sich die Frage beantworten, wie das Ren auf die spitzbergischen Inseln gekommen ist. Von Grönland kann die Einwanderung nicht erfolgt sein, da hier die Tiere nur bis zum 75" N. Br. gehen und außerdem der Spitzbergische Archipel von Grönland durch den kalten Strom getrennt ist, welcher, von Norden kommend, an der ostgrönländischen Küste weit nach Süden verläuft. Vom Norden her, von einem unbekannten Lande um den Nordpol oder über dieses hinweg von der sibirischen Küste her kann Spitzbergen nicht mit Rentieren bevölkert worden sein, weil die Größe der Entfernungen und der Nahrungs- 62 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, mangel in den durchwanderten Gebieten dagegen spricht und das unbekannte Land um den Nordpol durch Nansen's Reise wohl in das Reich der Phantasie gerückt ist. So bleiben nur zwei Wege übrig, auf denen die Besiedelung Spitzbergens erfolgt sein kann, von Nowaja-Semlja oder von Skandinavien. Von diesen beiden in Betracht kommenden Rentieren ist die spitzbergische Rasse durch einen gedrungeneren, fetteren Körper und kürzere Beine unterschieden. Der Einwand, welcher hieraus gemacht werden könnte, ist also für beide Möglichkeiten derselbe. Er will uns aber nicht schwerwiegend erscheinen denn es ist sehr wohl denkbar, daß das Klima Spitzbergens verändernd auf die Tiere einwirkte. Gegen die Einwanderung aus Nowaja-Semlja hat Brauer das Fehlen der Rentiere auf Franz- Josephs-Land geltend gemacht. Da ferner heute kein Zuzug mehr von Nowaja-Semlja nach Spitzbergen stattfindet, wie das seltene Vorkommen der Rentiere im nördlichen Teile von Nowaja-Semlja und das Fehlen der Bremsen auf den spitzbergischen Rentierherden beweist, so glaubt Brauer, daß die Rentiere vom Menschen aus Skandinavien nach Spitzbergen eingeführt worden sind. Er stützt sich dabei auf eine Sage, die an Wahrscheinlichkeit gewinnen soll durch die Thatsache, daß noch nach der Mitte des vorigen Jahr- hunderts (1770) Rentiere von Finmarken nach Island herübergebracht worden sind. Doch sind irgend- welche historische Anhaltspunkte für eine Besiedelung Spitzbergens nicht vorhanden. — Wenn auch heute keine Rentiere mehr auf Franz-Josephs-Land leben, oder vielmehr in den wenig erforschten, inselreichen Archipel noch nicht gefunden worden sind, so ist dadurch eine ehemalige Einwanderung über diese Inseln noch nicht widerlegt. Es ist sehr wohl denkbar, daß die wandernden Herden diese nahrungsarmen Gebiete bald wieder verließen und nach Spitzbergen weiterzogen, womit ja durch die dazwischen liegenden Inseln, die White- und Great-Insel und vielleicht noch andere unbekannte Inseln, eine gute Verbindung hergestellt ist. Daß solche Entfernungen bei dem anerkannten Wanderungstrieb der Rentiere und ihrer Ausdauer im Hungern keine Rolle spielen, beweist ihr Vorkommen in König-Karls-Land. Unseres Erachtens ist die Frage nach der Herkunft des spitzbergischen Rentieres noch nicht ganz spruchreif. Keiner der Reisenden, welche in ihren Berichten die Rentiere Grönlands, Spitzbergens und Nowaja-Semljas als verschiedene Formen ansehen und deren Abstammung und Einwanderung besprechen, hat alle drei Tiere nebeneinander gesehen und auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen geprüft. Zunächst müßte einmal ein Zoologe an einem reichhaltigen Material eine Vergleichung der drei in Betracht kommenden Formen unter sich und mit den skandinavischen Rentieren vornehmen. Dann erst könnte auf Grund dieser systematisch -phylogenetischen Untersuchung Stellung genommen werden zu der einen oder der anderen Einwanderungshypothese. 4. Der Lemmiiig, Myodes torqiiatus Keys, et Blas. Die Frage, ob der Lemming unter den Säugetieren Spitzbergens anzuführen sei, ist viel bestritten worden. Die Autoren, welche sie bejahen, stützen sich auf die Angaben von Parry und Heuglin. Parry i) fand auf seiner Reise im Jahre 1817/18 ein Skelett dieses kleinen Nagers auf dem Eise nördlich von Spitz- bergen unter 821/3" N. Br. Heuglin ä) fand 1870 in der Advent- Bai in West-Spitzbergen „einige offenbar von Lemmingen gegrabene Baue, die, soweit er ermitteln konnte, damals nicht bewohnt waren" (Bd. I, p. 271J, und sein Harpunier versicherte ihn, in derselben Gegend diese Tiere ausgegraben zu haben. Weitere 1) Parry, Tagebuch einer Entdeckungsreise nach den nördlichen Polargegenden im Jahre 1818. Hamburg 1S19. 2) V. Heuglin, Reisen nach dem Nordpolarmeer in den Jahren 1S70 und 1871. Braunschweig 1S73. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 6-j Mitteilungen über direkte Beobachtungen sind von Reisenden nicht gemacht worden. Die späteren Arbeiten, welche den Lemming für Spitzbergen anführen, thun dies auf Grund der Befunde Parry's und Heuglin's. Zu den Angaben Heuglin's sei bemerkt, daß dieselben von Malmgren und Nordenskjöld, die beide nichts von Lemmingen gespürt haben , bestritten worden sind, und daß Kükenthal's Unter- suchungen ergeben haben, daß diese Löcher nichts mit Lemminghöhlen zu thun haben (Trautzsch). So bleibt also nur Parry's Fund übrig, und dieser ist noch lange kein Beweis, daß der Lemming auf Spitz- bergen vorkommt. Wir sind vielmehr der Ansicht von Malmgren und TRAUTZSch, daß es sich hier nur um ein verschlepptes und angeschwemmtes Exemplar handelt, welches von Norden her mit dem Eise gekommen ist. Es klingt diese Erklärung gar nicht so gezwungen, denn der fragliche Lemming braucht etwa nur dieselbe Drift gemacht zu haben wie die Fram. Uebrigens scheint Parry das Skelett nicht auf- bewahrt zu haben, so daß unzweifelhafte Belegstücke gar nicht vorhanden sind. Auch wir haben auf unseren mannigfachen Streifzügen nichts von Lemmingen gespürt, nicht einmal Losung, obschon sehr genau darauf geachtet wurde, wobei uns die jagdkundigen Reisegefährten eifrigst unterstützten. Die Schnee-Eule, welche hauptsächlich von Lemmingen lebt und daher auf Nowaja-Semlja wie diese häufig ist, fehlt auf Spitzbergen oder verfliegt sich nur höchst selten dorthin. Das scheint uns auch gegen das Vorhandensein von Lemmingen auf Spitzbergen zu sprechen. Auch wäre gewiß einmal von den Tromsöer Fangschififern, welche alljährlich ihre Jagdtouren in das nördliche Eismeer unternehmen und bei den Rentierjagden häufig genug an Land kommen, irgend etwas vom Lemming an das Museum in Tromsö abgeliefert worden, zumal manche dieser Eismeerfahrer großes zoologisches Interesse haben und gelegentlich Eier, Vögel, selbst marine Tiere sammeln und mitbringen. So muß unseres Erachtens der Lemming aus der Säugetierfauna Spitzbergens gestrichen werden, ebenso wie der Eishase (Lepus variabilis Pall.) aus der Fauna von Fianz-Josephs-Land. Auch hierüber existiert nur eine einzige Quelle, und zwar von Payer ij, welcher schreibt: „Die Exkremente von Füchsen trafen wir einigemal, auf der Hohenlohe-lnsel auch die eines Polarhasen." Diese Losung, die ebensogut von Vögeln stammen kann — auch wir wurden anfangs auf Spitzbergen dadurch getäuscht — ist nicht näher untersucht und auch nicht autbewahrt worden. Und wenn ihre Identität feststände, so kann sie auch nur von einem verirrten und bald zu Grunde gegangenen Hasen herrühren, denn Nansen hat auf seiner langen Fußreise und bei seiner Winterhütte nichts von Eishasen verspürt. 5. Das Walroß. Odobaenus rosinartis (L.). Die Jagd auf Walrosse ist entschieden gefährlicher als die Jagd auf Eisbären. Selbst die nor- wegischen Harpuniere, welche dem Eisbären gelegentlich mit der Lanze entgegengehen, haben vor dem Walroß großen Respekt. Die Verfolgung eines solchen wütenden und angriffslustigen Ungeheuers erfordert die ganze Kraft und Gewandtheit eines erfahrenen Fangsmannes. Erstlich ist der tödliche Schuß schwer anzubringen, da der dicke, harte Schädel nur an zwei Stellen, hinter dem Ohr und über dem Auge, von einer Flintenkugel durchschlagen wird. Sodann muß gleich nach dem Schuß harpuniert werden, weil sonst der schwere Koloß unfehlbar in die Tiefe sinkt. Unsere Walroßjagden waren nicht sonderlich glücklich ; die ersten versanken vor den Augen der Jäger, ehe ihnen noch die Harpune in den Leib gestoßen werden konnte; ein drittes, auf einer Eisscholle I) J. Payer, Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872 — 1874. Wien, A. Holder, 1876. ^4 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, erlegtes, mußte im Stich gelassen werden, weil plötzlich einsetzende Eispressungen das Boot gefährdeten und abzuschneiden drohten. Indessen hatten wir später Gelegenheit, in der Südbucht der Jena-Insel aut einem in unserer Nachbarschaft liegenden Fangschitf die Erbeutung eines mittelgroßen Bullen anzusehen und dessen Verarbeitung an Bord des Fängschiffes mitzumachen. Bot schon die äußere Körperform Gelegen- heit zu morphologischen Studien, so wurde die Arbeit erst recht interessant, als uns nach dem Abhäuten der Kadaver zu weiteren Untersuchungen überlassen war. Allerhand Organe und Organteile wanderten in die histologische Sammlung. Schließlich wurde der Magen- und Darminhalt vorgenommen. Der Magen enthielt zu unserer großen Ueberraschung mehr als loo spannlange Fische einer und derselben Art, welche alle in der Mitte durchgebissen waren. Diese Fische gehören nach der gütigen Bestimmung von Herrn Dr. Ehrenbaum zu Gadus saida Lepech., dem Polardorsch, welcher unserem Kabeljau sehr nahe steht und vielleicht nur eine Abart desselben darstellt. Neben den Fischen fanden sich viele nußgroße Steine und käsiger Brei, aber nur eine Schalenhälfte einer Muschel, und das verdient hervorgehoben zu werden, da man meistens als Nahrung des Walrosses Muscheln angegeben findet. Es mag hier noch zur Ernährungsfrage des Walrosses eine Beobachtung des Tromsöer Kapitäns Andreasen erwähnt werden, mit welchem kenntnisreichen Eismeerfahrer wir unter dem riesigen Gletscher des Nord-Ost- Landes Besuche austauschten. Andreasen, den Polarreisenden wohl bekannt durch seine genauen meteorologischen und geographischen Beobachtungen und Aufzeichnungen, sah einmal, wie ein Walroß einen schwimmenden Sturmvogel [Procellaria glnciaUs L.) ergriff und verschluckte. Er fand auch wiederholt Seehundsreste im Walroßmagen. Es sei auch noch daran erinnert, daß nach Kükenthal (1889, p. 41) das Walroß nicht nur Robben frißt, sondern auch unter Umständen Weißwaljunge angreift, und daß nach Ansicht erfahrener Walfänger die Weißwale stets die Orte meiden, wo Walrosse sich vorfinden, da letztere ihren Jungen gefährlich werden können. An Parasiten beherbergte der Magen unseres Walrosses große Mengen von Nematoden, Ascaris decipiens Krabbe, welche in dichten Knäueln in der Magenwandung saßen. Aus dem Darm konservierten wir Botkriocephalus cordatus Leuck. in mehreren Exemplaren. Eine besonders auffällige Erscheinung war uns die tief-dunkelblaue Färbung des Fleisches und Blutes vom Walroß. Das Walroß ist, wie der Eisbär, ein hocharktisches Tier. Es lebt hauptsächlich in der Nähe der eisumlagerten Küsten und wird auf hoher See selten angetroffen. Seine Südgrenze fällt im allgemeinen mit der stets wechselnden südlichen Eisgrenze zusammen. Eine Nordgrenze läßt sich nicht ziehen, da Nansen nördlich von Franz-Josephs-Land bis auf 81 1/," Walrosse überall da angetroffen hat, wo sich offene Rinnen im Eise befanden. Zweifellos hat sich in den letzten Jahrzehnten beim Walroß nicht nur eine erhebliche Abnahme der Menge, sondern auch ein Zurückziehen in die unzugänglicheren Eisfelder des Nordens bemerkbar gemacht. Immerhin muß aber noch ein guter Bestand vorhanden sein, denn das Tromsöer Fangschiff „Hekla" kehrte im September 1898 mit einem Fang von 215 Walrossen und 75 Eisbären von seiner Jagdtour zurück, und Wellmann 's Expedition hat nach den Zeitungsnachrichten im letzten Sommer bei Franz-Josephs-Land über 100 dieser Thrantiere erlegt. 6. Der bärtige Seehund, Phoca harhata Fabr. Die Bartrobbe, oder die Storkobbe des norwegischen Thrantierjägers, ist entschieden der häufigste Vertreter der Seehunde im Nordpolargebiet. Wir trafen sie auf unserer ganzen Fahrt an, in der Umgebung Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 5r der König-Karls-Inseln, ebenso wie bei Nord-Ost-Land und an der Festeiskante auf Si^/^" N. Br. Am zahl- reichsten waren sie im Stor-Fjord, wo über hundert auf den großen Eisfeldern gesehen wurden. Sie gehen sehr weit nach Norden, denn Nansen konstatierte ein Exemplar auf 82° N. Br., und Sverdrup ein solches sogar auf 85° N. Br. Mehr als 40 Stück wurden von unserer Expedition geschossen und zu den ver- schiedensten Untersuchungen ausgenutzt. Der Mageninhalt setzte sich in der Hauptsache aus mehreren Arten von Decapoden zusammen, ferner auch aus ca. 25 cm langen Fischen, wahrscheinlich Centronotus gunelhis, aus Cephalopoden-Resten und Wurm- röhren. Alle Seehundsarten sind stark mit Darmparasiten behaftet, sowohl mit Nematoden, als auch mit Cestoden. Erstere bevorzugen als Aufenthaltsort den Magen, wo sie oft zu dichten Nestern vereinigt sind, letztere den Darmkanal, doch fanden sich meist auch einige Nematoden im Darm und wenige Cestoden im Magen. Es ist auffällig, daß in der Arctis gerade die Tiere Parasiten beherbergen, welche sich von niederen Seetieren nähren, die Robben und fast sämtliche Möwenarten, die alle mehr oder weniger Planktonfischer sind. Der jeweilige Zwischenwirt muß also unter den niederen Tieren zu suchen sein. Der Eisbär, der die von Entozoen strotzenden Seehunde frißt, hat wahrscheinlich keine Parasiten. Im Fuchs, der den Vöo-eln nachstellt, fanden wir auch keine, und die Eismöwe, welche über die Kadaver der Säugetiere herfällt, scheint auch nicht so sehr davon geplagt zu sein, wie die anderen Möwen. Aus Phoca barhata wurden folgende Darmwürmer konserviert : i) Cestoden: Bothriocephalus schistocJiilos Germanos; 2) Nematoden: Ascaris decijnens Krabbe, Ascaris osculafa Rud., alle 3 Arten in großen Mengen. Im übrigen verweisen wir auf die später folgenden Arbeiten der Herren Prof. Zschokke und Dr. v. Linstow, denen auch die obigen Angaben entnommen sind. Von den erbeuteten Bartrobben verdient noch ein Weibchen, welches im Stor-Fjord mit seinem Jungen unter das Seziermesser kam, besondere Erwähnung. Die Mutter maß von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 2,55 m, das Junge 1,66 m. Der Ansicht unserer Harpuniere, daß es sich um ein säugendes Weibchen mit einem Jungen desselben Jahres handle, schenkten wir anfangs keinen Glauben, bis wir uns durch die Untersuchung der Milchdrüsen des Muttertieres und des Magens des Jungen von ihrer Richtigkeit überzeugten. Aus allen 4 Drüsen floß reichlich Milch, und der Magen des jungen Tieres enthielt einen milchigen Brei, außerdem 2 Krebse und eine Wurmröhre, die sich im Magen der Mutter reichlich fanden. Die junge Robbe wurde also trotz ihrer Größe noch gesäugt und hatte daneben schon Freßversuche gemacht. Interessant ist es auch, daß sie noch gänzlich parasitenfrei war, während wir aus der Mutter vielleicht 1 Liter von Ascariden und Cestoden auslasen. 7. Die RiiigeIrobl)e, Phoca annellata Nils. Von der „Steenkobbe" wurden 5 Exemplare geschossen, und zwar 2 bei der Jena-Insel, je i bei der Great-Insel, in der Riips-Bai und an der Eiskante auf 81 " 30' nördlich von der Ross-Insel. Nur 2 davon enthielten erkennbare Nahrungsreste und zwar Decapoden in verschiedenen Arten. Der einzige Parasit war Ascaris decipiens Krabbe, der bei 2 Exemplaren im Dünndarm vorkam. 8. Der gemeine Seehund, Phoca vUulina, Auf So '/g " etwa 20 Seemeilen westlich von der Ross-Insel wurde ein Männchen dieses im nörd- lichen Atlantic so gemeinen Seehundes erlegt. Im Magen fand sich zwischen vielen haselnußgroßen Steinen nur eine Schalenhälfte einer Muschel. Darm und Magen enthielten aber große Mengen von para- sitischen Würmern, Ascaris decipiens Krabbe und Bothriocephalus spec. Fauna Arctica. 9 66 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, B. Die Vögel. Obwohl wir selbst uns während der Reise nur in den Erholungsstunden, welche uns die marine Forschung übrig ließ, mit der Ornis beschäftigen konnten, haben wir doch eine Anzahl Daten über das Vorkommen und das Leben der Vögel gesammelt, die wir im folgenden zusammenstellen. Die meisten unserer Reisegefährten hatten großes Interesse für das Vogelleben und konnten auf ihren zahlreichen Jagdausflügen mancherlei Beobachtungen machen. Einige von ihnen sammelten selbst Bälge und Eier, überließen uns aber bereit- willigst die wissenschaftliche Verwertung ihrer Schätze, so daß wir über ein recht reiches Material verfügten. Die von uns gesammelten Bälge, die sich im Museum für Naturkunde zu Berlin befinden, hat Herr ScHALOw bearbeitet, und es liegt hierüber bereits ein kurzer Bericht vor, den wir im folgenden ver- werten konnten (cf. H. Schalow, Einige Bemerkungen zur Vogelfauna von Spitzbergen, in: Journal f. Ornithologie, Juli-Heft i8q9, p. 375—386). Später wird dieser Forscher eine ausführliche Zusammenstellung aller arktischen Vögel in der „Fauna Arctica" bringen. 1. Die Schiieeammer, Plectrophanes nivalis L. (Norwegisch : Sneefugl, Sneespurv.) Dieser schön gefärbte kleine Sänger, der in den öden Eisgefilden der Arctis den einsamen Wanderer immer wieder durch seine helle Stimme erfreut und an den Frühling in der Heimat erinnert, ist der häufigste und verbreitetste Landvogel des ganzen Spitzbergengebietes. Auf allen unseren Landtouren sind wir ihm oft begegnet. Im Süden, auf der Bären-Insel (14. Juni) traf er die ersten Vorbereitungen zum Nestbau, hoch im Norden, auf der Ross-Insel fanden wir ihn am 2. Juli zwischen den öden Granit- blöcken, aus welchen dieses Felseneiland aufgetürmt ist, brütend. Ebenso fehlte er auch nirgends im Osten, auf König-Karls-Land, der Great-Insel etc. Er gehört zu den cirkumpolar-arktischen Vögeln, von denen wohl wenige so weit nach Norden gehen, wie er. (Nur das Schneehuhn scheint noch nördlicher zu brüten.) Kapt. Fielden fand ein Nest mit Eiern der Schneeammer unter 82 " 33' N. Br. in der Nähe von Knot-Harbour, Grinnelland, und Aldrich beobachtete ihre Spuren auf 83 " 6' N. Br. (Notes from an Arctic Journal by H. W. Fielden, in : Zoo- logist, p. 72, cit. nach Gätke, Vogelwarte Helgoland, 1891). In Spitzbergen lebt die Schneeammer ebenso gern auf den Klippen der kleinen Felsenholme und auf den flachen Strandwällen des Festlandes, wie zwischen den Basaltsäulen der Gebirgsränder und den Steinwüsten der Hochplateaus. Wir fanden Nester der Schneeammer in der Disco-Bai und Walter-Thj'men-Strai^e (7. — 22. Juni, noch keine Eier), auf der Mofl'-Insel in der Smerenburg-Straße (20. Juni, frisch gelegte Eier), ebenso aut der Ross-Insel, Jena-Insel (24. Juli die ersten flüggen Jungen beobachtet), R3^k-Ys-Inseln (19. August, viele Junge). Meist waren die Nester unter Geröll versteckt oder in unzugänglichen Felsenspalten angelegt, so konnte auf der Moff-Insel nur mit großer Mühe ein Nest aus einer ganz engen, über i m tiefen Nische mit langen Stöcken herausgeholt werden. Wir fanden 5 — 6 Eier in den Nestern; die Brutzeit wird auf 14 Tage angegeben. Der Bau des rundlichen, ca. 5 cm tiefen Nestes ist ein ziemlich kunstvoller. Für die äußeren Schichten verwenden die Vögel Grashalme, die miteinander verflochten werden, die inneren Wände werden mit konzentrischen Lagen von Federn dicht ausgefüttert. Obwohl in der Nähe der Schneeammernester massenhaft Eiderenten brüteten, fanden wir doch niemals die weichen Dunen dieser Vögel von den Schnee- Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 67 ammern verwendet, sondern stets die schneeweißen Federn von Möwen. Die alten Angaben von Fabricius i), daß in den Schneeammernestern in Grönland stets die Haare des Eisfuchses gefunden werden, konnten wir für Spitzbergen nicht bestätigen. Die versteckte Lage der Nester und ihre weiße Schutzfarbe, die sie auf dem in den Felsenspalten lagernden Schnee kaum erkennen läßt, sichert die Brut vor den Nachstellungen der Füchse und Raubmöwen. Die Schneeammer nährt sich von den Samen und Knospen der wenigen dort wachsenden Phanero- gamen {Cochlearia, Draha etc.). Auf den ganz unwirtlichen Inseln des Nordens und Ostens muß sie mit Moosen und Flechten vorlieb nehmen. 3. Las Schneehuhn, Lagopiis hyiyet'horeiis Sunder. (Norwegisch : Spitzbergens-Rype.) Wir haben diesen Vogel nicht häufig gesehen. Im Eis-Fjord (Advent-Bai) und in der Wiide-Bai (Norden) wurden einige erlegt und eine Kette von ca. 8 Stück in der Disco-Bai (Stor-Fjord) beobachtet. Es lebt in Familien von 8 — 12 Stück auf schneefreien Stellen der Hochplateaus, in den höheren Teilen der Gebirgsabhänge und auf Terrassen derselben. Im Osten (Bereich der Olga-Straße und König-Karls-Land) scheint das Schneehuhn zu fehlen. Weder unsere Jäger, noch wir haben auf den zahlreichen Land- exkursionen in diesem Gebiet Spuren oder Losung desselben wahrgenommen. 3. Der Seestrandliinfer, Tringa striata L. (Norwegisch : Strandvibe, Fjaerblyt, Fjorepist.) ist im ganzen Spitzbergengebiet häufig, er besitzt eine cirkumpolare Verbreitung. Wir fanden die See- strandläufer zuerst auf der Bären-Insel ; überall trieben sie sich paarweise an den Süßwassertümpeln umher, welche das Plateau der Insel bedecken, aber auch an den Schmelzwassern, welche sich in das Meer ergießen, wurden kleine Trupps beobachtet. Am 13. Juni brütete er hier noch nicht, doch waren die Männchen in voller Balz. In Spitzbergen selbst haben wir diesen zierlichen und behenden Vogel an keiner Küste oder Insel vermißt. Der nördlichste Punkt, an dem er noch brütend angetroffen wurde, ist die Moffen-Insel, der östlichste die Jena-Insel. Hier fanden wir am 26. Juli eben ausgeschlüpfte Junge, welche sehr geschickt im Grase sich duckten und auch gewandt davonliefen. Frische, eben gelegte Eier wurden auf den König- Ludwigs-Inseln am 28. Juni gefunden. Die Brutzeit erstreckt sich in Spitzbergen nach unseren Beob- achtungen vom Mitte Juni bis Mitte Juli (Brutdauer ca. 16 Tage); auf den Shetlands-Inseln soll nach Brehm das Brutgeschäft schon im Mai beginnen. — Am 19. August hatten die meisten Strandläufer schon die Ryk-Ys-Inseln verlassen; einzelne Flüge wurden bereits auf der Wanderung nach Süden beobachtet. Doch hat Walter-) um diese Zeit noch verspätete Brüten beobachtet. An der lappländischen Küste waren die Strandläufer schon Anfang September in großen Scharen versammelt. Die Nistplätze dieser Vögel fanden wir auf kleineren Inseln, meist nicht sehr weit entfernt von der Küste an Süßwassertümpeln, aber auch am Festlande wurden sie oft ziemlich weit im Binnenlande, stets in der Nähe von Süßwasserteichen oder Bächen gefunden. Sie werden auf etwas erhöhten, steinigen oder aus fester Erde bestehenden Stellen, die mit kurzem Gras oder Moos bewachsen sind, angelegt. Ein Nest wird I) Fauna groenlandica, 1780, p. 186. 21 A. Walter, Ornithol. Ergebnisse einer Reise nach Ost-Spitzbergen, in: Cabanis' Journ. f. Ornith., Bd. 38, 1890, p. 233—255. g* 68 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, nicht gebaut, sondern der Vogel scharrt nur eine flache, trichterartige Grube, in die er, ohne Auskleidung, seine 4 Eier, rechtwinklig gekreuzt, die spitzen Pole nach der Mitte gerichtet, auf die kahle Erde legt. Er ist ein loser Brüter, verläßt schon sehr früh das Nest, wenn man sich aus der Ferne nähert, und sucht den Feind irre zu führen, indem er ihn vom Neste fortlockt. Die Untersuchung des Mageninhaltes lehrte, daß sich der Seestrandläufer in Spitzbergen haupt- sächlich von kleinen grünen Süßwasseralgen ernährt (Insekten fehlen ja fast ganz in Spitzbergen). Auch Walter fand nur Algen und kleine Steinchen im Magen der Tringa, während Battye i) Mückenlarven als Nahrung angiebt. Bei Brehm findet sich die Notiz, daß das Fleisch des Seestrandläufers thranig schmeckt und sich daher die Jagd nicht lohne. Das ist in Spitzbergen durchaus nicht der Fall, der Vogel gilt bei den Eis- meerfahrern als Delikatesse, was wir selbst bestätigen können, weil wir ihn bei unseren Exkursionen mit großem Vergnügen verzehrt haben. 4. Der Pfulilwassertreter, Phalaropus fiiUcaritis L. (Norwegisch : Swömmsneppe) ist wohl der zierlichste und eleganteste von den Vögeln Spitzbergens, gleich flink und geschickt auf dem Wasser, wie auf dem Lande. Es ist ein reizvoller Anblick, diesen schön gefärbten Vogel, dessen Körper ganz leicht und hoch erhoben auf dem Wasser ruht, in der Brandung, zwischen blauschimmernden tosenden Eisschollen sicher und leicht umherrudern zu sehen ; das Nicken des Kopfes bei jedem Ruderschlag macht die Bewegung besonders zierlich. Wir haben diese Vögel nicht häufig beobachtet, am Festlande überhaupt nicht; sie scheinen die kleinen, mit Süßwassertümpeln bedeckten Felseninseln, auf denen die Eiderenten am häufigsten brüten, auch besonders zu lieben. Den reichsten Brutplatz fanden wir auf den König-Ludwigs-Inseln. Hier waren die Eier am 27. Juni frisch gelegt. Auf der Jena-Insel wurden am 26. Juli schon vereinzelte, fast flügge Junge beobachtet. Die Jungen laufen gut, können aber, solange sie nur Dunen haben, nicht schwimmen. Bei unserer Rückkehr hatte am 19. August auf den Ryk-Ys-Inseln schon der Zug begonnen. PhaVaropus brütet an denselben Stellen wie Tringa und legt auch ebenso wie diese 4 Eier, recht- winklig in eine flache Grube auf die kahle Erde. Die Brutzeit ist dieselbe wie bei Tringa. Nach Faber -) beträgt sie auf Island 14 Tage. Dieser Vogel ist von besonderem Interesse, weil nur die Männchen brüten. Schon Faber 3) und HoLLBÖLL*) haben dieses behauptet, und wir können ihre Angaben vollständig bestätigen. Nur die Männchen besitzen 2 Brutflecke. Die Weibchen hielten sich, während die Gatten ihrer unnatürlichen Auf- gabe gerecht wurden, in kleinen Trupps auf dem Meere, am Strande und in den Sunden zwischen den Inseln auf und genossen mit den einjährigen, noch nicht nistenden Artgenossen ihre Freiheit. Malmgren 5) giebt an, daß der Wassertreter auf Spitzbergen als Hauptnahrung eine kleine Süß- wasseralge verzehrt, was auch Walter bestätigte. Unsere Beobachtungen auf den König-Ludwigs-Inseln zeigten uns denselben als eifrigen und geschickten Planktonjäger; beim Umherschwimmen stößt er fort- während seinen breiten Schnabel ins Wasser und fängt die zahlreichen Krebschen, welche dasselbe bis zur Oberfläche bevölkern. 1) in: Ibis, 1897, p. 589. 2) F. Faber, Ueber das Leben der hochnordischen Vögel. Leipzig 1825. 3) 1. c. 4) in: Kgl. Danske Vidensk. Selsk. Skrifter. 1842. 5) Zur Vogelfauna Spitzbergens, in: Journ. f. Ornithologie, 1865. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Aq HeuglinIj fand Phalaropus auch in West- Spitzbergen (Eis -Fjord, Bei -Sund), wir haben ihn hier nirgends getroffen, nur im Norden auf der Mofifen-Insel wurden einige Individuen erlegt. Sein Haupt- verbreitungsgebiet hatte er in diesem Jahre jedenfalls im Osten. Sein Vorkommen in anderen arktischen Gebieten ist auch recht merkwürdig. Er fehlt in Ost-Grön- land, Jan Meyen, Franz-Josephs-Land und Nowaja-Semlja. In West-Grönland ist er selten. Nur auf Island bewohnt er ein eng begrenztes Gebiet. Man hält das nördliche Sibirien für sein eigentliches Vaterland, wegen seines winterlichen Vorkommens in China und Indien. Hierbei bleibt es aber unklar, warum man ihn dann in Spitzbergen, aber nicht in Nowaja-Semlja und Franz-Josephs-Land findet. 5. Der ßcgeubrachvogel, Numenius lihaeoinis L. (Norwegisch : Smaaspue) dürfte nicht zu den regelmäßigen Besuchern des Spitzbergengebietes gerechnet werden. Wir haben nur ein einziges totes Exemplar auf der Bären-Insel gefunden, es war so mager, daß die Annahme, es sei hierher verflogen und bei dem Mangel an Insekten Hungers gestorben, recht plausibel ist. Wir glauben daher, daß ScHALOW diesem Funde zu viel Bedeutung beimißt, wenn er 1. c. p. 386 sagt: ,,Das Auffinden des Brach- vogels auf der Bären - Insel ist nicht ohne Interesse. Bisher galt im arktischen Gebiet der 4 " westl. Länge als Grenze der Verbreitung dieser Art nach Osten. Wir kannten N. phaeopus bis jetzt als Brutvogel von Island und Grönland. Auf Jan Meyen war er im Monat Juni wiederholt beobachtet worden, ohne daß es jedoch gelang, denselben als Brutvogel festzustellen. Ueber letzteres Gebiet nach Osten hinaus wußten wir nichts von seinem Vorkommen. Nun ist er auch für Spitzbergen nachgewiesen worden. Auf Franz- Josephs-Land, Nowaja Semlja und Waigatsch hat man Xumenius phaeopus noch nicht gefunden." — Ueberdies sind wir nicht einmal die ersten Beobachter dieses Vogels im Spitzbergengebiet. Cock's (in : The Zoolof^ist, 1882, p. 24: Notes of a Naturalist on the West Coast of Spitzbergen) fand Numenius phaeopus auf der Axel- Insel im Eingang der Van Mijens-Bai in West-Spitzbergen, aber auch nur in einem toten Exemplar, so daß unsere anfangs ausgesprochene Ansicht nur bestätigt wird. 6. Der Halsbaiidregeupfeifer, Charadrius hiatictila L. scheint zu den Seltenheiten in Spitzbergen zu gehören, obwohl er dort an einzelnen Stellen sogar brüten dürfte. Wir haben ihn nur 2 mal gesehen, in der Lomme-Bai ein Pärchen, und ein zweites in der Süd- bucht der Jena-Insel am Strande, ohne daß es uns aber gelang, dieselben zu erlegen. M.\lmgren fand diesen Vogel nur auf den Sieben-Inseln im Norden. 7. Die arktische Seescliwalbe, Sterna macrura Naum^ (Norwegisch : Tenne, Sandtärne, Tarne) unterscheidet sich nur wenig von unserer Flußseeschwalbe. Das Verhältnis der Schwanzlänge zu der Schwingenlänge, das von manchen als diagnostisches Merkmal verwertet wird, variiert außerordentlich, wie man sich leicht überzeugt, wenn man eine Schar dieser Vögel über seinem Kopfe umherfliegen sieht. Da bemerkt man ganz lange, tief gegabelte bis zu kurzen, breiten, flach gegabelten Schwänzen. Der Schnabel ist nur bei den alten Vögeln korallrot, bei den jungen schwarz. Schalow (1. c. p. 384) giebt als Unter- i) Journ. f. Ornithol. 1S71. 70 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, schiede der beiden nahe verwandten Seeschwalben an, daß bei St. macrura der Tarsus kürzer ist als die Mittel- zehe ohne Nagel, während bei St. fluviatilis die Mittelzehe kürzer ist als der Lauf; außerdem ist der helle Schaftstrich auf der Innenfahne der Primärschwingen bei St. macrura schmäler als bei St. fluviatilis. Die arktische Seeschwalbe ist in Spitzbergen bis 80" N. Br., in Ost-Grönland bis 75" beobachtet, sie kommt ferner in Island, Jan Mej'en, Franz-Josephs-Land und Nowaja-Semlja und auch im arktischen Amerika vor, ist also cirkumpolar verbreitet. Auf der Bären-Insel haben wir sie nicht gesehen, in Spitzbergen gehört sie aber zu den häufigsten Vögeln. Ihr nördlichster Brutplatz, den wir besucht haben, war die Moffen-Insel, der südlichste die Tausend- Inseln, der östlichste die Abel-Insel. — Die arktische Seeschwalbe bevorzugt zur Anlage ihrer Nistplätze niedrige Inseln und liebt die Nähe der Küste. Auf dem Festlande haben wir sie nicht brütend gefunden. Ebenso wie unsere einheimische Seeschwalbe brütet sie gesellig, oft zu vielen Hunderten zusammen. Die am reichsten besetzten Brutplätze fanden wir auf den König-Ludwigs-Inseln, der Motfen-Insel, Great-Insel, Abel-Insel und den Ryk-Ys-Inseln. Die Seeschwalben wählen dieselben Plätze zum Brüten wie Tringa und Phalaropus : erhöht gelegene, nicht sumpfige Stellen mit steinigem oder sandigem, festem Boden, der hier und da mit kurzem Moos bewachsen ist. Hier legen sie ebenso wie jene in eine Grube ohne Unterlage ihre Eier; wir haben nie mehr als 2 darin gefunden. Die Eier sind ca. 40 — 41 mm lang und 28 — 30 mm breit, variieren aber außerordentlich in der Farbe. Es ist uns stets aufgefallen, daß die Farbennuance große Uebereinstimmung mit der Farbe des Untergrundes zeigte. Auf hellem, sandigem Boden war die Grundfarbe der Eier blaß rostgelb, und die Zeichnung bestand nur aus wenigen kleinen, dunklen Flecken. Auf dunklem, moosigem Untergrunde waren die Flecken grob, liefen zu Inseln zusammen, und auch die Grundfarbe war dunkler. Nur auf Moosunterlage wurde die Bildung von kontinuierlichen Fleckenkränzen beobachtet. Die Vögel halten bei der Anlage ihrer Brutgruben immer einen beträchtlichen Abstand zwischen den benachbarten, so daß die Brutplätze großer Kolonien eine sehr weite Ausdehnung haben können. Männchen und Weibchen brüten abwechselnd, sie besitzen nur einen Brutfleck und sind wohl die losesten Brüter unter allen arktischen Vögeln ; kaum eine Viertelstunde sitzen sie ununterbrochen, bei jedem Laut erheben sie sich in die Luft. Obwohl man die Eier meist kalt findet und die Schale derselben auch nicht stark ist, scheint die Brut doch keinen Schaden zu nehmen. Die Brutzeit dauert ungefähr 18 Tage; die Dunenjungen laufen im Gegensatz zu den auf dem Lande sehr ungeschickten Alten recht gewandt und verraten sich durch ihr fortwährendes klägliches Piepen. Sie werden von beiden Alten gefüttert, sogar noch, wenn sie schon fliegen, und die Fütterung erfolgt dann häufig sehr geschickt in der Luft während des Fluges. Einige von uns gesammelte Brutdaten sind recht bemerkenswert: i) König-Ludwigs-Inseln, 23. Juni ; massenhaft Eier, meist frisch gelegt, einzelne schon mit Embryonen in verschiedenen Altersstadien (ebenso an der Westküste bis 2. Juli). 2) Great-Insel, 7. August ; eben gelegte Eier in Menge, viele schon mit Embryonen und auch bereits Dunenjungen, die sich im Grase verstecken ; bei einem geschossenen Weibchen fand sich noch ein zur Ablage fertiges Ei im Eileiter. 3) Ryk-Ys-Inseln, 16. August; zahlreiche frisch gelegte Eier, daneben Dunenjunge und große Scharen schon erwachsener junger Seeschwalben. Diese außerordentliche Unregelmäßigkeit des Brütens (die Legezeit dauert nach diesem Befunde von Mitte Juni bis Mitte August) erklärt sich vielleicht dadurch, daß manche Pärchen zweimal brüten. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. jj Die Seeschwalbe ist trotz ihrer geringen Größe der kampfeslustigste und mutigste Vogel der Arctis ; dank ihres außerordentlich gewandten Fluges und ihres spitzen Schnabels ist sie befähigt, viel größere und stärkere Feinde in die Flucht zu schlagen. Sie duldet keine der räuberischen Bürgermeistermöwen in der Nähe ihrer Brutplätze, selbst die frechen Raubmöwen wagen es nicht, ihnen zu nahe zu kommen, und wenn es einmal zufällig geschieht, so werden sie kläglich in die Flucht geschlagen und weit verfolgt. Nur eine Möwenart duldet sie in ihrer Gesellschaft, wohl weil dieselbe ganz ihr Gebahren und auch ihren äußeren Habitus angenommen hat, es ist die Schwalbenschwanzmöve, Xema sabinei, die wir auf der Great-Insel mit ihr vereinigt gefunden haben. Ihr Verhalten dem Menschen gegenüber ist recht verschieden, bisweilen flogen sie scheu davon, lange ehe man ihren Brutplatz betreten hatte, in anderen Fällen griffen sie sogar an. So stießen z. B. auf der Abel-Insel zahlreiche Seeschwalben nach uns, als wir ihren Brutplätzen nahe kamen, und man mußte sich wirklich vorsehen, weil sie mit Vorliebe das Gesicht als Zielscheibe suchten. Eine weibliche Seeschwalbe, die sich weder durch Stockhiebe noch durch Geschrei abwehren ließ, wurde durch einen Schlag, als sie dicht am Gesicht eines Gefährten vorbeisauste, in zwei Hälften glatt durch- schlagen. Eine weitere unangenehme Eigenschaft dieser Vögel ist, daß sie in sehr geschickter Weise ihre Faeces dem Feind ins Gesicht schleudern. Auf der Great-Insel verfolgten wir ein Dunenjunges, welches recht behende im Moos, ängstlich piepend, vor uns herlief. Die beiden Alten sonderten sich bald aus den Scharen der übrigen Seeschwalben, die über unseren Köpfen kreisten, ab und stießen fortwährend nach uns. Nachdem wir das Junge gefangen hatten, verfolgten sie uns noch lange bei unserer Wanderung über die Insel. Einmal wurde ein Männchen erlegt, das Weibchen war nicht von der Leiche zu trennen, schrie jämmerlich und grift' uns, wenn wir näher kamen, mutig an. Wir Helfen den Kadaver liegen, fanden aber, als wir nach 3-stündiger Wanderung zurückkehrten, noch immer das Weibchen dabei sitzen. Wenn man in einer Seeschwalbenkolonie einen Vogel anschießt, so versammeln sich bald fast alle Artgenossen um den verwundeten Kameraden, als ob sie ihm helfen oder ihn verteidigen wollten. In den Schutz dieser kühnen Vögel stellen sich nun verschiedene harmlosere Brüter, besonders Tringa, Phalaro- pus, die Eiderenten und Gänse, die mit Vorliebe in der Nähe der Seeschwalben ihre Brutplätze anlegen, wohl weil sie durch diese gegen die räuberischen Möwen geschützt werden. Sogar der rothalsige Taucher, Colymhus septentrionalis , nistet mit den Seeschwalben zusammen an den Süßwasserteichen der Great-Insel. Alle diese Vögel duldet die Seeschwalbe gern in ihrer Nähe, nur die Möwen werden ferngehalten. Im August sahen wir die alten Seeschwalben bisweilen schon in großen Scharen zum Zug vereinigt, so auf den Ryk-Ys-Inseln, wo sie einen braunen Hügel so dicht bedeckten, daß er aus der Ferne wie beschneit aussah ; als ein Schuß abgefeuert wurde, erhob sich mit ohrenbetäubendem Gekreische eine Vogel- wolke in die Luft. Junge waren fast gar nicht dabei, diese scheinen später nach Süden zu ziehen. Die Nahrung der Seeschwalben besteht aus verschiedenen Planktontieren, Krebsen und besonders Würmern (Polynoiden), aber auch Fischreste wurden im Mageninhalt gefunden. Sie erhaschen ihre Beute durch Stoßtauchen. Es giebt wohl kaum geschicktere Flieger als diese lang beschwingten Vögel, und es gehört zu den reizvollsten Schauspielen, sie bei ihrer Jagd zu beobachten, wie sie in Zickzacklinien umherkreisen, dann plötzlich rüttelnd stillestehen, wie eine Kugel ins Meer sausen, aber ohne tief ein- zutauchen, mit ihrem spitzen Schnabel das Beutetier ergreifen und sich ebenso schnell wieder in die Höhe schwingen. Wir haben nie beobachtet, daß die arktischen Seeschwalben sich gegenseitig ihre Beute abjagen, wie es andere Gattungsgenossen (z. B. die Zwergseeschwalbe) thun ; diese Vögel scheinen weit geselliger zu sein als ihre südlicheren Verwandten, wofür ja auch ihr solidarisches Auftreten gegen ihre Feinde spricht. 72 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, 8. Die Schwal1)enschwanzmöwe, Xeina sabinei (Sab.) Diese in der europäischen Arctis sehr seltene Möwe hat ihr Hauptverbreitungsgebiet auf der amerikanischen Seite des Poles. In der Baffins-Bai und der Davis -Straße gehört sie nicht zu den Selten- heiten. Durch uns dürfte sie wohl zum ersten Male als Brutvogel Spitzbergens nachgewiesen sein. Herr ScHALOW, dem die von uns erlegten Exemplare vorlagen, schreibt hierüber folgendes: „Die vorliegenden 3 Exemplare sind alte Vögel im Brutkleid. Die Geschlechter sind in der Färbung vollständig gleich ; in den Größenverhältnissen scheinen die i den S etwas nachzustehen." „Die neueren Arbeiten über die spitzbergische Vogelfauna führen Xema sabinei entweder gar nicht auf, wie z. B. die von Trevor-Battye, oder sie versehen diese Möwenart hinsichtlich ihres Vorkommens in dem beregten Gebiet mit einem Fragezeichen. So Palmen und Kükenthal. Was die älteren Angaben über auf Spitzbergen erlegte Exemplare dieser Art anlangt, so unterliegt es nach den eingehenden und kritischen Untersuchungen Prof. Malmgren's (Journ. f. Ornith., 1865, p. 396—398) für mich keinem Zweifel, daß die Mitteilungen von J. C. Ross (im Appendix zu Sir Parry's Attempt to reach the north pole, 1827) durchaus irrige sind, und daß auch die immer wieder citierte Mitteilung, nach welcher Sabine 2 im Brutkleide befindliche Exemplare im Juli 1823 auf Spitzbergen geschossen habe, auf einem Irrtum beruht. Das British Museum besitzt kein in dem vorgenannten Inselgebiet erlegtes Exemplar. Die Angaben von RiCHARDSON (Faun. bor. American, Vol. II, p. 428) wie die noch jüngst von Saunders in dessen Manuel of British Birds gegebenen über das Vorkommen der Sabinemöwe in dem spitzbergischen Inselgebiet beruhen allein auf den obigen, von Malmgren besprochenen Mitteilungen. Dr. Bessels versicherte von Heuglin (Reisen Nordpolarmeer, Bd. III, p. 187), „diese mit keiner anderen Art zu verwechelnde Möwe" auf Spitz- bergen beobachtet zu haben. Und ich halte dies nicht für unwahrscheinlich." „Jedenfalls aber muß ich nach all den Angaben über das Vorkommen von Xema sabinei in unserem Gebiet, die ich zu kontrollieren vermag, annehmen, daß die vorliegenden 3 Exemplare die ersten sind, die nachweislich auf Spitzbergen geschossen wurden. Ich glaube mit Sicherheit sagen zu dürfen, daß die Art auch auf der Insel brütet, wie dies bekanntlich für Grönland nachgewiesen ist. Auf Jan Meyen wurde Xema sabinei einzeln beobachtet, aber nicht als Brutvogel gefunden. Von Franz-Josephs-Land, Nowaja-Semlja und Waigatsch kennen wir diese Möwe noch nicht." Wir haben diese Möwe nur auf der Great- Insel beobachtet; wie schon oben erwähnt, lebt sie in inniger Freundschaft mit den Seeschwalben, denen sie nicht nur im Fluge, sondern auch im ganzen Habitus ähnlich ist. Auch das ganze Benehmen ist dasselbe wie bei diesen Vögeln, sie griffen uns ebenso wie diese an, und als ein Weibchen geschossen war, blieb das Männchen ebenso unzertrennlich bei der Leiche und konnte erlegt werden. Wir hatten die sichere Ueberzeugung, daß sie hier brüteten, konnten aber wegen eintretenden dichten Nebels die Eier nicht finden (daß sie hier brüteten, bewies uns die spätere Unter- suchung der geschossenen 2 Weibchen). Es wurden im ganzen 8 Paare dieser Möwe gezählt, wegen des Nebels konnten leider nur 3 Stück erlegt werden. Im Magen der geschossenen Exemplare wurden einige Krebsreste und Annellidenborsten außer kleinen Steinen gefunden, also dieselben Nährtiere wie bei den Seeschwalben. 9. Die Elfeiibeiiimöwe, Gavia alba (Gunn.) (Norwegisch : Ismaase, Hvidmaase) ist die schönste Möwe des Spitzbergengebietes, ihr schneeweißes Gefieder strahlt stets, trotz ihrer recht schmutzigen Beschäftigung als Aasfresser, in blendendster Reinheit. Sie ist ein echter Bewohner des Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. -^ Eises; wo dieses fehlt, ist sie auch nicht zu finden. Auf der Bären-Insel haben wir sie nicht gesehen, ebenso- wenig längs der ganzen Westküste von Spitzbergen, wo der warme Golfstrom bei unserer Ankunft schon alles Eis weggezehrt hatte. Schon der hamburgische Feldscher Marxens, der alte Spitzbergenfahrer, beobachtete richtig, daß sie sich selten auf das Wasser setzt, sondern fast stets auf dem Eise ruht, auf dem sie nur schwer wegen'ihrer Farbe zu erkennen ist. Häufig sieht man sie im Kreise um die Robbenlöcher im Verein mit einzelnen Lnrus glaucus sitzen und auf die Robbe lauern, der sie vielleicht etwas von ihrer Beute wegschnappen oder sich wenigstens an ihren Fäkalien ergötzen können. Stundenlang sitzen sie so starr auf einem Fleck, und dieses Benehmen hat wohl den humorvollen alten Marxens veranlaßt, sie Rats- herren zu taufen, während er den großen Larus glaucus Bürgermeister nannte. In der That macht eine solche Möwengruppe aus der Ferne bei der häufig vergrößernden Luftspiegelung dieser Gegenden den Ein- druck eines um einen runden Tisch versammelten hohen Stadtrates. Im Osten Spitzbergens, im Stor-Fjord und in der Olga -Straße waren die Elfenbeinmöwen überall häufig, wo Treibeismassen vorhanden waren; auch ganz im Norden an der Festeiskante auf Si» 32' N. Br. waren sie zahlreich vertreten. Von ihrer Häufigkeit auf der Jena-Insel kann folgendes Beispiel einen Begriff machen. Wir hatten eine Robbe erlegt und schleiften das blutige Fell über den Schnee der vereisten Südbucht, eine lange blutige Spur hinter uns lassend; soweit nun das Auge reichte, war diese ganze rote Straße besetzt mit Elfenbeinmöwen, welche gierig den blutigen Schnee fraßen, ein prachtvoller Anblick ! In dem Eisbäreneldorado dieser Insel konnten wir auch häufig die Beobachtung machen, daß die Elfenbeinmöwen mit Vorliebe die thranreiche Losung der Bären verzehrten. Ein Eisbärenkadaver, den wir nach Abziehung des Felles auf dem Eise liegen gelassen hatten war von den Elfenbeinmöwen am nächsten Tage schon fast vollständig skelettiert; doch haben wir auch öfter beobachtet, daß die Elfenbeinmöwe Fische geschickt aus dem Meere fängt, und der Mageninhalt bewies daß sie sogar mit Planktonorganismen vorlieb nimmt. Als Brutvogel sahen wir Gavia alba auf allen 3 Inseln des König -Karls -Landes und vereinzelt am Helis-Sund. Bisher war die Elfenbeinmöwe nur als Felsenbrüter bekannt. Malmgren fand 1861 den ersten Brutplatz in der Murchison-Bai an einem hohen Felsen, auf dem außerdem Larus glaucus und Rissa tridactyla nisteten ; in derselben Gesellschaft fanden wir sie an den Strandfelsen von Cap Hammerfest und Gap Weißenfels auf Schwedisch -Vorland und an den Plateaurändern auf der Südseite der Jena -Insel. Unter ganz anderen Bedingungen hingegen brütete sie auf der Abel-Insel, der östlichsten der 3 König-Karls-Inseln ; hier lebte sie als typischer Inselbrüter in Gesellschaft der Seeschwalben und Eiderenten. Als Felsenbrüter haben wir sie nicht in so großen Mengen beisammen nisten sehen, wie hier auf dem flachen Trümmerfeld dieser öden Insel. Der Brutplatz, den wir für den größten bisher bekannten halten, lag in der Nähe einer Schneefläche, an deren Rande sich einige Schmelzwasserteiche gebildet hatten, und maß ca. 700 — 800 qm. Hier saßen 300—400 Elfenbeinmöwen bei einander. Die meisten hatten gar kein Nest gebaut, sondern die Eier auf die kahle Erde gelegt (auch ein Unterschied von ihrem Benehmen auf den Vogelfelsen), einzelne benutzten aber alte Eiderentennester oder hatten das Material derselben zu einer kunstlosen Unterlage ver- wertet. Die Gelege bestehen nur aus 2 Eiern. Am 2. August waren noch eine bedeutende Anzahl derselben nur wenig bebrütet, so daß wir mehrere Dutzend davon ausblasen konnten. Herr Schalow hat (1. c. p. 381) eine eingehende Beschreibung derselben gegeben. In den meisten Nestern waren aber schon Pulli, die dicht bei einander gedrängt saßen und bei unserem Herannahen ängstlich piepten, einzelne wurden gerade beim Ausschlüpfen aus dem Ei überrascht. Außerdem trieben sich aber auch schon ältere Dunenjunge und selbst ausgewachsene, flügge Exemplare massenhaft auf der Insel herum, so daß wir alle Wachstums- Fauna Arctica. 10 74 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Stadien in Menge sammeln konnten. (Die Bearbeitung dieses Materials soll später in der Fauna Arctica erfolgen.) Das Geschrei der Alten war ohrenbetäubend, als wir ihren Brutplatz betraten, einzelne stießen kreischend nach uns, und wir waren bald mit Kot bedeckt, den sie ebenso geschickt wie die Seeschwalben zu schleudern vermögen; andere liefen mit ihren schon größeren Jungen eiligst fort, einige blieben vor ihren Nestern mit weit geöffnetem Schnabel sitzen und wollten sich energisch verteidigen. Die Eier der Elfenbeinmöwe, die bisher als große Seltenheit galten, sind in der letzten Zeit häufiger nach Europa gekommen. Nach Schalow (1. c. p. 383) „dürften jetzt 6 Brutplätze dieser Möwe in Spitz- bergen bekannt sein; 3 aus dem Norden und 3 aus dem Osten des Gebietes. Malmgren fand 1861 eine Kolonie an der Murchison - Bai. Der Rev. Eaton erwähnt Gavia alba von der Wiide-Bai und der Lomme- Bai. Kapitän Johannesen (NB. unser Eislootse) fand die Art auf der Stor-oe brütend." Hierzu möchten wir bemerken, daß in der Wiide- und Lomme-Bai die Elfenbeinmöwen jetzt nicht mehr brüten, wir haben diese Buchten untersucht, aber nichts von Brutplätzen dieser Vögel bemerkt. Dasselbe gilt für die Stor-oe, die wir wegen des Vorkommens von Xeina sabinei genau untersuchten. ,,Mr. Pike hat die Möwe als Brutvogel am Gap Weißenfels auf Schwedisch-Vorland im August 1897 gesehen. Sie brütete hier in Gemeinschaft mit Eissa tridactyla und Uria gryUe.'' Daß vereinzelte Elfenbein- möwen an dieser Stelle nisten, konnten wir auch bestätigen. In Tromsö erfuhren wir außerdem, daß die schwedische Expedition unter Nathorst einen Brutplatz auf der White-Insel entdeckt hätte. Außer auf Spitzbergen hat man Brutplätze bisher noch in Franz- Josephs-Land gefunden. Jackson berichtet über eine Brutkolonie an Cap Mary Harmsworth. Und Kapt. KjELDSEN, der mit uns zugleich in Tromsö eintraf, hatte eine Menge Eier auf einer Insel bei Cap Oppolzer gesammelt. Gavia alba ist cirkumpolar verbreitet, und man wird wohl auch noch Brutplätze in den nördlichen Teilen Grönlands und in der amerikanischen Arctis entdecken. 10. Die dreizehige oder Stummelmöwe, Bissa tridactyla (L.) (Norwegisch : Krykje) ist der gemeinste Vogel des Spitzbergengebietes, von der Bären-Insel bis zur Festeiskante sind wir ihr gleich häufig begegnet; ihre Verbreitung ist cirkumpolar. Sie folgt gern dem Schiff in kleinen Trupps, und lauert, ob nicht etwas für sie abfällt. Ihre Brutplätze sind ebenfalls im ganzen Spitzbergengebiet zu finden. Der reichste, den wir gesehen, befand sich am Helis-Sund, wo sie an einzelnen Stellen ganz allein an den Strandfelsen in großen Haufen brüteten. Außerdem war sie sehr zahlreich auf den Vogel- bergen der Bären-Insel, wo sie mit der Bürgermeistermöwe die unteren Teile der Felsen bevölkerte, während die oberen von den Lummen besetzt waren. Kleinere Brutkolonien fanden wir im Stor-Fjord (Disco-Bai), Bel-Sund, Kings-Bai, Lomme-Bai, Schwedisch-Vorland, Jena-Insel etc. Auf der Bären-Insel hatten sie am 13. Juni meist erst angefangen zu brüten, doch waren auch schon einzelne Dunenjunge in den Nestern. Die Gelege bestanden aus 3—4 Eiern. Die ersten flüggen Jungen sahen wir am 22. Juli auf der Jena -Insel und trafen an der Festeiskante am 10.— 12. August große Scharen erwachsener diesjähriger Junge, aber noch am 16. August waren im Helis-Sund nicht flügge Dunenjunge in einzelnen Nestern vorhanden. Nach Faber dauert die Brütezeit dieser Möwe 21—24 Tage. Auf Grund unserer Beobachtungen ist hiernach die Zeit der Eiablage in Spitzbergen von Mitte Mai bis gegen Ende Juli zu berechnen. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. je Die Stummelmöwe baut von den arktischen Familiengenossen das kunstvollste Nest. Wir haben sie nur als Felsenbrüter gesehen ; auf den Felsengesimsen schichtet sie zunächst einen hohen Erdhügel auf, dessen Gipfel mit einer tiefen Grube versehen wird ; diese wird mit Moos und Federn weich austapeziert und der Rand mit konzentrischen Lagen vom Gras und Tang verfestigt. Im Gegensatz zu den anderen Möwen brütet Rissa tridadyla sehr fest, man muß sie mit Gewalt vom Nest stoßen, wenn man die Eier haben will. Daß sie sich aber hierbei wehrt, wie der Sturmvogel, haben wir nie beobachtet. Sie ist wohl überhaupt die feigste unter ihren Verwandten. Dies weiß die Raubmöwe (Stercorarius) sehr gut und verfolgt sie daher, wo sie sich zeigt. Oft wurden wir durch das klägliche Geschrei der von Stercorarius verfolgten Rissa aus unserem Laboratorium an Deck gelockt. Die geängstigte Möwe suchte sich auf das Schiff zu flüchten und umkreiste in immer engeren Ringen die Masten ; der Räuber ließ aber nicht eher von ihr ab, bis sie ihren Schlund- inhalt ausgewürgt hatte. Die Raubmöwe fängt den herabfallenden Nahrungsballen geschickt auf und läßt nun die ausgeplünderte Stummelmöwe in Ruhe. Rissa tridadyla ist berühmt wegen ihres entsetzlichen Geschreies, sie ist der größte Schreihals der Vogelberge, aber nur während der Brutzeit, später gehört sie zu den schweigsamsten Vögeln der Arctis. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Fischen und Planktontieren, besonders Amphipoden haben wir häufig im Magen gefunden, Aas scheint sie nicht zu fressen, wir konnten sie wenigstens nicht, wie Gavia und Larus glaucus, durch Robbenkadaver ködern. Obwohl Rissa ein hochnordischer Vogel ist, besucht sie im Winter regelmäßig auch unsere Küsten und ist, wie bekannt, ein beliebtes Jagdobjekt in Helgoland, wo ihre Bälge industriell verwertet werden. 11. Die Bürgermeisteruiöwe, Lartis glaucus Brunn. (Norwegisch : Stormaase) ist ebenfalls cirkumpolar verbreitet und gehört in Spitzbergen nächst der Stummelmöwe zu den häufigsten Vertretern der Familie. Selten trifft man sie auf hoher See, sie liebt die Sunde und Buchten und benutzt als Ruheplätze hohe Felskanten oder Eisberge, die eine weite Umschau gestatten. Ihre Vorliebe für das Eis hat ihr den deutschen Namen „Eismöwe" eingetragen, bekannter ist sie aber unter der humorvollen Be- zeichnung „Bürgermeister", die sie dem alten Eismeerfahrer Marxens verdankt, und deren Erklärung schon bei Besprechung des Ratsherrn, Gavia alba, gegeben wurde. Der südlichste Punkt, an dem wir dieser Möwe begegneten, war die Bären-Insel, der nördlichste die Festeiskante auf 8i^ 32'. Die Eismöwen brüten nicht in so großen Mengen zusammen, wie die Stummelmöwen, sind überhaupt wenig gesellig und nisten gern einzeln auf hohen Felsen ; sie haben ihre Nistplätze im ganzen Spitzbergen- gebiet. Die am reichsten besetzten trafen wir im Helis-Sund, Bel-Sund, Van Keulen-Bai, Jena-Insel und Schwedisch-Vorland, besonders aber auf der Bären-Insel. Auf den Plätzen Spitzbergens wurde die Möwe nur als echter Felsenbrüter beobachtet, auf hohen, steilen Basaltklippen, meist auf unzugänglichen Spitzen fanden wir hier ihre Nester ; ganz anders auf der Bären-Insel, wo sie an der Basis des Vogelberges, auf Schutthalden oder am flachen Sandstrande ihre großen Nester angelegt hatte. Auch die Nester selbst zeigen Unterschiede in Spitzbergen und auf der Bären-Insel ; auf letzterer waren sie viel ordentlicher ange- legt, ähnlich wie die der Rissa mit Moos und Federn ausgekleidet, wenn auch nicht mit so hohem erdigen Unterbau. In Spitzbergen hingegen fanden wir meist nur ein paar Tangbüschel lose zusammengehäuft. Das Gelege besteht aus 2 — 3 (ausnahmsweise 4) Eiern. Die Eltern besitzen nur einen Brutfleck. Beide füttern die Jungen , mit ausgewürgter Nahrung. Die eben ausgeschlüpften Jungen laufen gleich recht 76 FRITZ RÖMER Und FRITZ SCHAUDINN, gewandt umher und schwimmen auch gut. Die Brütezeit beträgt ca. 28 Tage. Auf der Bären -Insel waren am 13. Juni schon zahlreiche Dunenjunge am Strande (die ersten Eier werden demnach schon Mitte oder gar Anfang Mai gelegt), daneben fanden sich aber noch viele frisch gelegte Eier und solche mit Embryonen in allen Stadien in den Nestern, so daß also die Periode der Eiablage wie bei Rissa längere Zeit dauert. In König-Karls-Land fanden wir am 4. August schon flügge Junge im grauen Jugendkleide, aber im Helis- Sund am 16. August neben diesen auch noch einzelne Dunenjunge. Daß die Eismöwen ihre Nester verteidigen, wie Heuglin berichtet, haben wir nicht beobachtet; sie sind viel losere Brüter als die Stummelmöwen und schlichen sich meist schon frühe vom Nest, wenn wir uns ihren Plätzen näherten. Nur am Helis-Sund umkreisten uns die Alten, kläglich schreiend, als wir ein Nest auf der Spitze einer nadeiförmigen Klippe unter Lebensgefahr plünderten, aber hoch in der Luft, sie ver- suchten wohl, hin und wieder auf uns herabzustoßen, gaben es aber immer in weiter Entfernung zaghaft auf. Ueber die Ernährungsverhältnisse der Bürgermeister erhält man am besten Auskunft an ihren Nestern, um dieselben findet man nämlich in dichten Kränzen ihre Gewölle, die gewissermaßen als Freßprotokolle dienen können. Wir haben eine größere Anzahl derselben von der Bären-Insel gesammelt ; ihre genauere Untersuchung erbrachte den Beweis, daß die Bürgermeister-Möwen arge Räuber sind. Herr Schalow, der diese Untersuchung vorgenommen hat, schreibt darüber folgendes : „Das eine Gewölle enthält ein voll- ständiges Junges von Gavia alba. Die langen weißen Steuerfedern stehen unverballt aus dem GewöU heraus. In dem Knäuel zusammengedrehter Federn sieht man den ganzen Tarsus mit den Zehen und Schwimm- häuten. Der junge Vogel ist aufgegriffen, ganz verschluckt, im Magen verarbeitet und alsdann, zum Gewöll zusammengeballt, wieder ausgestoßen worden. Das Ganze stellt ein Konvolut von 200 mm Länge und 25 mm Breite dar. Ein anderes Gewölle hat die Gestalt einer Kugel, 60 mm lang und 48 mm breit. Zwischen den Federn finden sich erdige Bestandteile und Steinchen von 15 mm Länge. Ein drittes Gewölle, aus Federn, Crustaceen - Resten und Erde bestehend, zeigt eine Länge von 185 mm, von denen 105 mm auf die herausragenden Schwanzfedern einer verschluckten jungen Möwe kommen. In einem anderen finden sich der Brustpanzer und die eine Seite der Beinpaare eines Platycarcinus sp. Das erste scherenförmige Bein wie auch die folgenden vier mit den spitzen, krallenförmigen Endgliedern ragen ca. 60 mm aus dem eigent- lichen Gewöllball heraus. Es erscheint einem unbegreiflich, wie das Tier einen solchen ungefügen Klumpen von 154 mm Länge und 45 mm Breite durch den engen Schlund herauszuwürgen vermochte, ohne einen Schaden zu leiden." Das Vorkommen der jungen Elfenbeinmöwe in Gewöllen von der Bären-Insel ist recht interessant. Auf dieser Insel lebt Gavia alba sicher nicht; ihre Brutplätze befinden sich hoch im Norden und Osten Spitzbergens. Es bleibt also nur der Schluß, daß die Bürgermeister ihre Nahrung so weit her- geholt haben. Im Magen dieser Möwen fanden wir ebenso wie Walter Sammlungen aller möglichen Dinge : Fleisch, Knochen, Fische, Eierschalen, Steine, Federn, Krebse etc. — Auf der Jena-Insel sahen wir die Eismöwen, ebenso wie die Elfenbeinmöwen, Bärenlosung fressen, und fanden sie in Gemeinschaft mit letzteren oft an den Robbenlöchern auf dem Eise sitzend. 18. Die Schmarotzerraubmöwe, Stercorarius parasiticus (L.) (Norwegisch : Tyvio, Kive, lo, nach ihrem Geschrei so genannt) ist der häufigste Vertreter dieser Gattung in Spitzbergen. Sie besitzt cirkumpolare Verbreitung. Ihre Brut- plätze sind im Binnenlande, an Bächen und Teichen von Süßwasser auf erhöhten trockenen Stellen ; nie aber in unmittelbarer Nähe des Meeres. In Spitzbergen haben wir sie nie in größerer Gesellschaft gesehen, nur die einzelnen Pärchen halten zusammen. Bei ihrer Raubgier halten es andere Vögel nicht in ihrer Nähe aus; sie greift alle an und raubt ihre Eier und Jungen ; daß sie die Stummelmöwe besonders gern Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. yy belästigt, ist schon früher erwähnt. Nur dia Seeschwalben sind ihr gewachsen und schlagen sie in die Flucht, wenn sie sich ihren Brutplätzen nähert (cf. p. 71). Auf der Bären-Insel fanden wir fast an jedem Süßwasser-See ein Pärchen in Vorbereitung zum Brut- geschäft. Das Männchen führt vor der Begattung einen langen Balztanz aus, der etwas an den der Trut- hähne erinnert. Unter konvulsivischen Zuckungen sträubt es die Federn und macht mit kurzen, verhaltenen Schritten einen halben Bogen um das Weibchen ; hierbei schleift es die halbgespreizten Flügel über den Erdboden. Wir hatten ein Weibchen erlegt, das Männchen ließ sich hierdurch aber nicht in seiner Balz stören, sondern umkreiste den Kadaver seiner Ehegattin fortwährend. Die Paarung erfolgt im Gegensatz zu den pieisten Schwimmvögeln nicht im Wasser, sondern auf dem Lande. Das Nest besteht aus einer einfachen Grube in der Erde, das Gelege aus 2 olivenbraunen, schwarzbraun gefleckten Eiern. Männchen und Weibchen brüten abwechselnd und haben 2 Brutflecke. Nach Faber ist der Fütterungstrieb stärker beim Männchen entwickelt, was an Phalaroptis erinnert. In Spitzbergen brütet der Tyvio in allen Gebieten, Malmgren vermißte ihn im Stor-Fjord, wir haben ihn dort ebenso häufig wie überall gefunden. Er ist ein sehr wachsamer und daher loser Brüter, verläßt sein Nest, wenn Gefahr droht, schnell, weshalb man seine Eier schwer findet, verteidigt aber seine Brut selbst gegen den Menschen mit großen Mut. Auf der Moffen- Insel konnten wir uns zweier Raubmöwen, deren Nest wir uns genähert hatten, kaum erwehren, sie stießen nach unseren Gesichtern, wobei eine mit einem Stock in Stücke zerschlagen wurde. — Wir beobachteten die weißbäuchige Varietät häufiger als die ganz dunkle ; letztere mehr im Osten (Jena-Insel, Great-Insel). Im Magen findet man ebenso wie bei Larus glaucus alle möglichen Gegenstände, besonders Eireste und Knochen, aber auch Fische und Planktontiere. 18. Die Rieseiiraubniöwe, StereorarUis catarrhactes (L.) war bisher nicht in Spitzbergen bekannt; wir sahen ein Pärchen auf Schwedisch- Vorland, es konnte aber nicht ermittelt werden, ob es hier nistete, doch war es wahrscheinlich, weil die Vögel sehr scheu waren und uns nach verschiedenen Richtungen lockten, dann aber wieder im Bogen nach der ersten Stelle ihres Auf- fliegens zurückkehrten. Ein zweites Paar wurde auf der Great-Insel gesehen. Auch in West - Spitzbergen wurde in diesem Sommer ein Exemplar erlegt und von der Expedition des Seefischerei -Vereins (S. M. S. Olga) heimgebracht (geschossen von Kapitänleutnant v. Uslar in der Recherche-Bai). 14. Die Spatelraubmöwe, Stercorarius pomatorhinus (Temm.) wurde von uns nur 3 mal gesehen, auf Schwedisch -Vorland (2 Individuen), Great-Insel (i), Bären-Insel (l), und dann begleiteten das Schiff' auf der Rückfahrt von Spitzbergen vor der Hoff'nungs - Insel eine Zeitlang 6 Exemplare dieser Raubmöwe. 15. Die Kreiscliraubiuöwe, Stercorarius crepidatus (Banks), die kleinste von ihren Gattungsgenossen , leicht erkennbar an den sehr verlängerten beiden mittleren Schwanzfedern, wurde nur einmal auf der Great-Insel gesehen, die Farbe derselben war einfach rußbraun. Alle 4 hier aufgezählten Raubmöwenarten sind cirkumpolar verbreitet. 78 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, 16. Der Tordalk, Alca torda L. (Norwegisch: Klubalk, Klymbe) ist bisher nicht aus dem Spitzbergengebiet bekannt geworden ; wir haben ihn auch nur auf der Bären-Insel in nicht sehr großer Zahl gefunden, im ganzen übrigen Spitzbergen scheint er zu fehlen (wir sind indessen nicht ganz sicher, ob wir ihn nicht im Bel-Sund gesehen haben). Auf der Bären-Insel brütet er mit den Lummen und Teisten zusammen in den Felsenspalten des Vogelberges. Von TJria hruennichi, mit der er aus der Ferne einige Aehnlichkeit hat, unterscheidet er sich leicht durch viel höheren Schnabel mit weißen Ouerbinden, außerdem hat er 2 Brutflecke, letztere nur einen, so dass man die beiden Vögel schon im Dunkeln nach dem Gefühl unterscheiden kann. Aus der Ferne kann man die Alken daran erkennen, daß sie sich direkt vom Fluge mit dem Kopfe ins Meer stürzen und das Schwimmen mit einem Untertauchen beginnen, während die Lummen sich nur mit dem Bauch auf die Wasserfläche werfen und auf derselben eine Strecke weit hinschurren. 17. Die Polarlumme, Uria hruennichi Gab. (Norwegisch : Lomvie) ist der Hauptbewohner des Vogelberges auf der Bären-Insel. Sie fehlt auch im ganzen Spitzbergengebiet nicht, aber nirgends haben wir so reiche Brutplätze gesehen wie dort. Gut besetzt waren die Strandfelsen in der Van Keulen-Bai und im Bel-Sund, sowie in der Kings-Bai ; massenhaft traten sie auch in der Wiide- Bai auf. Im Osten scheinen sie spärlicher zu brüten ; auf den König-Karls-Inseln haben wir sie nur in der Nähe von Cap Hammerfest brütend gefunden, aber selbst an der Ross-lnsel, hoch im Norden waren sie nicht selten. Am 14. Juni hatten noch die wenigsten auf der Bären-Insel Eier gelegt, sie nisteten hier in den oberen Partien der Felsen. Wie bei 16. erwähnt, haben sie nur einen Brutfleck und legen auch nur ein Ei auf den kahlen Fels, dasselbe ist sehr dickschalig (wir fanden mehrere von hochgelegenen Felsengesimsen herabgefallene Eier auf dem groben Kies des Strandes unversehrt) und eines der relativ größten Vogeleier (ca. 90 mm lang und 55 mm breit, also etwa wie das der Truthenne, während der Vogel selbst nicht länger als 45—48 cm wird). Die ersten Dunenjungen wurden in der Lomme-Bai (6. Juli) gefunden. Die Brütezeit beträgt etwas über einen Monat (30—35 Tage). Auf den Ryk-Ys-Inseln sahen wir die Alten zum ersten Male mit den Jungen umherschwimmen. Die Nahrung der Lumme besteht hauptsächlich aus Amphipoden und anderen Krebsen, Fische haben wir ebensowenig wie Walter im Magen derselben gefunden. 18. Die Eisteiste, Uria grylle var. mandti Licht. (Norwegisch: Teiste) ist zweifellos die schönste Lumme, die sametschwarze Farbe kontrastiert prachtvoll mit dem reinweißen Spiegel auf den Flügeln und den korallroten Füßen. Sie ist viel häufiger als die Polarlumme und brütet im ganzen Spitzbergengebiet. Während sich an der norwegischen Küste ihre Nistplätze auch auf niedrigen Schären befinden, bevorzugt sie in unserem Gebiet die höchsten, unzugänglichsten Felsenspalten. Nur auf den Ryk-Ys-Inseln fanden wir sie niedrig unter Steinen am Strande nistend. Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. yg Auf der Bären-Insel hatten am 14. Juni schon die meisten gelegt; das Gelege besteht meist aus 2 Eiern, und der Vogel hat im Gegensatz zum vorigen auch 2 Brutflecke. Noch nicht flügge Junge fingen wir am 19. August auf den Ryk-Ys-Inseln aus den Nistspalten, sahen zugleich aber auch schon schwimmende Junge mit den Alten auf dem Meer. Am liebsten halten sich die Teiste zwischen den Schollen des Treibeises auf und fischen Plankton, wir sahen sie Flossenschnecken (Clio), Ctenophoren (Beroe), Würmer und Krebse verzehren, fanden aber auch Fischgräten im Magen. Diese Lumme besitzt ebenso wie die Polarlumme eine cirkumpolare Verbreitung. 19. Der Krabbentaucher, Merf/ulus alle L. (Norwegisch : Alke Konge) ist der anmutigste und gewandteste unter den Tauchern ; er geht gut auf dem Lande, fliegt trotz seiner kurzen Flügel schnell, taucht und schwimmt noch besser als seine Verwandten, die Alken und Lummen. In Spitzbergen fehlt er in keinem Gebiet. Er nistet auf der Bären-Insel im Süden und der Ross-Insel im Norden, in den Buchten der Westküste und auf den Strandfelsen der Olga-Straße, auch auf Schwedisch- Vorland bevölkert er die südlichen Strandfelsen und wurde selbst an der Eiskante auf 81" 32' häufig gesehen. Er legt von den arktischen Schwimmvögeln seine Eier am spätesten ; auf der Bären-Insel hatte kein Vogel dieser Art am 14. Juni gelegt, sondern sie trieben sich noch in Scharen auf dem Meere herum, und am 19. August fanden wir ihn unter den Felsen der R3^k-Ys-Inseln auf seinem einzigen Ei sitzend. Selbst Mitte September soll das Dunenjunge noch nicht flugfähig sein. Es ist besonders bemerkenswert, daß der Krabbentaucher, obwohl er nur l Ei legt, 2 Brutflecke besitzt. Auf den Ryk-Ys-Inseln holten wir ein brütendes Männchen unter einem Felsen aus einer tiefen Spalte hervor, es setzte sich anfangs kräftig zur Wehr, war aber, nachdem wir es gefangen, so verblüfft, daß es, auf den Boden gesetzt, das Wegfliegen vergaß und sich ruhig wieder nehmen ließ. Auf dem Dampfer lief es frei an Deck umher, tauchte und schwamm vergnügt in einem großen Waschfaß und dachte nicht daran fortzufliegen. Die Nahrung besteht nur aus kleinen Planktontieren und in der Litoralzone aus Amphipoden (haupt- sächlich Gammarus). Mergulus alle ist nicht wie die Uria- Arten cirkumpolar verbreitet, er ist nur Charaktervogel der Grönland- und Spitzbergen-See, von Nowaja-Semlja bis Grönland. Er fehlt im nearktischen Gebiet und wird von Trautzsch ^) zu den „atlantisch-glacialen" Vögeln gerechnet. 30. Der Papageientaueher, Mormon arcficus L. (Norwegisch : Lunde) wurde nur auf der Bären-Insel und in West-Spitzbergen (Eis-Fjord, Bel-Sund, Kings-Bai, Smerenburg-Bai) als Brutvogel beobachtet. Im Osten scheint er zu fehlen, nur im Stor-Fjord in der Nähe des Südcapes wurden einzelne gesehen, doch war er auch im Westen niemals häufig zu nennen, wie etwa an der nor- wegischen Küste. Er ist der Clown der Vogelberge nicht allein wegen seiner komischen Figur, sondern auch wegen seines lächerlichen Benehmens. Er nickt und wackelt fortwährend mit dem Kopf, als ob er sich lebhaft unterhielte, und knurrt, wenn man ihm zu nahe kommt, wie ein boshafter Hund. I) Biologisches Centralblatt, Bd. XVIII, 1898, No. 9, 10, p. 358. 8o FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Während er in Norwegen auf den Gipfeln der Vogelberge in der Humusschicht sich selbst tiefe Niströhren gräbt oder auch verlassene Kaninchenbaue benutzt, fanden wir ihn auf der Bären-Insel frei auf Felsengesimsen in den Grotten und Höhlen des Vogelberges gesellig nistend. Er legt ein weißes Ei, das aber bald vor Schmutz diese Farbe nicht mehr erkennen läßt, und besitzt ebenso wie der vorige 2 Brutflecke. Männchen und Weibchen brüten und füttern das Junge, das so lange unbeholfen auf der Niststelle liegen bleibt, bis es flügge ist. Die Nahrung, die aus Krebsen und Fischen besteht, tragen die Alten im Schnabel zu. Die Verbreitung des Papageientauchers ist wie die des Krabbentauchers ,,atlantisch-glacial", doch weniger ausgedehnt, weil er in Ost-Grönland und Franz-Josephs-Land fehlt. 31. Der rothalsige Seetauelier, Coli/nibus septentrionalls L. (Norwegisch : Lom) ist nicht selten im Spitzbergengebiet ; wir sahen ihn als Brutvogel auf der Bären-Insel, Jena-Insel, Schwe- disch-Vorland, Great-Insel. Seine Nistplätze finden sich stets im Binnenlande an Süßwasserseen, an deren Ufer (oder lieber noch auf Felsen und Inseln in ihrer Mitte) aus Erde und Moos das kunstlose Nest aufge- worfen wird. Männchen und Weibchen bauen dasselbe gemeinsam und brüten auch beide, obwohl das $ keinen Brutfleck besitzt. Das Gelege besteht aus 2—3 braun gefleckten Eiern. Die Brutzeit, die 24—28 Tage dauert, beginnt Ende Juni, scheint aber etwas variabel zu sein, da wir noch am 7. August ein kleines Dunen- junge auf der Great-Insel erbeuteten. Das Dunenkleid ist einfarbig grau-schwarz. Die Alten haben nicht den Fütterungstrieb, sondern führen das Junge gleich nach dem Ausschlüpfen auf das Wasser, wo es sofort geschickt taucht und schwimmt ; es nährt sich hier nur von kleinen Süßwasserkrebsen und Mückenlarven, auf der Great-Insel fanden wir sogar nur Algen in seinem Magen. Die Jungen laufen auch ganz behend auf dem Lande, während die Alten hier sehr ungeschickt sind. Auf der Great-Insel hatten sich die Taucher in den Schutz der Seeschwalben gestellt, die ihre Brutplätze um ihr Nest herum angelegt hatten und die Raubmöwen von ihrer Brut fern hielten, wenn sie draußen auf dem Meere weilten, um Nahrung zu suchen. (Im Magen der alten Taucher wurden außer kleinen Steinen und Krebsresten auch Fischgräten gefunden.) Die Seetaucher sind sehr scheue Vögel ; wenn man sich den Süßwasserseen, die sie bevölkern, nähert, so suchen sie sich meist schon frühe durch Abfliegen zu retten ; nur wenn man unbemerkt ganz nahe herangekommen ist, tauchen sie unter. Sie fliegen sehr gut und steigen beim Auffliegen gleich hoch in die Luft. In den öden Steingefilden Ost-Spitzbergens erhöht besonders bei trostlosem Nebel ihre heulende und jammernde Stimme, die fast wie eine menschliche Klage hoch aus der Luft hernieder klingt, noch den Schrecken dieser grausigen Einsamkeit. Mit Recht hat Faber daher diese Vögel als melan- cholisch bezeichnet. Die Verbreitung des Colymbus septcntrionalis ist cirkumpolar. 23. Der EisstnrmTOgel, Fulmarus tßlacialis (L.) (Norwegisch : Haf best, Mallemuk) ist in der ganzen Spitzbergen-See außerordentlich häufig. Schon weit draußen vor der Bären-Insel trafen wir diesen unermüdlichen Flieger. Beinahe ohne die Flügel zu rühren, in eleganten Schwingungen, schwebt er dicht über der Meeresfläche und folgt den Bewegungen der Wellen. Aber auch hoch im Norden, im Treibeis und an der Festeiskante tummelte er sich oft schwimmend in Scharen um unser Schiff, immer auf Beute lauernd und gierig über jedes Stück Papier herfallend, das über Bord geworfen wurde. Ein beliebter Sport unserer Matrosen bestand darin, den Mallemuk zu angeln. Um ein großes Stück Robbenspeck wurde Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. §j ein Bindfaden gewickelt und an diesem über Bord geworfen. Nun entspann sich ein Kampf der Sturmvögel um die Beute, der gewandteste verschluckte den riesigen Bissen ganz und wurde nun trotz seines Zappeins auf Deck gezogen. Hier gab er dann den Klumpen wieder von sich, flog aber nicht weg, sondern trieb sich frech auf Deck umher, fing sogar einen Kampf mit unserer Katze oder dem Schiffshunde an, der meist zu seinen Gunsten ausfiel, und ließ überhaupt an Dummdreistigkeit nichts zu wünschen übrig. Der Sturmvogel brütet selten in größeren Gesellschaften, meistens trifft man ihn in wenigen Paaren auf den Strandfelsen. Auf den König-Karls-Inseln scheint er nicht zu brüten, obwohl er auch hier sehr häufig gesehen wurde. Nur auf der Bären-Insel wurde eine große Brutkolonie angetroffen, aber auch hier mehr abseits von den anderen Bewohnern des Vogelberges. Er bevorzugte niedrige Schutthalden und die unteren Partien der Uferfelsen. Am 14. Juli fanden wir hier noch frisch gelegte Eier, aber auch schon zahlreiche Dunenjunge. Der Sturmvogel baut kein Nest, sondern legt ein einziges großes, weißes Ei auf den kahlen Felsen. S und $ brüten, und er ist der festeste Brüter unter allen arktischen Vögeln. Nur mit Gewalt vermochten wir ihn von seinem Brutplatz zu vertreiben, wobei er sich energisch wehrte, mit dem Schnabel um sich schlug, schrie und furchtbar spuckte. Für kein Vogeljunges ist so gut gesorgt, wie für das Dunenjunge des Sturmvogels, ein dichter Dunenpelz hüllt es ein, darunter kommt eine dicke wärmende Fettschicht; es ist der verzärtelte Liebling seiner Eltern, die es beide monatelang, bis es ganz flügge ist, mit dem ausgewürgten Kropfinhalt ernähren ; ja selbst verteidigungsfähig hat es die Natur gemacht, indem es imstande ist, große Mengen eines übel riechenden, thranigen Sekrets aus seinem Schlünde hoch im Bogen dem Feinde entgegenzuschleudern. Fulmanis frißt alles Verdaubare, was das Land und das Meer ihm bietet. Aas, Fische, Plankton- tiere, selbst Pflanzen werden als Mageninhalt gefunden. Die Verbreitung des Eissturmvogels ist nicht cirkumpolar, sondern nur atlantisch-glacial (Grönland bis Nowaja-Semlja). 33. Die Rotfussgans, Anser brachyi'hyiichus Baill. (Norwegisch : Graagaas) fehlt auf der Bären-Insel, in West-Spitzbergen ist sie nicht selten, aber auch im Stor-Fjord, in der Hinlopen- Straße und auf Schwedisch-Vorland brütet sie, scheint also im ganzen Gebiet verbreitet zu sein ; besonders häufig war sie in der Kings-Bai. Kleine Trupps weideten hier auf den üppigen Niederungen und gras- reichen Strandwiesen, welche dem Gebirge vorgelagert sind. Ihre Brutplätze waren höher gelegen, auf den oberen Terrassen des Gebirges, auf den Felsgesimsen und auf unzugänglichen Klippen waren ihre Nester angelegt; hier strichen zahlreiche Paare mit lautem Geschrei umher. Am 28. Juni brüteten sie hier noch. Sie legen 4 — 5 Eier in ein geräumiges aus Moos und Erde aufgebautes Nest, das im Inneren weich mit Dunen ausgekleidet wird. — Am 16. Juli wurde in Green Harbour eine alte Graugans, welche 5 verschieden große Dunenjunge zum Meeresstrande führte, erlegt und die Jungen gefangen. Sie haben einen großen Teil der Reise an Bord ausgehalten und wurden mit gekochten Kartoffeln und Reis gefüttert. Die Zeit des Federwechsels überstand aber nur eines, welches nach Deutschland mitgebracht wurde. Während diese Gans im Freien so scheu ist, daß eine große Kunst dazu gehört, sich selbst in der Brütezeit an sie heran- zupürschen, waren die Jungen auf dem Schiff bald so zahm geworden, daß sie in Eintracht mit unserem Hund und der Katze zu einem Klumpen zusammengekauert schliefen ; ihr Hauptspiel war, die buschige Rute unseres gutmütigen deutschen Hühnerhundes zu zerzausen, noch lieber waren ihnen die Hanfquasten an der Dredge, sie hielten die Haare und Fäden vielleicht für Grasbüschel. Im Magen der alten Rotfuß- gänse findet man außer Steinen nur Pflanzenteile. Fauna Arctica. 1 1 82 FRITZ RÖMER ""d FRITZ SCHAUDINN, Änser hrachyrhynchis hat eine sehr beschränkte Verbreitung, außer auf Spitzbergen ist sie noch nicht als ßrutvogel gefunden worden. 24. Die Ringel gaiis, Branta bemicla (L.) (Norwegisch : Trapgaas) ist die häufigste Gans des Spitzbergengebietes ; sie wurde auf der Bären-Insel nicht beobachtet, brütet aber im ganzen übrigen Archipel vom Südcap und den Tausend-Inseln bis zur Ross-Insel, im Osten bis zur Abel-Insel. Ihr aus Tang und Moos zusammengescharrtes, kunstloses Nest, das aber weich mit pracht- vollen Dunen ausgekleidet ist, findet man überall vereinzelt zwischen den Nestern der Eiderente; wo diese brüten, pflegen auch die Ringelgänse vorzukommen. Sie sind im Gegensatz zur Rotfußgans gar nicht scheu, sondern verteidigen ihr Nest sogar gegen den Menschen, indem sie ihn anpfauchen; das Männchen wurde meist neben dem brütenden Weibchen treue Wacht haltend gefunden ; das S hat aber keinen Brutfleck , dürfte also kaum brüten. Das Gelege besteht aus 4 — 8 weißen Eiern ; dieselben waren am 23. Juni auf den König-Ludwig-Inseln noch wenig bebrütet (ebenso am 28. Juni in der Kings-Bai). Die ersten Dunenjungen, die von der Mutter zum Strande geführt wurden, sahen wir am S.Juli in der Wiide-Bai. Flüge von 8 — 12 Ringelgänsen wurden am 2. August auf Schwedisch-Vorland gesehen. Im Magen dieser Vögel fanden wir außer Gras und anderen Pflanzenteilen viele größere und kleinere Muscheln. Die Verbreitung ist cirkumpolar. 25. Die Nonnengans, Branta leiicopsifi (Bechst.) (Norwegisch : Fjeldgaas) ist viel seltener als die vorige ; daß sie aber ein Brutvogel des Spitzbergengebietes ist, wird dadurch bewiesen, daß ein Weibchen mit 4 Dunenjungen am Strande der Wiide-Bai (8. Juli) erbeutet wurde. Die Jungen hatten verschiedene Größe, das kleinste war offenbar erst vor kurzem aus dem Ei geschlüpft. Die Mutter mauserte so stark, daß sie nicht imstande war, fortzufliegen. Die Nonnengans kommt in Grönland vor, fehlt aber auf Jan-Meyen, Franz-Josephs-Land und Nowaja-Semlja. 26. Die Eiderente, Soniateria inolUsshna (L.) (Norwegisch : Ederfugl) ist die gemeinste Ente des Spitzbergengebietes. Auf der Bären-Insel haben wir keine brütend gefunden, aber in allen übrigen Teilen des Gebietes findet sie sich gleich häufig ; der nördlichste Brutplatz ist die Ross- Insel, der östlichste die Abel-Insel, wo sie mit den Elfenbeinmöwen zusammen nistet. Die Nachstellungen der Fangschiffer haben aber ihre früher unschätzbaren Brutkolonien schon arg decimiert. Die Brüte- periode scheint außerordentlich variabel zu sein, vielleicht weil die Vögel so oft gestört werden. Auf den König-Ludwigs-Inseln waren am 23. Juni noch eine Anzahl Eier frisch, die meisten aber schon angebrütet; die Gelege bestanden aus 3^6 Eiern. Auch am 28. Juni waren an der Kings-Bai noch keine Jungen. Wir fanden die ersten eben ausschlüpfend auf der Moff'en-Insel (i. Juli). Aber am 2. August waren auf der Abel-Insel neben Jungen noch frische Eier zu finden (hier waren übrigens sicher noch keine Störenfriede vor uns hingekommen). Am 3. August wurden an der Südspitze von Schwedisch- Vorland schon mehrere Flüge junger Eiderenten gesehen, während sich am 19. August bei den Ryk-Ys- Inseln noch die Dunenjungen unter dem Schutz der Alten im Meere tummelten. Die Eiderente bevorzugt als Brutplatz kleine Felseninseln mit seichter Uferzone (wo sie nach Muscheln und anderen Bodentieren taucht), doch besetzt sie die Inseln erst, wenn sie eisfrei sind und der Fuchs nicht mehr vom Festlande hinaufgelangen kann (vielleicht hängt das Fehlen der Eiderenten auf der Bären-Insel mit dem Vorkommen der Füchse auf derselben zusammen). Am Festlande findet man nur Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. g^ höchst selten Eiderentennester; ein solches, mit 6 frischen Eiern, wurde ganz vereinzelt in der Disco-Bai weit vom Meere entfernt am Rande des Gebirges von uns entdeckt. Die Eiderente ist ein noch festerer Brüter als die Ringelgans ; oft konnten wir die Alte vom Nest heben, um zu den Eiern zu gelangen. Das Männchen leistet häufig dem Weibchen Gesellschaft, erst gegen Ende der Brutzeit rotten sich die Gatten zu größeren Gesellschaften auf dem Meere zusammen. Nach der Brütezeit und beim Zuge sind diese Vögel sehr scheu. Zweimal haben wir auch Männchen brütend gesehen und können hiermit die Beobachtung von Pansch von der IL deutschen Polarexpedition im Gegensatz zu Heuglin bestätigen. Beim Verlassen des Nestes werden die Eier mit Dunen bedeckt ; wird die Eiderente aber überrascht, so spritzt sie, ehe sie fortläuft, ihren stinkenden grünen Darminhalt über die Eier, um dem Feinde den Genuß zu verekeln. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Muscheln, die durch Tauchen erlangt werden. Die Verbreitung der Eiderente ist cirkumpolar. 37, Die Prachteidereiite, Somateria spectabilis (L.) (Norwegisch : Pragtederfugl) dürfte dieselbe Verbreitung haben wie die vorige, doch kommt sie viel seltener vor ; wir haben nur wenige Exemplare im Stor-Fjord und bei den König-Karls-Inseln gesehen. 28. Die Eiseiite, Havelda glacialis (L.) (Norwegisch : Havold, Alfugl) ist überall im Spitzbergengebiet verbreitet, aber nicht häufig. Sie nistet an Süßwasserteichen im Innern des Landes, die Männchen halten sich während der Brutzeit in kleinen Flügen an der Meeresküste auf. Solche Trupps fanden wir im Eis-Fjord, Horn-Sund, Stor-Fjord, an der Jena-Insel und konnten hieraus auf die in der Nähe befindlichen Brutplätze der Weibchen schließen; gefunden haben wir dieselben aber nicht. — Die Nahrung der Eisente besteht hauptsächlich aus Muscheln. An der Murman-Küste fanden wir im September zahlreiche Scharen dieser Enten zum Zuge vereinigt. Ihre Verbreitung ist cirkumpolar. Die Verbreitung der hier aufgezählten 28 Vogelarten ist nach unserer Beobachtung ziemlich gleich- mäßig im ganzen Spitzbergengebiet, namentlich fanden wir nicht den großen Gegensatz zwischen West- und Ost-Spitzbergen, welchen A. Walter (1. c.) konstatieren konnte. Dieser Forscher berichtet über eine auffallende Armut an der Ostküste, wo er nur 14 Vogelarten beobachtete. Besonders arm waren im Jahre 1889 die König-Karls-Inseln an Vögeln. Es wurden nur folgende 9 Arten von Walter gesehen: i) Sterna macrura Naum. 6) Urin bruennichi Gab. 2) Gavia alba (Gunn.) 7) Mergulus alle L. 3) Rissa tridaetyla (L.) 8) Fulmarus glacialis (L.) 4) Larus glaticus Brünn. 9) Harelda glacialis (L.) 5) Stercorarius pomatorhinus (Temm.) Von uns hingegen wurden auf diesem Inselgebiet folgende 21 Vogelarten im Sommer 1898 gefunden: i) Plecfrophanes nivalis (L.) 7) Larus glaucus Brünn. 2) Tringa striata (L.) 8) Stercorarius parasiticus (L.) 3) Charadrius hiaticnla L. 9) „ catarrhactes (L.) 4) Sterna macrura Naum. 10) „ pomatorhinus (Temjl) 5) Gavia alba (Gunn.) ii) „ crepidatus (Banks) 6) Rissa tridaetyla (L.) 12) Uria bruennichi Gab. n* 84 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN, Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 13) Uria grylle v. mandti Licht. 18) Branta hernicla (L.) 14) Mergulus alle L. 19) Somatcria molUssitna (L.) 15) Colymbus septentrionalis L. 20) „ spectabilis (L.) 16) Fulmarus glacialis (L.) 21) Harelda glacialis (L.) 17) Änser hrachyrhynchus Baill. Nur in Ost-Spitzbergen wurden gefunden : l) Xema sabinei (Sab.), 2) Gavia alba (Gunn.) (auch im Norden). Nur in West-Spitzbergen: i) Lagopus hyperhoreus Sunder, 2) Mormon arcticus L. Nur auf der Bären-Insel : i) Alca torda L. A. Walter war ein ausgezeichneter Ornithologe, und seine Beobachtungen können als Thatsachen gelten. Wir erklären die merkwürdige Verschiedenheit der Vogelverbreitung im Spitzbergengebiet im Jahre 1889 und 1898 durch die verschiedenen Eisverhältnisse. Die meisten in Betracht kommenden Vögel sind auf das freie Meer als Nahrungsgebiet angewiesen. Im Jahre 1889 war nun im Osten viel Eis, während im Jahre 1898 fast alles eisfrei gefunden wurde; daher konnten die Vögel jetzt auch im Osten reichlich Nahrung finden und hatten sich über das ganze Gebiet verbreitet, was 1889 nicht möglich war. Die Liste der Vögel, welche überhaupt bisher in der Litteratur aus Spitzbergen erwähnt wurden, umfaßt folgende 47 Arten, von denen aber alle mit Fragezeichen versehenen Species entweder auf unsicherer Bestimmung beruhen (??) oder nicht als regelmäßige Besucher dieses Gebietes, sondern nur als ausnahms- weise hierher verschlagen (?) anzusehen sind. Es bleiben als sichere Brutvögel nur die mit einem * ver- sehenen 27 Arten übrig: 1) Nyctea scandiaca (L.) (?) 2) Falco gyrfalco L. (?) 3) Upupa epops L. (?) 4) Hirundo domestica L. (?) 5) Corvus corax L. (?) 6) Äegiothus linaria L. (?) 7) „ hornemanni (?) 8) Loxia curvirostra L. (Bären-Insel) (?) *9) Plectrophanes nivalis (L.) * 10) Lagopus hyperhoreus Sunder *il) Tringa striata (L.) 12) „ alpina L. (?) 13) „ canutus L. (?) * 14) Phalaropus fulicarius (L.) 15) Strepsilas interpres (L.) (?) 16) Calidris arenaria L. (?) * 17) Charadrius hiaticula L. 18) Eudromias morinellus (L.) (??) 19) Numenius phaeopus (L.) (?) * 20) Sterna macrura Naum. *2l) Xema sabinei (Sab.) 22) Rhodostethia rosea Macg. (??) *23) Gavia alba (Gunn.) *24) Rissa tridactyla (L.) * 25) Larus glaucus BRtJNN. * 26) Stercorarius imrasiticus (L.) * 27) ,, cutarrhnctes (L.) *28) „ pomatorhinus (Temm.) * 29) „ crepidatus (Banks) * 30) Alca torda L. (Bären-Insel) *3i) Uria bruennichi Gab. 32) „ grylle L. (?) * 33) n g^'y^^e V. mandti Licht. * 34) Mergulus alle L. * 35) Mormon arcticus L. * 36) Colymbus septentrionalis L. 37) Podiceps griseigena (?) * 38) Fulmarus glacialis (L.) *39) Anser brachyrhynchus Baill. *40) Branta bernicla (L.) *4i) „ ^ewcojjszs (Bechst.) 42) Cygnus musicus Bechst. (?) 43) ,, hewihi Yerr. (?) 44) Oedemia fusca L. (?) * 4S) Harelda glacialis (L.) * 46) Somateria mollissima (L.) * 47) „ sp)ectabilis (L.) Die Hexactinelliden. Von Franz Eilhard Schulze. Mit den Tafeln 1— IV. Uie von der deutschen Nordpolarexpedition mitgebrachten Hexactinelliden, welche aus 6 fast vollständig erhaltenen Exemplaren und mehreren Bruchstücken bestehen, sind nördlich von Spitz- bergen, an den beiden Stationen 41 (20" 30' E., 81" 20' N.) und 42 (19" o' E., 81" 20' N.), in 1000 m Tiefe, auf einem Meeresgrunde von folgender merkwürdiger Beschaffenheit erbeutet. Unter einer sehr lockeren, bläulich-braunen Schlicklage befand sich ein mit viel Schlick und wenig kleinen Steinen durchsetztes Filzwerk von Kieselnadeln, welche von abgestorbenen Spongien ver- schiedener Art, hauptsächlich Tetract in eil iden und Hexact inelli den, herrühren. In diesem lockeren Nadelfilze waren die gefundenen Hexactinelliden fast sämtlich mit schlanken, kolbenförmigen Auswüchsen ihres unteren Körperendes in der Weise verankert, daß geringe Bewegungen des Körpers nicht ausge- schlossen erschienen. Obwohl 3 verschiedenen Arten und sogar verschiedenen Gattungen angehörig, zeigen doch alle Stücke eine große Aehnlichkeit im Habitus, insofern sie sämtlich sackähnliche Kelche mit weitem, zuge- schärftem Oefifnungsrande darstellen und zur Bildung von zwei- oder mehrgliedrigen Knospungskolonien neigen. Durch die überall reichlich eingedrungene und auch außen fest anhaftende Schlickmasse stark ver- unreinigt, boten sie der Bearbeitung mancherlei Schwierigkeiten. Trotzdem zeigte sich bei einzelnen Exem- plaren der Weichkörper gerade für die histologische Untersuchung besonders geeignet, so daß ich unter anderem hier die so lange vergeblich gesuchten Choanocyten der Hexactinelliden habe nachweisen und näher studieren können '). Sehaudinnia aretiea nov. gen., nov. spee. (Taf. I, Fig. 1—6; Taf II und III.) I. Gestalt und Bau. Das Material, an welchem ich die Untersuchung dieser neuen und zugleich auch als Typus einer neuen Gattung aufzufassenden Art anstellen konnte, besteht aus 2 zwar in der äußeren Erscheinung etwas verschiedenen, aber in allen wesentlichen Momenten, besonders im Bau und in der Struktur nahezu übereinstimmenden Stücken , von welchen das eine, hier mit A bezeichnete und auf Taf. I in Fig. I in natürlicher Größe abgebildete, der Hauptsache nach aus 2 an der Basis durch eine weite quere Ver- I) Sitzuna;sberichte der Königl. Preußischen Akademie der VVissensch., Physik. -matheni. Klasse, 1899, P- '98- 88 FRANZ EILHARD SCHULZE, bindungsröhre kommunizierenden, sackförmigen Kelchen besteht, welche mit mehreren basalen zipfel- oder länglich-kolbenförmigen Fortsätzen — „Basalkolben" — versehen sind, während das andere — B — einen einfachen, etwas gebogenen und schwach abgeplatteten, dickwandigeren Sack darstellt, an dessen unregel- mäßig geformtem unteren Ende sich ebenfalls einige kräftige Basalkolben von 3 — 5 cm Länge befinden. Das von der Station 42 herrührende Exemplar A hat eine Gesamtlänge von 15 cm, wovon etwa 4 cm auf die Basalkolben kommen. Die größte Breite des etwas zusammengedrückten größeren sackförmigen Kelches beträgt 5 cm, der Querdurchmesser des weniger komprimierten anderen kleineren Kelches nur 3 cm. Die große röhrenförmige Basalverbindung beider hat einen Querdurchmesser von ca. 4 cm. Die Körperwand ist in dem unteren und mittleren Teile beider Kelche etwa 6 mm dick und verjüngt sich nach oben ganz allmählich bis zu dem zugeschärften glatten Aperturrande, aus welchem ein ziemlich gleichmäßig entwickelter Saum von parallel gerichteten spitzen Marginalnadeln ungefähr 5 mm weit vorragt. Von den als solide zipfelförmige Ausziehungen des basalen Körperendes sich darstellenden Basalkolben stehen 2 unter dem breiteren, 4 unter dem schmalen Kelche; 3 der letzteren entspringen von einer gemeinsamen platten- oder firstenartigen Erhebung, der vierte selbständig. Von diesen recht verschieden gestalteten Basalkolben sind einige senkrecht abwärts, andere mehr oder minder schräge gerichtet und nach verschiedenen Seiten konvergent oder divergent, wodurch ebenso wie durch die kolbige oder unregelmäßig knollige End- anschwellung ein wichtiges Moment gegeben ist für das Haften im lockeren Nadelfilze des Grundes. Be- merkenswert ist der Umstand, daß auch an der strangförmig ausgezogenen dünneren Mittelpartie neben großer Biegsamkeit doch immer eine auffallende Festigkeit besteht, wodurch bei einer gewissen Beweglich- keit die sichere Verankerung des ganzen Schwammes erreicht ist. Bei einzelnen Basalkolben zeigen sich an dem verdickten freien Endteile papillenförmige oder mehr spindelförmige sekundäre Auswüchse, welche, bis zu i cm lang und 2 — 3 mm breit, durchaus den Eindruck junger Knospen machen und im Gegensatze zu der mit vorstehenden Nadeln gewöhnlich ziemlich reichlich besetzten rauhen Überfläche der dickeren Basalkolben bald ganz glatt, bald nur mit einem terminalen Nadelschopfe versehen erscheinen (Taf I, Fig. 2). Im großen und ganzen stellt sich freilich die Gesamtoberfläche des sackförmigen Körpers dem bloßen Auge als nahezu glatt dar. Betrachtet man aber diese Dermalfläche genauer oder gar mit der Lupe, so zeigt sich eine eigentümliche Netzbildung mit derberen und oft schwach vortretenden Hautverdickungen von I — 1,5 mm Breite und 2—3 mm weitem Abstände voneinander, von deren Seitenrande ein engmaschiges Balkennetz ausstrahlt (Taf. I, Fig. i und 3). Während diese Centralknötchen stets mit dem unterliegenden Weichkörperparenchyme des Choanosomes in direkter Verbindung stehen, spannt sich das Balkennetz über den Subdermalraum kontinuierlich hinweg. Dabei schimmern die 1 — 2 mm breiten, rundlichen Eingangs- öffnungen des zuleitenden Kanalsystemes des Choanosomes als dunkle Flecke hindurch (Taf I, Fig. i). Dieselben fehlen übrigens an den Basalkolben ganz und nehmen nach dem Oscularrande zu an Breite allmählich ab. Einen wesentlich anderen Charakter als die äußere Körperoberfläche zeigt die gastrale Innen- fläche, welche von einem überall ziemlich gleichmäßig entwickelten, feinen quadratischen Gitternetze — der Gastralmembran — gebildet wird. Die 1—2 mm, durchschnittlich etwa 1,5 mm weiten und in unregel- mäßiger Anordnung etwa ebensoweit auseinanderstehenden rundlichen Ausgangsöftnungen der ableitenden Kanäle des Choanosomes schimmern auch hier als dunklere Flecken durch (Taf. I, Fig. i). Gegen den Oscularrand werden sie allmählich immer kleiner und rücken dichter aneinander, bis sie in der Nähe des letzteren schließlich für das unbewaftnete Auge nicht mehr wahrnehmbar sind und eine allerdings nur wenige Millimeter breite, verhältnismäßig solide erscheinende Randzone übrig lassen. Die Hexactinelliden. 89 Plumper und derber als das eben beschriebene erscheint das andere mit B bezeichnete und von der Station 41 herrührende, einfach sackförmige Exemplar der Schaudinnia arctica, dessen Länge 18 cm, dessen größte Breite ca. 8 cm beträgt, während der Dickendurchmesser nur etwa 4 cm ausmacht. Die Oscular- öffnung hat nach Ausgleichung der Abplattung einen Durchmesser von ca. 5 cm. Ob die auffällig starke Abplattung des Sackes dem natürlichen Zustande entspricht oder durch die Verpackung bedingt ist, läßt sich zwar nicht mehr sicher entscheiden, doch ist zu vermuten, daß sie schon im Leben, wenn auch in geringerem Maße, bestand. Die Wanddicke beträgt im unteren und mittleren Teile 1,5 — 2 cm, nimmt jedoch ebenso wie beim Exemplar A bis gegen den zugeschärften Oscularrand allmählich ab. Auch hier ragt, wie beim Exemplar A, ein etwa 5 mm hoher einreihiger Saum von Marginalnadeln vor. Von dem unregelmäßig eingebuchteten Unterende gehen 3 derbe Basalkolben ab, während andere abgerissen sind. An der konvexen Seite des etwas eingekrümmten Körpers befindet sich eine etwa thalergroße Region, wo die Haut (offenbar durch einen fest anliegenden Fremdkörper) wesentlich verändert erscheint, insofern im Umkreise einer unregelmäßig welligen, schwachen Depression sich eine niedrige Ringkante erhebt, in der einzelne condylomähnliche Wucherungen teils mit zugeschärfter, teils mit quer abgeplatteter Endfläche vor- kommen. Wahrscheinlich war es auch dieser anliegende Fremdkörper, durch welchen die auffällige Seiten- krümmung des ganzen Schwammes und die teilweise Atrophie der gedrückten Wandpartie veranlaßt war. Das an der gastralen Innenfläche flach ausgebreitete, feine quadratische Balkennetz der Gastral- membran gleicht durchaus demjenigen des Exemplars A. Einzelne geringfügigere Differenzen der beiden Exemplare werden noch bei der Schilderung der inneren Bau- und Strukturverhältnisse Berücksichtigung finden. Dahin gehört übrigens gerade die Be- schaffenheit der jetzt näher zu beschreibenden äußeren Haut, welche bei Exemplar B derber und kräftiger entwickelt ist als bei A. Was zunächst die schon oben erwähnten knötchenförmigen Verdickungen der Dermalmembran betrifft, so ist ihre Ausbildung und damit die Höhe der von ihnen gebildeten Erhebungen an den ver- schiedenen Gegenden des Schwammkörpers recht ungleich. Während sie in der Nähe des zugeschärften Oscularrandes kaum über die übrige Hautfläche vorragen, nehmen sie abwärts allmählich an Höhe zu und erreichen hier und da sogar eine solche Größe, daß sie schon mit bloßen Augen als kleine Papillen erkannt werden können. Die an einigen Stellen der Basalpartie des Exemplares B gruppenweise auftretenden größeren kolben- oder zottenförmigen Erhebungen von 10 mm und darüber (Taf. I, Fig. 2) sind, wie Ueber- gangsformen andeuten, wahrscheinlich aus solchen Knötchen hervorgegangen und dürften sich unter Um- ständen durch starkes Auswachsen zu Knospen oder Basalkolben weiter entwickeln können. Vereinzelt ragt aus dieser oder jener Hautpapille eine spitz auslaufende Kieselnadel in radiärer Richtung 2 — 5 mm weit frei hervor. Auch kann man am unteren Ende des ganzen Schwammkörpers, ähnlich wie an den Basalkolben, einzelne Pentactine mehr oder minder weit frei vorstehen sehen; doch sind das eben Ausnahmefälle. Bei der großen Mehrzahl aller Knötchen oder Papillen steht das zur Stütze dienende kräftige, radiär orientierte Diactin oder Pentactin kaum bemerkbar oder gar nicht über den Gipfel der Erhebung hervor. Das von den Tangentialstrahlen großer hypodermaler Pentactine gestützte und mit zahlreichen ento- dermalen Diactinen durchsetzte Balkennetz der Dermalmembran zeigt eine gewisse Orientierung zu den Knötchen, insofern von deren flach ausgebreitetem Seitenrande gewöhnlich 5 — 10, etwa 100 1.1 breite Haupt- balken radiär ausstrahlen, welche, untereinander durch dünnere Querbalken verbunden, sich am Ende mit den Radiärbalken benachbarter gleichartiger Systeme in einer mehr unregelmäßigen Weise vereinigen (Taf. I, Fig. I und 3). Fauna Arctica. 12 gO FRANZ EILHARD SCHULZE, Die von diesem Balkennetze umschlossenen, glattrandigen, rundlichen Dermalporen variieren sehr in Form und Weite und werden ohne Zweifel auch im Leben mannigfachem Wechsel in Zahl, Lage, Form und Größe unterliegen, ja gelegentlich sich schließen und wieder öffnen können. Im allgemeinen erscheinen an dem gracileren Exemplare A von Station 42 die Gitterbalken der Dermalmembran dünner, die Poren dagegen weiter als bei dem robusteren Stücke der Station 41. Der Abstand der Dermalmembran von dem Choanosom hängt wesentlich ab von der Dicke der betreffenden Körperwandpartie. An Stellen, wo die letztere etwa 5 mm dick ist, beträgt er ungefähr 0,3 mm, bei 10 mm dicken Wandteilen dagegen schon 0,5 mm und darüber. Durchsetzt wird der Subdermalraum von zahlreichen Strebepfeilern verschiedener Breite, welche sich begreiflicherweise vorwiegend an die diesen Raum in radiärer Richtung durchziehenden Kieselnadeln, besonders die kräftigen Radialstrahlen der großen hypodermalen Pentactine anschließen. Während ich bisher nach früheren, an weniger gut konserviertem Hexactinelliden-Materiale ausgeführten Untersuchungen annehmen mußte, daß der Subdermalraum überall von einem lockeren Gerüste zarter, fadenförmiger Balken ziemlich gleichmäßig durchzogen sei, und diese Auffassung in meinen Kombinationsbildern zum Ausdruck brachte, finde ich hier die erwähnten Strebepfeiler hauptsächlich aus dünnen Membranen zusammengesetzt, welche, unter verschiedenen Winkeln zusammenstoßend, ein oft recht kompliziertes Fachwerk bilden, dessen einzelne Räume jedoch wohl niemals völlig abgeschlossen sind, vielmehr durch häufig deutlich erkennbare, glatt randige, rundliche Löcher der Scheidewände in offener Verbindung stehen (Taf. III, Fig. l). Nur in der unmittelbaren Umgebung umschlossener Kieselnadeln und in manchen besonders dichten Partien treten neben den membranösen auch fadenförmige Netzbalken auf. Meistens handelt es sich um isolierte Pfeiler, welche, in der Mitte verschmälert, mit den sich verbreiternden beiden Enden einerseits in die Dermalmembran übergehen, andererseits an das Choanosom sich ansetzen. Gewöhnlich läßt sich an diesen Stützpfeilern der Haut eine zarte membranöse seitliche Grenzmembran erkennen, während die im Mittelteile noch recht verschieden orientierten inneren Septa gegen die beiden Enden zu in ein engeres spongiöses Fadengerüst übergehen (Taf. III, Fig. i). Hat man durch vorsichtiges Abpräparieren der Hautschicht nebst ihren Pfeilern die dermale Außen- fläche des Choanosomes zur Ansicht gebracht, so fallen an derselben zunächst die etwa 2 mm breiten und 3 mm weit auseinanderstehenden rundlichen Eingangsöffnungen der größeren Zuleitungskanäle auf, welche letzteren die ganze Choanosomplatte zuweilen als einfache Gänge in ziemlich gerader Richtung, gewöhnlich aber mehrfach verästelt bis in die Nähe der gastralen Fläche durchsetzen. Außerdem finden sich aber noch zwischen diesen größeren Eingangsöffnungen zahlreiche kleinere von 0,5 mm Breite und darunter, welche kürzeren, geraden oder nur wenig verästelten Zuleitungskanälen angehören (Taf. I, Fig. 3 und 4). Betrachtet man die gastrale Fläche der Choanosomplatte nach vorsichtiger Entfernung der Gastral- membran, so hat man im wesentlichen die gleiche Ansicht, nur scheinen mir die rundlichen Oeffnungen der größeren Ableitungskanäle hier verhältnismäßig weiter, diejenigen der zwischenliegenden kleineren dagegen enger zu sein (Taf. I, Fig. 5 und 6). Es mag dies in Beziehung stehen zu der hier etwas reich- licheren Verästelung der größeren Kanäle, bei welchen man gewöhnlich schon mit bloßem Auge durch die Endöffnung die Scheidewände zwischen den divergierenden Aesten erkennen kann. Die in Gestalt eines sehr gleichmäßigen, zarten quadratischen Gitternetzes die ganze gastrale Choanosomfläche überdeckende Gastralmembran ist mit jener nur durch verhältnismäßig wenig dünne, strangförmige Strebepfeiler locker verbunden, welche letzteren jedoch im allgemeinen den nämlichen Bau zeigen wie die subdermalen, besonders auch in vielen Fällen eine Zusammensetzung aus dünnen Membranen erkennen lassen. Die Hexactinelliden. qj Die einzelnen Netzknoten der Gastralmembran sind bestimmt durch die in recht regelmäßiger Weise nebeneinander gelagerten autogastralen Hexactine, deren Centrum stets von einer verdickten Partie der Gastralmembran umschlossen ist, während die Strahlen von zipfelförmigen Ausziehungen der letzteren eingehüllt sind. Bei einigen und zwar gewöhnlich den etwas größeren dieser Hexactine setzt sich nun der auf den inneren Radialstrahl übergehende Weichkörperzipfel der Gastralmembran als Strebepfeiler durch den Subgastralraum bis an das Choanosom fort, um sich mit diesem zu verbinden. In den einzelnen quadratischen Maschen, welche von den nebeneinander liegenden Tangentialstrahlen der Hexactine resp. den diese umhüllenden Strängen der Gastralmembran gebildet werden, sieht man allerdings meistens nur eine einzige, glatt begrenzte, rundliche Lücke von ca. 200 // Durchmesser. An besonders gut erhaltenen Stellen findet sich aber innerhalb dieser noch ein zartes Netz feiner, nur vom Weichkörper gebildeter Balken, dessen unregelmäßige Maschen glattrandige, rundliche Poren von weit geringerer Größe umschließen. Auch bei diesen Gastralporen wird wohl im Leben ebenso wie bei den Dermalporen ein mannigfacher Wechsel in Zahl, Größe und Gestalt, sowie gelegentliches Schließen und Wiederöffnen stattfinden. Ueber den Bau des Choanosomes, welches sich im großen und ganzen als eine von den zu- und ableitenden Kanälen quer durchsetzte lockere Platte darstellt, habe ich mich teils durch sorgfältige Präparation der Gänge mittels einer feinen Schere unter der stereoskopischen Präparierlupe, teils durch Anfertigung von Schnittserien verschiedener Richtung, teils endlich durch Ausgießen der Hohlräume mit leichtflüssiger Metalllegierung unterrichtet. Besonders das letztere Verfahren giebt sehr klare Auskunft über die gröberen Verhältnisse der Form und Lage der Kanäle und läßt sich von beiden Seitenflächen her nach Entfernung der dermalen resp. gastralen Grenzmembran an vorsichtig getrockneten Stücken leicht ausführen, während zur Ermittelung feinerer Details besser Schnitte verschiedener Dicke dienen, welche teils senkrecht, teils parallel zu den Grenzflächen von mehreren Körperregionen anzufertigen sind. Zunächst tritt auch hier die von mir sclion wiederholt als ein wichtiges Grundprinzip des ganzen Spongienbaues hervorgehobene Thatsache deutlich heraus, daß das in seiner Gesamtheit wie eine kompliziert gefaltete Lamelle sich darstellende Kammerlager als Grenzschicht zwischen zu- und ableitendem Kanal- systeme (nebst zugehörigem Subdermal- und Subgastralraume) eingeschoben ist, daß demnach alles durch die Dermalporen in den Schwamm eingesogene Wasser auch durch die Kammerwandungen hindurch- treten muß. Die Kammern selbst sind fingerhutförmige, seltener am blinden Ende schwach erweiterte, leicht gebogene oder in zwei Divertikel geteilte, dünnwandige Säckchen von durchschnittlich 200 /i Länge und ca. 100 /( Breite, welche in annähernd oder streng radiärer Anordnung die auf dem Querschnitt kreisrunden ableitenden Gänge nebst deren Aesten und Seitendivertikeln, sowie die vom Choanosome gebildete Grenz- fläche des Subgastralraumes umstehen und in die betreffenden Hohlräume mit weiter, kreisförmiger Apertur — der sog. Apopyle — direkt einmünden. Die Ränder der benachbarten Apopylen verschmelzen an den Berührungsstellen zu schmalen Grenzwällen, während sich über die zwischen den Apopylen befindlichen, bald dreieckigen, bald viereckigen Interstitien überall eine (allerdings nur schmale) Membrana reuniens hin- zieht (Taf. II, Fig. I). So entsteht die wie ein Leistennetz erscheinende Umgrenzung der ableitenden Kanäle. Wo sich die Wände zweier benachbarter Kammern am meisten nähern , sind sie mittelst eines lockeren Bindesubstanzlagers in einem schmalen Längsstreifen wie durch eine Naht verbunden, während sich durch die drei- oder vierkantigen Interstitien z\vischen den Kammern nur einzelne dünne, strangförmige Balken in verschiedener Richtung ausspannen. Indem jedoch derjenige Teil dieses Balkenwerkes, welcher die seitliche Verbindung zwischen den blindsackförmigen Enden der benachbarten Kammern untereinander herstellt, die Form eines flachen Netzes einnimmt, gewinnt die in die zuführenden Räume hineinragende 92 FRANZ EILHARD SCHULZE, (an sich ja sehr buckehge) Oberfläche des Kammerlagers eine mehr gleichmäßige Abgrenzung; und es erhalten die Zuleitungswege eine ähnliche stark durchbrochene Seitenwand wie die Ableitungswege (Taf. III, Fig. 2). Nach der bisherigen, von dem ableitenden Kanalsysteme und seiner Kammerlagenwand ausgehenden Darstellung könnte man nun zu der Vorstellung gelangen, daß die zuleitenden Wege ein großes, allseitig offen kommunizierendes Spalten- und Lakunensystem bilden, in dessen gemeinsamen Hohlraum die von dem Kammerlager umgebenen und gebildeten Ableitungsröhren in Gestalt verästelter Hohlzapfen hinein- ragten. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Vielmehr setzt sich auch das einführende Gangsystem ähnlich wie das ableitende aus distinkten Gängen zusammen, welche zwar nicht überall kreisförmigen Querschnitt haben, vielmehr in den letzten schmalen Endästen scharfkantige oder unregelmäßig spaltenförmige, hier und da auch anastomosierende Kanäle darstellen, aber doch in der Regel seitlich deutlich voneinander ab- gegrenzt sind. Dies ist, wie besonders Serien von Flächenschnitten lehren, hauptsächlich durch weitgehende lineare Längsverwachsungen und durch schmale Bindegewebsleisten ermöglicht, welche die nebeneinander liegenden Ableitungsröhren seitlich miteinander verbinden. So kommt es, daß Metallausgüsse der Zuleitungskanäle getrockneter Stücke (bei welchen die Kammer- lage durch Zusammensinken und Verkleben der dünnwandigen Kammern stets zu einer mehr flachen, mem- branösen Grenzlage geworden ist) fast die nämliche Form von schwach verästelten Röhren zeigen wie die Ausgüsse der ableitenden Kanäle, obwohl doch in Wirklichkeit die zuleitenden Kanäle nicht ein Lumen mit rundlichem, sondern mit eckigem oder kantigem Querschnitt haben und ihre letzten Ausläufer den schmalen drei- oder vierkantigen Spalträumen entsprechen, welche zwischen die Kammern eindringen. Was nun die aus der Körperwand oder den Basalkolben hervortretenden zapfen- oder spindel- förmigen Knospen betrifft, so sind dieselben zweifellos ebenso wie die Basalkolben selbst als lokale Aus- wüchse der Körperwand aufzufassen, zeigen jedoch (auch abgesehen von der gesondert zu besprechenden Spikulation) manche Besonderheiten des Baues. Dahin gehört zunächst die abweichende Beschaffenheit der äußeren Haut, welche hier nicht wie an der übrigen Körperoberfläche eine derbe Netzplatte mit Ver- dickungsknoten, sondern eine zarte, ziemlich kontinuierliche Grenzmembran mit vereinzelt stehenden Poren darstellt. Das subdermale Trabekelwerk tritt hier noch nicht in Form isolierter Pfeiler, sondern als ein mehr gleichmäßig ausgebreitetes, wenn auch durchaus unregelmäßiges Gerüst von Platten und Balken auf, zwischen welchen ein reichlich anastomosierendes Lakunensystem übrig bleibt. Im Choanosom stellt sich zwar auch hier das Kammerlager in Gestalt einer gefältelten, die zuleitenden Gänge von den ableitenden trennenden Platte dar, erscheint jedoch in den jüngeren Knospen resp. in der Terminalpartie der älteren weniger tief gefältelt, ja zuweilen sogar ziemlich flach, parallel der Haut ausgebreitet. Hier bleiben denn auch die Kammern niedrig, stehen ziemlich weit auseinander oder erscheinen sogar ganz verstrichen, indem ihre Wand sich ohne scharfe Grenze in die hier histologisch mit der Kammerwand selbst ganz übereinstimmende breite Verbindungsmembran fortsetzt. An der gastralen Innenseite des Kammerlagers findet sich ein Trabekelgerüst mehr oder minder reich entwickelt. Je älter (größer) die untersuchte Knospe, um so schärfer setzen sich die einzelnen Kammern von der in ihrem histologischen Charakter sich wesentlich verändernden Membrana reuniens ab. Dabei wird auch die Fältelung des ganzen Kammerlagers tiefer, und es prägen sich die zu- und ableitenden Kanäle als solche deutlicher aus. Im Inneren jeder Knospe findet sich ein aus der Vereinigung der ableitenden Gänge gebildeter centraler Hohlraum, welcher sehr unregelmäßig gestaltet ist und mit den ableitenden Kanälen der unter- Die Hexactinelliden. q-3 liegenden Körperwand resp. des Basalkolbens in oft'ener Verbindung steht, jedoch niemals von einer be- sonderen Gastralmembran umgeben ist. Nach einer OscularöfFnung habe ich am Distalpole der Knospe vergeblich gesucht, obwohl dieselbe in einzelnen Fällen eine deutlich begrenzte terminale Abplattung oder sogar eine schwache Vertiefung aufwies, in deren Centrum die Choanosom-Höhle der Dermalmembran genähert erschien. Ganz ähnlichen Bau wie die Knospen haben die Basalkolben (Taf. II, Fig. 12). 2. Skelett. Bevor ich auf den histologischen Bau des Weichkörpers näher eingehe, will ich zuvor die für die systematische Stellung so wichtigen Kieselnadeln besprechen und dabei zunächst die makroskleren par- enchymalen Principalia berücksichtigen. Die Hauptmasse derselben besteht aus im ganzen glatten, nur an den schwach zugespitzten Enden etwas rauhen oder selbst höckerigen Oxydiactinen, welche selten ganz gerade, meistens schwach nach einer Seite gebogen sind und in der Mitte an der Stelle des größten Dicken- durchmessers in der Regel eine schwach abgesetzte, ringförmige Verdickung oder 4 im Kreuz gestellte Höcker aufweisen. An dieser ausgezeichneten Stelle der im übrigen nach beiden Enden gleichmäßig ab- schwellenden Nadeln ist der Centralknoten durch die Andeutung des Achsenkreuzes, des Centralkanales markiert. Die Länge dieser bald paratangential, bald schräg oder selbst senkrecht zur Körperoberfläche gelagerten, teils isoliert verlaufenden, teils zu Bündeln aggregierten Oxydiactine beträgt 2 — 10 mm, durch- schnittlich ca. 5 mm, während die Dicke ihrer centralen Partie zwischen 4 und 40 /( schwankt, im Durch- schnitt etwa 10 /( ausmacht. An der Gastralfläche des Choanosomes sind sie zu derben tangentialen Strängen vereinigt und bilden ein die Aperturen der ableitenden Kanäle umschließendes Maschenwerk. Von den die Körperwand quer durchsetzenden Diactinen ragen einige wenige besonders lange als Prostalia lateralia über die Dermalfläche hinaus, die meisten reichen jedoch nur bis an die Dermal- resp. Gastralmembran heran. Von den longitudinal gerichteten treten eine Anzahl als Prostalia marginalia etwa zur Hälfte (ungefähr 5 mm weit) frei über den zugeschärften Oscularrand hinaus. In unregelmäiMger Verteilung und im ganzen selten kommen zwischen den diactinen auch ortho- hexactine parenchymale Principalia vor. Dieselben haben einen ähnlichen Gesamtcharakter wie jene. Ihre 6 ungefähr gleich langen Strahlen nehmen vom Verbindungscentrum bis an das etwas zugeschärfte rauhe Ende allmählich an Dicke ab und sind etwa 100—300 /; lang, während ihre größte Dicke 10 — 30 /( (selten mehr) beträgt. Den Charakter von Makroskleren nehmen auch die oxypentactinen Hypodermalia an, welche in ziem- lich regelmäßiger Verteilung sich überall mit ihren 4 stets rechtwinklig gekreuzten, i — 3 m langen, geraden oder schwach wellig gebogenen Tangentialstrahlen in der Dermalmembran ausbreiten und dabei in der Regel annähernd quadratische Maschen umschließen, während der bis 3 mm und darüber lange, gerade Radialstrahl, den Subdermalraum und das Choanosom quer durchsetzend, tief in das letztere eindringt und nicht selten bis an dessen Gastralfläche heranreicht (Taf. II, Fig. i). Merkwürdigerweise kommen zwei verschiedene Formen dieser pentactinen Hypodermalia neben- und durcheinander in ungefähr gleicher Zahl vor, nämlich ganz glatte und solche, deren Tangentialstrahlen mit zahlreichen minutiösen, spitzen Höckerchen besetzt sind und außerdem auch noch ziemlich reichlich gerade oder schwach distad, auch wohl wellig gebogene Dornen tragen. 94 FRANZ EILHARD SCHULZE, Diese letzteren stehen hauptsächlich von den beiden Seitenrändern der Tangentialstrahlen quer ab, kommen aber auch vereinzelt an anderen Regionen vor. Ihre größte Länge (80 /< und darüber) erreichen sie an dem mittleren Teile der Strahlen und nehmen nach dem schmäleren Distalende allmählich an Höhe ab, während das proximale Ende gewöhnlich ganz frei bleibt. Ihr Abstand voneinander ist sehr wechselnd und außerdem an beiden Seiten des Strahles verschieden (Taf. II, Fig. 11). Diese bedornten pentactinen Hypodermalia kommen in ganz unregelmäßiger Verteilung zwischen den meistens etwas kleineren glatten vor. Bald überwiegt die eine Art, bald die andere an Zahl. Nur selten und ganz vereinzelt sah ich sie über die Körperoberfläche (wahrscheinlich abnormer- weise) hinausgerückt, und auch dann stets ohne jene körnige Oberflächenbeschaffenheit, welche die dorn- losen pentactinen Prostalia lateralia bei Stanrocalyptus regelmäßig zeigen. Von parenchymalen Intermedia sind vorhanden Oxyhexaster, Hemioxy hexaster und De- rivat-Oxyhexactine, d. h. solche Oxyhexactine, welche zweifellos von entsprechenden Oxyhexastern abzuleiten sind, sowie endlich die fast ganz auf die dermale, subdermale, gastrale und subgastrale Region beschränkten Mikrodisco hexaster. Im Choanosom sind besonders häufig Oxyhexaster mit rauhen, hakenförmig gebogenen End- strahlen, viel seltener solche mit geraden Endstrahlen. Die Stärke und Rauhigkeit dieser sich allmählich zuspitzenden , ca. 40 ,« langen Endstrahlen variiert ebenso wie der Grad ihrer Biegung. Gewöhn- lich teilen sich ihre emfach glatten, geraden, nur wenige Mikren langen, derben Hauptstrahlen in je zwei mäßig stark divergierende, schwach rauhe Endstrahlen, welche an der Basis schwach ausgebogen, im mitt- leren Teile gerade und erst im distalen Endteile hakenförmig umgebogen sind (Taf. II, Fig. 9). Unter den mit geraden Endstrahlen versehenen Nadeln kommen zuweilen solche mit 4 oder 5 dünnen und ziemlich glatten Endstrahlen an jedem Hauptstrahle vor (Taf. II, Fig. 7). Die Strahlen der merkwürdigen Derivat-Oxyhexactine lassen ebenso wie die ungeteilten Strahlen der Hemioxyhexaster deutlich eine Zusammensetzung aus zwei verschiedenen Teilen erkennen, nämlich aus einem kurzen, glatten und derberen Basalteile, welcher einem Oxyhexaster-Hauptstrahle entspricht, und dem an der Basis gewöhnlich etwas ausgebogenen , längeren , rauhen und am Ende meist hakenförmig gebogenen Distalteile, welcher einem Oxyhexaster-Endstrahle entspricht (Taf. II, Fig. 10). Hier wie bei den ähnlichen parenchymalen Derivat-Oxyhexactinen von Balhydorns uncifer F. S. ScH. ') sind die Biegungsebenen der sich gegenüberstehenden, also derselben Achse angehörigen Strahlen in der Regel rechtwinklig zu einander orientiert, und es entsprechen ebenso wie dort die Biegungsebenen sämtlicher 6 Endhaken fast stets den Nebensymmetrieebenen des regulären Krystallsystemes, worauf ich für die Derivat- Oxyhexactine von Bathydorus uncifer bereits in den Verhandlungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft vom Jahre 1897 p. 37 hingewiesen habe (Taf. II, Fig. 10). Bemerkenswert ist der Umstand, daß das Mengenverhältnis dieser verschiedenen Formen von Par- enchymalia in den einzelnen Regionen des Schwammkörpers und wahrscheinlich auch bei den verschiedenen Schwammexemplaren außerordentlich variiert. Bald sieht man vorwiegend Derivat-Oxyhexactine mit starker Biegung der Strahlen, bald fast nur Oxyhexaster mit gebogenen Endstrahlen, bald wieder sind gerade Strahlen resp. Endstrahlen häufig, oder es treten Hemioxyhexaster in größerer Menge auf. Ebenso wechselt die Stärke der ganzen Strahlen resp. der Endstrahlen und ihre Rauhigkeit nicht unerheblich nach der Körpergegend und nach der Entwickelungsstufe, resp. dem Alter des Schwammes. I) Eine in der Nähe der Galapagos-Inseln — o" 29' N., 89" 54' 30" W. — von der Albatross-Expedition erbeutete und in meinem Buclie „Amerikanisclie Hexactinelliden, 1899'', p. 42 beschriebene Rosselline. Die Hexactinelliden. qr An den Mikrodiscohexastern, welche in und unter den beiden Grenzhäuten in sehr wechselnder Menge unregelmäßig zerstreut liegen, sieht man die schlanken, glatten, cylindrischen Hauptstrahlen von ca. 12 // Länge am Ende in eine knopfförmige Verbreiterung übergehen, von deren konvexer Distalfläche in der Mitte eine kegelförmige Erhebung von wechselnder Höhe als terminale Fortsetzung des Hauptstrahles abgeht, während von der übrigen Fläche zahlreiche feine, gerade oder schwach ausgebogene Endstrahlen von ca. 8 /( Länge radiär abstehen, deren jede mit einem sehr kleinen, außen konvexen, randzackigen, queren Endscheibchen abschließt. Da diese zarten Endstrahlen alle ziemlich gleich lang sind, so stellt die ganze Nadel einen annähernd kugeligen Körper dar, an welchem jedoch die den 6 Hauptstrahlendknöpfen ent- sprechenden Bezirke, durch etwas stärker hervortretende Wölbung der Oberfläche markiert, voneinander durch ringförmige Vertiefungen abgegrenzt erscheinen (Taf. II, Fig. 5 und 6). Die Autodermalia, welche in tangentialer Lagerung die Dermalmembran nahe ihrer äußeren Oberfläche reichlich durchsetzen, bestehen zum bei weitem größten Teile aus geraden, an beiden Enden kurz zugespitzten oder leicht abgerundeten Diactinen, welche an dem centralen Teile 4 im Kreuz gestellte oder nur 2 sich gegenüberstehende Höcker recht verschiedener Höhe, seltener eine ringförmige Erhebung aufweisen. Die ganze Oberfläche der Nadel mit Einschluß der centralen Höcker ist besetzt mit kleinen, cjuer abstehenden, spitzen Stacheln, welche ziemlich überall in ungefähr gleichen Abständen verteilt stehen. Nur neben der centralen Erhebung befindet sich jederseits eine kurze, stachelarme Zone (Taf. II, Fig. 2 und 3). Die Länge der Nadeln variiert von 100 — 250 // ; ihre Durchschnittsgröße ist 200 /(. Die Dicke beträgt in der Nähe der Mitte 10—20 11, ist aber bei vielen wahrscheinlich jüngeren, und wohl infolgedessen weniger stacheligen Exemplaren weit geringer. Zwischen diesen stabförmigen Autodermalia kommen in wechselnder Anzahl, aber stets nur vereinzelt Stauractine, seltener Orthotriactine, Orthopentactine und sehr selten Orthohexactine gleicher Bildung und Größe vor. Bei letzteren pflegt indessen der äußere Radial-strahl stark reduziert und abgestumpft zu sein. Einen ganz anderen Charakter haben die ausschließlich oxyhexactinen Autogastralia, welche mit ihren 4 rechtwinklig gekreuzten, bis an das spitze Ende ganz allmählich abschwellenden, feinstacheligen oder größtenteils glatten Tangentialstrahlen in der Ebene der Gastralmembran durch seitliches Aneinander- legen der betreffenden Strahlen ein ziemlich regelmäßiges quadratisches Maschenwerk herstellen. Von ihren beiden Radialstrahlen gleicht der in den Subgastralraum resp. die Subgastraltrabekel hineinragende den Tangentialstrahlen, übertrifft sie jedoch häufig beträchtlich an Länge, während der andere, frei in die Gastral- höhle vorstehende, viel kräftigere Strahl mit stärkeren, schräg distad abstehenden Stacheln (besonders in dem mittleren und dem distalen Teile) reichlich besetzt ist und meistens nicht zugespitzt, sondern am verjüngten freien Ende mit schwacher Abrundung aufhört (Fig. 4, Taf. II). Hinsichthch der stark variierenden Dimen- sionen dieser Nadeln ist zu bemerken, daß die an ein und derselben Nadel in der Regel nahezu gleich großen Strahlen 100—400 11 lang und an der Basis 8—20 // breit sein können. Zuweilen sind aber die radialen Strahlen und besonders der in den Subgastralraum eindringende erheblich größer als die 4 Tangentialstrahlen, welche untereinander kaum an Länge differieren. Uebrigens macht sich gerade in den Dimensionen der Autogastralia der Unterschied zwischen dem dickwandigen Exemplare B von der Station 41 und dem zarteren A von der Station 42 recht bemerkbar. Während nämlich bei dem ersteren die durchgängig sehr robusten Nadeln eine Durchschnittsgröße von 500 — 700 ,/( zeigen und der in den Subgastralraum eindringende verlängerte Radialstrahl hier zuweilen allein 600 11 und darüber lang wird, haben sie beim letzteren (dem Exemplare A) gewöhnlich nur einen Durchmesser von 300 — 400 tt. Merkwürdig ist, daß in einzelnen Regionen, besonders bei dem Exemplare B, fast regelmäßig je 2 dieser autogastralen Hexactine mit ihren Radialstrahlen unmittelbar 96 FRANZ EILHARD SCHULZE, nebeneinander liegen, so dal5 also die Knotenpunkte des quadratischen Maschennetzes hier fast stets durch je 2 Autogastralia gebildet werden. Während die bisherige Darstellung der Skelettverhältnisse von Schaudinnia arctica sich ausschließlich auf die Wand des sack- oder kelchförmigen Körpers bezog, verlangt die Spikulation der Knospen und der aus diesen hervorgegangenen Basalkolben noch eine besondere Besprechung. Von parenchymalen makro- skleren Prinzipalnadeln sind stets zahlreiche gerade oder schwach gebogene Diactine mit rauhen, zugespitzten oder abgerundeten Enden vorhanden, welche zwar im allgemeinen den in der Körperwand vorkommenden gleichen, jedoch hier vorwiegend longitudinal oder schräg distad gerichtet sind und, zum Teil die Haut durchbohrend, mehr oder weniger weit frei hervorragen. Selten und meistens nur im Stiele der Basalkolben werden auch einzelne Oxyhexactine angetroffen. Makrosklere oxypentactine Hypodermalia kommen auch hier, und zwar sowohl mit glatten, als auch mit bedornten Tangentialstrahlen, vor. Jedoch liegen die letzteren größtenteils nicht mehr in der Dermal- membran, sondern sind (besonders an dem verdickten Endteile der Basalkolben) mehr oder weniger weit über dieselbe hinausgeschoben. Außerdem aber finden sich noch zahlreiche kleinere, glatte, pentactine Hypodermalia gleicher Art, besonders in den jüngeren Partien. Dieselben können wohl unbedenklich als Jugendzustände der größeren betrachtet werden. Dazu glaube ich um so mehr berechtigt zu sein, als ich ja schon früher die Wachs- tumsfähigkeit der makroskleren Nadeln im Gegensatze zu den von vornherein in ganzer Länge angelegten mikroskleren nachgewiesen habe. Von großem Interesse scheint mir der Umstand zu sein, daß sowohl in den Knospen als auch in den jüngeren Partien der Basalkolben die zahlreich vorhandenen intermediären mikroskleren Parenchy- malia zwar in Größe und Gestalt den entsprechenden Nadeln der Körperwand gleichen, jedoch von jenen insofern wesentlich differieren, als hier die mit geraden Strahlen resp. Endstrahlen versehenen Oxyhexaster, Hemioxyhexaster und Derivat- Oxyhexactine so sehr überwiegen gegenüber den mit gebogenen Strahlen resp. Endstrahlen versehenen, daß die letzteren in einigen (besonders den jüngeren) Partien geradezu nur als Ausnahmen erscheinen. Die im subdermalen Trabekelgerüste überall häufigen, in dem gastralen dagegen weit spärlicher oder nur ganz vereinzelt anzutreffenden Mikrodiscohexaster weichen im Bau und Größe nicht wesentlich ab von den im übrigen Körper gefundenen. Dagegen zeigen die Autodermalia wiederum ähnlich wie die intermediären mikroskleren Parenchy- malia insofern ein abweichendes Verhalten, als sie hier erstens viel spärlicher vorhanden sind als in der übrigen Körperhaut, zweitens im allgemeinen schmächtiger erscheinen als dort und endlich gerade die- jenigen Nadelformen, welche dort selten oder nur ausnahmsweise vorkommen, nämlich Stauractine, Pent- actine und vereinzelte Hexactine, repräsentieren, während die Diactine speciell in den jüngeren Partien mehr zurücktreten. Zwar zeigt auch hier die Oberfläche aller Autodermalia den nämlichen Stachelbesatz wie dort, indessen sind die Stacheln durchgängig und zumal bei den zarteren und kleineren Nadeln der jüngeren Partien viel niedriger und weniger kräftig. Besondere Autogastralia fehlen ganz. Uebrigens soll noch hervorgehoben werden, daß alle diese abweichenden Charaktere der Knospen- und Basalkolben -Spikulation sich um so mehr verlieren und den typischen Verhältnissen der Körperwand Platz machen, je mehr man sich der letzteren in dem Stiele oder an der Basis der Knospen nähert, oder je älter die betreffende Partie der Knospe oder des Basalkolbens ist. Ueberblickt man zum Schlüsse alle diese Abweichungen im Charakter der Knospennadeln, so fällt nicht nur die Zartheit und Kleinheit der Makrosklere, sondern auch der Umstand auf, daß wir sowohl bei Die Hexactinelliden. g-r den intermediären Parenchymalia, als auch bei den Autodermalia vorwiegend solche Formen vertreten finden, welche nach unseren jetzigen Ansichten über die phyletische Ableitung der Nadelformen von- einander als die älteren, d. h. als diejenigen gelten müssen, von welchen die im übrigen Körper prä- valierenden abzuleiten sind. Denn es kann wohl keinem Zweifel unterliegen , daß die meisten der im Parenchyme der Körperwand so häufigen Oxyhexaster (nebst ihren Derivat-Formen) mit mehr oder weniger stark gebogenen Endstrahlen von entsprechenden Nadeln mit geraden Endstrahlen abstammen. Ebenso dürften die in der Dermalmembran des ausgebildeten Körpers vorwiegend zu findenden autodermalen Diactine durch Reduktion von Strahlen aus entsprechenden Stauractinen , Pentactinen und schließlich Hexactinen entstanden zu denken sein. Daß mit diesen Nadelverhältnissen die oben geschilderten Eigentümlichkeiten des Weichkörperbaues, besonders die Zartheit der Dermalmembran, die Gleichmäßigkeit des subdermalen und subgastralen Trabekel- werkes, sowie vor allem die ursprünglichen Verhältnisse der die Kammerwandung bildenden Reticularis in guter Uebereinstimmung stehen, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Es stellen sich demnach die Knospen mit Einschluß der Basalkolbenenden als solche Teile des ganzen Schwammes dar, welche, offenbar in starkem Wachstum begriffen, noch einen mehr jugendlichen Zustand aufweisen, in welchem phylogenetisch ältere Stadien rekapituliert erscheinen. Obwohl ich bisher bei der Fülle neu zu beschreibender normaler Hexactinelliden -Nadelformen auf Nadel- Monstrositäten und singulare Fälle grundsätzlich entweder gar nicht oder nur ganz nebenbei eingegangen bin, so möchte ich doch hier noch auf eine im Parenchym einer Knospe vereinzelt beobachtete Mißbildung aufmerksam machen, welche mir allgemeineres Interesse zu bieten scheint. Es betrifft einen Oxyhexaster, dessen rauhe Endstrahlen sich zum Teil noch einmal unter spitzem Winkel in je 3 kurze Endäste spalten (Taf. II, Fig. 13). Es erinnert diese abnorme Bildung an gewisse, bei Regadrella phoenix O. Schm. regelmäßig vorkommende und auch bei Aphrocallistes ramosus und bocagei gelegentlich beobachtete, von mir dort \) als ,,Onychaster" bezeichnete Nadeln, bei welchen die terminale Teilung der Endstrahlen allerdings nicht durch Gabelung, sondern unter rechtem Winkel erfolgt, wodurch wieder, sowie durch das Zurückbiegen dieser Endkrallen eine auffallende Aehnlichkeit mit den randzackigen Terminalscheiben von Discohexastern gegeben ist. Da bei dieser monströsen Nadel eine spitzwinklige Gabelung der Endstrahlen besteht, so läßt sich von diesen Endzinken aus durch die Endkrallenbildung der Onychaster zu den Rand- zacken der Terminalscheiben der Discohexaster eine Reihe konstruieren, in welcher die Randzacken der Disco- hexaster-Endscheiben jenen Endstrahlenästen gleichwertig erscheinen. 3. Histologischer Bau. Obwohl ich, wie schon oben p. 87 erwähnt ist, meine Untersuchungsresultate über die Histologie von Schaudinnia arctica bereits unlängst in den Sitzungsberichten der Königl. Preuß. Akademie, 1899, p. 198 mitgeteilt habe, so dürfte es doch zweckmäßig sein, hier das Wesentlichste derselben kurz zusammen- zustellen und durch einige Abbildungen besser, als es an jener Stelle geschehen konnte, zu erläutern. Von den drei verschiedenen Gewebsschichten, welche sich hier wie bei allen Spongien unterscheiden lassen, hebt sich eine, nämlich das die Kammern auskleidende einschichtige Cylinderzellenlager der Choano- I) Abhandlungen der Königl. Preuß. Akademie, 1895, p. 77. Fauna Arctica. ^3 g8 FRANZ EILHARD SCHULZE, cyten oder Kragengeißelzellen überall sehr deutlich ab, während das ebenfalls einschichtige Platten- epithel, welches sämtliche übrigen vom Wasser bespülten Flächen deckt, nur unsicher von der unter- liegenden Bindesubstanz zu unterscheiden ist. Bei den im ganzen weinglasförmigen, lo— 12/( hohen und ca. 5,6 (< breiten Choanoc5'ten breitet sich das Basalende ihres im Leben wahrscheinlich annähernd cylindrischen, in meinen Präparaten jedoch durch Schrumpfung des Mittelteiles erheblich verschmälerten Plasmakörpers zu einer Fußplatte aus, welche sich mit den Fußplatten der Nachbarzellen zu einer kontinuierlichen Membran, der Basalplatte, seitlich ver- bindet (Taf. III, Fig. 4). Vom Rande des quer abgestutzten, seitlich ringsum mit den Distalrändern der Nachbarzellen durch Kittleisten verbundenen Distalendes jedes Choanocytenkörpers entspringt das Collare in Gestalt einer unge- fähr 5 (( langen, zarten, hyalinen Röhre, welche bis zum freien Endrande sich allmählich etwas verengt, .also streng genommen die Form eines abgestutzten Kegelmantels hat (Taf. III, Fig. 1 — 5). Im körnchenreichen Basalteile des im übrigen ziemlich gleichmäßig lichtbrechenden Zellkörpers liegt dicht über dem Niveau der Fußplatte der nur etwa 2 /( breite, chromatinarme Kern, an dessen Distalfläche sich eine mit Hämatoxylin mäßig stark färbbare Kappe markiert, während in seinem Centrum ein scharf konturiertes, kleines Kernkörperchen zu sehen ist (Taf. III, Fig. 4). Von dem körnigen Plasmahofe in der Umgebung des Kernes ziehen zu den Kernregionen der Nachbarzellen gerade, strangförmige, dunkelkörnige Verbindungsbrücken hin, durch welche eine auffällige quadratische Netzzeichnung der ganzen Basalplatte entsteht, da die Choanocyten hier wie bei allen Hex- actinelliden in nahezu rechtwinklig sich kreuzenden Reihen gleichen Abstandes angeordnet sind. Daneben wird aber die Basalplatte auch noch von mehr unregelmäßig netzartig verbundenen, zarteren Zügen fein- körnigen Plasmas durchsetzt (Taf. III, Fig. 3 und 6). Die aus dem Collare ziemlich weit frei hervorragende Geißel entspringt vom Centrum der ebenen oder schwach vorgebuchteten distalen Endfläche des Zellkörpers. Von der Ursprungsstelle läßt sich unter besonders günstigen Umständen durch die Längsachse des Zell- körpers ein sehr zarter Faden bis zu der den Zellkern deckenden Kappe verfolgen (Taf. III, Fig. 4). Eine besondere hyaline Basalmembran konnte ich an der Außenseite des Choanocytenlagers resp. der nur hier und da von einer glattrandigen, rundlichen Kammerpore durchbrochenen Kammerwand nicht nachweisen, sondern nur ein verhältnismäßig grobmaschiges Netz von Bindegewebssträngen (Taf. III, Fig. I, 2, 5 und 6). Ob die mit h3'aliner, derbgallertiger Grundsubstanz versehene Bindesubstanz, welche hier wie bei allen Hexactinelliden nicht als kompakte Masse, sondern nur in Gestalt von dünnen Membranen und zarten Strängen auftritt, überall eine epitheliale Bekleidung besitzt, ließ sich leider nicht sicher feststellen, doch sind an vielen Orten, so besonders an der Dermal- und Gastralmembran, ferner an dem subdermalen und subgastralen Trabekelwerke, sowie an der Umrandung der Kammermündungen (Apopylen) die oberflächlich gelegenen Zellen durch mehr oder minder reichliche Einlagerung der in ihrer Bedeutung noch keineswegs sicher erkannten ,, Knollen" gekennzeichnet. Diese hyalinen und ziemlich stark lichtbrechenden, struktur- losen, fettähnlich aussehenden Körper, welche möglicherweise Stoffwechselprodukte des Schwammes sind, liegen stets in unmittelbarer Nähe des Kernes. Sie stellen entweder einfache h3'aline Kugeln verschiedener Größe (bis zu 20 /,i Durchmesser und darüber) oder Konglomerate von dicht aneinander gedrängten resp. zu einem knolligen Klumpen verwachsenen (ca. 5 ii großen) hyalinen Kügelchen dar (Taf. III, Fig. 7 und 8). Ob die Größendifferenz der mit l — 5 rundlichen Chromatinstücken erfüllten Kerne, welche bei den oberflächlichen, Knollen enthaltenden Epithelzellen nur ca. 2 /(, bei den in Bindegewebssträngen gelegenen dagegen 3—4 /.i beträgt, allein und überall zur Unterscheidung beider Zellenarten ausreicht, muß ich unentschieden lassen. Die Hexactinelliden. qn Bemerkenswert erscheint der Umstand, daß solche größeren Kerne in den Bindegewebsbalken, welche an der äußeren Kammerfläche hinziehen und die Kammern untereinander verbinden, in der Regel gruppenweise nebeneinander zu 5 -20 und mehr vorkommen (Taf. III, Fig. 2 und 6). Vielleicht handelt es sich dabei um die hier sonst auffällieerweise ganz vermilsten Genitalzellen. 4. Stellung im System. Daß Schaudinnia arctica in die Familie der Rosselliden gehört, welche ich im Jahre 1886 >) als „lyssacine Hexasterophora ohne entwickelten Distalstrahl der Dermalia" charakterisiert habe, bedarf nach der Bildung der Dermalia keiner näheren Auseinandersetzung. Im Jahre 1897 teilte ich bei Gelegenheit einer „Revision der Asconematiden und Rosselliden" 2) die letztere Familie in 3 Unterordnungen je nach dem Besitze- oder Fehlen von Plumicomen und Disc- octastern, nämlich in 1) Bossellinae, ohne Plumicome und Discoctaster, 2) Lanuginellinae, mit Plumicomen, ohne Discoctaster, und 3) Acanthascinae, mit Discoetastern, ohne Plumicome. Zu diesen 3 Unterfamilien fügte im Jahre 1898 ^j Ijima noch eine vierte hinzu, welche er nach einer von ihm neu aufgestellten Gattung Leucopsacus Leucopsacinae nannte und mit folgenden Worten charakteri- sierte: „Dermalia not distinguishable into autodermalia and hypodermalia, but consist of large pentactins, which are but little differentiated from parenchj'mal megascleric hexactins bej'ond the total absence of sixth, distally directed rays. Gastralia, hexactins or pentactins, or both. Parenchymal megascleres contain large or medium-sized hexactins (except Caulocalyz), together with diactins in greater or less quantitj'. As inter- media there are only discohexasters or their moditication, usually in one or two kinds (macrodiscohexasters and microdiscohexasters)." Zu dieser neuen Unterfamilie, welche Iji.ma wegen der Gleichartigkeit der Dermalnadeln niedriger stellt als die 3 anderen, kann Schaudinnia schon deshalb nicht gehören, weil sie außer echten Autodermalia auch große Hypodermalia besitzt und als Parench3'malia intermedia außer den Mikrodiscohexastern noch Oxyhexaster aufweist. Ebensowenig kann sie aber zu den Lanugellinae gestellt werden, da ihr die für diese charakteristischen Plumicome fehlen, auch nicht zu den Acanthascinae, weil ihr keine Discoctaster zukommen. Dagegen gehört sie zweifellos zu den RosselUnae, deren Charakter von Ijlma in seiner Uebersicht der Rosselliden 1. c. p. 45 folgendermaßen angegeben- wird : „Autodermalia variable. Pentactinic hypodermalia generally present, sometimes wanting. Gastralia : hexactins, sometimes pentactins. Parenchymal macroscleres chiefly diactins, may however enclose medium-sized or small hexactins. As intermedia, oxyhexasters absent or more generally present in one or two kinds." Von den 7 Gattungen dieser Unterfamilie, welche Ijima 1. c. p. 45 in einem Bestimmungsschlüssel nach ihrer Spikulation übersichtlich zusammenstellt, nämlich Aulosaccus, Aulochone, Bathydorus, Hyalascus, Vitrollula, Crateromorpha, Rossella und einer inzwischen von mir kreierten achten Gattung Aphorme*), kommen 1) Abh. d. Königl. Preuß. Akad. d. Wiss., 1886, p. 47. 2) Sitzungsberichte der Königl. Preuß. Akad. d. Wiss., 1S97, p. 520. 3) Annotationes zoolog. japon., Vol. II, Pars II, p. 41. 4) Amerikanische Hexactinelliden, 1S99, P- A°- 13* lOO FRANZ EILHARD SCHULZE, zunächst 2, nämlich Aulosaccus Ijima und (die von mir im Jahre 1897 mit Crateromorpha vereinigte Gattung) Aulochone F. E. ScH. deshalb nicht in Betracht, weil beiden die pentactinen Hypodermalia fehlen ; ebenso- wenig die Gattung Bathyäorus F. E. Sch. und die von mir neu aufgestellte Gattung Aphorme F. E. ScH., weil beide keine Mikrodiscohexaster haben. Auch die Gattung Uyalascus Ijima kann nicht in Betracht kommen, weil ihre Autodermalia Pentactine mit verkümmertem Distalstrahl, vereinzelt sogar Hexactine sind. Ebenso scheidet die Gattung Eossella aus, weil ihr zwei verschiedene Arten von parenchymalen Intermedia, nämlich außer den typischen kleinen Mikrodiscohexastern noch größere andersartige Discohexaster mit wenig Endstrahlen zukommen. Es bleibt demnach nur noch die Gattung Crateromorpha J. E. Gray, Carter nebst der ihr nahestehenden und hauptsächlich durch den Mangel eines abgesetzten Stieles von ihr unterschiedenen neuen Gattung Vitrollula Ijima. Aber diesen beiden letzteren Gattungen kommen als Autodermalia niemals Diactine, sondern nur Stauractine oder Pentactine zu ; und während bei Crateromorpha die Gastralia durch- weg nur pentactin sind, kommen bei Vitrollula neben den pentactinen auch hexactine Gastralia vor. Wenn demnach Schaudinnia arctica auch zweifellos der Gattung Vitrollula Ijima nahesteht, so unter- scheidet sie sich doch von derselben in mehreren wesentlichen Punkten, nämlich erstens durch die ganz eigentümlichen Basalkolben, zweitens durch den Besitz von solchen pentactinen Hypodermalia, deren Tangentialstrahlen mit langen, schwach gekrümmten Stacheln besetzt sind, drittens durch die autodermalen Diactine und viertens durch das ausschließliche Vorkommen von hexactinen Gastralia. Da nun mehrere dieser Differentialcharaktere zweifellos über den Wert von Artunterschieden hinausgehen, so glaubte ich zur Aufstellung einer besonderen Gattung für die neue Species verpflichtet zu sein. Triehasterina borealis nov. gen., nov. spee. Taf. I, Fig. 7, 8 und 9; Taf. IV, Fig. i — 10. Von der jetzt zu beschreibenden neuen Art, welche ebenso wie die vorige zugleich Vertreter einer besonderen Gattung werden muß, liegen mir 3 nahezu vollständig erhaltene Exemplare und mehrere Bruch- stücke verschiedener Größe vor, welche Objekte nach vorgängiger Fixierung mittelst Sublimatlösung, Osmiumsäure oder 96-proz. Alkohol schließlich in 93-proz. Alkohol konserviert waren, trotzdem aber sämtlich recht weich und sehr brüchig geblieben sind, etwa von der Konsistenz frischer Brotkrume. Auch sind sie, ebenso wie die an denselben Fundorten erbeuteten Stücke von Schaudinnia arctica, in allen Teilen von dem nämlichen, ungemein feinkörnigen, lockeren, und leichten Schlicke erfüllt und durchsetzt, welcher die Unter- suchung in so unangenehmer Weise hindert. Bemerkenswert ist die Thatsache, daß der Gesamthabitus, wie er sich aus Größe, Form, Oberflächen- beschaffenheit, Konsistenz und Farbe ergiebt, eine große Uebereinstimmung mit Schaudinnia arctica zeigt, und daß auch hier die nämlichen Basalkolben wie dort in fast gleicher Gestalt, Zahl, Größe und Stellung vorkommen. Da ferner der ebenfalls zugeschärfte Oscularrand den gleichen Marginalnadelsaum aufweist, so würde eine Unterscheidung beider Formen ohne die mikroskopische Analyse schwierig sein , wenn nicht die Beschaffenheit der Haut wenigstens insoweit differierte, daß man bei aufmerksamer Betrachtung und jedenfalls bei Benutzung der Lupe über die Zugehörigkeit auch nur eines Bruchstückes zu der einen oder der anderen Art nicht in Zweifel bleiben kann. Das am besten konservierte, von Station 42 — 19° o' E., 81" 20' N. — herrührende, auf Taf. I, Fig. 7 abgebildete Exemplar a, welches eine Gesamtlänge von ca. 15 cm und eine größte Breite von Die Hexactinelliden. jqj ungefähr 5 cm aufweist, besteht aus einem mäßig stark ausgebauchten Hauptkelche, von dessen einer Seite unterhalb der Mitte ein zweiter, ebenfalls ausgebaucht-röhrenförmiger, kleinerer Kelch von ca. q cm Läno-e und 3,5 cm. größter Breite mit breiter Kommunikation schräg abgeht. Und aus diesem letzteren tritt wieder in der Nähe seiner Basis ein blindsackfdrmiges, über haselnußgroßes, schräg emporragendes Divertikel mit etwas konisch zugespitztem Gipfel hervor. Von der unregelmäßig knollig verdickten gemeinsamen Basis gehen 3 noch ziemlich unversehrte Basalkolben von 2—3 cm. Länge schräg nach unten ab, andere sind abgerissen (Taf. I, Fig. 7). Beide Kelche verjüngen sich aufwärts bis zu dem gleichmäßig zugeschärften, kreisförmigen Oscular- rande, welcher bei dem größeren Kelche eine Weite von 2,5 cm, bei dem kleineren von 2 cm im Durch- messer hat. Die Wanddicke beträgt unten und in der Mitte ca. 5 mm und nimmt aufwärts, nach dem Osculum zu gleichmäßig ab. Während die ganze Körperoberfläche bis auf den Marginalnadelsaum gleich- mäßig eben , d. h. ohne vorragende Höcker und Nadeln ist , ragen an den unregelmäßig verdickten Enden der Basalkolben einfache Oxydiactine ähnlich wie am Marginalsaum, jedoch in ganz unregelmäßiger Verteilung und Richtung, mehrere Millimeter weit frei hervor. Die aus einem sehr feinen quadratischen Gitternetze bestehende Dermalmembran spannt sich gleich- mäßig eben über die ganze Außenfläche hin, so daß die zahllosen, durchaus unregelmäßig verteilten, rund- lichen Eingangsöffnungen der zuleitenden Kanäle des Choanosomes als dunkle, von einem zarten Schleier überdeckte Flecken durchscheinen. Während die Weite dieser sehr verschieden großen Zugangsöffnungen im unteren und mittleren Teile des Schwammkörpers bis zu 2 mm im Maximum steigt, nimmt sie nach dem Oscularrande zu allmählich ab, bis die Oeffnungen schließlich kaum noch wahrnehmbar sind (Taf. I, Fig. 7). Gleichen Charakter zeigt die gastrale Innenfläche mit dem einzigen Unterschied, daß hier das Netz der Gastralmembran ein wenig derber ist, und nach unten zu die Oeffnungsweite der Ausführungsgänge des Choanosomes bis zu 3 mm Durchmesser steigen kann. Den nämlichen Gesamtcharakter der äußeren Erscheinung, wie dieses (in der Fig. 7 der Taf. I abgebildete) Exemplar a, zeigen auch die beiden zwar in ihrem basalen Teile etwas zerrissenen, im übrigen aber gut erhaltenen Exemplare b und c von der Station 41 — 20" 30' E., 81° 20' N. — , nur stellen sie einfach sackförmige und (wahrscheinlich erst nach dem Fange) etwas abgeplattete Kelche von ca. 18 cm Länge und 8 cm größter Breite dar, deren an beiden Seiten ebene, 5 — 8 mm dicke Körperwand aufwärts bis zu dem annähernd kreisrunden, 4 — 5 cm weiten, einfach zugeschärften Oscularrande allmählich an Stärke ab- nimmt. Auch hier zeigt sich ein allerdings nur wenig ansehnlicher und nicht überall ganz gleichmäßig ent- wickelter Randsaum von nahezu parallelen, geraden, 3 — 5 mm weit frei hervorragenden, schlanken oxy- diactinen Marginalia. An einem der beiden Stücke (b) geht etwa in der Mitte der Höhe ein über daumen- dickes, fingerlanges, etwas zerrissenes Divertikel ab, welches wahrscheinlich zur Anheftung an einem anderen Schwämme gedient hat. Ueber die Basalkolben läßt sich wegen des schlechten Erhaltungszustandes gerade des unteren Endes der beiden Stücke nichts sicheres aussagen. Mehrere von derselben Station 41 stammende isolierte Bruchstücke von Röhren-, Blindsack- oder Plattenform gehören wahrscheinlich im Vereine mit einem wallnußgroßen und in mehrere Basal- kolben auslaufenden, knolligen Fußstücke zu einem vierten Exemplare, welches zwar im allgemeinen nach Form und Größe den beiden mit b und c bezeichneten geglichen haben wird, welches aber außer seinem ca. 3 cm weiten Hauptosculum noch ein kleineres, nur 1,5 cm weites Osculum am Ende eines daumendicken und daumenlangen Nebenkelches sowie 2 niedrige blinde Aussackungen der Seitenwand von ungefähr 2 cm Basaldurchmesser gehabt haben dürfte, da diese Bildungen sich in einzelnen Bruch- stücken vorfinden. J02 FRANZ EILHARD SCHULZE, Was nun den gröberen Bau der Körperwand und die Figuration der Kanäle von Trichasierma horealis betrifft so stimmen dieselben in allen wesentlichen Momenten so vollständig mit dem eben bei Schaudinnia arcilca Beschriebenen überein, daß ich einfach auf jene Beschreibung und auf die Figuren i und 2 der Taf. IV verweisen kann. Auch in Bezug auf die histologische Struktur konnte ich keine wesentlichen Abweichungen erkennen und will nur noch hervorheben, daß die merkwürdigen Knollen hier in der nämlichen Bildung und Ver- breitung vorkommen wie bei Schaudinnia arctica. Dagegen tritt der Unterschied zwischen beiden Formen um so deutlicher hervor bei der jetzt zu besprechenden Spikulation. Als makrosklere Parenchymalia sind nur schlanke, gerade oder schwach gebogene, glatte Oxydiactine mit kurzstacheligen, zuweilen etwas angeschwollenen Enden vorhanden. Gewöhnlich ist eine centrale Ver- dickung mit Achsenkanalkreuz mehr oder weniger deutlich abgesetzt. Die Länge wechselt von 2—5 mm und darüber, die Dicke von l — 10 // und mehr. Die meisten dieser Diactine sind zu dünnen, den Grenz- flächen parallel ziehenden Strängen vereint, kommen aber auch isoliert vor und sind dann in verschiedener Richtung, oft sogar senkrecht zur Körperwand gestellt. Die längsten und kräftigsten Nadeln finden sich in den Strängen, welche, in Form eines unregelmäßigen, weitmaschigen Netzes zwischen den Ausmündungs- öff"nungen der ableitenden Kanäle oder auch über diese hinwegziehend, an der Gastralfläche des Choanosomes sich ausbreiten. Nur an zwei Stellen sah ich derartige Nadeln über die Körperoberfläche frei vorstehen, nämlich einmal (als Marginalia) zur Bildung des Marginalsaumes und zweitens an den kolbig angeschwollenen Enden mancher Basalkolben. Makrosklere Hexactine fehlen ganz. Als megasklere Prinzipalnadeln imponieren auch hier wie bei Schaudinnia die großen pentactinen Hypodermalia, deren rechtwinklig gekreuzte 4 Tangentialstrahlen (von 600—800 /< Länge) bis an das etwas rauhe, zugespitzte Ende allmählich abschwellen und gerade oder ganz schwach unregelmäßig gebogen sind, während der radiale fünfte Strahl überall fast geradegestreckt erscheint und seine größte Stärke gewöhnlich nicht wie die Tangentialstrahlen unmittelbar am Kreuzpunkte, sondern etwa auf der Grenze des ersten und zweiten Dritteiles aufweist, um von da an bis an das etwas rauhe, zugespitzte Ende ganz allmählich an Stärke abzunehmen. Im allgemeinen richtet sich die Länge des Radialstrahles nach der Dicke desjenigen Teiles der Körperwand, welchen er (in der Regel bis in die Nähe des Subgastralraumes) wie ein Nagel quer durchsetzt. Als wichtiger Unterschied von Schaudinnia verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß hier die Tangentialstrahlen sämtlicher Hypodermalia (von den rauhen Enden abgesehen) ganz glatt sind und niemals Seitenstacheln zeigen. Von intermediären Parenchymalia kommen im Choanosome zwischen den Kammern in mäßiger Zahl schlanke Oxyhexaster, Hemioxyhexaster und von diesen abzuleitende Derivat -Oxyhexactine vor, welche sämtlich ca. 180 fi messen und sich durch zarte, unregelmäßig verteilte und recht verschieden lange Seitenstacheln oder Dornen auszeichnen. Die letzteren sind mehr oder weniger schräg abstehend und etwas nach innen gebogen (Taf. IV, Fig. 8 und 9); ihre Länge nimmt nach dem spitzen Ende der End- strahlen zu ab. Die Anzahl der nur mäßig stark divergierenden, gewöhnlich in der Nähe des Ursprunges etwas aus- gebogenen Endstrahlen variiert bei den verschiedenen Oxyhexastern und oft genug auch an den einzelnen Hauptstrahlen ein und derselben Nadel von 4—1, beträgt aber gewtjhnlich nur 2 an jedem der ziemlich kurzen Hauptstrahlen. Die Hexactinelliden, iq^ Daß die häufio^ vorkommenden Derivat-Ox3hexactine o;leicher Größe wirklich von Oxyhexastern abzuleiten sind, wird durch den (an Länge und Dicke den kurzen Hauptstrahlen der letzteren entsprechenden) deutlich abgesetzten, .glatten Basalteil der einzelnen Strahlen und eine gewöhnlich deutlich erkennbare seitliche Ausbiegung des Anfangsteiles der übrigen dem Endstrahle eines Oxyhexasters entprechenden Strahlpartie auch hier deutlich genug angedeutet. Gerade an diesen Derivat -Oxyhexactinen treten oft an dem distalen (einem Hexaster-Endstrahle entsprechenden) Strahlteile ganz besonders lange und stark gekrümmte Seitendornen auf (Taf. IV, Fig. 9). Eine eigentümliche Hexasterform, welche einigermalsen an die Graphiocome der Euplectelliden erinnert und als „Trichaster" bezeichnet werden mag, tindet sich reichlich in den subdermalen und sub- gastralen Trabekeln, oft auch in der Dermal- und Gastralmembran (Taf. IV, Fig. i, 2 und 5). Jeder ihrer 6 rechtwinklig gekreuzten, glatten, ca. 8 ,« langen und 3 u dicken Hauptstrahlen verbreitert sich plötzlich an seinem Distalende zu einem 4 — 5 /( breiten, an der Distalseite konvexen oder konisch erhabenen Knopfe, welcher auch zu einem mehr oder minder langgestreckten Kegel ausgezogen sein kann und ringsum mit vielen ca. 80 ii langen, äußerst feinen, haarähnlichen Endstrahlen besetzt ist (Taf. IV, Fig. 6 und 7). Von diesen, zusammen eine Ijreite, lockere Quaste darstellenden Trichaster-Endstrahlen sind die äußeren, vom Seitenrande des Knopfes oder des Konus entspringenden in der Nähe ihres Ursprunges etwas ausgebogen, die übrigen um so gerader, je näher sie dem Centrum stehen. Von diesem letzteren ragt stets ein schmaler, nackter, zugespitzter Endzapfen von ca. 4 u Länge in radiärer Richtung frei vor, welcher selbst nicht mit haarförmigen Endstrahlen besetzt ist. Es bleibt demnach auch in dem quastenförmigen Haarbüschel eine axiale Partie von Endstrahlen frei. Die Autodermalia, welche durch Aneinanderlegen der Tangentialstrahlen in der Dermalmembran ein quadratisches Maschenwerk bilden, sind zwar sämtlich Hexactine mit geraden, ca. 4 fi dicken Strahlen, jedoch ist der distale Radialstrahl stets so stark verkürzt, daß er in der Regel nur noch 40 — 20 // mißt, während die 4 Tangentialstrahlen 100 // und darüber lang sind. Die Länge des proximalen Radialstrahles wechselt nach den einzelnen Hautpartien. Ueberall da nämlich, wo von der Innenfläche der Dermalmembran solche Trabekel abgehen, in welchen Radialstrahlen liegen können, sind diese letzteren kaum kürzer als die zugehörigen Tangentialstrahlen (80 — loo /()) so daß die Gesamtform der Nadel an das Pentactin erinnert (Taf. IV, Fig. 3), dagegen sind sie in denjenigen Teilen der Dermalmembran, welche über Subdermal- lakunen frei ausgespannt sind, mehr oder minder stark verkürzt, so daß sie oft den gegenüberstehenden äußeren Radialstrahl nicht mehr an Länge übertreften und die ganze Nadel den Charakter eines Stauractines gewinnt (Taf. IV, Fig. 4). Die Zahl und Größe der spitzen, kurzen Stacheln, mit welchen sämtliche Strahlen der Autodermalia besetzt sind, nimmt von dem fast glatten Proximalende (am Achsenkreuze) bis zu dem ziemlich gleichmäßig abgerundeten Distalende allmählich zu. Einen etwas anderen Charakter als die Autodermalia haben die ebenfalls ein quadratisches Maschen- werk formierenden oxj'hexactinen Autogastralia, insofern die Distalenden ihrer 4// dicken, geraden, stacheligen Strahlen nicht abgerundet, sondern zugespitzt enden, und der frei in den Gastralraum vorragende Radialstrahl nicht kürzer, sondern in der Regel etwas länger ist als die ca. lOO /( langen Tangentialstrahlen und der ihm gerade gegenüberstehende, etwa auch 100 (/ lange Radialstrahl. Die etwas distad gerichteten, kleinen, spitzen Stacheln, mit welchen alle Strahlen vom basalen bis zum spitzen terminalen Ende in zu- nehmender Dichte besetzt sind, erscheinen gewöhnlich an dem frei vorstehenden, längeren Radialstrahle kräftiger entwickelt als an den übrigen 5 Strahlen (Taf. IV, Fig. lO). Hypogastralia fehlen ebenso wie bei Schaudinnia völlig. 104 FRANZ EILHARD SCHULZE, In den Basalkolben findet sich hier ebensowenig wie bei Schaudinnia eine von einer regulären Gastral- membran mit Autogastralia umgebene, einfache Gastralhöhle, sondern nur ein dem ableitenden Gangsysteme zugehöriges Lakunenwerk, welches von einem an makroskleren Oxydiactinen, sowie an Oxyhexastern und Trichastern reichen Balkengerüst durchsetzt ist und an seiner ganzen Peripherie unmittelbar unterhalb des ca. 0,5 mm breiten Subdermalraumes von einem im ganzen flachen, aber mit vielen Ein- und Ausbuchtungen versehenen Kammerlager umschlossen ist. Erst weiter aufwärts im Stiele des Kolbens führt die tiefer gehende Faltelung des letzteren zur Bildung von alternierenden, ableitenden und zuleitenden Gängen. In der Nadel- bildung zeigen die Basalkolben keine wesentlichen Abweichungen von der Körperwand; nur daß die makro- skleren diactinen Parenchymalia an einzelnen Stellen reichlich, hier und da sogar büschelweise in radiärer oder etwas schräger Richtung frei über die Oberfläche hervortreten. Für die systematische Stellung von Trichasterina horealis ist zunächst die Frage von Bedeutung, ob man sie trotz des vorhandenen äußeren Radialstrahles der hexactinen Autodermalia in die Familie der Rosselliden wird aufnehmen dürfen, für welche doch nach meiner eigenen, im Jahre 1886 gegebenen Definition gerade das Fehlen (oder doch die mangelhafte Entwickelung) des äußeren Radialstrahles der Autodermalia charakteristisch sein soll. Indessen habe ich schon bei der speciellen Beschreibung dieser Autodermalia darauf hingewiesen, daß ihr äußerer Radialstrahl nicht nur im Verhältnis zu den relativ langen Tangential- strahlen, sondern auch speciell im Gegensatze zu dem ihm gegenüberstehenden inneren Radialstrahle eine ganz auffällige Verkürzung zeigt, also wohl als stark reduziert bezeichnet werden kann ; während im Gegen- satze dazu der innere Radialstrahl in der Regel ganz gut entwickelt ist. Wenn nun hieraus kein ernstlicher Einwand gegen die Zuteilung von Trichasterina zu den Rosselliden entnommen werden kann, so sprechen andere Umstände zweifellos dafür, wie z. B. die große Aehnlichkeit mit vielen Rosselliden in der Körper- form, im ganzen Weichkörperbau und in der Mehrzahl der Nadeln. Innerhalb dieser Familie wird man sie aber nach den oben p. 99 gemachten Auseinandersetzungen (ebenso wie Schaudinnia) weder zu den Leuc- opsinae Ijima's stellen dürfen (da sie ja nebeneinander makrosklere Hypodermalia und ganz differente mikrosklere Autodermalia hat), noch zu den Lanuginellinae (weil ihr die Plumicome fehlen), noch zu den Acanthascinae (weil Octaster ganz vermißt werden), sondern nur zu den Eossellinae, deren Oxyhexaster im Parenchyme reichlich vorkommen. Die Selbständigkeit als besondere Gattung wird innerhalb dieser Unterfamilie hauptsächlich gefordert durch den Besitz jener eigentümlichen Trichaster, nach welchen ich auch den Gattungsnamen gebildet habe, und der ausschließlich hexactinen Autodermalia. Seyphidium septentrionale nov. gen., nov. spee. Das Material, welches der folgenden Beschreibung einer dritten, ebenfalls neuen und auch zur Auf- stellung eines besonderen Gattungsbegriffes nötigenden Hexactinelliden-Species zu Grunde liegt, besteht aus 3 Stücken. Das erste, in Fig. 10 der Taf. I dargestellte, ziemlich gut erhaltene Exemplar (a) ist sackförmig, zeigt einen einfachen, dünnen Oscularrand ohne Nadelsaum und eine kleine, seitlich ansitzende, 6 mm lange Knospe von Birnform. Es ist 40 mm lang und in der Mitte 15 mm breit. Leider fehlt das Unterende. Von einem zweiten, wahrscheinlich ähnlich gestalteten und annähernd gleich großen Exemplare (b) ist da- gegen gerade nur das 25 mm lange Unterende vorhanden, welches als solches Kelchform hat und sich ab- wärts, stark verschmälert, in zwei solide, stielartige Fortsätze von ca. 3 mm Dicke auszieht. Von diesen Die Hexactinelliflen. jqc letzteren ist das eine quer durclig^erissen, das andere an ein festes Bryozoenstück angewachsen. Drittens ist noch ein 15 mm lano^es unteres Kelchende (c) vorhanden, welches ebenfalls in einen quer durchgerissenen soliden Stiel ausgezogen war. Meine Darstellung der Organisation dieser Species wird sich zunächst auf das besterhaltene Exemplar a beziehen. Die in der Mitte ca. 3 mm dicke, nicht sehr brüchige Körperwand nimmt nach dem einfach ab- gerundeten, glatten, kreisförmigen, schwach zugeschärften, ca. 8 mm weiten Oscularrande nur wenig an Dicke ab, nach unten dagegen etwas zu. An der bei oberflächlicher Betrachtung zunächst glatt erscheinenden äußeren Körperoberfläche läßt sich be genauerem Zusehen und noch besser mit der Lupe ein unregel- mäßiges, engmaschiges Leistengitter mit schwach dellenförmig eingesunkenen, 3— 5-seitigen Maschen erkennen (Taf. I, Fig. 10). Die innere Gastralfläche erscheint dagegen ziemlich gleichmäßig eben. Am Oscularrande fehlt ein Nadelsaum. Von der Außenfläche der mittleren Partie des Schwammkörpers sieht man die schon erwähnte birn- förmige Knospe von 6 mm Länge schräg emporragen. Ihr nur etwa i mm dicker Stil geht aus einer zipfel- förmigen Erhebung der Körperwand hervor und setzt sich unter allmählicher Verbreiterung in das ca. 3 mm breite Distalende fort, auf dessen Gipfel eine schwache Depression und centrale (Oscular-)Oeffnung zu sehen ist. Eine zweite ähnliche Knospe saß, wie ein noch erhaltenen Basalstumpf andeutet, etwas näher dem Osculum in etwa 15 mm Entfernung von der ersten. An Durchschnitten der Körperwand erkennt man leicht die prinzipielle Uebereinstimmung des Baues mit dem oben bei Schaudintna arctica ausführlich geschilderten. Auch hier erscheint die Dermalmembran ebenso wie die Gastralmembran von der dazwischen liegenden Choanosom-Platte durch ein Lakunensystem getrennt, welches von dem Strebepfeiler bildenden Trabekelgerüste mehr oder minder reichlich durchsetzt ist. Zwischen die entweder einfach röhrenförmigen oder mit seitlichen resp. terminalen handschuhfinger- förmigen, kurzen Ausbuchtungen versehenen Ableitungskanäle, welche, das Choanosom quer durchsetzend, mit rundlicher Endöffnung in den Subgastralraum münden, dringen die mit ebenfalls rundlicher Eingangs- öffnung am Subdermalraume beginnenden Zuleitungsgänge von außen her ein. Da nun die durchgängig ziemlich niedrigen Kammern, mit welchen die ableitenden Kanäle überall ringsum dicht besetzt sind, durch ein zartes Balkengerüst untereinander seitlich zusammengehalten werden, und außerdem auch die Kammer- bekleidungen der benachbarten Ableitungsröhren durch lineare Verwachsungen der Länge nach verbunden sind, so haben sich auch hier aus den Zuleitungsräumen, welche zunächst in Gestalt eines überall seitlich anastomosierenden, intermediären Spaltensystemes zu denken waren, distinkte Kanäle gebildet, welche zwar noch hier und da in seitlicher Verbindung stehen und nicht einen derartigen kreisrunden Querschnitt zeigen wie die Ableitungsröhren, aber doch jenen im ganzen ähnlich erscheinen und mit ihnen in entgegengesetzter Richtung alternieren (Taf. IV, Fig. 11). Da der Erhaltungszustand des Weichkörpers hier weniger gut ist als bei Schaudinnia arctica, so will ich auf die histologischen Verhältnisse nicht näher eingehen und nur hervorheben, daß dieselben im all- gemeinen mit den bei Schaudinnia erkannten übereinstimmen, und daß auch hier die merkwürdigen Knollen in ganz gleicher Form und Verbreitung vorkommen wie dort und wie bei Trichasterina horealis. Auffällig bleibt die geringe Tiefe der Kammern, welche an manchen Orten halbkugelig oder noch flacher erscheinen. Vielleicht handelt es sich überhaupt um junge Schwämme, worauf ja auch ihre geringe Größe, die ver- hältnismäßig dünne Körperwand und die relativ einfache, d. h. wenig verästelte Röhrenform der ableitenden Kanäle hindeutet. Fauna Arctica. I4 I06 FRANZ EILHARD SCHULZE, Die reichlich vorhandenen makroskleren Parenchymaiia bestehen wie bei Trichasterina horealis aus- schließlich aus geraden oder schwach einseitig gebogenen, glatten Oxj-diactinen mit einer centralen, gewöhnlich noch das Achsenkanalkreuz aufweisenden Anschwellung oder 4 kreuzweise gestellten Höckern. Oft zeigen die allmählich zugespitzten Enden eine rauhe oder feinhöckerige Oberfläche. Die Länge beträgt einige Millimeter, die Dicke 10 — 20 //. Die meisten dieser Nadeln sind parallel zu den Grenzflächen der Körperwand, einige aber auch schräg oder selbst senkrecht zu derselben orientiert. Besonders reichlich und gewöhnlich zu Zügen aggregiert finden sie sich an den beiden Grenzflächen des Choanosomes. Makrosklere Hexactine kommen im Parenchyme nicht vor. Dagegen dienen auch hier als kräftige Stützen der Körperwand die im allgemeinen glatten, makroskleren oxypentaktinen Hypodermalia, deren stets rechtwinklig gekreuzte (niemals paratrope), bis zu 2 mm lange, schwach wellig gebogene Tangential- strahlen an den zugespitzten oder schwach kolbig verdickten Enden etwas rauh sein können. Dasselbe ist der Fall bei dem bedeutend längeren, im allgemeinen mehr gerade gerichteten, stärkeren Radialstrahle, welcher in vielen Fällen wie ein Nagel die ganze Körperwand quer durchsetzt. Hypogastralia fehlen vollständig. Von kleineren intermediären Parenchymaiia sind in großer Menge zwischen den Kammern vorhanden Oxyhexaster von ca. 100 /( Durchmesser, deren kurze, kräftige, glatte Hauptstrahlen sich fast immer in je zwei lange, rauhe oder feinstachelige, ziemlich stark divergierende Endstrahlen gabeln (Taf. IV, Fig. 12). Bei der häufig zu beobachtenden Reduktion zu Hemioxyhexastern oder gar zu einfachen Derivat- Oxyhexactinen bleibt die Differenz von Haupt- und Endstrahl sowohl durch die Glätte des ersteren und die rauhe Oberfläche der letzteren als auch durch die geringe Biegung oder Verkrümmung an der Basis des letzteren überall angedeutet und weist auf die phylogenetische Abkunft dieser scheinbar einfachen Strahlen von dem geteilten Hexaster-Strahle hin (Taf. IV, Fig. 13). Außerdem kommen im Parenchyme noch zwei verschiedene Formen von Discohexastern vor, nämlich erstens die wesentlich auf das subdermale und subgastrale Trabekelwerk berschränkten, daselbst aber ziemlich häufigen, ca. 40 u großen Mikrodiscohexaster, welche sich von den entsprechenden Nadeln der Schaudinnia eigentlich nur durch eine erheblich geringere Zahl von Endstrahlen unterscheiden (Taf IV, Fig. 15), und zweitens größere Disco hexaster von ungefähr 80» Durchmesser, deren kurze, kräftige Hauptstrahlen sich in je 3 — 5 (gewöhnlich 4) mäßig divergierende glatte Endstrahlen von ca. 30 ii Länge teilen. Diese am Grunde etwas ausgebuchteten, im übrigen aber geraden Endstrahlen sind zunächst ganz dünn, schwellen aber distad allmählich an, und tragen an dem erheblich verdickten Distalende ein konvexes Querscheibchen mit 5 schwach zurückgebogenen Randzacken (Fig. 14, Taf. IV). Diese letzteren Nadeln finden sich unregelmäßig zerstreut zwischen den Oxyhexastern des Choanosomes, seltener in den Trabekeln des Subdermal- oderSubgastral-Raumes. In der Dermalmembran liegen nebeneinander unter Bildung eines quadratischen Maschengitters zahlreiche stachelige oxystauractine Autoder malia, deren 60 — 70 /( lange Strahlen in der Nähe des Centrums ca. 6 /.i dick sind und von da bis zu dem spitzen Ende allmählich an Stärke abnehmen. Die ziemlich kräftigen, spitzen Stacheln, mit welchen sie gleichmäßig in ganzer Länge ringsum besetzt sind, stehen quer ab. Sie sind am längsten am proximalen Teile und nehmen nach dem spitzen Distalende zu allmählich an Länge ab (Taf. IV, Fig. 16). Ebenso stachelig wie die stauractinen Autodermalia sind die gleichfalls zur Bildung eines Gitters mit quadratischen Maschen sich aneinander legenden oxyhexactinen Autogastralia, deren nahezu gleiche Strahlen ungefähr die Länge von 80 /( erreichen, an ihrer Basis 6 // dick sind und nach dem spitzen Distalende zu ganz allmählich abschwellen (Taf. IV, Fig. 17). Eine nähere Untersuchung des inneren Baues der eben erwähnten birnförmigen Knospen ergab, daß es hier schon zur Bildung einer centralen Gastralhöhle mit ausgeprägter, an stacheligen autogastralen Die Hexactinelliden. jq>» Oxyhexactinen reicher Gas tralmemb ran und mit verhältnismäßicr weiter runder Oscularöffnung crekommen ist; während die Höhlungen der von der gefalteten Kammerlage ableitenden Wege noch kein deutlich abgesetztes Kanallumen aufweisen, sondern von einem unre^jelmäßigen Balkengerüste durchsetzt sind. Hinsichtlich der Nadeln bestehen im allgemeinen keine Unterschiede zwischen Knospe und Körperwand; nur fiel mir auf, daß die größere Form der Discohexaster in der Knospe selten vorkommt. Was nun die systematische Stellung von Scyphidium septentrionale betritft, so ist auch hier ebenso wie bei den beiden anderen beschriebenen Formen nach den oben p. 99 gegebenen Auseinander- setzungen die Zugehörigkeit nicht nur zur Familie der BosselUdae, sondern auch speciell zur Unterfamilie Rossellinrie zweifellos; dagegen könnten Bedenken entstehen, ob es als Typus einer besonderen Gattung hinzustellen oder in die jedenfalls sehr nahe stehende alte Gattung Rossella Carter aufzunehmen ist. Wie Rossella, als deren Typus zweifellos die älteste bekannte Species, B. antarctica Carter zu gelten hat, besitzt auch Scyphidium von intermediären Parenchymalia außer den zahlreich im Choanosome vor- handenen Oxyhexastern (nebst deren Derivaten, den Hemioxyhexastern und Hexactinen) noch zwei ver- schiedene Discohexaster- Formen, nämlich die im subdermalen und subgastralen Trabekelgerüste häufigen Mikrodiscohexaster und größere, in Choanosom-Parenchyme gelegene Discohexaster. Als Autodermalia kommen bei beiden Stauractine (bei Bossella außerdem noch Pentactinej und als Autogastralia etwas größere Oxyhexactine vor. Dagegen sind als wesentliche, zur generischen Trennung zwingende Unterschiede folgende Umstände hervorzuheben. Makrosklere pentactine Hypodermalia treten bei Rossella bündelweise als rauhe und dorntragende parat rope Prostalia über die Oberfläche zur Bildung eines „Schleiers" hervor, während sie bei Scyphidium mit ihren rechtwinklig gekreuzten glatten Tangentialstrahlen stets in der Haut bleiben. Die bei Rossella vorhandenen makroskleren parenchymalen Hexactine und autodermalen Pentactine fehlen bei Scyphidium. Rossella ist ungestielt, Scyphidium gestielt. Zum Schlüsse will ich noch einmal die wichtigsten Charaktere der 3 hier beschriebenen Rossellinen in kurzer Fassung zusammenstellen. Schaudinnia ai'ctica F. E. Sch. Der zur Koloniebildung mittelst seitlicher Knospung neigende, bis handgroße, sackförmige Körper besitzt einen zugeschärften, mit einfachen oxydiactinen Marginalia besetzten Oscularrand und geht unten in mehrere zur Befestigung im Meeresboden dienende Basalkolben aus. Das engmaschige Gitter der Dermal- membran zeigt schwach prominierende Netzknoten. Das enge quadratische Gitternetz der Gastralmembran erscheint mehr gleichmäßig eben. Als makrosklere Parenchymalia treten neben zahlreichen Oxydiactinen auch Oxyhexactine auf. Als Intermedia erscheinen im Choanosom zahlreiche Oxyhexaster (nebst den davon abzuleitenden Hemioxyhexastern und Derivat -Oxyhexactinen) mit gebogenen, seltener mit geraden Endstrahlen, dagegen im subdermalen und subgastralen Trabekelgerüste Mikrodiscohexaster. Makrosklere oxy pentactine Hypodermalia breiten sich mit ihren stets rechtwinklig gekreuzten, bei einigen glatten, bei anderen feinstacheligen und außerdem noch mit längeren Dornen besetzten Tangential- strahlen in der Dermalmembran aus. Hypogastralia fehlen. Als Autodermalia sind in Menge feinstachelige Oxydiactine, als Autogastralia dagegen sehr regelmäßig gelagerte feinstachelige Oxyhexactine vorhanden. Trichasterina borealis F. E. Sch. Der ebenfalls zur Koloniebildung durch seitliche Knospung neigende, bis handgroße, sackförmige Körper besitzt am zugeschärften Oscularrande einen Kranz von einfach glatten oxydiactinen Marginalia und 14* I08 FRANZ EILHARD SCHULZE, Die Hexactinelliden. läuft am unteren Ende ähnlich wie Schaudinnia in mehrere Basalkolben aus. Das flache, engmaschige Gitter der Dermalmembran entbehrt prominenter Netzknoten ebenso wie die gleichmäßig ebene Gastralmembran. Als parenchymale Makrosklere sind keine Hexactine, sondern nur zahlreiche Oxydi actin e vorhanden. Als Intermedia kommen im Choanosom zahlreiche stachelige Oxyhexaster (nebst den von diesen abzuleitenden Hemioxyhexastern und Derivat-Oxyhexactinen) , im subdermalen und subgastralen Trabekelgerüste dagegen ausschließlich Trichaster vor. Zur Stütze der Dermalmembran dienen makrosklere oxypentactine Hypodermalia mit recht- winklig gekreuzten, glatten Tangentialstrahlen. Hypogastralia fehlen. Als Autoder malia kommen rauhe Hexactine mit verkümmertem Distalstrahle, als Autogastralia rauhe Oxy hexactine vor. Scyphidiwm- septentrionale F. E. Sch. Der etwa kleinfingerlange, sackförmige, birnförmige Seitenknospen tragende Körper ist mit einem einfachen dünnwandigen Oscularrande ohne Marginalnadelsaum versehen und zieht sich unten in einen oder einige solide stielartige Fortsätze aus, welche wahrscheinlich zur Anheftung an feste Körper dienen. An der Dermalfläche läßt sich bei genauer Betrachtung ein unregelmäßiges Leistennetz mit schwach einge- sunkenen Maschenräumen erkennen, während die Gastralinnenfläche gleichmäßig eben ist. Als makrosklere Parenchymalia kommen zahlreiche Oxydiactine, jedoch keine Hexactine vor. Von Intermedia finden sich im Choanosome viele Oxyhexaster nebst ihren Derivaten (Hemioxyhexastern und Derivat-Oxyhexactinen) und weniger häufig Disco hexaster von 80 1.1 Durchmesser mit je 3—5 End- strahlen an jedem Hauptstrahle. Dagegen treten im subdermalen und subgastralen Trabekelgerüste reichlich Mikrodiscohexaster von 40 u Durchmesser auf. Die Hypodermalia sind glatte, mit rechtwinklig gekreuzten Tangentialstrahlen versehene makrosklere Oxypentactine, welche sich niemals über die Haut hinausschieben. Hypogastralia fehlen. Die Au toder malia bestehen aus stacheligen Oxystauractinen, die Autogastralia aus stacheligen Oxyhexactinen. Außer den hier beschriebenen können von l^ereits bekannten Hexactinelliden nur noch zwei Arten für die arktische Fauna in Betracht kommen, von welchen im Jahre 1890 durch die amerikanische Albatroß-Expedition einige Exemplare bei den Aleuten erbeutet und in meinem jüngst erschienenen Werke : „Amerikanische Hexactinelliden", 1899, p. 80 und 88 näher besprochen sind, wobei vorausgesetzt wird, daß man auch den südlichen Teil des Bering-Meeres bis an den Kranz der Aleuten zum arktischen Meeresgebiete rechnen will. Die eine der beiden Arten ist Chonelasma calyx F. E. Sch., welche (sonst im nordpacifischen Ocean zu Hause) an der Albatroßstation 3326 (53'' 40' 25" N., 167* 41' 40" W.) vor der Nordseite der Insel Unalaska in 1053 m Tiefe auf Schlammgrund gesammelt wurde; die andere Art ist Ajjhrocallistes vastus F. E. ScH., welche (ebenfalls sonst nur aus dem nordpacifischen Ocean bekannt) an folgenden Albatroß- stationen gefunden ist: i) Station 3316 (54" 01' 00" N., löö" 48' 45'' W.), in 565 m Tiefe auf Sandgrund; 2) 1, 3330 (54° 00' 45" N., 166" 53' 50" W.), in 642 m Tiefe auf Sand- und Schlickgrund ; 3) „ 3331 (54" Ol' 40" N., 166" 48' 50" W.), in 640 m Tiefe auf Schlammgrund. Auch diese Stationen befinden sich vor der Nordseite der Insel Unalaska, westlich von Unimak. Im antarktischen Gebiete (jenseits des südlichen Polarkreises) sind noch keine Hexactinelliden gefunden. Proneomenia thlensis nov. spec. Von J. Thiele in Berlin. Mit Tafel V. lliine von Schaudinn und Römer in der Hinlopen-Straße (Station i8, — 16» 55' E., 80° 8' N.) erbeutete Proneomenia, welche mir zur Untersuchung übergeben worden ist, war ich zunächst geneigt, trotz ihrer geringen Größe für ein jugendliches Exemplar der unweit davon in der Barents-See gefundenen und von Hubrecht benannten und beschriebenen Proneomenia sluiteri zu halten, habe mich bei der Untersuchung dann aber überzeugt, daß hier eine andere Art vorliegt, welche auch mit keiner sonst beschriebenen zusammenfällt, so daß ich für dieselbe einen neuen Namen schaffen mußte. Ich habe diesen im Hinblick auf die Bezeichnung jenes unwirtlichen Nordens als „ultima Thule" gewählt und danach die Art Proneomenia thulensis benannt. Im folgenden will ich diese Art nach dem einzigen vorliegenden Exemplar, dessen Organisation ich durch Anfertigung und Untersuchung einer Serie von Querschnitten studiert habe, beschreiben, um alsdann durch Vergleich mit den verwandten Arten die Artcharaktere festzustellen. Das gefundene Individuum, welches ich in Fig. i der Taf. V in natürlicher Größe dargestellt habe, hat in einer Tiefe von 480 m gelebt ; es war auf einem Alcyonarienstocke aufgewunden, der davon einen rinnenförmigen Eindruck aufwies, so daß die Proneomenia so gut wie festsitzend gewesen ist. Das Tier zeigte in konserviertem Zustande, ebenso lebend eine bräunliche Farbe, es war vorn abge- rundet, hinten ein wenig verjüngt, etwas in dorso-ventraler Richtung zusammengedrückt und 2,5 cm lang bei einem Durchmesser von etwa 2 mm in der Höhe und 2,5 mm in der Breite, in der vorderen Körperhälfte gemessen. Mund- und Afteröffnung liegen subterminal an der Ventralseite, zwischen ihnen ist eine ven- trale Längsrinne sichtbar. Die äußere Bekleidung des Tieres wird von einer starken Cuticula gebildet, welche dorsal etwa 220 /( stark ist und welche von zahlreichen Kalkspicula durchsetzt wird. Diese haben meistens eine schräge, aber sich der tangentialen nähernde Lage, einzelne stecken dazwischen in radiärer Lage und unmittelbar neben der ventralen Rinne hnden sich nur radiäre Spicula, welche zum Schutze des in der Rinne befind- lichen Fältchens dienen. Diese Spicula sind an einem Ende zugespitzt, am anderen mehr oder weniger deutlich angeschwollen und abgerundet ; sie erreichen etwa 200 // an Länge, sind aber meistens kleiner. Sie dürften immer einen inneren Hohlraum enthalten, der aber sehr verschieden groß sein kann (Fig. 2). Unmittelbar neben der Analöffnung befindet sich jederseits eine Grube, von der Cuticula bekleidet, in welcher Spicula mit seitwärts gebogenen Spitzen stecken, wie ich solche früher von Proneomenia vagans beschrieben und abgebildet habe (5, p. 259, Taf. XV, Fig. 97). Wie bei anderen Arten der Gattung wird die Cuticula von radiären keulenförmigen Hypodermis- fortsätzen durchzogen, die im unteren Teile aus langgezogenen hellen Zellen mit spindelförmigen Kernen bestehen, während das Ende eine ovale Masse ist, die im Grunde ein paar — etwa 4 — runde Kerne mit deutlichen Nucleoli enthält, in deren Umgebung das Plasma stark körnig ist, während es in dem äußeren Teile mehr durchsichtig erscheint. Die Zahl dieser Fortsätze ist seitlich und dorsal mäßig, während sie ventral neben der Rinne sehr groß ist, doch sind dieselben hier noch in der Ausbildung begriffen, indem ihr distaler Teil noch nicht deutlich unterschieden ist. 112 J- THIELE, Dorsal liegt fast am hinteren Körperende das bei den Solenogastres gewöhnlich vorhandene Sinnes- organ, das vermutlich ausgebreitet und zurückgezogen werden kann. In letzterem Zustande stellt es sich als eine flach-becherförmige Erhebung innerhalb der Cuticula dar, deren distale Höhlung in ihrer Mitte von dem sensiblen Epithel bekleidet ist. Dieses ist etwa 20 // hoch mit spindelförmigen Kernen in den basalen Zellhälften. In der Cuticula stecken in der Umgebung, soweit sie einziehbar ist, kleine Spicula, mit den Spitzen nach außen gewendet. Die ventrale Längsrinne erweitert sich vorn zu einer ziemlich umfangreichen Grube, die in retra- hiertem Zustande etwas nach vorn ausgebaucht ist. In demjenigen Teile, welcher in vorgestülptem Zustande zu vorderst liegen würde, in der eingezogenen Grube aber vorn an der äußeren Mündung gelegen ist, findet sich eine deutliche, wenn auch nicht sehr ausgedehnte muköse Drüse, welche in jeder Hinsicht der „vorderen Bauchdrüse" von Neomenia carinata und grandis entspricht und zweifellos als deren Homologon anzusehen ist. Das Vorkommen dieser Drüse bei unserer Proneomenia ist darum wichtig, weil eine solche in der Gattung bisher noch nicht bekannt gewesen ist, und ich glaube daraus schließen zu dürfen, daß diese vordere Fuß- drüse, welche der sog. Lippendrüse des Gastropodenfußes äußerst ähnlich ist, den Solenogastres, zu deren primitivsten Gattungen Neomenia und Proneomenia wohl zweifellos gehören, ursprünglich eigen ist und sich erst innerhalb dieser Tiergruppe zurückgebildet hat. An diese Drüse, die aus großen, subepithelialen, von Hämatoxylin schwach gefärbten und mit weiten Mündungen zwischen den Epithelzellen versehenen Zellen besteht, schließt sich unmittelbar die hintere Bauchdrüse (Rinnendrüse) an, welche aus zum Teil sehr langen, dunkler gefärbten und mit engen Aus- führungsgängen versehenen Zellen besteht. Wie gewöhnlich dehnen sich diese Zellen, soweit sie in die vordere Bauchgrube ausmünden, bis über den Vorderdarm aus und erfüllen daher den größten Teil der vorderen Leibeshöhle. Weiter nach hinten liegen sie in zwei Längszügen über den ventralen Nerven- stämmen und münden neben dem in der Rinne gelegenen Fältchen nach außen. Im vorderen Teile dieser Rinne befindet sich jederseits von diesem Fältchen noch ein solches, das sogar noch eine Andeutung einer Zusammensetzung aus zweien erkennen läßt, doch hören diese Fältchen sehr bald auf, indem sie niedriger werden und ganz verschwinden. So ist bei dieser Art ebenso wie bei Proneomenia sluiteri und australis vorn eine Mehrzahl von Falten in der Bauchrinne vorhanden, ein Verhalten, das nachdrücklich auf die Ursprüng- lichkeit einer Vielzahl dieser Falten, wie sie bei Neomenia zu finden sind und welche große Aehnlichkeit mit den Byssusfalten von Lamellibranchien und den Sohlenfalten von lanthina besitzen (vergl. 6, p. 635, 646 etc.), hinweist. Hinten ist die Rinne mit der medianen Falte zwischen den beiden erwähnten Einziehungen der Ober- haut bis in die Kloakenmündung hinein zu verfolgen ohne Unterbrechung des flimmernden Epithels. Dieses wird im ganzen Verlaufe der Rinne durch ein Paar ziemlich hoher Falten gegen die Cuticula abgegrenzt. Die Körpermuskulatur besteht wie gewöhnlich aus einem schwachen Hautmuskelschlauche, der von außen nach innen eine Ringfaserschicht, zwei gekreuzte Diagonalfaserschichten und eine Längsfaserschicht erkennen läßt. Ventral Hegt zwischen der Ringmuskulatur und den diagonalen Fasern noch eine äußere Längsmuskulatur, von den Fasern der über der Rinne sich kreuzenden Muskelzüge durchsetzt, während über der Rinne die Längsmuskulatur unterbrochen ist. Zwischen den seitlichen Darmtaschen verlaufen Transversalmuskeln in dorso-ventraler Richtung, welche dorsal neben den Keimdrüsen, ventral neben der Bauchfalte angeheftet sind. Außerdem ziehen von hier zur seitHchen Körperwand fächerförmig divergierende Bündel, und ventral unter dem Darme findet sich jene Folge von Quermuskeln, die recht unglücklich mit dem Namen „Septum" bezeichnet zu werden pflegen Außerdem haben natürlich alle einziehbaren Teile, wie die sog. Mundhöhle, die vordere Bauchgrube, die Proneomenia thulensis nov. spec. jl. Gruben neben der Kloake ihre besonderen Retractoren, die von der seitlichen und dorsalen Körperwand entspringen, und alle inneren Organe sind durch zahlreiche Fasern aufgehängt, unter denen diejenigen des Vorderdarmes durch bedeutende Stärke und eine fein querfaltige Hüllschicht auffallen. Das Nervensystem besteht aus dem ovalen, kaum eine Andeutung von Zweiteiligkeit aufweisenden Cerebralganglion, von welchem die Nerven zu den Girren der Mundhöhle mit gangliösen Anschwellungen entspringen, und von welchem nach hinten folgende Konnektive auf jeder Seite abgehen : i) die Konnektive zu den ventralen Längsstämmen, an deren Vorderende über der Bauchgcube ein Paar ziemlich umfangreicher Anschwellungen liegt, die ebenso wie die ganzen Stämme durch quere Kom- missuren verbunden sind ; 2) die kaum Konnektiv-artig verjüngten Vorderenden der Lateralstränge ; 3) die neben dem Vorderdarm nach hinten verlaufenden Konnektive zu den Buccalganglien, welche neben der Radula gelegen sind (Taf. V, Fig. 4, 5) als ein Paar ziemlich großer Knoten, die einige Nerven zur Vorderdarm-Muskulatur nach vorn entsenden und durch eine über der Radulascheide gelegene Kom- missur (Taf. V, Fig. 6 bcm) miteinander verbunden sind. Hinten sind sowohl die lateralen wie die ventralen Längsstämme bedeutend verdickt und durch starke Konnektive miteinander verbunden, wie sie auch in ihrem ganzen Verlaufe durch zahlreiche Konnektive in Zusammenhang stehen. Die hinteren Anschwellungen der Lateralstränge hängen durch eine starke gangliöse Kommissur, welche hinter dem Pericardium und unmittelbar über dem Enddarm verläuft, zu- sammen ; dahinter laufen die Nervenstämme noch weiter, geben noch einige Nerven, hauptsächlich zu den Gruben neben der Kloakenmündung, ab, um hinter dieser ganz am Ende des Tieres zu verschwinden, während die ventralen Stämme schon vor der Kloakenmündung aufhören. Dicht hinter dem Vorderende des Tieres liegt der Eingang in die sog. Mundhöhle, deren Vorder- wand nur wenig von dem Hautmuskelschlauche absteht. In dieser Höhlung entspringen von der Vorder- wand und den Seitenwänden die sensiblen Girren, welche sich fast bei allen Solenogastres wiederfinden. Ihre Gesamtheit bildet also ein hufeisenförmiges Gebilde, das ringsum von einer bewimperten Falte begrenzt wird; diese hat also einen doppelt-hufeisenförmigen Verlauf, der dorsale Teil umgrenzt den Eingang in den Vorderdarm, der ventrale die Oeftnung nach außen, während hinten der dorsale und ventrale Teil einer jeden Seite ineinander laufen. Die Girren, welche von einem unbewimperten Epithel bekleidet sind, sind etwa in siebenfacher Reihe angeordnet. Innerhalb von ihren Ansatzstellen finden sich gangliöse Zell- massen, welche mit den Cerebralganglien in Verbindung stehen, an denen diese Verbindungsnerven noch- mals gangliöse Anschwellungen aufweisen. An dem sensiblen Apparate der Mundhöhle vorbei gelangen die Nahrungsteile in den Vorderdarm Jedenfalls ist dieser ganze hufeisenförmige Apparat vorstülpbar und stellt sicherlich das Hauptsinnesorgan des Tieres dar. In eingezogenem Zustande können durch den hinteren Teil der äußeren Oeffnung die Stoffe direkt in den Vorderdarm gelangen, ohne mit dem Girrenapparate in Berührung zu gelangen. Der Vorderdarm ist anfangs dorsal, dann nach hinten gerichtet, von mäßiger Weite, mit zahlreichen, ziemlich hohen Fältchen des hohen, cilienlosen, mit vielen kleinen Kernen in mehreren Schichten versehenen Epithels, das von einer schwachen Ringmuskelschicht und einer ziemlich kräftigen Längsmuskulatur um- geben wird. Dann verengt sich das Lumen infolge eines kräftigen Sphincters, welcher den Darm hier umgiebt, während das Epithel niedriger wird, sich in flachere Falten legt und dabei nicht so viele Kerne enthält. Nun öffnet sich das Rohr nach oben in einen anderen Teil, der schräg nach vorn und oben gewendet ist und nach kurzem Verlaufe in den Mitteldarm hineinführt (Taf. V, Fig. 3). In diesem letzten Faund Arctica. 15 114 J- THIELE, rückläufigen Teile zeigt der Vorderdarm wiederum ein verschiedenes Epithel; dieses ist ziemlich hoch und durchsichtig, mit basalen Kernen ausgestattet und in hohe, schmale Falten gelegt. An der hintersten Stelle des Vorderdarmes, in der Spitze des Winkels, den der Endteil mit dem übrio-en Vorderdarme bildet, liegt eine gut entwickelte Radula und vor ihr münden die Speicheldrüsen aus. Die Radula besteht aus zahlreichen, rundlichen, einfach zugespitzten Zähnen, soviel die Schnitte erkennen lassen ; es scheinen in einer Querreihe gegen 40 solcher Zähnchen zu stehen. Das fertige Ende der Radula liegt in einem ventralen Sacke, die Radulascheide dorsal davon, beide mit den blinden Enden nach hinten gerichtet. In der Mittellinie ist die Zunge rinnenförmig vertieft, so daß sie aus zwei Längs- wülsten besteht. Unter dem Epithel, das die Zähnchen trägt, liegt ein Körper, der nicht aus solchen Zellen zusammengesetzt ist, wie der sog. Radulaknorpel der Mollusken, sondern aus einem faserigen und zellen- armen Gewebe besteht. Eine besondere Muskulatur der Zunge ist kaum vorhanden, nur ein paar schwache Bündel sind überhaupt wahrzunehmen. Dieser Radula-Apparat gehört zu dem mittleren Abschnitte des Vorderdarmes mit dem niedrigen Epithel. Die Speicheldrüsen, deren Mündung in den Vorderdarm in Taf. V, Fig. 5 dargestellt ist, sind ein paar langgestreckte Säcke, welche ventral vom Mitteldarm über den ventralen Quermuskeln gelegen sind, während ihre Vorderenden, die nicht mehr vom drüsigen Epithel bekleidet werden, sich etwas dorsal wenden und neben der Radula verlaufen, bis sie vor dieser ausmünden. Der Mitteldarm reicht mit seinem blinden Vorderende bis in das äußerste Ende der Leibeshöhle, nimmt dann den Vorderdarm an der Ventralseite auf und bildet in seinem ganzen Verlaufe weite Seiten- taschen, welche von transversalen Muskelzügen getrennt werden. Wie gewöhnlich erfüllt der Mitteldarm den größten Teil des von dem Hautmuskelschlauche gebildeten Hohlraumes, nur dorsal von den Keimdrüsen eingebuchtet. Erst hinten wird er durch die Ausführungsgänge der letzteren und das Pericardium ein- geengt; dieser als Enddarm bezeichnete Teil wird nach hinten noch enger, dann aber durch ein paar Aus- buchtungen in den dorso-lateralen Ecken wieder etwas weiter und ist hier von einer starken Drüse (Taf. V, Fig. 9 gx) umgeben, über deren Natur ich keine Klarheit erlangen konnte, da mir die Ausmündung in den Enddarm etwas zweifelhaft geblieben ist, wenn auch die Ausbuchtungen des Enddarmes, welche von der Drüsenmasse umgeben sind, auf einen Zusammenhang mit dieser hindeuten ; es könnte möglicherweise auch eine Blutdrüse sein, wie eine solche von Wiren bei Neomenia carinata angenommen ist, da dieselbe unmittelbar hinter dem Herzen beginnt, doch scheinen mir dafür die Zellen zu groß zu sein ; jedenfalls ist mir eine solche Drüse bisher bei Solenogastres noch nicht vorgekommen. Dieselbe besteht aus ziemlich großen, feinkörnigen Zellen mit rundlichen, dunkel gefärbten Kernen und sie sieht im ganzen ähnlich aus wie die Speicheldrüsen von Neomenia grandis, die Zellen liegen dicht zusammengepackt, nur von bindegewebigen Fasern, die zur Fixierung dienen, getrennt. Das Epithel des Mitteldarmes ist bis auf den breiten Streifen in der dorsalen Mitte durchweg drüsig, von ziemlich hohen, keulenförmigen Zellen mit basalen Kernen zusammengesetzt, in deren äußeren Teilen sich Tröpfchen von nicht näher bestimmten Sekreten angehäuft haben. Der nicht drüsige Streifen des Mitteldarmes und der Enddarm tragen ein mäßig hohes, mit starken Cilien besetztes Epithel. Schließlich mündet der Darm in die gleichfalls bewimperte Kloake aus. Diese ist eine ziemlich umfangreiche Höhle, die sich vor der Ausmündung des Enddarmes sehr in die Breite zieht und vorn die Ausführungsgänge der Keimdrüsen aufnimmt. Die Zwitterdrüsen liegen dorsal vom Mitteldarm neben der Aorta, wo sie über der Ausmündung des Vorderdarmes beginnen, die linke etwas vor der rechten. Wie gewöhnlich entwickeln sich die Eier an der Proneomenia thulensis nov. spec. Xje Mittelwand, ohne daß das Epithel sich in Falten legt, das Sperma an der Seitenwand ; letzteres ist im hinteren Teile der Drüsen reif, doch sind in den Ausführungsgängen wie im Pericardium keine Geschlechts- produkte vorhanden. Hinten gehen von den Keimdrüsen ein paar kurze und enge Gänge aus (Taf. V, Fig. 7 dpr), die sich dann vereinigen und durch starke Erweiterung das Pericardium bilden (Taf. V, Fig. 8^). Dieses giebt an seinem Hinterende die beiden Ausführungsgänge ab, die sich seitwärts, dann ventral wenden und nach vorn umbiegen. Unter den Pericardialgängen geht dann jeder Ausführungsgang in einen mehr median gelegenen' und rückwärts gerichteten, drüsigen Abschnitt über, der schließlich mit dem der anderen Seite gemeinsam durch eine sehr weite Oeffnung in die Kloake ausmündet. An der Umbiegungsstelle des vorwärts gerichteten Abschnittes in den drüsigen Endteil finden sich die Einmündungen eines starken Bündels von Receptacula seminis. Die Zahl derselben beträgt etwa 20, die einzelnen Blasen sind häufig noch zweilappig, ihre Verbindungsgänge vereinigen sich zum Teil, ehe sie ausmünden, doch ist mit Sicherheit noch eine größere Anzahl von Mündungen in das Vorderende des drüsigen Teiles des Ausführungsganges festzustellen. Jede dieser Blasen enthält ein ziemlich hohes Epithel, das ganz ähnlich dem ist, das ich früher aus einem der vorderen Blindsäcke an den Ausführungsgängen von Mysomenia (5, Taf XVI, Fig. 141) abgebildet habe, da auch hier helle ovale Kerne mit großen Nucleoli und im Plasma Körnchen vorhanden sind, welche auf eine drüsige Thätigkeit des Epithels hinweisen ; ein niedriges Epithel verbindet jede Blase mit dem Keimdrüsengange. Da diese Blasen von reifem Sperma erfüllt sind, so ist ein Zweifel an ihrer Bedeutung als Receptacula seminis wohl ausgeschlossen. Allerdings ist mir rätselhaft, wie dieses träge und fast voll- ständig festsitzende Tier zu einer Kopulation gekommen ist ; oder ist hier eigenes Sperma vorhanden, das auch die eigenen Eier befruchtet? Auf den so zahlreich erbeuleten Alcyonarien war ja nur dieses einzige Tier vorhanden, wie können da sich zwei Individuen zur Kopulation auffinden? Es sei noch erwähnt, daß der nicht drüsige Teil der Zwittergänge von einem ziemlich niedrigen, gefalteten Wimperepithel gebildet wird, während der drüsige, als Schalendrüse funktionierende Endteil deutlicli aus Stützzellen mit spindelförmigen Kernen im distalen Ende und aus grobkörnigen Drüsen- zellen besteht. Außer den Hakengruben neben der Kloakenmündung, welche bei der Kopulation eine gewisse Rolle spielen mögen, finden sich keine Hilfs- oder Reizorgane. Das Herz befindet sich in stärkster Systole. Es beginnt am Hinterende des Pericardiums als ein paariger Muskelwulst an der Dorsalwand des letzteren, dann nähern sich die Basen der beiden Wülste einander und verschmelzen, während darüber die einfache Herzkammer auftritt (Taf V, Fig. 8). Diese erscheint auch weiter nach vorn als ein ziemlich flacher Wulst der Pericardialwand und sie geht dann in die teils zwischen, teils über den Zwitterdrüsen verlaufende Aorta über, welche sich vorn in die weite Leibeshöhle öffnet. Diese enthält in großer Menge die beiden geformten Bestandteile des Blutes, Leukocyten und Blut- körperchen, die meistens eine ziemlich langgezogene Form haben. Die jedenfalls aus Leukocyten hervor- gegangenen „Chloragogenzellen" sind nicht so auffällig und zahlreich, wie ich sie bei einigen anderen Solenogastres gesehen habe. Von den soeben beschriebenen Merkmalen scheinen mir für die Unterscheidung der Proneomenia thulensis besonders wichtig zu sein zunächst die eigentümliche Knickung des Vorderdarmes, in deren Winkel die Radula mit zahlreichen schmalen und spitzen Zähnchen liegt, sodann die Vielzahl der Receptacula seminis, welche sich allerdings auch bei Proneomenia australis findet, während bei dieser der Vorderdarm und die kleine zweizeilige Radula ganz verschieden sind (7, p. 400). Proneomenia sluiteri hat einen mit seinem 15* Il5 J. THIELE, Proneomenia thulensis nov. spec. Hinterende ausmündenden Vorderdarm und anders geformte Radulazähne; jederseits ist nur ein Recepta- culum seminis vorhanden, das von der Mündung nach hinten gerichtet ist. Daneben finden sich nach den Beschreibungen noch weitere Unterschiede, wie die Faltung des weibhchen Keimdrüsenepithels, Bluträume in den Wimperfalten der Mundhöhle, welche bei der vorliegenden Art nicht hohl sind, und die — mir freilich etwas zweifelhafte — Beziehung der Hypodermisfortsätze zu den Kalkstacheln. Proneomenia vagans unterscheidet sich von allen anderen Arten durch ihre großen Kloakenspicula; da dieses Merkmal offenbar nicht den geringsten Grund zu einer generischen Trennung abgeben kann, so hat es gar keinen Sinn, daß PiLSBRY neuerdings wieder diese Art in die Gattung Rhopalomenia stellt (4, p. 298), als deren Typus ich Bho}}. aglaopheniae bezeichnet habe, die ja auch keine Kloakenspicula besitzt. Es sind bisher in dem arktischen Meere 5 Proneomenien gefunden worden, die sämtlich von ihren Untersuchern für eine Art Proneomenia sluiteri Hubrecht gehalten sind ; davon wurden 2 von Sluiter in der Barents-See bei einer Tiefe von iio und 160 Faden erbeutet, sie sind die Typen der genannten Art (3); 2 weitere Exemplare wurden von Kükenthal und Walter im nördlichen Teile der Olga- Straße, zwischen den König-Karls-Inseln, Nordostland und Barents-Land in einer Tiefe von 70 und 80 Faden (140 und 160 m) gefunden ; sie sind besonders von Heuscher untersucht und beschrieben worden (2). Simroth hat wegen einiger Differenzen gegen Hubrecht's Angaben für diese Form eine Varietät langi angenommen ; es ist schwierig, ohne beide Präparate gesehen zu haben, die Frage, ob hier dieselbe oder eine andere Art vorliegt, zu entscheiden. Das fünfte Exemplar ist von einer norwegischen Expedition gefunden und wird nach einer Angabe Armauer Hansen's im Museum zu Bergen aufbewahrt ; es ist weder ein bestimmter Fundort angegeben, noch die Anatomie des Tieres untersucht worden (l). Dazu kommt nunmehr als sechstes Individuum und bestimmt neue Art das von Schaudinn und Römer gefundene, welches in diesen Zeilen beschrieben worden ist. Aus dem antarktischen Gebiet ist bisher kein Vertreter der Gattung Proneomenia bekannt geworden. Litteraturverzeiehnis. 1) Hansen, Neomenia, Proneomenia und Chaetodcrma. Bergens Museum Aarsberetning for 1888. 2j Heuschek, Zur Anatomie und Histologie der Proneomenia Sluiteri Hubrecht. Jenaische Zeitschr. f. Naturwiss., Bd. XXVII, p. 477—512, Taf. 20—23, 1892. 3) Hubrecht, Proneomenia Sluiteri gen. et sp. n., with Remarks upon the Anatomy and Histology of the Amphineura. Niederländ. Arch. f. Zool., Suppl. 1, 1881/82. 4) PiLSBRY, Manual of Conchology, Vol. XVII, 1898. 5) Thiele, Beiträge zur vergleichenden Anatomie der Amphineuren. I. Ueber einige Neapeler Solenogastres. Zeitschr. f. wiss. Zool., Bd. LVIII, p. 222—302, Taf. 12—16, 1894. 6) Derselbe, Beiträge zur Kenntnis der Mollusken. III. Ueber Hautdrüsen und ihre Derivate. Zeitschr. f. wiss. Zool., Bd. LXII, p. 632 — 670, Taf. 31, 32, 1897. 7) Derselbe, Zwei australische Solenogastres. Zool. Anzeiger, Bd. XX, p. 398—400, 1897. Die Nematoden. Von Dr. O. von Linstow in Gott in gen. Mit den Tafeln VI und VII. A. Die von Dr. F. Römer und Dr. F. Sehaudinn im Nördlichen Eismeer gesammelten Nematoden. I. Parasitische Nematoden. Ascat'is decipiens Krabbe. (Taf. VI, Fig. 1—20; Taf. VII, Fig. 21—27.) ? Ascaris hicolor Baird, Description of a new species of Ascaris found in the stomach of a walrus. Proceed. Zool. Soc. London, 1868, p. 67 — 71, 5 Fig.; in Trichechus rosmarus. Ascaris decipiens Krabbe, Overs. over d. Kong. Dansk. Vidensk. Selsk. Forhandl., Kjöbenhavn 1878, p. 45 — 47, Fig. 1, Tab. I, Fig. 3; in Trichechus rosmarus, Cystophora cristata, Phoca harbata, hispida und vitulina. Ascaris decipiens Jägerskiöld, Zoolog. Jahrb., Abt. für Anat., Bd. VII, .Jena 1894, p. 467 — 474, Taf. XXV, Fig. 14; Taf. XXVI, Fig. 26; Taf. XXVIII, Fig. 40 — 41; in Trichechus rosmarus, Cystophora cristata, Halichoerus grypus, Phoca vitulina, hispida, harbata, groenlandica. Ascaris decipiens Jägerskiöld, Ueber die büschelförmigen Organe bei den Ascaris-Arten. Centralbl. f. Bakt, Parasitenk. u. Infektionskr., Bd. XXIV, Jena 1898, No. 21, p. 791—793, Fig. 5—6. Fundorte: 1) Magen von Trichechus rosmarus, etwa 3 Jahre altes Männchen; Mageninhalt Fische, im Darm viele Tänien; König-Karls-Land (.Jena-Insel). 1. August. Larven. 2) Magen von Phoca barbata, erwachsenes Weibchen; Mageninhalt Decapoden bis 10 cm lang; im Darm viele Cestoden; Spitzbergen, Stor-Fjord (Cap Lee). 16. Juni. Larven. 3) Magen von Phoca vitulina, Männchen ; Mageninhalt Steinchen und Muscheln, im Darm einige Ascariden und viele Cestoden ; Nord-Spitzbergen (20 Minuten westlich von der ßoss-Insel); 13. August; geschlecht- lich unentwickelt und entwickelt. 4) Magen von Phoca harbata, erwachsenes Weibchen; im Darm viele Cestoden; Mageninhalt Decapoden bis 10 cm lang ; Spitzbergen, Stor-Fjord (Südcap) ; IG. Juni ; geschlechtsreif. 5) Dünndarm von Phoca annulata, junges Weibchen; im Magen 3 Arten Krebse; Nord-Spitzbergen, nördlich der Ross-Insel (an der Festeiskante, 81*^ 30' N.) ; 11. August; geschlechtlich entwickelt. Die Artbezeichnung Ascaris hicolor Baird ist älter als Krabbe's Ascaris decipiens, Baird hat aber nur die Larvenform oberflächlich beschrieben, die eigentlichen Artcharaktere aber nicht gesehen, und nur der Umstand, daß Ascariden genau unter denselben Verhältnissen, wie es hier beschrieben werden soll, an der Magenwand befestigt gefunden sind, veranlaßt mich, Baird's Fund mit einem Fragezeichen hierherzu- ziehen. Durch die hier gemachten Beobachtungen ist die Entwickelungsgeschichte der Nematoden, speciell die der Ascariden um eine neue Form bereichert ; es wurde gefunden, daß die Larven von Ascaris decipieiis in dicht gedrängten Gruppen mit dem Kopfende in die Magenschleimhaut eingebohrt bei Trichechus rosmarus und Phoca harbata gefunden werden, daß sie hier von einer Länge von 5 mm bis zu einer von 37 mm heranwachsen, sich hier mehrmals häuten und sich dann aus dieser Vereinigung losmachen, um in den I20 O. VON LINSTOW, Darm desselben Wohntieres überzusiedeln, wo sie geschlechtsreif werden. Ob vorher ein Larvenzustand in einem anderen Tiere durchgemacht wird, ist nicht bekannt, jedenfalls wächst hier die Larve, an einem Organ des Wirtes befestigt, heran, um sich, wenn sie eine gewisse Größe erreicht hat, frei zu machen und dann in einem anderen Organ desselben Wirtes geschlechtsreif zu werden. In ähnlicher Weise wächst die Larve von Nematoxys longicauda v. Linst. ^) in der Lunge von Triton taeniatus, alpestris und cristatus heran und wandert dann in den Darm desselben Tieres über, wo sie geschlechtsreif wird. Zwei Stücke der Magenwand von Tricheclms rosmarus zeigen diese Larven, wie sie sich dicht gedrängt mit dem Kopfende in die Schleimhaut eingebohrt haben (Taf. VI, Fig. i), doch genügt ein leichter Zug mit der Pincette, um sie frei zu machen ; ein Stück Magenwand von Phoca barhafa ist an einer 80 — 90 mm großen Stelle ebenfalls aufs dichteste mit diesen Larven besetzt (Taf. VI, Fig. 2); die mit Larven besetzten Stellen der Magenwand von Trichechus rosmarus messen 40—50 mm-). Man unterscheidet folgende Entwickelungsphasen : i) kleine, weiße, schlanke Tiere mit embryonalem Bohrzahn an der Ventralseite des Kopfes, in den Seitenlinien im Querschnitt dreieckige Leisten ; 2) mittelgroße, weiße, schlanke Larven mit rudimentären Lippen, Hautkontur oft sägeförmig, in den Seitenlinien Leisten; 3) große, braune, breite Larven, zum Teil mit völlig entwickelten Lippen, ohne Leisten in den Seitenlinien ; im Darm findet man dann 4) die Geschlechtsform ; zwischen je einer dieser Entwickelungsphasen wird eine Häutung durch- gemacht. Baird sagt von seiner Äscaris bicolor, er habe sie zwischen den Falten der Magenschleimhaut von Trichechus rosmarus oder fest an dieselbe angeheftet gefunden, wodurch Erosionen und Ulcerationen entstanden waren. Die Länge der Tiere betrug 63,6—67,2 mm und die Breite 2,0—2,5 mm, der Körper war vorn ver- dünnt, hinten aber verdickt und abgerundet; die Haut war geringelt, ihre Kontur sägeförmig; am Kopf- ende standen 3 undeutliche, rundliche Lippen, es wurden keine Männchen, sondern lauter Weibchen gefunden; die Geschlechtsorgane werden aber nicht erwähnt, es werden also wohl lauter Larven gewesen sein. Die Länge der kleinsten, noch mit dem embryonalen Bohrzahn versehenen Exemplare, welche ich fand, beträgt 4,93 mm und ihre Breite 0,23 mm: Tiere mit rudimentären Lippen, schlank und weiß von Farbe, waren durchschnittlich 10 mm lang und 0,31 mm breit; die großen, braunen Larven mit entwickelten Lippen waren 33—37 mm lang und 0,67—1,14 mm breit, während die durchschnittliche Länge der geschlechts- reifen Männchen 33 mm war, bei einer Breite von 1,12 mm, die Weibchen aber hatten eine Länge von 47 mm und eine Breite von 1,78 mm; Krabbe giebt die Länge der Männchen auf 45 und die der Weibchen auf 60 mm an, während Baird die großen Larven, wie bemerkt, 63,6—67,2 mm lang nennt. Die Haut ist vielfach schwarz pigmentiert; sie ist in Abständen ganz vorn von 0,0022, dahinter von 0,022—0,026 mm quergeringelt, weiter hinten in Abständen von 0,057 mm ; ganz vorn, dicht hinter den Lippen, sind die die Ringelung bewirkenden Einschnitte sehr tief und die so entstehenden Ringleisten sind nach vorn gerichtet (Taf. VI, Fig. 4); der Bau der Haut ist sehr kompliziert; sie besteht aus 7 Schichten (Taf. VI, Fig. 8), von denen die erste und zweite durch regelmäßige, 0,021 mm entfernte Längslinien geteilt sind ; die zweite Schicht ist an ihrer Innenseite mit dunklen Leisten versehen ; die fünfte und sechste zeigt schräge Fibrillen, so daß man auf feinen Flächenschnitten zwei sich kreuzende Liniensysteme sieht. Bei 1) Zeitschr. für wissensch. Zoologie, Bd. XLII, p. 708—717, Taf. XXVIIl. 2) Die Photograpliien verdanke ich der Güte des Herrn Marinestabsarztes Dr. Matthiolius. Die Nematoden. j2t der zweiten, weißen, schlanken Larvenform sieht man die Hautkonturen häutig sägeförmig: daß die Haut bei der ersten und zweiten Larvenform im Querschnitt dreieckige Leisten zeigt (Taf. VI, Fig. 9 a), ist bereits erwähnt ; bei dem Genus Ascaris sind diese Leisten selten, Jägerskiöld aber fand sie bei Ascaris clavata Rud. aus Gadus- Arten. Das Kopfende zeigt bei der jüngsten Larvenform einen starken, kegelförmigen Bohrzahn, wie ihn die Embryonen von Ascaris zeigen, der an der Bauchseite steht (Taf. VI, Fig. 3); an der dorsalen Seite bemerkt man eine kleine Papille ; die Lippen der zweiten, weißen Larvenform zeigen noch nicht die charakteristische Gestalt der Lippen der Geschlechtstiere ; die Dorsallippe ist vierseitig mit abgerundeten Ecken, 0,065 mm breit und 0,052 mm lang, mit 2 Papillen (Taf. VI, Fig. 4); die beiden anderen Lippen haben, wie gewöhnlich, nur eine Papille; Zahnleisten bemerkt man hier noch nicht und Zwischenlippen fehlen. Stets sind die 3 Lippen durch große Zwischenräume getrennt, in welche die Magenschleimhaut des Wohntieres tief hineingezogen wird. Bei der großen, braunen Larvenform zeigt die Dorsallippe bereits vorn zwei rundliche Vorbuchtungen mit Zahnleisten, die Basis ist aber noch nicht, wie bei der Geschlechtsform, verbreitert; sie ist 0,086 mm breit und 0,084 mm lang (Taf. VI, Fig. 5). Die Dorsallippe der Geschlechtsform ist hinten stark verbreitert, die Breite verhält sich zur Länge etwa wie 3 : 2, die Papillen sind sehr groß (Taf. VI, Fig. 6). Die beiden ventrolateralen Lippen überragen die dorsale um etwa 0,03 mm nach vorn. Auf Querschnitten erkennt man an der Innenseite eine Scheidewand, der äußere Raum aber ist von drüsigen Körpern erfüllt (Taf. VI, Fig. 7). Das Schwanzende ist kegelförmig verjüngt mit abgerundeter Spitze; beim erwachsenen Männchen ist es an der Ventralseite ausgeschnitten; die Länge beträgt bei den kleinsten Larven ^/^g, bei größeren 1/86) bei den großen, braunen V94 — Vi 19. beim geschlechtsreifen Männchen '/is? und beim Weibchen Vi 4 9 der Gesamtlänge. Aus der Subcuticula wachsen an vier Hauptlinien die 4 Längswülste hervor; der dorsale (Taf. VI, Fig. 9 und 10 (/) und der ventrale (Taf. VI, Fig. 9 und 10 v) sind an ihrer inneren Seite Träger der Haupt- längsnerven, von denen feine, schwach gewellte Nerven in der Marksubstanz der Muskeln verlaufen, welche sich in um so längeren Zügen an den Dorsal- oder Ventralwulst legt, als der betreffende Muskel von diesem entfernt ist; der Nerv aber endigt in der kontraktilen Substanz des Muskels. Die lateralen Wülste (Taf. VI, Fig. 9 und ro /, Taf. VI, Fig. 11) sind meistens pilzförmig im Querschnitt; sie entspringen mit schmaler Basis an der Subcuticula, um sich nach innen mehr oder weniger stark zu verbreiten; sie sind von kugel- runden, nicht färbbaren Kernen durchsetzt, die ein scharf gezeichnetes Kernkörperchen enthalten; an die Kerne treten zahlreiche Gefäße (Taf. VI, Fig. 11), welche alle nach der Basis hinstrahlen, wo sich das Sammelgefäß (Taf. VI, Fig. 1 1 ,s) befindet, das oft dadurch undeutlich wird, daß es von einer sich stark färbenden Masse erfüllt wird ; nach der Basis hin werden die Kerne kleiner und liegen hier dicht gedrängt. Der Lateralwulst ist durch eine quere Scheidewand in eine dorsale und laterale Hälfte geteilt; diese Scheide- wand setzt sich in eine den ganzen Wulst einfassende Hülle fort. Vorn, in der Oesophagusgegend, ist der Lateralwulst an der Innenseite tief gespalten und erscheint Y-förmig, mit den beiden inneren Lamellen den Oesophagus umfassend. Daß die Lateralwülste Exkretionsorgane sind und eine nierenartige Funktion haben, kann wohl kaum mehr bezweifelt werden. Die Muskeln sind besonders bei den jüngeren Tieren sehr kräftig entwickelt, sie entsprechen den ScHNEiDER'schen Polymyariern und haben ganz die von diesem Forscher so klar gezeichnete Bildung; die kontraktile Substanz zeigt die bekannten Scheiben und in der mächtig entwickelten Marksubstanz liegen viele kugelrunde Kerne mit i und 2 Kernkörperchen (Taf. VI, Fauna Arctica. l6 122 O. VON LINSTOW, Fig. lo) ; bemerkenswert sind am Schwanzende des Männchens in Abständen von 0,044 rnm verlaufende Muskelzüge, welche von außen und vorn schräg nach innen, ventralwärts und hinten ziehen, wie sie auch bei so vielen freilebenden Nematoden gefunden werden. Der Oesophagus hat bei der jüngsten Larvenform eine Ausdehnung von Vei-i» bei der zweiten von Vioi5) bei den großen von Vin beim geschlechtsreifen Männchen von '/,,5, beim Weibchen von '/tu der Gesamtlänge. Das Lumen ist dreischenklig ; ganz vorn ist mitunter eine dreischenklige Scheidewand in dasselbe hingeschoben (Taf. VI, Fig. 12). An den drei Endpunkten des Lumens stehen dreiseitige Säulen (Taf. VI, Fig. 12 s), links und rechts von ihnen sieht man Stränge, die ich für Längsmuskeln halte (Taf. VI, Fig. 12 1), die Hauptmasse aber wird von Radiärmuskeln gebildet (Taf. VI, Fig. 12 r). In diesen liegen drei langgestreckte Drüsen (Taf. VI, Fig. 12 d), in denen ganz vorn Kerne stehen, sie münden 0,06 mm vom Scheitelpunkt in das Lumen, während am Hinterende 3 große Muskelkerne zu finden sind. Dicht vor der Einmündung in den Oesophagus wird die Muskulatur durch eine Menge von Zellen ersetzt (Taf. VI, Fig. 9 ö). Der Oesophagus besitzt am Hinterende eine Verlängerung, einen Anhang, welcher drüsiger Natur ist; bei den jungen Larven erreicht er fast dieselbe Länge wie der Oesophagus selbst; er mißt hier 1,30 mm, letzterer 1,46 mm (Taf. VI, Fig. 14a); bei größeren schwindet die Länge allmählich auf etwa '/k der Oesophaguslänge ; sie beträgt hier 0,79 mm bei einem 4,94 mm langen Oesophagus (Taf. VI, Fig. 15); bei der vollen Entwickelung aber hat sich der Anhang ganz zurückgebildet (Taf. VI, Fig. 16), und aus den Zellen am Ende des Oesophagus (Taf. VI, Fig. 9 ö) haben sich drüsige Körnchen mit unregelmäßigen Kerngebilden entwickelt, welche in 9 Zügen zwischen ebenso vielen Muskelsträngen liegen (Taf VI, Fig. 13 und 16 ö -). Daß der freie, drüsige Anhang des Oesophagus fehlen kann, hat schon Jägerskiöld gefunden. Der frei nach hinten ragende Anhang (Taf. VI, Fig. 14 und 15 a) wird von 2 nebeneinander liegenden Drüsenschläuchen gebildet, die von einer starken Hülle umgeben sind (Taf VI, Fig. 17). Man kann sich vorstellen, der Darm sei an dem Hinterende des Oesophagus vorbeigeschoben, so daß beide Organe eine Strecke nebeneinander liegen, und zwar der Oesophagus an der ventralen, der Darm an der dorsalen Seite ; sie münden also nicht mit den Endpunkten, sondern seitlich ineinander, und so entsteht nach vorn von der Kommunikationsstelle der Lumina ein breiter Blinddarm, welcher ein großes Lumen und genau den Bau besitzt, wie der dahinter liegende Darm selber. Der Darm (Taf. VI, Fig. 9 und 10 j) zeigt außen eine derbe Tunica propria, dann folgt ein mächtiges Epithel, das granuliert ist und außen Kerne mit Kernkörperchen führt, die Tunica intima aber läßt auf Querschnitten senkrecht zur Oberfläche stehende Linien erkennen. Die Breite des Blinddarmes verhält sich zu der des Oesophagus wie 16:7; seine Länge verhält sich zu der des Oesophagus bei ganz jungen Exem- plaren wie 5:7 (Taf. VI, Fig. 14), bei erwachsenen wie 3:11 (Taf. VI, Fig. 16); mit dem Oesophagus- Anhang verglichen, erreicht seine Länge bei jungen Larven das Verhältnis von 14: 11 (Taf. VI, Fig. 14), bei größeren von 3 : i (Taf. VI, Fig. 15). Der Nervenring liegt bei mittelgroßen Tieren 0,28 mm vom Kopfende ; in ihm sieht man große Ganglienzellen, die sich dadurch auszeichnen, daß ihr Kern sich viel schwächer färbt als der Zellleib (Taf. VI, Fig. II). Ein merkwürdiges Organ ist die unpaare Drüse, von v. Siebold und Bastian Lemniscus, von v. Dräsche Gefäßband, von Jägerskiöld und Hamann Exkretionsorgan genannt. Es wird besonders bei den großen, in Fischen lebenden ^sc«;-is-Larven gefunden und scheint seine Funktion hauptsächlich in der Larvenperiode zu entfalten. Da es neben den Seitenwülsten besteht, welche eine Exkretionsfunktion haben dürften, wie auch bei manchen Larven neben dem mächtig entwickelten hier besprochenen Organ außer Die Nematoden. j2-i den Seitenwülsten ein Porus excretorius gefunden wird, wie ich noch jüngst bei Ascaris spicuUgera sah, so habe ich eine andere Bezeichnung gewählt, und nenne es unpaare Drüse; da das Organ 0,02 — 0,1 mm vom Scheitelpunkt an der Basis der beiden lateroventralen Lippen mündet, so glaube ich, daß es eine sekre- torische Funktion hat, welche darin besteht, eine Flüssigkeit abzusondern, welche die umgebenden Gewebe des Fisches auflöst, so daß sie in flüssiger Form von dem Nematoden aufgesogen werden können. Die unpaare Drüse ist ein sehr großes Organ, das an der Ventralseite von Darm und Oesophagus liegt; im Querschnitt ist sie halbmondförmig (Taf. VI, Fig. 9 und 10 ti)\ an der Grenze zwischen dem l. und 2. Fünftel des Körpers ist die Drüse am stärksten entwickelt, und hier liegt ein großer Kern, der bei einer kleinen, 5,7 mm langen Larve 0,018 mm lang war; vorn verläuft der dickwandige Ausmündungsgang in der Ventrallinie, die Drüse selbst aber liegt asymmetrisch eng an dem einen der beiden Lateralwülste ; bald verschmälert sie sich wieder und kann in ihrem hintersten Ausläufer bis etwas über die Körpermitte hinaus verfolgt werden (Taf. VI, Fig. um); in der ganzen Länge verläuft ein geschlängeltes Gefäß, das bald im Centrum, bald in der Peripherie gefunden wird, sich in 2 und 3 Aeste teilen kann und dicke Wandung hat. Das Organ ist also spindelförmig, und in der Gegend der stärksten Anschwellung liegt der große Kern ; letzteren hat Jägerskiöld bei dieser Art nicht gesehen. Bei Ascaris- und Oxyuris- Arten sind paarige, vorn im Körper liegende, mit dem Seitenwülsten in Verbindung stehende Körper beobachtet, welche in letzter Zeit büschelförmige Organe genannt wurden ; zahlreiche Autoren haben sie erwähnt und beschrieben, wie Bojanus, Lieberkühn, Bastian, Schneider, CoBB, Hamann, Spengel, Shipley, Jägerskiöld, Nassonow, und letzterer hat gefunden, daß sie eine phagocytäre Funktion haben ; sie würden also den Lymphknoten oder der Milz gleich zu achten sein. Bei Ascaris decipiens sieht man in der vorderen Körperhälfte eine Gruppe von Zellen, welche die Verbindung herstellt zwischen dem freien Rande der unpaaren Drüse und dem Seitenwulst, mit welchem letztere nicht verwachsen ist (Taf. VI, Fig. 10 z); ich möchte das Organ kurzweg Zellkörper nennen. Man sieht auf Querschnitten 12 — 15 eng aneinander liegende Zellen; sie färben sich mit Hämatoxylin, die Kerne stärker; sie sind von einer starken Hülle eingefaßt, welche radiäre Linien zeigt, Kernkörperchen findet man i — 3, die Zellen sind 0,021 mm groß und die Kerne 0,0065 rnm (Taf. VI, Fig. 19). Jägerskiöld hat dieses Organ gesehen und homologisiert es mit den büschelförmigen Organen anderer Ascariden ; die Bezeichnung würde hier durchaus nicht passen, denn die Zellen haben nichts Büschelförmiges ; ob Jägerskiöld's Ansicht zu- treffend ist, vermag ich nicht zu sagen. Beim Männchen ist das Schwanzende nach der Bauchseite gekrümmt. Man findet am Schwanzende jederseits etwa 27 präanale kegelförmig prominente Papillen, die vor der Kloake bogig zusammenlaufen (Taf. VI, Fig. 20V, postanale sieht man jederseits 6, von denen die 4. und 5. gestielt sind; die präanalen reichen bis 1,7 mm vom Schwanzende nach vorn. Sämtliche präanale Papillen sind, wenn man sie im Profil sieht, kegelförmig prominent; Krabbe zeichnet einzelne fingerförmig hervorragend über die anderen, was ich nicht gesehen habe. Die beiden Girren sind sehr lang und weit ausstreckbar; der ausgestreckte Teil wird dann lockig eingerollt; die Wurzel ist kolbig angeschwollen, und die Länge beträgt 6 mm. Der Hoden hat eine Tunica propria, an deren Innenwand Kerne mit Kernkörperchen stehen. Die Zellen im Innern sind polygonal abgeplattet, sie färben sich stark, der Kern aber bleibt fast ungefärbt, während das Kernkörperchen sich stark tingiert (Taf. VII, Fig. 21). Das Vas deferens ist ausgezeichnet durch ein sehr hohes Epithel, dessen Zellen sich nicht eng aneinander legen, so daß immer Zwischenräume zwischen ihnen frei bleiben. i6* 124 °- ^'^'^ LINSTOW, Die Kloake ist nicht etwa der hinterste Teil des Darmes, nachdem das Vas deferens in ihn eingemündet ist, sondern ein vollständig selbständiges Organ; beim Beginn ist es ringförmig erweitert (Taf. VII, Fig. 22cl), ungefähr in der Mitte mündet von der Ventralseite das Vas deferens hinein (Fig. 22 v), und dicht vor dem Ende von der Dorsalseite die beiden Girren (Taf. VII, Fig. 22 c); das hohe Epithel des Darmes (Taf. VII, Fig. 22 i) und das Vas deferens fehlt vollständig. Vor der Einmündungssteile des Vas deferens bemerkt man mehrere sehr große Zellen, die ich, weil ihr Kern sich nicht färbt, für Ganglienzellen halte (Taf. VII, Fig. 22, g), und weiter hinten Hegen andere, die Drüsenzellen sein dürften (Taf. VII, Fig. 22 d); im Schwanzende sieht man den Längsschnitt der einen postanalen Papillenreihe (Taf. VII, Fig. 22p) und im Innern ein Drüsen-Syncytium (Taf. VII, Fig. 22 s), davor aber einen starken dorsoventralen Muskel (Taf. VII, Fig. 22 m). Beim Weibchen liegt die Vulva etwas vor der Körpermitte, sie teilt die Länge im Verhältnis von 2 : 3 und ist mitunter etwas prominent. Die 6 mm lange Vagina ist schmal, der Durchmesser beträgt 0,18 mm und geht ohne scharfe Grenze in die beiden Uteri über, deren Breite zusammen 0,53 mm beträgt. In ganz jungen, unentwickelten Weibchen sieht man die Vagina außen von einer breiten Ringmuskellage mit Kernen umgeben (Taf. VII, Fig. 23) ; dann folgen hohe, von breiten Hüllen eingefaßte Epithelzellen und das Lumen ist noch sehr klein. Die Vagina bei reifen Exemplaren sieht wesentlich anders aus (Taf. VII, Fig. 24); die Ringmuskelschicht mit Kernen ist hier mächtig entwickelt, die Epithelzellen bilden einen einfachen, regelmäßigen Ring auf Querschnitten und sind von der in Falten liegenden inneren Auskleidungsmembran durch einen Zwischen- raum getrennt. Auch die Uteri bieten im jungen Entvvickelungsstadium ein so gänzlich anderes Bild als im reifen, daß man ihre Zusammengehörigkeit nicht erkennen könnte. In jungen, unentwickelten Weibchen sieht man auf Querschnitten außen eine Längsfaserschicht (Taf. VII, Fig. 25); dann folgt eine breite Lage mit Kernen, die Septen nach innen schickt, welche sehr hohe Epithelzellen einschließen, und das Lumen ist sehr eng. Der Uterus bei reifen Weibchen ist ungemein dünnwandig (Taf. VII, Fig. 26); man unterscheidet zwei Schichten der Wandung und zwischen ihnen die Reste der Epithelzellen. Die Ovarien sind sehr lang und dünn und liegen vielfach aufgerollt in zahlreichen Schlingen im Körper. An der Innenseite der Tunica propria stehen Kerne mit Kernkörperchen (Taf. VII, Fig. 27); die großen Epithelzellen sind granuliert ; die großen, 0,01 mm messenden Kerne enthalten ein kugelförmiges Kern- körperchen und zahlreiche Granula; die Zellen stoßen in der Mittelachse in der Rhachis zusammen. Die kugelrunden, dünnschaligen Eier messen 0,052 mm. Ascarls osculata Rud. (Taf. VII, Fig. 28-34.) Krabbe, 1. c. p 3, Taf I, Fig. 1. V. LiNSTOW, Jahrb. d. Hamburger wissensch. Anstalten, Bd. IX, 1892, p. 8 — 9, Taf. II, Fig. 11 — 16. Jägeeskiöld, Bidrag tili kännedomen om Nematoderna, 1893, p. 10 — 16, Taf. II, Fig 12; Taf. IV, Fig. 35 — 36. V. LiNSTOW, Archiv für mikroskop. Anat., Bd. XLIV, Bonn 1895, p. 528—531, Taf. XXXI, Fig. 3—13. Stossich, II geneie Ascar'is Linn£, Trieste 1896, p. 31 — 32. Bisher gefunden in Trichechus rosmarus, Cystophora cristata, Halichoerus grypus, Plioca annulata, pantJierina, harhata, vitulina, groenlandica, Monachus albiventer, Stenorhynchus leptonyx. Neue Fundorte: 1) Magen von Phoca harhata, erwachsenes Weibchen; Mageninhalt wenig Crustaceen, im Darm viele Cestoden; Spitzbergen, Stor-Fjord (Whales Point); 19. Juni. 2) Magen von Phoca harhata, erwachsenes Weibchen ; Mageninhalt Fische und Krebse, im Darm Cestoden ; Spitzbergen, Stor-Fjord (Mohn-Bai) ; 20. Juni. Die Nematoden. t_- Die Art ist oft und eingehend beschrieben ; von Ascaris deeipiens ist sie leicht durch die Lippen zu unterscheiden ; es finden sich Zwischenlippen, und Zahnleisten fehlen ; die Dorsallippe ist vorn nach links und rechts zu einem rundlichen Vorsprung ausgezogen ; die länglichen Eier sind 0,091 mm lang und 0,073 rn'i^ breit. Vom männlichen Schwanzende habe ich eine Reihe von Querschnitten gegeben, um das Verhältnis und die gegenseitige Lage von Darm (i), Vas deferens {vd), Girren {c) und Kloake {d) zu zeigen (Taf. VII, Fig. 28 - 33j, ihre gegenseitige Lage ist genau wie bei Ascaris deeipiens. Man sieht die letzten Ausläufer der Seitenwülste (s), auch hier finden sich Ganglienzellen (Taf. VII, Fig. 30 g) und Drüsenzellen (Taf. VII Fig. 33 (?), und der Girrus bietet auf Querschnitten ein merkwürdiges Bild (Taf. VII, Fig. 34), in dem man auch einen Hohlraum bemerkt. Ascaris adunca Rud. Ascaris adunca Stossich, II genere Ascaris Linnä, Trieste 1896, p. 4.5 — 46. ,, „ ^ Ascaris biuncinata Molin, fahri Rud., rigida Rud. „ „ Hamann, Nemathelminthen, II, Jena 1895, p. 97 — 98, Taf. V, Fig. 8 u. 11; Taf. IX, Fig. 13. „ ,. V. LiNSTOw, Hamburger Magalhäensische Sammelreise, 1896, p. 3 — 4, Fig. 1 — 2. Bisher gefunden in Alosa vulgaris, Alosa finta, Alosa sapidissima, Lophius piscatorius, Zeus faber, Aherinichthys microlepidotus. Neuer Fundort: Magen und Darm von Gadus carhonarius, auch auf der Leber; Norwegen, Rörwick. Die DorsaUippe ist fünfseitig und hat vorn links und rechts eine sog. Löffelbildung ; das Schwanz- ende ist abgerundet und mit kleinen Stacheln besetzt. Die Art ist wiederholt und gut beschrieben worden. Ascaris capsularia Rud. Ascaris capsularia Stossich, 11 genere Ascans LIN^-E, Trieste 1896, p. 49 — 52. Stossich führt 44 Wirte auf, darunter Gadus morrhua, Gadus luscus und Gadus minuius, aber nicht die beiden hier in Frage kommenden Arten. Neue Fundorte: 1) Leber von Gadus aeglefinus; Norwegen, Tromsö-Sund; 1. September. 2) Darm und Magen von Gadus carhonarius; Norwegen, Rörwick. Eine tellerförmig aufgerollte Larve; der Teller mißt 4 — 5 mm im Durchmesser; Länge 19mm, Breite 0,39 mm ; an der Ventralseite des Kopfendes steht der embryonale Bohrzahn ; der Oesophagus nimmt '/on» '^^^ Schwanzende Visi der ganzen Länge ein; letzteres ist abgerundet und zeigt einen kurzen, fingerförmigen Fortsatz. Daciiitis gadoruni Van Bened. (Taf. VII, Fig. 35.) = CucuUanus foveolatus Rud. e. p. Diesing, Systema helminth. II, Vindobonae 1851, p. 240 — 241. Dacnitis gadorum Van Beneden, Mem. sur les vers intest., Paris 1861, p. 274. Dacnitis gadorum Van Beneden , Les poissons des cotes de Belgique et leurs parasites. Mem. Acad. Roy. Balg., T. XXXVIII, Bruxelles 1870, p. 56. Bisher in Gadus morrhua und Gadus ? caUarias gefunden. Van Beneden gab 1861 nur an, die Spicula des Männchens seien gekrümmt und am männlichen Schwanzende stehe ein Saugnapf; 1870 führte er nur den Namen an mit dem Zusatz sp. nov. Die Art ist also noch so gut wie unbekannt. Neuer Fundort: Darm von Gadus carhonarius ; Norwegen, Rörwick. 126 O. VON LINSTOW, Am Kopfende stehen 2 große, rundliche Lippen mit je 2 Papillen, die Haut an der Innenseite zeigt feine parallele Linien (Taf VII, Fig. 35) ; die Haut ist in Abständen von 0,016 mm quergeringelt ; der Oesophagus besteht aus zwei Abteilungen, einer mehr muskulösen und einer mehr drüsigen, deren Längen sich verhalten wie 10:19; ^rn Ende des Oesophagus stehen 3 kleine pilzförmige Fortsätze; der Nervenring liegt am Ende der vorderen Oesophagus-Abteilung. Das Männchen ist 10,2 mm lang und 0,43 mm breit; der Oesophagus nimmt '/lu der ganzen Länge ein, der Schwanz V23; dieser ist kegelförmig verjüngt, und in der Mitte steht beiderseits eine kleine Papille ; vor der Kloake sieht man einen fast die ganze Körperbreite einnehmenden Saugnapf ; die Girren sind stabförmig, an der Wurzel verdickt und 1,00 mm lang. Das Weibchen ist 11,85mm lang und 0,47mm breit; der Oesophagus macht ',7,8, der hinter dem Anus verjüngte Schwanz '/j, der ganzen Körperlänge aus; die Vulva liegt etwas hinter der Körpermitte und teilt den Körper im Verhältnis von 24 : 25 ; die Eier sind 0,078 mm lang und 0,042 mm breit. 2. Freilebende Nematoden. Thoracostoma denticaudatum Schn. (Taf. VII, Fig. 36-37.) Enoßus denticaudatus Schneider, Monographie der Nematoden, Berlin 1866, p. 58—59, 1 Fig. Helgoland. Thoracostoma denticaudatum de Max, Sur quelques Nematodes libres de la mer du nord nouveaux ou peu connus. Mem. Soc. zool. France, T. I, Paris 1888, p. 22-24, Tab. II, Tab. III, Fig. 12. Fiessingen, Nordseeküste. Fundorte: 1) Bären-Insel, 19" 18' E., 74" 21' N., am Strande unter abgestorbenen Seetieren. 12. Juni. 2) Station 41. Eismeer, nördlich Spitzbergen. 20" 30' E., 81" 20' N. 11. August. Körper langgestreckt und sehr schlank; am Kopfende stehen 10 Borsten, je i in den Lateral- und je 2 in den Submedianlinien (Taf. VII, Fig. 36); einzelne Borsten stehen in den Submedianlinien in ihrer ganzen Länge und am Schwanzende Spitzen; vorn am Oesophagus sieht man braunes Pigment, am Kopf- ende stehen 6 Schlingen (Taf VII, Fig. 36). Im Hinterende verlaufen 2 Leimdrüsen, die am Schwanzende zu 2 kugelförmigen Blasen anschwellen, um an der Schwanzspitze in eine gemeinsame Oeffnung zu münden. Die Seitenwülste sind dreiteilig mit großen Kernen (Taf. VII, Fig. 37?); die Zellen des Darmepithels sind granuhert und führen große, kugelrunde Kerne (Taf. VII, Fig. 37 i); ähnliche Kerne finden sich in der Mark- substanz der Muskeln (Taf VII, Fig. 37 m); die beiden Leimdrüsen liegen zwischen den Muskeln (Taf VII, Fig. 37 Id) ; in der Gegend des Nervenringes liegen in der Muskulatur des Oesophagus große, granulierte Kerne; die Ganglienzellen im Nervenring sind groß und dicht gedrängt; in dieser Gegend sind die Lateral- wülste mächtig entwickelt ; die Körpermuskulatur ist, wie bei den meisten freilebenden Nematoden, sehr kräftig und die Haut sehr dick und widerstandsfähig. Der Darm ist von einem breiten Plasmacylinder umgeben, von dem dorsal und ventral je 2 Leisten ausstrahlen (Taf. VII, Fig. 37). Länge des Männchens 14,7 mm, Breite 0,24 mm, der Oesophagus nimmt ^1^,^, das Schwanzende V62 der ganzen Körperlänge ein; Schneider giebt an, es stünden 17 Papillen am männlichen Schwanzende, davon seien 5 post- und 12 präanal; die 14 hinteren seien borsten- und die 3 vorderen warzenförmig; ich finde im ganzen 27 solcher Papillen, davon 5—7 post-, die übrigen präanal; hinten gleichen sie einfachen Borsten, vorn werden sie von einem halbkugelförmigen Vorsprung umgeben, aus dessen Gipfel die Borste hervorsieht; einen Artunterschied können diese Verschiedenheiten wohl nicht begründen. Die Nematoden. I27 Das Weibchen wird 15 mm lang und 0,34 mm breit; der Oesophagus nimmt ^j^,-^ der Gesamtlänge ein, das abgerundete Schwanzende '/«e i die Vagina teilt den Körper von vorn nach hinten im Verhältnis von 11:5; die großen Eier sind 0,32 mm lang und 0,22 mm breit. Spilophova punctata n. spec. (Taf. VII, Fig. 38.) Fundort: Bären-Insel, 10" 18' E., 74" 21' N. ; am Strande unter abgestorbenen Seetieren. 10. Juni. Es ist nur ein Weibchen vorhanden. Am Kopfende stehen 6 rundliche Lippen mit je 3 Vorsprüngen (Taf. VII, Fig. 38); dahinter stehen 6 Spitzen; hinter diesen folgt ein großer Mundbecher, der von 6 Stäben gestützt wird, die doppelt sind und hinten 2 kolbige Anschwellungen zeigen; hier stehen große, spiralige Seitenorgane; weiter hinten finden sich 2 große, braune Pigmentflecken, ohne Linsen; der Oesophagus ist am Ende ohne Bulbus und Ventilklappen ; Schwanzende mit Leimdrüsen. Die Hautringelung ist sehr fein, vorn in Abständen von 0,0017 mm; sie wird durch glänzende Pünktchen gebildet, die vor dem Anus am deutlichsten sind. Die Länge beträgt 4,14 mm, die Breite 0,26, relative Länge des Oesophagus V g-, des Schwanzendes ^/ji; die prominente Vagina teilt den Körper von vorn nach hinten im Verhältnis von 23:24; die großen Eier haben eine Länge von 0,13 mm und eine Breite von 0,11 mm; das Schwanzende ist hinter dem Anus fingerförmig verdünnt. ISnophis edentattis n. spec. (Taf VII, Fig. 39-4I-) Fundorte: 1) Station 41. Eismeei-, nördlich Spitzbergen, 20« 30' E., 81" 20' N. 11. August. 2) Station 42. Desgl., 19« O' E., 81" 2(t' N. 12. August. Die Mundhöhle ist nicht, wie es sonst bei dieser Gattung Regel ist, durch Chitinlamellen und Zähne gestützt ; am Kopfende stehen 10 Borsten im Kreise, je i in den Lateral- und je 2 in den Submedianlinien ; das Schwanzende ist kugelförmig, am Ende abgerundet ; die Haut ist glatt, ohne Ringelung ; der Nerven- ring liegt so um den Oesophagus gelagert, daß der durch ihn gebildete vordere Abschnitt sich zum hinteren verhält wie 10:21. Die Haut ist sehr dick, und ihre äußere Schicht ist färbbar (Taf VII, Fig. 41), die Muskulatur ist auch hier gewaltig entwickelt, und in der Marksubstanz liegen große, kugelrunde Kerne ; auffallenderweise zieht an der Innenseite der Seitenwülste ein starker Muskelstrang vom dorsalen zum ventralen Muskelfelde vorüber (Taf VII, Fig. 4i»!s). Der Rückenwulst ist breit und geteilt, der Bauchwulst erscheint im Querschnitt gestielt, und die Seitenwülste sind dreiteilig; der mittlere Teil ist nach innen erweitert, und hier verläuft das Längsgefäß; in den Seitenteilen liegen große Kerne (Taf VII, Fig. 41 l). Der Oesophagus ist von einem dicken, sich stark färbenden Plasmacylinder umgeben, ebenso auch der Darm, und ähnlich wie bei Thoracostoma denticaudatum strahlen von hier dorsal und ventral je 2 Leisten aus, welche die Muskulatur durchsetzen (Taf VII, Fig. 37). In der Muskulatur des Oesophagus liegen große, schwach gefärbte Kerne mit stark färbbaren, großen, kugelrunden Kernkörperchen ; an der Dorsalseite hegt eine sich stark färbende Drüse ; die Radiärmuskeln des Oesophagus sind durch granulierte Zwischensubstanz unterbrochen. Der Darm zeigt eine Tunica propria, ein hohes, gekerntes Epithel und eine derbe Tunica intima (Taf VII, Fig. 41 i). Das Männchen wird 14,83 mm lang und 0,44 mm breit ; die relative Länge des Oesophagus beträgt Vfl,4) die des Schwanzes Vst'ü! die Girren sind gebogen, der Stützapparat ist nach hinten ausgezogen, an J28 O. VON LINSTOW, der Schwanzseite stehen viele Borsten (Taf. VII, Fig. 40) ; die dem männlichen Schwanzende eigene Trans- versalmuskulatur ist stark entwickelt. Die der Gattung eigentümliche Drüse am männlichen Schwanzende (Taf. VII, Fig. 40 (Z), welche bei anderen Arten eine deutliche Chitinhülle besitzt, ist hier nur an der vorge- wölbten Ausmündungsstelle erkennbar. Sehr merkwürdig ist das Vas deferens gebildet (Taf. VII, Fig. 41 vd). Man erkennt eine Tunica propria und 4 Muskelfelder, die mit ihren parallelen Fasern etwa in einem Winkel von 90» aneinander stoßen; seitlich sind sie durch je ein im Querschnitt dreickiges, gekerntes, granuliertes Feld geteilt; das Lumen wird seitlich von 2 im Querschnitt halbmondförmigen, gekernten Feldern begrenzt. Das Weibchen ist 13,47 mni lang und 0,35 mm breit; der Oesophagus mißt ^j^,.j und das Schwanz- ende V34,,, der Gesamtlänge, und die Vagina teilt den Körper von vorn nach hinten im Verhältnis von 16: 13. Eno2)liis communis Bast. Bastian, Monograpli of the Anguillulidae. Transact. Linn. Soc, Vol. XXV, London 1864, p. 148—149, Tab. XII, Fig. 164—167. Marion, Eecherches des Nemat. marins. Ann. Sc. natur. zooL, T. XIII, Paris 1870, Art. 14, p. 22—23, PI. F = Enoplo- stoma Mrium. BüTSCHLi, Zur Kenntnis der freilebenden Nematoden. Abliandl. d. Senckenb. naturf. Gesellsch., Bd IX, Frankfurt 1874, p. 40—41, Taf. VIII, Fig. 35 a— c. ViLLOT, Arch. zool. experiment, T. IV, Paris 1875, p. 459, PI. XI, Fig. 4a u. b, Fig. 5. DE Man, Anat. Untersuchungen über freilebende Nordsee-Nematoden, Leipzig 1886, p. 14—26, Taf I— III. Fundort: Station 41. Eismeer, nördlich Spitzbergen, 20" 30' E., 81» 20' N. 11. August. Der Darm ist schwarz pigmentiert; Männchen 5,52 mm lang und 0,25 mm breit, Weibchen 9,54 und 0,32 mm; relative Länge des Oesophagus Ve) des Schwanzes V24 und '/^i, die Vagina teilt den Körper im Verhältnis von 7 : 10. Die Art ist früher wiederholt und eingehend beschrieben. Anoplostoma gracile n. spec. (Taf. VII, Fig. 42-43-) Fundorte: 1) Station 41. Eismeer, nördlich Spitzbergen, 20" 30' E., 81" 20' N. 11. August. 2) Station 42. Desgl., 19" 0' E., 81« 20' N. 12. August. Körper schlank, Kopfende stark verdünnt, Schwanzende lang und fein zugespitzt, Haut ohne Quer- ringel; Oesophagus mit regelmäßigen Querlinien. Kopfende mit sehr kleinem Mundbecher, vorn 6 kleine Papillen, dahinter 10 Borsten, je l in den Lateral-, je 2 in den Submediallinien (Taf VII, Fig. 42); der Nerven- ring teilt die Oesophaguslänge von vorn nach hinten im Verhältnis von II : 18. Das 9,2 mm lange und 0,16 mm breite Männchen hat einen Oesophagus von ^319 und einen Schwanz von V58 relativer Länge; die beiden sehr langen, schlanken Girren messen 0,40 mm; der Stützapparat ist klein, am Schwanzende stehen Quermuskeln und am vorderen Drittel des Schwanzendes sieht man einen Borstenring (Taf VII, Fig. 43). Das Weibchen ist 8,8 mm lang und 0,11 mm breit; der Oesophagus nimmt '/.'i<8i der Schwanz Visu der Gesamtlänge ein; dieser ist lang und fein zugespitzt; die Vulva ist prominent mit radiären Muskeln, und der durch sie gebildete vordere Körperabschnitt verhält sich zum hinteren wie 36:31 ; die sehr großen Eier sind 0,24 mm lang und 0,16 mm breit. Die Nematoden. j2q B. Arktisehe und subarktische Nematoden-Fauna. I. Parasitische Nematoden. Ascaris canis lagopodis Rud. in Canis lagopus. ,, mystax Rud. in Camis lagopus. „ transfuga Rud. in Ursus maritimus. „ bicolor Baird in Trichechus rosmarus. „ osculata Rud. in Trichechus rosmarus, Cystophora cristata, Phoca foetida, Phoca groenlandicn, Phoca barbata, Phoca vitulina, Phoca annellata, Phoca pantherhia, Halichoerus grypus, Monachus albiventer. „ decipiens Krabbe in Cystophora cristata, Trichechus rosmarus, Phoca groenlandica, Phoca barbata, Phoca vitidina, Phoca annellata. „ bulhosa CoBB. in Phoca barbata. „ Simplex Rud. in Beluga leucas, Monodon monoceros, Hyperoodon rostratum, Phocaena communis. „ angulivalvis Crepl. in Balaenoptera rostrata, Balaenoptera borealis. „ Icükenfhalü Cobb. in Beluga leucas. „ halicoris Owen in Rhytina stelleri. „ rhytinae Brandt in PJiytina stelleri. „ capsularia Rud. in Phocaena communis. „ spiralis Rud. in Surnia nyctea. „ heteroura Crepl. in Chirndrias morinellus und Ch. pluvialis. „* charadrii Bellingh. in Äegialites hiaticula. „ marecae Bellingh. in Anas penelope. „ spiculigera Rud. in Mergus serrator, Colymbus septentrionalis, Colymbus arcticus, Larus tridactylus, Larus fuscus, Larus marinus, Lestris pomarina, Lestris parasitica, Colymbus rufogularis, üria triole, Alca tarda, Carbo cristatus. „ arctica v. Linstow aus Diomedea leucops. „ sternae hirundinis Bellingh. aus Sterna hirundo. „ communis Dies, in Scbastes norvegicus, Gottus scorpius, Gadus morrhua, Gadus aeglefinus, Salmo arcticus. „ angidata Rud. aus Cottus scorpius. „ constricta Rud. in Cottus scorpius. „ adunca Rud. in Gadus carbonarius. „ rotundnta Rud. in Gadus morrhua. „ clavata Rud. in Gadus morrhua, Gadus aeglefinus, Merlangus vulgaris, Gadus virens. „ Salaris GoEze in Gadus morrhua- „ tenuissima Rud. in Merlangus vulgaris. „ collaris Rud. in Hippoglossus maximus. „ acus Bloch in Clupea harengus. „ gracilescens Rud. in Clupea harengus. „ clupearum Fabr. in Clupea harengus. „ clupeae Van Bened. in Clupea harengus. Fauna Arctica. 17 130 O. VON LINSTOW, Äscaris ^capsularia RuD. in Gadus morrhua, Gaäus carbonarius, Gadus aegleßnus, Merlangus vulgaris, Hippoglossus maximus, Clupea harengus. „ gadi aeglefini Dies, in Gadus aeglefiaus. „ gadi merlangi Dies, in Merlangus vulgaris. Ascaropsis morrhüae Dies, in Gadus morrhua. Anhylostomum trigonocephalum Rud. in Canis lagopusl Pseudalius alatus Leuck. in Monodon monoceros. „ tumidus Schneider in Phocaena communis. „ convolutus Kuhn in Phocaena communis, Glöbiocephalus svineval. „ minor Kuhn in Phocaena communis. „ inflexus Duj. in Phocaena communis. Liorhynchus gracilescens Rud. in Phoca harbata. Ophiostomum dispar Rud. in Phoca barhata und Ph. groenlandica. Filaria hebetata Cobbold in Cystophora cristata. „ crassicauda Crepl. in Balaena mysticetus, Balaenoptera rostrata. „ spirocauda Leidy in Phoca vitulina. „ inflexocaudata v. Sieb, in Phocaena communis. „ attenuata v. Linstow in Hirundo rustica. „1 obtusa Rud. in Hirundo rustica. „ tricuspis Fedt. in Hirundo rustica. „] aculeata Crepl. in Aegialites hiattcula, Tringa alpinoi „ tringae Dies, in Tringa alpina. „ echinata v. Linstow in Merlangus vulgaris. „ obvelata Crepl. in Larus fuscus, L. canus, L. marinus, Mergus serrator, TJria grylle, Alca torda, „ tridentata v. Linstow in Colymbus arcticus. „ crassiuscula v. Nord, in Gadus aeglefinus. Spiroptera pachyderma Crepl. in Falco aesalon. „ charadrii pluvialis Bellingh. in Gharadrius pluvialis. „ crassicauda Crepl. in Harelda glacialis, Mergus serrator, Colymbus septentrionalis, Colymbus arcticus, Colymbus rufogularis- „ adunca Crepl. in Colymbus septentrionalis, Larus marinus, Larus fuscus, Larus canus. „ acanthocephalica Molin in Sterna hirundo. „ capillaris Molin in Sterna hirundo. HeteraJcis compar Schrank in Lag opus mutus. „ vesicularis Frölich in Lagopus mutus. „ borealis v. Linstow in Lagopus mutus. „ dispar Zed. in Anser segetum, Bernicla leucopsis. „ inflexa Rud. in Anas acuta. „" fovealata Rud. in Gadus morrhua, Hippoglossus maximus. Cucullanus percae Abildg. in Sebastes norvegicus. Daenitis gadorum Van Bened. in Gadus morrhua und Gadus carbonarius. Nematoideum Scymni glacialis Van Bened. in Laemargus borealis, Tropidocerca inflata Dies, in Charadrius pluvialis, Somateria mollissima, Mergus serrator, Harelda glacialis. Die Nematoden. j-jj Tropidocerca paradoxa Dies, in Tringa alpina, Anser cinereus. Strongylus nodularis Dies, in Tringa alpina, Anser cinereus, Anser alhifrons, Bermcla leucopsis, Somateria mollis- sima, Oidemia fusca, Oidemia nigra, Anas penelope, Anas acuta, uncinatus Lundahl in Anser alhifrons, Oidemia nigra, tenuis Eberth in Anser cinereus. acutus Lundahl in Somateria mollissima, Oidemia fusca, Oidemia nigra, Anas 7Je»jeZope, Anas acuta, monodon v. Linstow in Oidemia nigra, arcticus Cobb. in Beluga leucas. Oxyuris ambigua RuD. in Lepus glacialis. Hystrichis pachycephalus Molin in Cygnus olor.^ „ tuhifex Dies, in Colymbus septentrionalis, Colymbus arcticus, Anas acuta, Alca tarda. Cosmocephalus papillatus Molin in Larus canus. Sclerostomum cyathostomum Dies, in Larus fuscus. Trichosoma contorfum Crepl. in Uria grylle, Larus canus, Aegialites hiaticula. „ brevicoUe Rud. in Harelda glacialis, Oidemia fusca, Mergus serrator. „ curvicauda Duj. in Hirundo rustica. Ancyracanthus longicornis Hempr. und Ehrenb. in Tringa alpina. Eustrongylus Dies, in Phoca vitidina. 2. Freilebende Nematoden. Apkelenchus nivalis Aurivillius. Dorylaimus langii Cobb. Tylenchus gracilis Cobb. Anoplostoma gracile v. Linstow. Thoracostoma denticaudatum Schneider. Enoplus communis Bastian. „ edentatus v. Linstow. Spilophora impatiens Cobb. „ punctata v. Linstow. C. Subantarktisehe Nematoden-Fauna. I. Parasitische Nematoden. Ascaris simplex Rud. in Otaria jtibata. patagonica v. Linstow in Otaria jubata und Otaria ursina. osculata Rud. in Otaria jubata, Stenorrhynchus leptonyx, Cystophora proboscidea. similis Baird in Phoca spec. ? spec. ? in Cystophora proboscidea. adunca Rud. in Äther inichthys microlepidotus. spicuUgera Rud. in Spheniscus papua und Larus fuscus. 17* 132 O. VON LINSTOW, Die Nematoden. Filaria squamata v. Linstow in Carlo eormoranus. „ dubia Leidy in Diomedea exulans. „ ohvelata Crepl. in Larus fuscus. Spiroptera adunca Crepl. in Larus fuscus. Tropidoeerca certa Leidy in Diomedea exulans. Sclerostomum cyathostomum Diesing in Larus canus. Ankylostomum sienocephalum Raillet in Canis asarae. 2. Freilebende Nematoden. Leptosomatum antarcticum v. Linstow. „ setosum v. Lin.stow. „ spec. ? V. Linstow. „ spec. ? V. Linstow. Oncholaimus antarcticus v. Linstow. „ spec. ? V. Linstow. Symplocostoma antarcticum v. Linstow. Enoiüus atratus v. Linstow. „ michaelsenii v. Linstow. „ erythropkthalmus v. Linstow. Äntieoma reflexum v. Linstow. „ spec. ? V. Linstow. Monhystera spec. ? v. Linstow. Eucliromadora spec. ? v. Linstow. Der subarktischen und subantarktischen Fauna gemeinsam sind Ascnris spicuUgera und adunca, Spiro- ptera adunca, Filaria ohvelata, Sclerostomum cyathostomum, Anhylostomum stenocephalum; durch schnell- und weitfliegende Vögel können die Parasiten leicht vom Norden nach dem Süden und umgekehrt getragen werden ; Ankylostomum stenocephalum lebt in Europa im Hund und Fuchs und könnte durch den Haushund nach Patagonien gebracht sein ; merkwürdig aber ist das Vorkommen von Ascaris osculata in den nordischen Gattungen und Arten Tricheclius, Ealichoerus, Cystophora cristata, Phoca foetida, groenlandica, barbata, vitulina, annellata, pantJierina, Monachus und den auf den Süden beschränkten Cystophora prohoscidea, Stenorhynchus, Otaria. Vermutlich hat die Erde in früheren Perioden überall annähernd gleiche Bedingungen für die Ent- stehung der Tiere geboten, deren Verbreitung früher wahrscheinlich eine annähernd universelle war, und so ist es vielleicht zu erklären, daß Ascaris osculata jetzt in subarktischen wie subantarktischen Breiten gefunden wird ; früher lebte vermutlich der Parasit in den nebeneinander vorkommenden Meersäugetieren, die sich jetzt in eine nördliche und eine südliche Gruppe getrennt haben. Ärktisclie und subarktische Holotliuriea. Von Hubert Ludwig in Bon n. Uie folgenden Blätter enthalten ein ergänzendes Gegenstück zu meiner im vorigen Jahre veröffent- lichten Bearbeitung der Holothurien des antarktischen und subantarktischen Gebietes (Holothurien der Ham- burger Magalhaensischen Sammelreise, Hamburg, L. Friederichsen u. Co., 1898). Sie behandeln die sämtlichen bis jetzt bekannt gewordenen Arten der arktischen und subarktischen Meere in der Weise, daß bei jeder Art außer der darauf bezüglichen sorgfältig revidierten Litteratur eine kritische Zusammenstellung aller über die horizontale und vertikale Verbreitung der Art vorliegenden Mitteilungen älterer und neuerer Forscher gegeben wird. Da die Herren Römer und Schaudinn von ihrer Expedition keine einzige neue Holothurien-Art und im übrigen fast nur solche heimgebracht haben, deren Auftreten bei Spitzbergen bereits bekannt war, so habe ich den Bericht über ihre Ausbeute nicht in einem besonderen Abschnitte vorausgeschickt, sondern mit der Besprechung der einzelnen Arten verbunden. Von den 12 Arten, die man schon von Spitzbergen kannte — es sind 7 Cucumariiden (Cucumaria frondosa, C. minuta, C. glacialis, Orcula barthii, Phyllophorus jjellucidus, Psolus pJiantapus, Ps. fahricii), 3 Molpadiiden {Eupyrgus scaber, Trochostoma boreale, Änlcyroderma jeffreysh) und 2 Synaptiden (Chiridota laevis, Myriotrochus rinJcii) — wurden 2 (Orcula bartliii und Psolus fabricü) von Römer und Schaudinn nicht angetroffen ; dagegen sammelten sie 2 andere (Phyllophorus drum- mondii und Psolus operculatus), deren Vorkommen im spitzbergischen Gebiete neu ist. Besonders bemerkens- wert ist das Auftreten des bis jetzt nur von Amerika bekannt gewesenen Psolus operculatus an einem nördlich von Spitzbergen in großer Tiefe gelegenen Fundorte. In betreff der bei den einzelnen Arten angeführten Litteratur sei bemerkt, daß ich in der Regel nur solche Stellen citiert habe, an denen sich irgend welche eigene Angaben des betreffenden Autors finden. Die Reihenfolge der Arten ist dieselbe wie in meiner angeführten Bearbeitung der antarktischen Formen. Dabei ergaben sich aber Aenderungen insofern, als ich von den dort aufgezählten Arten Stichopus griegi Oestergren jetzt als Varietät zu Sticliopus tremulus (Gunn.) gestellt, Cucumaria miniata (Br.) und Cucu- mnria vegae Theel nur nebenbei bei Cucumaria frondosa (Gunn.) erwähnt, Cucumaria mosferensis Grieg nach der von ihrem Autor selbst gegebenen Aufklärung zu Cucumaria lactea (Forbes) gerechnet und Orcula luminosa Lampert mit Orcula barthii Troschel vereinigt habe. — Die in der Römer -ScHAUDiNN'schen Sammlung nicht vertretenen Arten sind mit '■'' bezeichnet. Die geographischen Ortsbezeichnungen habe ich meistens auf ganze Grade abgerundet und alle Tiefenangaben in Meter umgerechnet. Der nördlichste bekannte Fundort einer Holothurie überhaupt bleibt auch jetzt noch die von Duncan und Sladen (1881) erwähnte Fundstelle von Myriotrochus rinkii unter 81° 41' n. Br. in der Discovery-Bai. 136 * HUBERT LUDWIG, I. Farn. Holothuriidae (Aspidoehirotae). a) Holothuriinae. *1. Stichopus sitchaensis (Brandt). 1835 Diploperideris sitchaensis Brandt, p. 52.^ 1881 Stichopus sitchaensis Ludwig, p. 590. 1898 „ „ Ludwig, p. 9, 10. Nur von Sitcha (57" n. Br.) bekannt (Brandt 1835), wo sie am Ufer vorkommt. Sie bedarf einer neuen Untersuchung i). *2. Stichopus tremultis (Gunnerus). 1770 Hölothuria tremula Gunnerus, p. 125 — 127, Taf. IV, Fig. 3. 1788 „ elegans 0. F. Müller, Fase. 1, p. 1—3, Taf. I— IIL 1805 „ tremula Ascanius, Taf. XLIV. 1846 „ „ DüEEN und Koken, p. 319—320, Taf. IV, Fig. 24—27. 1857 „ „ LüTKEN, p. 64, 69, 104. 1861 „ „ M. SARS, p. 113. 1861 „ ecaharca M. Saes, p. 114—116, Taf. XI, Fig. 18—22. 1867 „ tremula Selenka, p. 340, Taf. XIX, Fig. 90—93. 1875 „ ,, MöBius und Bütschli, p. 151. 1880 „ „ Norman, p. 435. 1882 „ „ Hoffmann, p. 20. 1882 „ „ Danielssen und Koren, p. 78. 1882 „ ecalcarea, Danielssen und Koren, p. 81. 1883 „ tremula Ludwig (Kieler Museum), p. 169. 1885 „ „ Lampert, p. 83. 1886 „ ,, Tiieel (Challenger), p. 212. 1886 „ ecalcarea Theel (Challenger), p. 237. 1889 „ tremula Bell, p. 444. 1891 „ „ Sladbn, p. 702. 1892 „ „ Bell (Catalogue), p. 49, Taf. VI, Fig. 4. 1892 „ „ Bell (Research), p. 326. 1892 „ „ Bell (Fingal), p. 522. 1893 „ „ Norman, p. 347. 1893 „ „ Nokdgaard, p. 10. 1893 „ „ V. Marenzellbr (Atiantique Nord), p. 9. 1895 „ „ Sluiter, p. 79. 1895 „ „ Koehlee, p. 14, Fig. 17. 1896 „ „ KoEHLER, p. 485. 1896 „ „ Koehlee, p. 108. 1896 „ „ Appellöf, p. 6, 11. 1896 „ „ Geieg, p. 4, 12. 1897 „ „ Appellöf, p. 6, 12. 1897 Stichopus iremulus Oestergren, p. 7—9, Fig. 25—36. 1897 „ (Hölothuria) tremulus Gribg, p. 36. 1898 „ „ „ Grieg, p. 5, 7, 11, 12, 24. 1898 „ tremulus, Ludwig, p. 9, 10 — 11. I) Sluiter (1895, p. 79) rechnet zu dieser Art auch ein Exemplar des Amsterdamer Museums von den Molukken, giebt aber nichts Näheres darüber an. Arktische und subarktische Holothurien. 137 Kommt an der ganzen skandinavischen Westküste von Bohuslän und dem Christiania-Fjord bis Finmarken, also von 58° — 71" n. Br., vor (Gunnerus 1770, O. F. Müller 1788, Düben und Koren 1846, LüTKEN 1857, M. Sars 1861, MöBius Und BüTSCHLi 1875, Ludwig 1883, Lampert 1885, ThSel 1886, Norman 1893, Nordgaard 1893, Sluiter 1895, Appellöf 1896, 1897, Grieg 1896, 1897, 1898, Oestergren 1897), reicht westhch von Norwegen (Hoffmann 1882, Danielssen und Koren 1882) bis zu den Färöer (LüTKEN 1857) und bis zu 64° n. Br. (Danielssen und Koren 1882), geht aber nicht, wie ich früher (1898) irrtümHch angab, bis in die Barents-See, sondern ist nördhch und östHch von Finmarken noch nicht sicher bekannt 1). Südwärts setzt sich das Wohngebiet an der Westküste von Schottland und an Irland (Sladen 1891, Bell 1892) vorbei in den Golf von Biscaya (Koehler 1896) und an die Nordküste Spaniens (v. Maren- zeller 1893) fort und erreicht hier bei 43" n. Br. seine südliche Grenze. Nach dieser Gestalt des ganzen Verbreitungsgebietes kann man die Art wohl als subarktisch, nicht aber als rein arktisch bezeichnen. Sie lebt, soweit wir wissen, auf schlammigem, lehmigem, seltener auf sandigem Boden. Die Tiefen ihrer Fundorte gehen von 18—1229 "i- *2a. Stic/iojms tretmiltis var. griegi Oestergren. 1897 Stichopus griegi Oe.stergeen, p. 4 — 6, Fig. 1 — 24. 1898 „ „ Ludwig, p. 9, 10. Nur in einem einzigen Exemplare von der Südwestküste Norwegens (etwa 60° n. Br.) aus 146 — 183 m Tiefe bekannt (Oestergren 1897). Wegen ihrer nahen Verwandtschaft mit Stichopus tremuhis möchte ich diese Form als Varietät zu St. tremulus ziehen. b) Synallactinae. *3. Bathyplotes natans (M. Sars). 1868 Holoihuria natans M. Saes, p. 4 (des Separatabdruckes). 1872 Stichopiis natans G. 0. Sars, p. 30 — 31. 1877 „ „ M. SAE.S, p. 58-65, Taf. VII, Fig. 18—41. 1880 „ „ Stor.m, p. 119—120. 1882 „ „ Danielssen und Koken, p. 78. 1886 „ „ Theel (Cballenger), p. 193. 1889 „ „ Geieg, p. 7. 1891 „ „ «laden, p. 702-'). 1896 Batlnjplotes natans Oesteegebn, p. 352—353, Taf. XVIII, Fig. 27—35. 1896 Stichopus natans Appellöf, p. 11. 1896 „ „ Geieg, p. 4, 12. 1898 Bathyplotes natans Ludwig, p. 9, 10. Ist nur von der Westküste Norwegens vom 60"— 69" n. Br. sicher bekannt'-). Insbesondere wurde sie gefunden im Hardanger-Fjord (G. O. Sars 1872), bei Moster (Grieg (1889), im Bergens-Fjord (Grieg 1896), im Herlö-Fjord (Appellöf 1896), Sogne-Fjord (Danielssen und Koren 1882), Throndhjem-Fjord 1) Möglicherweise lebt sie aber doch auch an der Murmanschen Küste; denn Jakzynsky (1S85, p. 171) erwähnt von dort eine „Eolothuria calcarea Sars", mit der vielleicht — eine calcarea hat Sars niemals aufgestellt — die mit Stichopus tremuhis identische ecalcarea SARS gemeint ist. 2) Die Bestimmung eines von Sladen (1891) von 50° n. Br., 11" 50 w. L. {= westhch von Südirland) aus 1372 m ange- gebenen Exemplares wird von Bell bezweifelt (Bell 1892, p. 51). Ebenso ist das Vorkommen im westlichen Teile des Atlantischen Oceans zweifelhaft. Theel (1896 [Blake] p. 5) giebt sie zwar von St. Kitts (kleine Antillen) aus 380 m an, setzt aber, um die Unsicherheit der Bestimmung anzudeuten, ein ? hinzu. Fauna Arctica. ^° 138 HUBERT LUDWIG, (Storm 1880) und an den Lofoten (M. Sars 1868). Soweit Angaben über die Bodenbeschaffenheit vor- liegen, scheint sie eine weiche Unterlage (Schlamm oder sandigen Lehm) zu bevorzugen. Die Tiefenangaben bewegen sich zwischen 183 und 1229 m. *i. Bathyplotes tizardi (Theel). 1892 Stichopus (?) tizardi Th^el (Kniglit Errant), p. 696— G97. 1886 Stichopus „ Thäel (Challeuger), p. 193. 1892 „ „ Bell, p. 51. 1896 „ „ KoBHLEE, p. 486—488, Fig. 13 und 14. 1896 „ „ KoEHLBE, p. 108-111, rig. .33—35. 1896 Bathyplotes tizardi Oestergkbn, p. 354, Taf. XVIII, Fig. 36 — 43. 1897 „ „ Appellöf, p. 4, 12. 1898 ,, „ Ludwig, p. 9, 10. Gehört dem subarktischen Bezirke des östlichen Atlantischen Oceans an und erreicht den Polarkreis nicht. Man kennt sie aus dem Golf von Biscaya (Köhler 1896), aus dem Färöer-Kanal (Theel 1882, 1886) und von der Südwestküste Norwegens, von Bergen und aus dem Oster-Fjord (Oestergren 1896 und Appellöf 1897). Das ganze Verbreitungsgebiet geht demnach vom 44" — 60" n. Br. Die Tiefen der Fund- stellen bewegen sich zwischen 400^) bis 1300 m. *5. Bathyplotes fallaaa Oestergren. 1896 Bathjplotes fallax Oestergkbn, p. 355, Taf. XVIII, Fig. 44. 1898 „ ., Ludwig, p. 9, 10. Nur von Bergen (= ca. 60" n. Br.) in einem einzigen Exemplare aus 400 — 500 m bekannt; verwandt mit Bathyplotes tizardi. * 6. llesothuria intestinalis ( Ascanius) -). 1805 Holothuria intestinalis Ascanius, p. 5, Taf. XLV. mollis M. Sars, p. 40. intestinalis Düben und Koren, p. 320—322, Taf. IV, Fig. 28—33. FoEBES und GooDsiR, p. 309, Taf IX, Fig. 1. „ LÜTKEN, p. 68, 104. „ M. Saes, p. 113. n scahrum M. Saes, p. 3—4. intestinalis G. 0. Saes, p. 28, Anm. „ MüBius und Bütschli, p. 151. „ V. Maebnzellee (Mittelmeer), p. 121. „ Danielssen und Koren, p. 78, 81. „ Ludwig (Kieler Museum), p. 174. „ Jarzynskt, p. 171. „ Lampeet, p. 60 — 61, 288. „ KüKEXTHAL und Weissenboen, p. 780. „ TmfcEL (Challenger), p. 209. verrilli Thäel (Blake), p. 6. 1) Nach Oestergren kommt sie wahrscheinlich auch schon in 225 ra im Hardanger-Fjord vor. 2) Mit Koehler (1896) habe ich im Gegensatze zu Oestergren (1896) die Holothuria verrilli Thäel mit H. mtestinalis vereinigt. XfOKjfJ )? 1846 )J 1851 )I 1857 J) 1861 ?) 1868 Thyonidiu'i 1872 Holothuria 1875 T) 1877 11 1882 V 1883 11 1885 11 1885 11 1886 11 1886 11 1886 n Arktische und subarktische Holothurien. j ^g 1889 Holothuria intestinalis Grieg, p. 7. 1890 „ „ HoYLE, p. 458, 470. 1891 „ „ Sladen, p. 702. 1892 „ „ Bell (Catalogue), p. 48—49, Taf. VI, Fig. .3. 1892 „ „ Bell (Fingal), p. 522. 1893 „ „ NOEDÖAAED, p. 10. 1893 „ verrilli v. Maeenzeller (Atiantique Nord), p. 7—9, Taf. I, Fig. 2; Taf. II, Fig. 2. 1893 „ intestinalis v. Maeenzeller (Mittelmeer), p. 15. 1895 „ „ V. Marenzellee (Mittelmeer), p. 21, 24. 1895 „ „ Sluitee, p. 78. 189ß „ „ Koehlbr, p. 484—485. 1896 „ „ Koeulbe, p. 10(i— 108. 1896 „ „ Oesteegren, p. 347—351, Taf XVIII, Fig. 1—26. 189G „ „ Appellöf, p. 4, 6, 11. 1896 „ „ Grieg, p. 4, 12. 1896 „ „ var. verrilli Hi:RouARD, p. 163. 1897 „ ,, Appellöf, p. 12. 1897 Mesothuria {Holothuria) intestinalis Grieg, p. 36. 1898 „ „ „ Grieg, p. 4, 5, 7, 11, 12, 24. 1898 „ intestinalis Ludwig, p. 9, 10 — 11. Vom karaibischen Meere und den Antillen (Theel | Blake] 1896), wo die Art zwischen 12" — 18" n. Br. lebt, geht sie quer durch den Atlantischen Ocean an den Azoren (v. Marenzeller [Atiantique Nord] 1893, Herouard 1896) vorbei bis ins östliche Mittelmeer (v. Marenzeller 1893, 1895) und durch den Golf von Biscaya (Köhler 1896) zur Westküste Irlands (Sladen 1891, Bell [Fingal] 1892) und Schottlands (Forbes und GooDSiR 1851, Hoyle 1890, Bell [Catalogue] 1892) und weiter östlich zur Westseite der skandina- vischen Halbinsel, wo sie von Bohuslän bis Finmarken, also zwischen 58° und 71" n. Br. häufig ist (M. Sars 1835, 1861, 1868, DüBEN und Koren 1846, Lütken 1857, Möbius und Bütschli 1875, Danielssen und Koren 1882, Lampert 1885, Kükenthal und Weissenborn 1886, Nordgaard 1893, Sluiter 1895, Grieg 1889, 1896, 1897, 1898, Appellöf 1896, 1897). Noch weiter östlich wird sie nur noch von der Murmanschen Küste (Jarzynsky 1885) angegeben. Von West nach Ost geht demnach ihr Verbreitungs- gebiet vom 87" w. L. bis 40" ö, L. (= durch 133 Längengrade) und von Süd nach Nord erstreckt es sich vom 12" — 71" n. Br. Das ganze Gebiet ist schräg von Südwest nach Nordost gerichtet, so daß es im westlichen atlantischen Bezirke nur von 12" — 18", im östlichen (einschließlich des Mittelmeeres) aber vom 30" — 71" n. Br. reicht. Im Kanal, an den Küsten Englands, im südlichen und westlichen Teil der Nordsee und an den dänischen Küsten ist die Art unbekannt. Nach ihrem Wohngebiet kann sie als rein atlantisch-subarktisch bezeichnet werden. Sie findet sich besonders auf schlammigem, lehmigem Boden, seltener auf sandiger oder gar steiniger Unterlage. In vertikaler Richtung gehört sie sowohl der littoralen als auch der ab3'ssalen Region an, denn sie geht von 18 m abwärts bis in Tiefen von 2028 m. Ihre tiefsten Fundstellen liegen an den Antillen und Azoren, im Mittelmeer, südwestlich von Irland, an den Lofoten und westlich von Südnorwegen (550—2028 m) ; die niedrigsten an Westschottland und an der norwegischen Küste. 18" 140 HUBERT LUDWIG, 1877 1878 1880 1882 1882 1886 1895 1898 II. Farn. Elpidiidae (Elasipoda). *7. Elpidia glacialis Theel. 1876 Elpidia glacialis Theel, p. 3 — 7. THf:EL, p. 1—30, Taf. I— V. Stuxberg, p. 28. Stu-xbeeg, p. 23. Theel (Challenger), p. 18—19. Danielssen und Koren, p. 80, 81. Stuxberg, p. 155. Sluiter, p. 81. Ludwig, p. 11 — 12. Diese arktische Art bewohnt das Gebiet von Grönland bis ins Karische Meer, zwischen 40" und 66* ö. L. und 63" — 78" n. Br. Von Grönland kennt man sie durch Theel (1877), aus dem nordatlantischen Ocean zwischen Island, Grönland, Spitzbergen und Norweo^en durch Danielssen und Koren (1882), aus der Barents-See durch Sluiter (1895), aus dem Karischen Meer durch Theel (1876, 1877) und Stuxberg (1878, 1880, 1886) 1). Sie hält sich auf Lehmboden in Tiefen von 70— 2814 m auf. Im nördlichen atlantischen Eismeer kennt man sie nur aus großen Tiefen von 1423 — 2814 m, dagegen lebt sie im Karischen Meere in den littoralen Tiefen von 70—230 m. *8. KoUfa nana Theel. 1879 Elpidia nana Thüel, p. 15—16, Taf. II, Fig. 20—22. 1882 Kolga nana Th£el (Challenger), p. 39—42; Taf. II, Fig. 3 und 4; Taf. XXXIII, Fig. 1 und 2 ; Taf. XXXIV, Fig. 5; Taf. XXXVI, Fig. 25; Taf. XLII, Fig. 5 und 8. 1898 Kolga nana Ludwig, p. 12. Die Art, deren etwaige Zusammengehörigkeit mit Kolga hyalina noch zu prüfen bleibt, ist südlich von Neu-Schottland unter 42* n. Br., 64" w. L. auf Schlammboden in 2286 m Tiefe gefunden worden. Ob das eine Exemplar, welches Theel außerdem aus dem antarktischen Teile des Indischen Oceans (61 <* s. Br., 80" ö. L.) aus 2304 m erwähnt, wirklich zu derselben Art gehört, konnte er bei dem defekten Zustande desselben nicht sicher feststellen. *9. Kolga hyalina Danielssen und Koren. 1879 Kolga hyalina Danielssen und Koren, p. 83 — 106, Taf. I und IL 1882 „ „ ThSel (Challenger), p. 39. 1882 „ „ Danielssen und Koren, p. 3—20, 80, 81, Taf. I— HL 1898 „ „ Ludwig, p. 12. Nur aus dem nordatlantischen Eismeere südwestlich von Spitzbergen unter 72"— 78" n. Br. bekannt; Tiefe 2030— 2438 m; Lehmboden (Danielssen und Koren 1882). I) Theel berichtet ferner (1882, Challenger, p. 18 — 19) von einem südüch von Australien gefischten Exemplare. Dasselbe unterscheidet sich aber, wie er selbst angiebt, in verschiedenen Punkten von den nordischen. Man wird also weitere Unter- suchungen abwarten müssen, um über die Frage des subantarktischen Vorkommens der echten E. ylaciaUs zu einem sicheren Entscheid zu kommen. Arktische und subarktische Holothurien. I^j *10. Irpa abyssicola Danielssen und Koren. 1878 Irpa ahyssicola Danielssen und Koren, p. 257 — 266, Taf. IV. 1882 „ „ Danielssen und Koren, p. 21—28, 80, ^1, Taf. IV, Tig. 1 — 14. 1882 „ „ Thjjel (Challengerj, p. 38. 1898 „ „ Ludwig, p. 12. Nur in einem einzigen Exemplare bekannt, das im nordatlantischen Gebiet nordöstlich von den Färöer (63" n. Br., i "^' w. L.) auf Lehmboden in 1977 m gefunden wurde (Danielssen und Koren 1878, 1882), III. Farn. Cueumariidae (Dendroehirotae). 11. Cuciiniafia fronclosa (Gunnerus). 1770 Holothuria frondosa Gunnerus, p. 121 — 125, Taf. IV, Fig. 1 und 2. 1780 „ pentacies Fabricius, p. S52 — 353. 1780 „ frondosa FABiucirs, p. 353. 1788 „ pcntactes 0. F. Müllbk, Bd. 1, p. 36, Taf. XXXI, Fig. 8. 1788 „ „ 0. F. Müller, Bd. 8, p. 45—46, Taf. CVIII, Fig. 1—4. 1806 „ „ 0. F. Müller, Bd. 4, p. 3—7, Taf CXXIII— CXXVn. 1840 „ „ Thompson, p. 247. 1841 Cladodadyla pentactes Gould, p. 345. 1841 Cucumaria frondosa Forbes, p. 209-212, Abbild, auf p. 209 und 210. 1841 „ fucicola Forbes, p. 227, Abbild, auf p. 227. 1844 „ pentactes Thompson, p. 279. 1846 „ frondosa Düben und Koben, p. 293—296, Taf IV, Fig. 1. 1850 „ „ M. Saes, p. 163. 1851 Botryodactyla grandis Avres, p. 52 — 53. 1851 „ affinis Ayres, p. 145. 1851 Holothuria pentacies D.\lyell, p. 21 — 35, Taf. I — VII. 1852 Cucumaria fucicola Forbes, p. CCXIV. 1853 Pentacta frondosa Stimpson, p. Ki — 17. 1855 „ „ Ayres, p. 71. 1857 Cucumaria frondosa Lütken, p. 2 — H, 58, 59, 61, 63, 64, 68 — 69, 104. „ M'Andrew und Barrett, p. 43, 45. „ M. SARS, p. 100. „ Stimpson, p. 142. „ Vebrill, p. 352, 357. Seleska, p. 347—348, Taf. XIX, Fig. 102. affinis Selenka, p. 348. frondosa Semper, p. 52, 234 — 235, 268. „ PoURTALfiS, p. 359, 361. ,, V. Hbuglin, p. 258. „ M'Intosh, p. 96—97. „ Norman, p. 207. „ Düncan und Sladen, p. 450, 451 — 452, 469. „ Ljuxgman, p. 127. fucicola Ljungman, p. 127 — 128. frondosa Düncan und Sladen, p. 2 — 5, Taf I, Fig. 1 und 2. „ Danielssen und Koren, p. 77, 81. „ Ludwig, p. 1 29. „ Ludwig, p. 159. „ Lampert, p. 135—136, 289. „ Jarzynskt, p. 171. 1857 )J 1861 )? 1863 Pentacta 1866 jj 1867 Cucumaria 1867 ji 1868 j) 1869 )) 1874 j' 1875 »(?) 1876 j) 1877 I) 1879 ') 1S79 1) 1881 J5 1882 5) 1882 JJ 1883 )» 1885 )) 1885 »1 1886 Cucumaria 1886 »? 1886 )) 1886 )j 1889 )) 1890 jj 1892 '? 1892 )? 1893 )! 1894 )) 1895 JJ 1896 » 1898 iy 142 HUBERT LUDWIG, 1885 Pentacta frondosa Muedoch, p. 156 — 157. Thübl (Challenger), p. 110—111. ,, Levinsen, p. 3 {= 383). „ Fischer, p. 10. ,, KüKENTiiAL und Weissenboen, p. 780. I, Grieg, p. 4. ,, Pfeffer, p. 88, 95. Bell (Catalogue), p. 39—40, Taf. IV, Fig. 2. fucicola Bell (Catalogue), p. 40. frondosa Nordgaaud, p. 10. „ Pfeffer, p. 123. I, Sluiter, p. 80. „ Grieg, p. 4, 12. „ Ludwig, p. 58, 61. Im Westen des Atlantischen Oceans kennt man diese Art vom Florida-Riff (Pourtales 1869) und von Massachusetts bis Labrador (Gould 1841, Ayres 1851, Stimpson 1853, Verrill 1866, Ludwig 1882, Lampert 1885)^) und weiter nördlich aus der Baffins-Bai (Duncan und Sladen 1877, 1881) und aus der Assistance-Bai (75" n. Br.) der Barrow-Straße (Forbes 1852). An der Westküste Grönlands ist sie bis zum 69" n. Br. nachgewiesen (Fabricius 1780, O. F. Müller 1788, Lütken 1857, Stimpson 1863, Norman 1876, Ludwig 1882, 1883). Ferner kennt man sie im nordatlantischen Ocean von Island (O. F. Müller 1788, Lütken 1857, Ludwig 1883), von Jan Mayen (Fischer 1886) und von den Färöer (Lütken 1857, Bell 1892, Sluiter 1895). An Skandinavien soll sie nach Düben und Koren (1846) südlich bis ins Kattegat gehen ; die neueren Forscher aber haben sie weder im Oere-Sund (Lönnberg 1898) noch im Kattegat (Petersen 1889) angetroffen und auch im Skager Rak wird sie von keinem Autor erwähnt. Nach den neueren Angaben über ihr Vorkommen an der norwegischen Küste scheint sie südlich nicht weiter als bis zum Hardanger- Fjord (59 " n. Br.) zu gehen ; nordwärts von hier aber findet sie sich an der ganzen norwegischen Küste bis zum Nordcap und Finmarken (Gunnerus 1770, O. F. Müller 1S06, Düben und Koren 1846, M. Sars 1850, 1861, Lütken 1857, M' Andrew und Barrett 1857, Lampert 1885, Kükenthal und Weissen- born 1886, Grieg 1889, 1896, Nordgaard 1893, Sluiter 1895). Von hier setzt sich ihr Wohngebiet über die Bären-Insel (Danielssen und Koren 1882) nach Spitzbergen fort. Anderseits geht sie südwestlich von Norwegen an den Shetland-Inseln (Forbes 1841, Dalyell 1851, Ludwig 1882) und Orkney-Inseln (Bell 1892) vorbei an die Küsten von Schottland (Forbes 1841, Dalyell 185 i, M'Intosh 1875, Bell 1892), Irland (Thompson 1840, 1844, Theel 1886) und Südwest-England, wo Plymouth (Bell 1892) ihr südlichster Fundort ist (50* n. Br.). Den Kanal durchschreitet sie nicht und ist auch im südlichen Teile der Nordsee und an der dänischen Küste unbekannt 2). An Spitzbergen (v. Heuglin 1874, Ljungman 1879) wurde sie an der Westküste von West-Spitzbergen und in der Hinlopen-Straße bis 80" n. Br. gefunden. Auch aus der Barents-See (Sluiter 1895), von der Murman'schen Küste (Jarzynsky 1885, Pfeffer 1890) und aus dem Karischen Meere (Levinsen 1886) wird sie erwähnt. Dagegen giebt Stuxberg (1880) sie aus dem sibirischen Eismeere nicht an. Jenseits der Berings-Straße kennt man sie an der Nordküste von Alaska bei Point Franklin (Murdoch 1885). Im Gebiet des Stillen Oceans wird sie nur von Ayres (1855) von San Franzisco angeführt. Diese Angabe dürfte sich aber wohl zunächst auf dieselbe Form beziehen, welche Semper (1868) unter dem Namen Cucumaria californica beschrieben hat. Auch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß Ayres die von Sitcha (Brandt 1835, Ludwig 1881) und Alaska (Ludwig 1874) bekannte 1) Von der Neufundland-Bank (44" n. B., 50" w. L.) lagen mir durch die Güte von Th. Barrois 2 Exemplare aus 60 m Tiefe vor. 2) Das angebliche Vorkommen der Cucumaria frondosa im Mittelmeer beruht einzig und allein auf einer sehr zweifelhaften Notiz von Semper (1868, p. 235). Arktische und subarktische Holothurien. j .- und nach Selenka (1867) auch an der kaUfornischen Küste vorkommende Cucumaria miniata (Brandt) vor sich gehabt hat. Mag es sich nun so oder so damit verhalten, so handelt es sich doch in jedem Falle um eine der echten C. frondosa sehr nahe stehende Form, weil man sowohl hinsichtlich der C. californica Semper als auch der C. miniata (Brandt) allen Grund zu der Vermutuno^ hat, daß sie sich eines Tages beide als identisch mit C. frondosa herausstellen werden. Einstweilen freilich muß man diese Frage noch offen lassen und überhaupt wünschen, daß die durchweg unzureichend bekannten nordpacifischen Cucumarien recht bald an ausreichendem Materiale eine eingehende vergleichende Untersuchung erfahren. Ich rechne dahin : Cucumaria californica Semper (1868, p. 235, Theel [BlakeJ 1886, p. 8-9), C. japonica Semper (1868, p. 236), C. miniata (Brandt 1835, p. 44 = C. faUax Ludv^^ig 1874, P- n; 1881, p. 583—585), C. nigricans (Brandt 1835, p. 44, Ludwig 1881, p. 585-586I Pentacta piperata Stimpson 1864, p. 161), C. albida (Brandt 1835, p. 44, Ludwig 1881, p. 586— 587 ?^ Pentacta populifer Stimpson 1864, p. 161), C. verjae (Theel 1886 [Challenger], p. 114). Keine von diesen Formen wird aus höherer Breite als rund 60» n. Br. angegeben, und südlich reichen sie nicht weiter als rund 35" n. Br. Wenn sich also später einmal zeigt, welche von ihnen mit C. frondosa vereinigt werden müssen, so wird damit zugleich der nördliche Teil des Pacifischen Oceans zum Verbreitungsgebiet der C. frondosa hinzugezogen ; augenblicklich ist das aber nur vermutungsweise möglich i). Das bis heute thatsächlich Bekannte ergiebt also für C. frondosa eine horizontale Verbreitung, die nord- atlantisch in geschlossenem Zusammenhange von 94» w. L. bis jo" ö. L, d. h. durch 164 Längengrade reiclit, dann aber im Norden des asiatischen Kontinentes vom Karischen Meere bis zur Berings-Straße und weiter an der Nordküste von Alaska bis Point Franklin (159° w. L.), also durch 131 Längengrade eine Unterbrechung erfährt und auch von Point Franklin (159" w. L.) bis zur Assistance-Bai (94" w. L.) eine Lücke von 65 Längengraden hat. Wenn wir nun auch von dieser kleineren nordamerikanischen Lücke absehen und die Art ferner auch im nördlichen Pacifischen Meere annehmen, so bleibt doch immer die 120 Längengrade messende nordasiatische Strecke von 70" ö. L. bis zum Ostcap 1170" w. L.) unausgefüUt. Eine wirkliche Cirkum- polarität ist demgemäß bei dieser Art bis jetzt nicht erwiesen, sondern nur eine Zweidrittel- Cirkumpolarität. Die Art verhält sich darin ähnlich wie bei Cucumaria calcigera (p. 146), Fhyllopliorus x)ellucidus (p. 154) und Myriotroclms rinläi (p. 167). Im atlantischen Gebiete liegt westlich der südlichste Punkt ihres Vorkommens unter 24" n. Br. (Florida-Riff), östlich unter so" n. Br. (Plymouth) ; nordwärts liegt der äußerste F'undort unter 80'' n. Br. (Spitzbergen). Die Tiefen gehen von 0—402 m. Die tiefsten Fundstellen liegen westlich von Nord-Irland (402 m), am Florida-Riff (216 m) und im Karischen Meere (168 m). Sonst aber geht die Art in der Regel nicht tiefer als 130 m und lebt meistens in Tiefen von 5 — 55 m. Sie hält sich vorzugsweise auf hartem, steinigem bis felsigem Boden auf, seltener auf Sand- oder Lehmboden. Von Spitzbergen hat die „Olga" (1898) 14 Exemplare heimgebracht und in der Römer-Schaudinn- schen Sammlung befinden sich ebendaher 30 Exemplare von den Stationen 3, 6, 32, 46, 47 und 51. Station 3 und 6 liegen im Stor-Fjord (77 — 78" n. Br., 52 — iiom, Mud und Lehm mit Steinen), Station 32 bei König- Karls- Land (79'^' n. Br., 40 m, Steine mit Algen), Station 46 in der Einhorn-Bai (nördlich von Barents- Land, 78"' 40' n. Br., 60 m. Steine mit Actinien und Ascidien), Station 47 in der Wolter-Thymen-Straße (zwischen Barents-Land und Edge-Land, 78" 14' n. Br., 38 m; gelber Schlick mit vielen Steinen), Station 51 an der Spitzbergen-Bank, nordöstlich von der Bären-Insel (75" n. Br., 62 m, Steine und Schalen). i) Die Angabe von Lampert (1885). daß C. frondosa auch im Indischen Ocean an den Nikobaren vorkommen, ist so auffallend, daß man doch wohl erst eine Bestätigung ihrer Richtigkeit abwarten muß. 144 HUBERT LUDWIG, 13. Cticuniaria niinuta (Fabricius). 1780 EoloiJiuria minuta Fabeicius, p. 354—355. 1853 Ocnus ayresii Stimpson, p. 16. 1857 Cucumaria minuta Lütkbn, p. 7- — 9, 68, 104, Fig. 1. 1866 Pentacta minuta Veeeill, p. 353. 1876 Cucumaria minuta Norman, p. 206. 1882 „ „ Danielssen und Koeen, p. 77, 81, 94, Taf. XIII, Fig. 2. 1885 Ocnus minutus Lampeet, p. 130. 1886 Cucumaria minuta Th^el (Challenger), p. 115. 1890 Ocnus minutus Pbefpee, p. 88, 95. 1894 Cucumaria minuta Pfeffee, p. 109, 123, 124. 1898 „ „ Ludwig, p. 58, 61. Cucumaria minuta findet sich im westlichen Teile des Atlantischen Oceans bei Grand Manan (Stimpson 1853, Verrill 1866) und an West-Grönland (Fabricius 1780, Lütken 1857, Norman 1876), ist ferner von der Südspitze und Ostseite (Edge-Land, Barents-Insel) von West-Spitzbergen (Danielssen und Koren 1882, Pfeffer 1894) bekannt und kommt weiter östlich an der Murmanschen Küste (Pfeffer 1890) vor. Römer und Schaudinn haben nur 3 Exemplare bei Station 49 (Ryk-Ys-Inseln, östlich von Edge-Land, 77 " 49' n. Br., 60 — 80 m, Muschelschalen mit Steinen und Bryozoenresten) gesammelt, ferner haben mir 9 Exemplare vorgelegen, die von der „Olga" (1898) bei Spitzbergen erbeutet waren. Das ganze Ver- breitungsgebiet der Art geht also westlich von etwa 44" bis 69" n. Br., östlich von 68" bis 80" n. Br. und reicht von West nach Ost von 67'' w. L. bis etwa 41" ö. L., d. h. durch 108 Längengrade. Bei seiner An- gabe, daß die Art auch noch in der Nähe der Berings-Straße vorkomme, stützt sich Pfeffer (1894) auf einen von Stuxberg (1880) mitgeteilten Fundort, übersieht aber dabei, daß die STUXBERo'sche C. minuta nach den übereinstimmenden Befunden von Theel (1886) und Mortensen (1894) nicht diese Art, sondern C. glacialis ist. C. minuta ist eine rein littorale Art, da sie meistens nur in Tiefen von 2 — 65, seltener in solchen von 128 — 256 m gefunden wurde. Sie scheint sandigen und steinigen Boden zu bevorzugen, fehlt aber auch auf Lehmboden nicht. 13. Cticumaria (jlacifilis Ljungman. Cucumaria minuta Stuxberg, p. 27. glacialis Ljungman, p. 128 — 129. minuta Stuxberg, p. 21, 22, 29. glacialis Lampeet, p. 133 — 134. minuta Stuxberg, p. 153. „ Levin.sen, p. 3—7 (= 383—387), Taf. XXXIV, Fig. 1-3. glacialis Th£el, p. ]05. „ Pfeffer, p. 123. „ Mortensen, p. 704—732, Taf. XXXI— XXXII. ,, Sluiter, p. 80. „ Ludwig, p. 58, 61. Cucumaria glacialis findet sich bei Spitzbergen (Ljungman 1879), i" •^^r Barents-See (Sluiter 1895), im Karischen Meere (Stuxberg 1878, 1880, 1886, Levinsen 1886) und im sibirischen Eismeere an Tschuk- tschenland nahe dem Ostcap unter etwa 172" w. L. (Stuxberg 1880). Sie geht also von 10' ö. L. bis 172" w. L., d. h. durch 178 Längengrade. Da sie ferner nur zwischen 67'^ und 78" n. Br. bekannt ist, so stellt sie eine rein arktische Art dar. Sie lebt sowohl auf lehmigem und sandigem als auch auf Felsboden in Tiefen von 27 bis 170 m. 1878 C 'ucum 1879 1880 1885 1886 1886 1886 1894 1894 1895 1898 Arktische und subarktische Holothurieii. j ^r Römer und Schaudinn haben von Station 6 ein und von Station 8 fünf Exemplare mitgebracht. Diese Fundorte liegen in derselben Gegend, aus der die typischen Exemplare Ljungman's stammten, nämlich Station 6 im Stor-Fjord unter 78" 15' n. Br., 20" ö. L. (Tiefe 105— iiom, Lehm mit kleinen Steinen) und Station 8 im Eingang der Deevie-Bai unter 77" 23' n. Br., 21" 2' ö. L. (Tiefe 28 m, abgerollte, mit Lami- narien bewachsene Schiefer). An dem größten der 5 auf Station 8 erbeuteten Exemplare waren die von Levinsen und Mor- TENSEN näher beschriebenen Bruttaschen wohl ausgebildet und enthielten neben einer Anzahl großer Eier ein schon fertig entwickeltes junges Tier. *14. Ciccumaria hyndniani